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Auswirkungen vernetzter Mobilitätsangebote

Erstellt am: 24.04.2018 | Stand des Wissens: 10.07.2019
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Kommunikationswirtschaft, Prof. Dr. Ulrike Stopka

Der Ausbau von Parkierungsanlagen zur effektiven Vernetzung kann die Parkplatzsituation in städtischen Gebieten erheblich verbessern. Ein zeitaufwändiges Suchen eines geeigneten Parkplatzes wird vermieden und es kann schnell und ökologisch sinnvoll der gewünschte Zielort mithilfe des öffentlichen Personennahverkehrs erreicht werden. Auf langfristige Sicht ergibt sich daraus ein großes Einsparpotenzial. Jedoch reduziert dieses infrastrukturelle Angebot den Gesamtverkehr nicht. Dieser verteilt sich lediglich auf andere Verkehrsträger. Vielmehr kann es durch den vermehrten Ausbau von Parkierungsanlagen für Nutzer öffentlicher Verkehrsangebote in Innenstadtbereichen zu einer erheblichen Beeinträchtigung der gewohnten Qualität kommen. In Folge dessen könnte es wiederum zu einem Umstieg vom öffentlichen Personennahverkehr zum motorisierten Individualverkehr kommen. Daraus folgt eine zusätzliche Belastung der Hauptverkehrsachsen, insbesondere auf den Strecken des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV), sofern keine nötigen Kapazitätserweiterungen in ausreichendem Umfang getätigt werden. Parkierungsanlagen haben auch Effekte auf den innerstädtischen Handel, dessen Intensität unter anderem abhängig ist von der Ausstattung der jeweiligen Infrastruktur. Darunter zählt zum Beispiel das Vorhandensein eines großen Discountladens. Einzelhändler der innerstädtischen Randzonen können nicht flexibel auf die neue Konkurrenz reagieren. Auf langfristige Sicht sind deshalb Angebotseinschränkungen im Einzelhandel der städtischen Randgebiete zu erwarten. [Rebs99]
Des Weiteren kann sich der Ausbau von Parkierungsanlagen zur effektiven Vernetzung von öffentlichen und Individualverkehr negativ auf das Umland auswirken. So erzeugen diese auf Zufahrtsstraßen sowie am jeweiligen Standort einen erhöhten Verkehr. Befindet sich in der Nähe ein Wohngebiet sind negativen Auswirkungen auf die Wohnqualität des Umfelds möglich. In der Regel beschränkt sich die Verlagerung des motorisierten Individualverkehrs nur auf die Teilstrecke zwischen der Parkplatzanlage und dem Stadtrand. Für das Umland ist jedoch ein gegenläufiger Effekt zu erwarten. Für Pendler, die bisher den ÖPNV für die gesamte Strecke genutzt haben, kann es durch entsprechende Park and Ride Angebote attraktiver sein bis zu diesen Anlagen das eigene Fahreug zu nuzten, wenn so die Gesamtfahrzeit minimiert wird. Dieser Umsteigeeffekt tritt verstärkt am Stadtrand oder in der Kernstadt auf und führt im ÖPNV des Umlands und peripheren ländlichen Verkehrs zu zusätzlichen Umsatzeinbußen. In Folge dessen kann langfristig eine Angebotsverschlechterung für den ländlichen ÖPNV erwartet werden, was die Lebensqualität der betroffenen Bürger beeinträchtigt. [Rebs99]
Ein vermehrter Wechsel zu den individualisierten Mobilitätsangeboten wie Car- oder Ridesharing kann sich jedoch sehr positiv auf die Lebensqualität der städtischen Bevölkerung auswirken. So können beispielsweise die Anschaffungskosten eines neuen Personenkraftwagens eingespart werden. Nutzer der entsprechenden Mobilitätsangebote müssen für die Fahrzeugnutzung lediglich einen Nutzungs- oder Mitgliedsbeitrag bezahlen. Darüber hinaus werden Fahrzeuge von individualisierten Mobilitätsangeboten optimaler ausgelastet und die anfallenden Fixkosten werden dementsprechend gleichmäßig auf die Vielzahl der Nutzer verteilt. In Bezug auf Car- und Ridesharing kann außerdem die Kohlenstoffdioxid-Bilanz über alle Teilnehmer hinweg reduziert werden, da ein Kraftfahrzeug in der Regel für mittlere und weite Strecken beziehungsweise Transporte genutzt wird. Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass sich Nutzer von individualisierten Mobilitätsangeboten nicht um Inspektions- oder Reparaturtermine für ihre Fahrzeuge kümmern müssen, da diese vom Anbieter erledigt werden. Aus Sicht der Kunden wird dementsprechend Zeit gespart, die sie anderweitig nutzen können. Jedoch sind in Bezug auf individualisierte Mobilitätsangebote auch Einschränkungen zu berüchsichtigen. So werden diese hauptsächlich in größeren Städten angeboten und weisen eine geringe Verfügbarkeit auf dem Land auf. In der Stadt wird davon ausgegangen, dass aufgrund eines gut ausgebauten Nahverkehrssystems die Menschen weniger auf den Besitz eines Autos angewiesen sind. Um sich die Möglichkeit freizuhalten, sporadisch ein Auto zu nutzen, schließen sie sich trotzdem einem Carsharing-Anbieter an. Im Vergleich dazu sind die Menschen auf dem Land aufgrund des schlecht ausgebauten ÖPNV auf ein privates Auto angewiesen. Darüber hinaus ist Spontanität nicht immer gewährleistet, da individuelle Unabhängigkeit kaum möglich ist.
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Kommunikationswirtschaft, Prof. Dr. Ulrike Stopka
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Vernetzung von öffentlichem und Individualverkehr (Stand des Wissens: 12.07.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?288183
Literatur
[Rebs99] Rebstock, Markus Park & Ride - Konzepte und Beispiele - Potentiale und Grenzen - Kritik am naiven Ansatz, 1999
Glossar
Motorisierter Individualverkehr Als motorisierter Individualverkehr (MIV) wird die Nutzung von Pkw und Krafträdern im Personenverkehr bezeichnet. Der MIV, als eine Art des Individualverkehrs (IV), eignet sich besonders für größere Distanzen und alle Arten von Quelle-Ziel-Beziehungen, da dieser zeitlich als auch räumlich eine hohe Verfügbarkeit aufweist. Verkehrsmittel des MIV werden von einer einzelnen Person oder einem beschränkten Personenkreis eingesetzt. Der Nutzer ist bezüglich der Bestimmung von Fahrweg, Ziel und Zeit frei (örtliche, zeitliche Ungebundenheit des MIV).
Carsharing
Der Begriff CarSharing stammt aus dem Englischen (car= Auto, to share= teilen) und kann sinngemäß mit der Bedeutung "Auto teilen" übersetzt werden. Er beschreibt die organisierte, gemeinschaftliche Nutzung von Kraftfahrzeugen, die meist von Unternehmen gegen Gebühr bereitgestellt werden.
Durch einen Rahmenvertrag oder eine Vereinsmitgliedschaft erhalten Kunden flexiblen Zugriff auf alle Kfz eines Anbieters. Die Fahrzeuge können über eine Webseite oder über eine Smartphone-App gebucht werden. Geöffnet werden sie in der Regel mit Hilfe von Chipkarten oder durch ein Zugangscode vermittelt über die Smartphone-App.
Bei dem System des stationsbasierten CarSharing stehen die Fahrzeuge auf reservierten Stellplätzen und werden nach der Nutzung auch wieder dorthin zurückgebracht. Ein anderes Modell ist das free-floating CarSharing. Hier stehen die Fahrzeuge in einem definierten Operationsgebiert verteilt. Sie können per Smartphone geortet werden und nach der Nutzung auf einem beliebigen Stellplatz innerhalb des Operationsgebiets zurückgegeben werden.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?483036

Gedruckt am Sonntag, 19. September 2021 07:03:08