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Internationale Vorbilder von Radschnellwegen

Erstellt am: 22.05.2019 | Stand des Wissens: 22.05.2019
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Die Idee hochwertiger Radschnellwege wurde bereits im Jahre 1900 in Kalifornien (US) erstmals als separierter, aufgeständerter Holzbau-Radweg umgesetzt (California "Cycleway"). Er bot bereits Platz für vier Radfahrende im Längsverkehr, wurde bei Dunkelheit beleuchtet und es war eine Maut für die Benutzung fällig [Spap15, Stei11].
In einigen europäischen Ländern liegen bereits seit längerem Erfahrungen mit Radschnellverbindungen vor. Demnach sind bis 2015 in den Niederlanden bereits 18 Radschnellstrecken realisiert gewesen. Auch in Dänemark waren bereits zwei Strecken umgesetzt, und auch in Großbritannien waren Anstrengungen zum Aufbau einer hochwertigen Radverkehrsinfrastruktur zu sehen [Spap15]. Ebenso baut die belgische Provinz Antwerpen ein Radschnellwegenetz ("fietsostrade") mit insgesamt 15 geplanten Routen auf [Stei11].
In Europa haben in den beiden Vorreiterländern Niederlande und Dänemark bereits in den 1980er Jahren hochwertige Radverkehrsverbindungen Einzug gehalten. In beiden Ländern spielt der Aspekt der Kommunikation und des Marketings von hochwertigen Radverkehrsverbindungen eine sehr wichtige Rolle für eine breite Akzeptanz in der Bevölkerung [Stei11]. Länder wie Großbritannien, Belgien und Deutschland haben diese Entwicklungen aufgegriffen.
Als Pionier für die Einrichtung von Radschnellwegen in Europa sind zweifelsohne die Niederlande zu nennen. Radschnellwege wurden in den Niederlanden schon in den 1980er Jahren erprobt und sind mittlerweile fester Bestandteil der niederländischen Mobilitätsstrategie, welche auch im landesweiten Programm "Fiets filevrij" ("staufrei mit dem Rad unterwegs") verankert ist [Stei11]. Den wesentlichen Entwicklungssprung erleben die Niederlande seit dem Jahre 2006 unter dem Begriff "Fietssnelweg". In den Niederlanden werden diese Radverkehrsverbindungen für Entfernungen bis zu 20 Kilometer unter dem Begriff des eigentlichen Radschnellweges ("Fietssnelweg") geführt. Darüber hinaus wird häufig auch der Begriff ("Snelfietsroute") verwendet. Zudem gibt es Radschnellstrecken, die häufig auch unter dem Begriff "Veloroute" geführt werden und in diesem Zusammenhang einen Zwischenstandard darstellen. Diese ist auch nicht als festgelegte Strecke, sondern eher als Korridor zu verstehen, auf dem schnelle Verbindungen existieren, jedoch nicht in allen Teilen die Qualitätsmerkmale des niederländischen Standards eines Radschnellweges erfüllt werden. Dabei wird planerisch vor allem dem Leitbild gefolgt, besser eine größere Anzahl an guten Radschnellstrecken als nur einen perfekt durchgeplanten Radschnellweg zu realisieren [Spap15].
Bis 2015 waren in den Niederlanden insgesamt 28 Radschnellstrecken mit etwa 400 Kilometer Gesamtlänge konkret in Planung oder bereits umgesetzt. Das Ziel war zunächst ein flächendeckendes Netz von 675 Kilometer Streckenlänge. Die meisten Kommunen verwenden roten Asphalt und Breiten von vier Metern. Die Strecken sind üblicherweise beleuchtet und Konflikte mit dem motorisierten Individualverkehr sollen möglichst vermieden werden. Insgesamt wird übergreifend von sehr positiven Wirkungen berichtet, welche durch den Trend zu E-Bikes und Pedelecs noch verstärkt werden. Bereits 2015 waren zwölf Prozent des niederländischen Radbestands elektrisch, Tendenz deutlich steigend [Spap15].
Auch in Dänemark sind seit den 2010er Jahren intensive Aktivitäten zu verzeichnen. Im Großraum Kopenhagen entsteht ein ganzes Netz hochwertiger Radschnellverbindungen. In Dänemark wird versucht, die Strecken von Radschnellwegen vorwiegend im Rahmen bestehender Infrastrukturen zu realisieren [Stei11]. Aufgrund des hohen Radverkehrsanteils in Kopenhagen sind Stauerscheinungen auf Radverkehrsanlagen durchaus an der Tagesordnung. Im Jahre 2015 waren daher schon 28 Radschnellwege ("Supercykelstiers") von etwa 470 Kilometern Länge zum Teil gebaut oder zumindest konkret geplant. Der erste Radschnellweg wurde 2012 mit einer Länge von 17,5 Kilometern eröffnet, ein zweiter ist seit 2013 mit einer Gesamtlänge von 21,7 Kilometern für den Radverkehr freigegeben. Für den Zweirichtungsverkehr werden vier Meter Breite empfohlen. Im Einrichtungsverkehr beträgt die minimale Breite 2,2 Meter, bei mehr als 1.500 Radfahrenden in der Hauptverkehrszeit sind 3,0-3,5 Meter im Einrichtungsverkehr vorzusehen. Es sind sehr positive Wirkungen bei Vorher-Nachher-Untersuchungen festgestellt worden. Deutliche Steigerungen im Radverkehrsaufkommen sind zu verzeichnen. Im Jahr 2015 wurden in Kopenhagen bereits 59 Prozent aller Wege unter fünf Kilometern und 20 Prozent der Wege über fünf Kilometern mit dem Rad zurückgelegt. Kopenhagen geht davon aus, dass sich nach Fertigstellung des Radschnellwegnetzes der Anteil der Fahrradpendler zur Arbeit noch einmal um 30 Prozent erhöht [Spap15].
