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Umdenken in Bau- und Unternehmenskultur

Erstellt am: 09.08.2019 | Stand des Wissens: 08.01.2021
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig

Mit der Einführung des Building-Information-Modeling (BIM) geht ein grundlegender Wandel in der Bauwirtschaft einher. Aussagen wie "Erst planen, dann bauen" [BMVI15u] oder "Erst digital, dann real bauen" [BMVI15v] verdeutlichen das geänderte Verständnis, das der neuen Planungsmethode zugrunde liegen soll.
Um diesen Wandel vollziehen zu können, ist die Einbeziehung zahlreicher Akteure ebenso notwendig wie ein eindeutiger Impuls, der BIM als zukünftigen Standard des Bauens erkennbar macht. Dabei fand BIM in Deutschland bisher insbesondere auf Initiative privater Bauherren statt, wobei in der Folge auch bei auftragnehmenden Unternehmen ein Wandel in Methodik und Denkweise zu beobachten war. In anderen Ländern kam die Initiative überwiegend von staatlicher Seite und löste ähnliche und teilweise konsequentere Reaktionen bei auftragnehmenden Unternehmen aus [EgHa13]. In allen Fällen ist zu konstatieren, dass ein Top-down-Ansatz ausschlaggebend für die tatsächliche Anwendung von BIM war [HaLi16a].
Im Zusammenhang mit diesem Top-down-Ansatz ist zu berücksichtigen, dass die verschiedenen beteiligten Akteure unterschiedliche Erwartungen an ein solches Projekt haben. Damit gewinnt auch das aus dem Projektmanagement stammende Erwartungsmanagement an Bedeutung. Hierbei ist davon auszugehen, dass ein Projekt, wie die Einführung von BIM, von allen Beteiligten (Auftraggeber, Auftragnehmer und sonstige) nur als erfolgreich angesehen wird, wenn ihre persönlichen Erwartungen erfüllt werden [La16]. Es ist weiterhin davon auszugehen, dass sich die Erwartungen der Auftraggeberseite grundlegend zunächst auf geringere Finanz- und Zeitbedarfe sowie eine höhere Zuverlässigkeit beziehen. Die Erwartungen der Auftragnehmerseite liegen eher im Bereich des effizienteren Einsatzes von Personal, Material und Finanzmitteln [HaLi16a].
Um diesen Erwartungen gerecht zu werden, bietet BIM einerseits als Sammlung von Werkzeugen die technischen Möglichkeiten und andererseits als Methode eine strategische Ausrichtung. Die technischen Möglichkeiten ergeben sich aus dem Aufbau eines umfassenden Bauwerkmodells, in das alle Informationen aus verschiedenen Planungs- und Ausführungsstufen einfließen. Dazu ist es notwendig, von Anfang an ein Modell zu erstellen, das von hoher Güte ist. Teilweise müssen daher Informationen in das Modell implementiert werden, die heute nicht oder nur oberflächlich eingearbeitet werden, da sie nur von einer Planungsstufe benötigt werden oder etwa mit ausführenden Unternehmen stillschweigender Konsens über das Gewünschte besteht. Außerdem muss durch die Arbeit vieler Beteiligter an einem Modell eine Form der Kommunikation gefunden werden, die von Transparenz und Nachvollziehbarkeit geprägt ist, etwa, wenn nachträgliche Änderungen vorgenommen werden sollen [BoKö15]. BIM als Methode setzt ein Denken voraus, das sehr vom Willen zur Zusammenarbeit geprägt ist und darüber hinaus von den einzelnen Planern ein Verständnis verlangt, dass das Projekt als Ganzes, von der frühen Planungsphase über die Ausführung bis hin zum Betrieb des Bauwerks und darüber hinaus, begreift und bearbeitet. Neben der Bereitschaft, eigene Fehler offen zu kommunizieren, verlangt die Anwendung von BIM auch einen hohen Grad der Digitalisierung bei allen Beteiligten. Während dies in Planungs- und Architekturbüros den nächsten Schritt einer seit vielen Jahren bestehenden Entwicklung bedeutet [So16], stellt es bei bauausführenden Unternehmen einen elementaren Umbruch dar. So gestaltet sich die Integration zahlreicher Gewerke, die bisher nicht oder nur wenig auf digitale Hilfsmittel zurückgreifen, sehr aufwendig. Zwar verbesserte sich die Selbsteinschätzung der Bauwirtschaft in Bezug auf den Stand der Digitalisierung in den letzten Jahren, jedoch liegt sie deutlich hinter anderen Bereichen. Im Jahr 2017 gaben nur 11 Prozent der Unternehmen der Bauwirtschaft an, bereits weit fortgeschritten in der Digitalisierung zu sein, über alle Branchen waren es immerhin 27 Prozent. Darüber hinaus geben insbesondere Unternehmen mit weniger als 500 Beschäftigten an, wenig digitalisiert zu sein [DIHK17].
