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Geschichte

Erstellt am: 03.05.2018 | Stand des Wissens: 10.05.2019
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Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung, Prof. Dr. M. Wietschel

In der Geschichte der Flugsicherheit haben sowohl technische Neuerungen als auch verschiedene internationale, europäische und nationale Beschlüsse und Richtlinien dazu beigetragen, das Fliegen immer sicherer zu machen.
Im Jahr 1910 gab es bereits die erste internationale Luftfahrtkonferenz in Paris, doch erst nach Ende des Ersten Weltkrieges im Jahr 1919 wurde ein erstes internationales Luftfahrtabkommen verabschiedet. Auf internationaler Ebene wurde im Jahr 1944 das Chicagoer Abkommen über die internationale Zivilluftfahrt von insgesamt 26 Staaten (ohne die USA) unterzeichnet. Es ist bis heute die Grundlage des internationalen Luftfahrtrechts und wurde bis zum Jahr 2016 durch insgesamt 191 Staaten ratifiziert. Damit wurde auch die durch das Pariser Abkommen eingerichtete Commission internationale de navigation aérienne (CINA) (International Commission for Air Navigation) durch die bis heute bestehende International Civil Aviation Organization (ICAO) abgelöst [ICAO44; Mens13]. Sie gibt Richtlinien und verbindliche Standards heraus, die als Annexe (Anhänge) des Chicagoer Abkommens verabschiedet und durch die Vertragsstaaten umgesetzt werden. Ziel ist eine einheitliche Infrastruktur und ein nachhaltiges Wachstum des Luftfahrtsektors, sowie die Schaffung sicherer, effizienter und umweltschonender Strukturen [ICAO18].
Beispielsweise wird den Vertragsstaaten die Umsetzung eines Sicherheitsmanagementsystems (SMS) vorgeschrieben. Außerdem sind nicht nur die Vertragsstaaten selbst dazu angehalten, ein State Safety Programme (SSP) auszuarbeiten, sondern auch Flughafenbetreiber, Luftverkehrsgesellschaften, Wartungsbetriebe und Schulungseinrichtungen müssen betriebsinterne SMS einführen [LBA17; BMVIT17]. Die ICAO unterstützt die einzelnen Staaten finanziell, technisch, materiell und beratend bei der Umsetzung der Standards.
Ein zweites wichtiges internationales Abkommen ist das Montrealer Übereinkommen zur Vereinheitlichung bestimmter Vorschriften über die Beförderung im internationalen Luftverkehr. Es wurde im Jahr 1999 unterzeichnet (seit 2004 ist auch Deutschland Vertragsstaat) und löste das vorher bestehende Warschauer Abkommen über die Beförderung im internationalen Luftverkehr aus dem Jahr 1929 ab. Damit wird die Modernisierung der rechtlichen Vorgaben bei der Luftbeförderung geregelt und Haftungsfragen, die während des Fluges an Personen, Gepäck oder Fracht entstehen, festgesetzt [MontUEG04].
Auch auf europäischer Ebene wurden gemeinsame Vorschriften (EU-Luftsicherheitsverordnungen) vereinbart. Sie werden von der European Aviation Safety Agency (EASA) definiert, die eng mit der ICAO zusammenarbeitet. Die seit 2002 bestehende Institution verfolgt hohe Sicherheits- und Umweltstandards, die häufig aus den Richtlinien der ICAO hervorgehen, und berät die Europäische Kommission zum Thema Flugsicherheit.
Seit 1999 versucht die Europäische Kommission mit dem Projekt des Single European Sky (SES) die Effizienz des Flugverkehrsmanagements und der Flugsicherheitsdienste zu erhöhen. Das Projekt ist ein wichtiger Meilenstein bei der Vereinheitlichung des europäischen Luftraums. Bei der Fertigstellung in den Jahren 2030-2035 soll die Luftraumkapazität um das Dreifache höher sein, die Kosten für das Air Traffic Management (ATM) halbiert, die Sicherheit um ein Zehnfaches erhöht und die Auswirkung der Luftfahrt auf die Umwelt um 10 Prozent verringert sein [EuKom18b].
Auf nationaler Ebene werden nicht allein die State Safety Programme (SSP) ausgearbeitet, sondern ebenfalls Flugzeugunglücke untersucht, die sich über dem jeweiligen Staatsgebiet ereignet haben. So ist nach den Beschlüssen im Chicagoer Abkommen und der verabschiedeten EU-Richtlinie 94/56/EG beziehungsweise des Gesetzes über die Untersuchung von Unfällen und Störungen bei dem Betrieb ziviler Luftfahrzeuge (FIUUG) im Jahr 1998 die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) entstanden. Alle Mitgliedstaaten des Abkommens sind verpflichtet, eine solche Stelle einzurichten, um durch die Ursachenermittlung von Flugunfällen zukünftige Unfälle zu verhindern und die Flugsicherheit zu erhöhen [BFU17].
Die über die Jahre schnell voranschreitende technische Entwicklung von Flugzeugen und deren Ausstattung hat maßgeblich zur Erhöhung der Flugsicherheit beigetragen. Schon im Ersten Weltkrieg wurde zur Kommunikation zwischen Kommandeur und Besatzung beziehungsweise Bodenpersonal das Funktelefon eingesetzt. Im Zweiten Weltkrieg wurden Flugzeuge mit Radar ausgestattet. Danach begann der Passagiertransport mit Jets. Diese waren mit leistungsfähigeren Motoren ausgestattet und verfügten über eine verbesserte Aerodynamik, sodass Flüge in größerer Höhe und somit die ersten kommerziellen Flüge über den Atlantik möglich waren. Eine größere Flughöhe macht Fliegen sicherer, da sich das Flugzeug die meiste Zeit oberhalb von schlechten Wetterbedingungen befindet und sich somit Gefahren wie Blitzschlag entzieht [Reise17]. Durch den Einsatz von Flugzeugen, die durch Turbinen angetrieben werden, war es seit 1952 nun möglich, schneller weitere Distanzen zu fliegen und besser zu manövrieren [Aero18]. Auch wurden die meisten Flugzeuge aus Sicherheitsgründen mit zwei Motoren ausgestattet, sodass bei Ausfall eines Motors eine sichere Landung weiterhin gewährleistet werden konnte.