Langfristig sollen 50 Prozent aller pendelnden Personen auf dem Weg zur Arbeit das Fahrrad nutzen. Ein weiterer interessanter Aspekt besteht darin, dass Kopenhagen Radfahrende zu bestimmten Tageszeiten (morgens und abends) an Knotenpunkten bevorrechtigt. Zur Orientierung helfen auch grüne LED im Asphalt, welche bei der richtigen Geschwindigkeit aufleuchten um den nächsten Knotenpunkt ohne Halt zu passieren sowie digitale Restzeitanzeigen an Lichtsignalanlagen [Uhli18].
Trotz der Tatsache, dass in Großbritannien der Radverkehrsanteil vergleichsweise sehr gering ist und im Alltagsverkehr das Fahrrad bis zur Jahrtausendwende praktisch kaum genutzt wurde, sind insgesamt zwölf blau markierte und als "Cycle Superhighways" ausgeschilderte Routen zur Verbindung der Londoner Innenstadt mit den Vororten vorgesehen, von denen bis 2011 bereits vier Routen mit einer Gesamtlänge von 41 Kilometer realisiert waren. Weiterhin sind als Prestigeprojekt der sogenannte "Sky-Cycle" mit zehn aufgeständerten Trassen über historischen Eisenbahnlinien geplant. Die Qualitätsstandards erfüllen nicht ganz die Anforderungen aus den Niederlanden und Dänemark. Die zum Einsatz kommenden Querschnitte entsprechen eher den deutschen Standards für Radfahrstreifen und Radwege. Mindestens zwei Meter Breite sind empfohlen (teilweise sind jedoch auch 1,5 Meter anzutreffen), wobei bei höheren Radverkehrsstärken Breiten von 2,5 Metern im Einrichtungsverkehr und vier Metern im Zweirichtungsverkehr empfohlen werden. Die erhofften Wirkungen sind sehr positiv prognostiziert. Bis zum Jahr 2025 soll der Radverkehrsanteil gegenüber dem Jahr 2000 vervierfacht werden [Spap15]. Teilweise wurden aufgrund der begrenzten Flächenverfügbarkeit in London Fahrspuren für den Kfz-Verkehr zurückgebaut. Darüber hinaus wird dem auf der Fahrbahn geführten Radverkehr hier in der Regel keine Bevorrechtigung eingeräumt [Stei11].
In Belgien wird mit einem Netz von Radschnellwegen versucht, Städte der Provinz mit ihrem Umland zu verknüpfen, wobei Trassen vorwiegend entlang von Eisenbahnstrecken, Straßen oder Kanälen möglichst kreuzungsfrei oder bevorrechtigt vorgesehen werden. Allerdings sind die Qualitätsstandards auch in Belgien etwas niedriger als beispielsweise in den Niederlanden. Im Zweirichtungsverkehr haben Wege eine Breite von etwa drei Metern [Stei11].
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Einsatz von Radschnellwegen (Stand des Wissens: 24.06.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?499833
Literatur
[Spap15] Spapé, I.,, Breda, CJ.,, Fuchs, C.,, Gerlach, J. Status quo und Erfahrungen mit der Planung und dem Betrieb von Radschnellwegen in den Niederlanden, Dänemark, Großbritannien und Deutschland, veröffentlicht in Themenheft Radschnellwege, Straßenverkehrstechnik 10, Ausgabe/Auflage 59. Jahrgang, Oktober 2015, Kirschbaum Verlag, Bonn, 2015/10
[Stei11] Planersocietät - Stadtplanung, Verkehrsplanung, Kommunikation (Hrsg.) Konzeptstudie Radschnellweg Ruhr, 2011/12
[Uhli18] PTV Transport Consult GmbH, Dipl.-Ing. Jörg Uhlig, Dipl.-Ing. Birgit Uhlig, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, TU Dresden, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike, PD Dr.-Ing. habil. Rico Wittwer, Professur für Gestaltung von Straßenverkehrsanlagen, TU Dresden, Prof. Dr.-Ing. Christian Lippold, Dipl.-Ing. Odette Busch Erstellung einer Radschnellwegekonzeption für den Freistaat Sachsen, 2018/10/26
Glossar
Knotenpunkt
Ein Knotenpunkt im Verkehr ist ein Ort, bei dem sich mehrere Verkehrswege gleicher Art kreuzen oder ein Verkehrsweg in einen Verkehrsweg gleicher Art einmündet. In einem Verkehrsknotenpunkt befinden sich mehrere Verkehrsknoten von Verkehrswegen unterschiedlicher Art in unmittelbarer Nähe. In einem Verknüpfungspunkt kann der Übergang zwischen Fahrzeugen eines Verkehrssystems oder zweier verschiedener Verkehrssysteme erfolgen.
Motorisierter Individualverkehr Als motorisierter Individualverkehr (MIV) wird die Nutzung von Pkw und Krafträdern im Personenverkehr bezeichnet. Der MIV, als eine Art des Individualverkehrs (IV), eignet sich besonders für größere Distanzen und alle Arten von Quelle-Ziel-Beziehungen, da dieser zeitlich als auch räumlich eine hohe Verfügbarkeit aufweist. Verkehrsmittel des MIV werden von einer einzelnen Person oder einem beschränkten Personenkreis eingesetzt. Der Nutzer ist bezüglich der Bestimmung von Fahrweg, Ziel und Zeit frei (örtliche, zeitliche Ungebundenheit des MIV).

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?498965

Gedruckt am Mittwoch, 23. September 2020 15:16:42