Forschungsinformationssystem des BMVI

zurück Zur Startseite FIS

Ziele der Zuverlässigkeit

Erstellt am: 14.06.2017 | Stand des Wissens: 24.03.2020
Ansprechpartner
Bauhaus-Universität Weimar, Professur Verkehrssystemplanung, Prof. Dr.-Ing. Plank-Wiedenbeck

Mit der Idee des automatisierten Fahrens ist eine Vielzahl von Zielen in verschiedenen Teilgebieten des Verkehrswesens verknüpft.
In erster Linie erhoffen sich Fachleute, Politiker und Wissenschaftler eine deutliche Verbesserung der Verkehrssicherheit. Im Jahr 2018 lag bei über 90 Prozent der Unfälle die Ursache in menschlichem Fehlverhalten, wie unangepasster Geschwindigkeit, Unaufmerksamkeit oder ungenügendem Sicherheitsabstand begründet. Demgegenüber war nur ein Prozent der Unfälle auf technische Mängel zurückzuführen [BMVI18z]. Um der Anzahl der Verkehrsunfälle aufgrund menschlichen Versagens engegenzuwirken, können Fahrerassistenzsysteme mit ihrer technischen Unterstützung für den Fahrer ein hohes Potenzial zur Erhöhung der Verkehrssicherheit bieten. Die Weiterentwicklung dieser Systeme sowie ihre Zusammenführung zu automatisiertem und vernetztem Fahren ist das erklärte Ziel von Politik und Wirtschaft und wird nach Meinung vieler Experten das Niveau der Verkehrssicherheit nochmals anheben [BMVI15r, S. 9]. Insbesondere soll das Unfallrisiko reduziert und der Komfort im Fahrzeug erhöht werden. Die Systeme sollen als Unterstützung des Fahrers bei seiner Fahraufgabe und als Entlastung dienen. Sie sollten daher benutzerfreundlich und verständlich gestaltet werden und das Ablenkungspotenzial so gering wie möglich halten. Auch sollte ein Fahrerassistenzsystem den Fahrer nicht dazu anhalten, das eigene Risikoverhalten aufgrund der zusätzlich eingebauten Sicherheit im Fahrzeug zu steigern [HoerBu06, S. 7]. Ziel ist es, mithilfe des automatisierten Fahrens der Vision Zero, also einer möglichst unfallfreien Mobilität ohne getötete oder schwerverletzte Personen, näher zu kommen. Auch wenn die Marke von null im Straßenverkehr getöteten Personen nicht zu erreichen sein wird, gehen viele Experten davon aus, dass (teil-)automatisierte Systeme dennoch einen entscheidenden Beitrag zur Verringerung der Folgen menschlichen Fehlverhaltens im Straßenverkehr liefern. Zudem sollen vollautomatisierte Systeme das Bewegungsverhalten von Gegenständen vorhersagen und für den Fahrer nicht sichtbare Objekte und Menschen erkennen können [MGLW15, S. 366 und 372 f.]. Ein weiteres Bestreben ist es, durch automatische Notrufe die Rettungsdiensteinsätze zu beschleunigen. Das Fahrzeug soll selbstständig erkennen, wenn ein Unfall passiert ist, und über eine automatisch hergestellte Verbindung zur Notrufzentrale die notwendigen Daten übermitteln. Auf diese Art und Weise soll die Reaktionszeit der Notdienste um bis zu 50 Prozent verkürzt werden. Die Anzahl der jährlich im Straßenverkehr Getöteten würde allein in der Europäischen Union um bis zu 2.500 Personen reduziert werden [Pohle15, S. 7].
Ein weiteres großes Ziel der Automatisierung des Verkehrs ist die Verbesserung des Verkehrsablaufs und der Verkehrseffizienz. Laut Verkehrsprognose für das Jahr 2030 wird das Verkehrsaufkommen im Straßenverkehr im Vergleich zum Jahr 2010 beim Personenverkehr um 10 Prozent und beim Güterverkehr um 39 Prozent in der EU ansteigen [VProg2030]. Bei den begrenzten räumlichen und ökonomischen Möglichkeiten zur Kapazitätserhöhung der Infrastruktur liegt die Lösung für diese Herausforderung in einem verbesserten Verkehrsablauf. Der Beitrag des automatisierten Fahrens soll dabei in einer auf die aktuelle Verkehrslage abgestimmten Fahrweise und Routenführung bestehen, wodurch der Verkehrsfluss optimiert werden soll. Insbesondere sollen dadurch die bei dichtem Straßenverkehr auftretenden Wellenbewegungen und daraus resultierende Staus erheblich vermindert werden [BMVI15r, S. 8].
Die Optimierung des Verkehrsflusses beinhaltet auch eine ökologische Zielkomponente, da hierdurch weniger Brems- und Beschleunigungsvorgänge und somit auch Kraftstoffverbrauch und Emissionen eingedämmt werden sollen [BMVI15r, S. 10]. Die Kombination von Automatisierung und Elektromobilität soll zudem zu einer Reduzierung des Energieverbrauchs, zur Steigerung der Reichweite und des Nutzwerts (beispielsweise durch automatisches Laden) von Elektrofahrzeugen sowie zu einer effizienteren und dadurch sparsameren Nutzung des Park- und Straßenraums beitragen. Nicht zuletzt bietet elektrifiziertes und automatisiertes Carsharing großes Potenzial für eine ressourcenschonende Mobilität [ACAT15, S. 14].