Von ausgereiften Kommunikationssystemen zur Absprache mit der Luftverkehrskontrolle über das Flight Management System (FMS) und Global Positioning Systems (GPS) bis hin zum Traffic Alert and Collision System (TCAS II, zur Ermittlung potenzieller Kollisionsgefahren) und dem Enhanced Ground Proximity Warning System (EGPWS, zur Erkennung potenzieller Konflikte mit vorausliegenden Erhebungen) sind Flugzeuge heutzutage mit einer Reihe moderner Systeme ausgestattet, um einen sicheren Flug zu gewährleisten [Aero15a].
Ansprechpartner
Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung, Prof. Dr. M. Wietschel
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Flugsicherheit (Safety) (Stand des Wissens: 15.07.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?484059
Literatur
[Aero15a] Aerotask (Hrsg.) Das Cockpit des Airbus A320 erklärt, 2015/04/06
[Aero18] aerospaceweb.org (Hrsg.) de Havilland Comet Long-Range Jetliner, 2018
[BFU17] Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) (Hrsg.) Flyer der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung, 2017/03/01
[BMVIT17] Österreichisches Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie (Hrsg.) Austrian Aviation State Safety Programme, 2017/11/06
[EuKom18b] Europäische Kommission (Hrsg.) Single European Sky, 2018
[ICAO18] Internationale Zivilluftfahrtorganisation (International Civil Aviation Organization-ICAO) (Hrsg.) About ICAO, 2018
[ICAO44] Internationale Zivilluftfahrtorganisation (International Civil Aviation Organization-ICAO) (Hrsg.) Convention on International Civil Aviation, 1944/12/07
[LBA17] Luftfahrt-Bundesamt (LBA) (Hrsg.) SBL 2 - Management System/Umsetzung State Safety Program (SSP), 2017/01/12
[Mens13] Heinrich Mensen Handbuch der Luftfahrt, veröffentlicht in VDI-Buch, Ausgabe/Auflage 2. Auflage, Springer-Verlag / Berlin, Heidelberg, 2013, ISBN/ISSN 978-3-642-34401-5
[Reise17] Maike Geißler So gefährlich ist ein Blitzeinschlag im Flugzeug, 2017/10/05
Rechtsvorschriften
[MontUEG04] Gesetz zur Harmonisierung des Haftungsrechts im Luftverkehr
Glossar
Ship Security Plan Jedes Schiff auf das der ISPS -Code Anwendung findet, muss einen von der Verwaltung genehmigten Plan zur Gefahrenabwehr auf dem Schiff (SSP) an Bord mitführen. Dieser Plan beschreibt u. a. die Verfahren und Maßnahmen, die im Fall eines Angriffs durch Piraten durchzuführen sind.
EASA Die European Aviation Safety Agency (EASA) ist die Europäische Agentur für Flugsicherheit der Europäischen Union (EU). Die EASA wurde am 15. Juli 2002 gegründet. Sie bereitet Gesetzesvorschläge vor und berät Kommission und Mitgliedstaaten der EU zum Thema Flugverkehr. Ihre Hauptaufgabe liegt in der Harmonisierung und Umsetzung geeigneter Umwelt- und Sicherheitsstandards in der Zivilluftfahrt für das gesamte EU-Gebiet.
TCAS Das Traffic Alert and Collision Avoidance System ist die US-amerikanische Bezeichnung für ein Warnsystem zur Verhinderung von Flugzeugkollisionen im Luftraum. Das bordautonome System nutzt das Transpondersignal anderer Flugzeuge, um die Flugrichtungen und Flughöhen mit der eigenen zu vergleichen und ermittelt aus deren Antworten ein Sicherheits-Lagebild. Das Sytem errechnet aus den empfangenen Daten, ob, und wenn ja, wann mit einer Kollision mit einem auf gleicher Flugfläche fliegenden Flugzeug zu rechnen ist. In Abhängigkeit der Entfernung des möglichen Kollisionsgegners gibt das Sytem eine TA (Traffic Advisory = Verkehrshinweis) oder eine RA (Resolution Advisory = Ausweichempfehlung) aus.
SES Single European Sky ist die Bezeichnung für ein Programm zur Harmonisierung der europäischen Flugsicherungen.
ICAO
Die International Civil Aviation Organization (ICAO) ist die Internationale Zivilluftfahrtorganisation zur Vereinheitlichung und Regelung der Zivilluftfahrt durch Veröffentlichungen von Richtlinien und Empfehlungen.
Radar Radio Detecting and Ranging Dieses elektromagnetische Ortungsverfahren beruht auf dem Prinzip des Echos. Man unterscheidet zwischen Primär- und Sekundärradar.
Global Positioning System Global Positioning System (GPS), offiziell NAVSTAR GPS, ist ein globales Navigationssatellitensystem zur Positionsbestimmung und Zeitmessung. GPS basiert auf Satelliten, die mit kodierten Radiosignalen ständig ihre aktuelle Position und die genaue Uhrzeit ausstrahlen. Aus den Signallaufzeiten können GPS-Empfänger dann ihre eigene Position und Geschwindigkeit berechnen.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?483635

Gedruckt am Samstag, 19. Oktober 2019 01:38:56