Zwar existieren bereits Technologien, die dem Begriff der digitalen Baustelle gerecht werden, jedoch werden diese beinahe ausschließlich durch große Unternehmen und bei großen Projektvolumina genutzt, da sie in der Anschaffung sehr kostenintensiv sind und sich der Einsatz nur bei regelmäßigem und großflächigem Einsatz rentiert. Hierbei handelt es sich beispielweise um Ortungs- und Steuerungsgeräte, die die Arbeit von großen Baugeräten anhand von Geokoordinaten exakt und dem digitalen Modell folgend anleiten [So16]. Das Angebot und die Verbreitung von Technologien, die auch kleine und mittlere Unternehmen wie zum Beispiel Maurer, Zimmerleute oder Maler in ihren Tätigkeiten auf der Baustelle unterstützen, ist hingegen noch sehr gering [HaLi16a].
Um jedoch Potenziale von BIM auch in der Bauausführung voll ausschöpfen zu können, ist die Digitalisierung von kleinen und mittleren Unternehmen notwendig. Zu dieser Entwicklung werden einerseits der Wettbewerb um Bauaufträge und in dessen Folge die sinkenden Preise bei steigender Nachfrage nach diesen Technologien beitragen. Andererseits werden auch die durch Digitalisierung mögliche Effizienzsteigerung und die zunehmenden Möglichkeiten, die sich durch mobile Endgeräte ergeben, zu einer Senkung des Investitionsrisikos bei kleinen und mittleren Unternehmen beisteuern [HaLi16a; BoKö15]
Über den Planungsprozess des einzelnen Bauwerks hinaus, können und sollten die technischen sowie organisatorischen Möglichkeiten von BIM aber auch zur Integration in den Kontext genutzt werden. Hierzu bietet sich die Integration des Bauwerkmodells in Gelände-, Stadt- oder Verkehrsmodelle an, die bereits heute regelmäßig digital erstellt werden [HaLi16a]. Ebenso ist beispielweise die Integration des Facility-Managements möglich, das Schnittstellen für einen hohen Digitalisierungsgrad vorhält.
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Effizientere Fahrwege mittels Bauwerksdatenmodellierung und Anwendung der Methode des Building-Information-Modeling (Stand des Wissens: 11.01.2021)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?502813
Literatur
[BMVI15u] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (Hrsg.) Reformkommission Bau von Großprojekten. Komplexität beherrschen - kostengerecht, termingetreu und effizient. Endbericht, 2015
[BMVI15v] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (Hrsg.) Stufenplan Digitales Planen und Bauen - Einführung moderner, IT-gestützter Prozesse und Technologien bei Planung, Bau und Betrieb von Bauwerken, 2015/12
[BoKö15] Borrmann, A., König, M., Koch, C., Beetz, J. Building Information Modeling - Technologische Grundlagen und industrielle Praxis, Springer Vieweg/Wiesbaden, 2015
[DIHK17] Deutscher Industrie- und Handelskammertag (Hrsg.) Das IHK-Unternehmensbarometer zur Digitalisierung 2017, 2017/12
[EgHa13] Egger, M., Hausknecht, K., Liebich, T., Przybylo, J. BIM-Leitfaden für Deutschland - Information und Ratgeber, Bonn, 2013
[HaLi16a] Hausknecht, Kerstin, Liebich, Thomas BIM-Kompendium - Building Information Modeling als neue Planungsmethode, Fraunhofer IRB Verlag / Stuttgart, 2016
[La16] Lange, S. Erwartungsmanagement in Projekten - Erfolgreiche Methoden und Fallbeispiele nicht nur für IT-Projekte, Springer / Wiesbaden, 2016
[So16] Sommer, H. Projektmanagement im Hochbau - Mit BIM und Lean Management, Springer / Berlin, Heidelberg, 2016

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?502583

Gedruckt am Dienstag, 26. Oktober 2021 03:41:08