Weitere Ziele des automatisierten Fahrens sind sowohl gesellschaftlicher als auch wirtschaftlicher Art. So soll durch selbstfahrende Fahrzeuge insbesondere die Mobilität und damit die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben von Personen erleichtert werden, die sonst nicht oder nur eingeschränkt mobil sein können. Dies gilt vor allem für Kinder und ältere Menschen sowie generell für Personen in ländlichen Gebieten. Ein weiterer Faktor ist der Gewinn an zusätzlich verfügbarer Zeit, die der Fahrer beziehungsweise Nutzer in einem automatisierten und später autonomen Fahrzeug zum Arbeiten oder zur Erholung beziehungsweise Unterhaltung nutzen kann [ACAT15, S. 14 ff.]. Weiterhin soll durch eine Wirtschaftsförderung des automatisierten und vernetzten Fahrens die deutsche Automobilindustrie weiter gestärkt sowie angrenzenden Wachstumsmärkten der Informations- und Kommunikationstechnologien und innovativen digitalen Dienstleistungen zusätzlicher Auftrieb verliehen werden. Auf diese Art und Weise sollen zahlreiche neue Arbeitsplätze und erhebliche Wertschöpfungspotenziale geschaffen werden. Erklärtes Ziel der Bundesregierung ist es, Deutschland als Leitanbieter und Leitmarkt für das automatisierte Fahren zu etablieren sowie das automatisierte und vernetzte Fahren tatsächlich zu realisieren [BMVI15r, S. 11 f.].
Ansprechpartner
Bauhaus-Universität Weimar, Professur Verkehrssystemplanung, Prof. Dr.-Ing. Plank-Wiedenbeck
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Zuverlässigkeit und Sicherheit des automatisierten Straßenverkehrs (Stand des Wissens: 20.06.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?471810
Literatur
[ACAT15] Acatech - Konvent für Technikwissenschaften der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften e.V. (Hrsg.) Neue autoMobilität
Automatisierter Straßenverkehr der Zukunft (acatech POSITION), Herbert Utz Verlag GmbH, München, 2015/09, ISBN/ISSN 978-3-8316-4492-6
[BMVI15r] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (Hrsg.) Strategie automatisiertes und vernetztes Fahren -
Leitanbieter bleiben, Leitmarkt werden, Regelbetrieb einleiten, 2015/09
[BMVI18z] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (Hrsg.) Die häufigsten Unfallursachen, 2018/03/07
[HoerBu06] Buschardt, Boris, Donner, Eckart, Graab, Birgit, Hörauf, Ulrich, Winkle, Thomas Analyse von Verkehrsunfällen mit FAS-Potenzialeinschätzung am Beispiel des FAS Lane Departure Warning, 2006
[MGLW15] Maurer, Markus, Gerdes, J. Christian, Lenz, Barbara, Winner, Hermann (Hrsg.) Autonomes Fahren
Technische, rechtliche und gesellschaftliche Aspekte, Springer Vieweg, E-Book , 2015, ISBN/ISSN 978-3-662-45854-9
[Pohle15] Pohle, Jan E-Call und autonomes Fahren. Herausforderungen für ein vernetztes Verkehrswesen, 2015/04/17
[VProg2030] Verkehrsprognose 2030: Verkehr wird deutlich zunehmen, 2014/06/11
Glossar
Verkehrsfluss
Unter Verkehrsfluss versteht man die Anzahl der Fahrzeuge, die eine vordefinierte Verkehrs(quer)fläche pro Zeiteinheit durchfährt.
Carsharing
Der Begriff CarSharing stammt aus dem Englischen (car= Auto, to share= teilen) und kann sinngemäß mit der Bedeutung "Auto teilen" übersetzt werden. Er beschreibt die organisierte, gemeinschaftliche Nutzung von Kraftfahrzeugen, die meist von Unternehmen gegen Gebühr bereitgestellt werden.
Durch einen Rahmenvertrag oder eine Vereinsmitgliedschaft erhalten Kunden flexiblen Zugriff auf alle Kfz eines Anbieters. Die Fahrzeuge können über eine Webseite oder über eine Smartphone-App gebucht werden. Geöffnet werden sie in der Regel mit Hilfe von Chipkarten oder durch ein Zugangscode vermittelt über die Smartphone-App.
Bei dem System des stationsbasierten CarSharing stehen die Fahrzeuge auf reservierten Stellplätzen und werden nach der Nutzung auch wieder dorthin zurückgebracht. Ein anderes Modell ist das free-floating CarSharing. Hier stehen die Fahrzeuge in einem definierten Operationsgebiert verteilt. Sie können per Smartphone geortet werden und nach der Nutzung auf einem beliebigen Stellplatz innerhalb des Operationsgebiets zurückgegeben werden.
Elektromobilität
Die Elektrifizierung der Antriebe durch Batterie- und Brennstoffzellentechnologien. Im Kontext des "Nationalen Entwicklungsplans Elektromobilität" wird der Begriff auf den Straßenverkehr begrenzt. Hierbei handelt es sich insbesondere um Personenkraftwagen (Pkw) und leichte Nutzfahrzeuge, ebenso werden aber auch Zweiräder (Elektroroller, Elektrofahrräder) und Leichtfahrzeuge einbezogen.
Verkehrsaufkommen Das Verkehrsaufkommen beschreibt die Anzahl der zurückgelegten Wege, beförderten Personen oder Güter pro Zeiteinheit. Im Unterschied dazu bezieht sich das spezifische Verkehrsaufkommen auf zurückgelegte Wege und beschreibt die mittlere Anzahl der Ortsveränderungen pro Person und Zeiteinheit.
Verkehrseffizienz
Beurteilungskriterium, welches beschreibt, inwieweit verkehrliche Maßnahmen, wie beispielsweise Ersparnisse in Fahrzeit, Spritverbrauch und Abgasausstoß, dass vorgegebene Ziel in einer bestimmten Art und Weise erfüllen

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?471616

Gedruckt am Donnerstag, 29. Oktober 2020 17:39:44