Forschungsinformationssystem des BMVI

zurück Zur Startseite FIS

Mögliche Folgen und Wirkungen des automatisierten Fahrens

Erstellt am: 14.06.2017 | Stand des Wissens: 05.04.2020
Ansprechpartner
Bauhaus-Universität Weimar, Professur Verkehrssystemplanung, Prof. Dr.-Ing. Plank-Wiedenbeck

Die möglichen Folgen des automatisierten Fahrens können sehr vielfältig sein und in verschiedenste Bereiche der Verkehrssicherheit und des Verkehrsablaufs hineinwirken. Man vermutet, dass automatisiertes Fahren auch ökologische und ökonomische sowie gesellschaftliche Wirkungen nach sich ziehen wird.
Generell sind viele Experten der Meinung, dass automatisierte Systeme im Straßenverkehr ein sehr großes Potenzial besitzen, die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Zum einen soll durch derartige Systeme menschliches Fehlverhalten als häufigste Unfallursache eventuell wegfallen [JoMi15, S. 106], zum anderen können durch die Vernetzung und Kommunikation der Fahrzeuge untereinander weitere Unfälle vermieden werden [ACAT15, S. 18]. Nachteilig könnte sich auswirken, dass durch die mangelnde praktische Ausübung der Fahrtätigkeit die Fahrkompetenzen nachlassen. Des Weiteren besteht die Möglichkeit, dass durch übermäßiges Vertrauen in die Technik das eigene Fahrverhalten risikoreicher wird beziehungsweise die Systeme nur unzureichend überwacht werden [MGLW15, S. 105]. Eine große Herausforderung wird sein, Gesten, Blicke oder Handzeichen anderer Verkehrsteilnehmer zu erfassen und zu erkennen und daraus ableitend deren Verhalten zu prognostizieren. Gleiches gilt für die Erkennung, Erfassung und Verhaltensprognose nichtmotorisierter Verkehrsteilnehmer und ungewöhnlicher Fahrzeuge, wie Kutschen [MGLW15, S. 133; SiSchoe15, S. 3]. In der sensiblen Zeit des Übergangs vom fahrergesteuerten zum autonomen Fahrzeug, in der sich beide Fahrzeugarten die Straßen teilen, kann es sogar sein, dass sich die Verkehrssicherheit vorübergehend verschlechtert [SiSchoe15, S. 7]. Je mehr autonom fahrende Fahrzeuge genutzt werden, umso mehr soll sich die Verkehrssicherheit jedoch verbessern.
Automatisierte Fahrzeuge sollen in der Lage sein, kürzere Zeitlücken zu nutzen und dichter hintereinander zu fahren, wodurch der Verkehrsfluss optimiert und die Kapazität der Verkehrsanlagen und Geschwindigkeitsharmonisierung gesteigert würde. Dies hätte weniger Staus und eine bessere Planungssicherheit der Reisezeiten zur Folge. Zudem wäre durch die digitale Umfelderfassung eine effizientere Parkraumnutzung möglich, was dazu führen könnte, dass insgesamt weniger Parkraum benötigt wird [JoMi15, S. 106; ACAT15, S. 14 und 19]. Damit könnten Teile des bisherigen Straßenraums für andere Zwecke, wie zum Beispiel für den Rad- oder Fußgängerverkehr oder als Grünflächen genutzt werden. Diese Vorteile bergen allerdings das Risiko, dass dadurch wieder mehr Menschen den Individualverkehr nutzen und damit die Anzahl der Fahrzeuge auf den Straßen steigt. Zudem  könnten sich die Fahrtweiten aufgrund der Automatisierung erhöhen [Här19d]. Aus diesen Gründen und durch den dichteren Verkehrsfluss könnte Fußgängern und Radfahrern zudem die Querung der Straßen erschwert werden [JoMi15, S. 107; MGLW15, S. 232]. Über den Einfluss des automatisierten Fahrens auf den öffentlichen Verkehr herrschen geteilte Meinungen [ACAT15, S. 21 f.; JoMi15, S. 108].
In gesellschaftlicher Hinsicht wird sich nach Meinung vieler Experten vor allem die Wahrnehmung des Produkts Auto verändern. So könnten zukünftig weniger die fahrzeugbezogenen, sondern vielmehr die personenbezogenen Faktoren (Wohlfühlfaktor, Dienstvielfalt des Fahrzeugs für den Nutzer) eine Rolle spielen [JoMi15, S. 97 ff.]. Den Nutzern würde durch die Automatisierung mehr Komfort geboten und auch mehr Zeit zur Verfügung stehen, die wahlweise zur Erholung beziehungsweise Unterhaltung oder zum Arbeiten genutzt werden könnte. Mobilitätseingeschränkten Personen könnte durch das automatisierte Fahren die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben vereinfacht werden. Zudem könnte die Versorgung in ländlichen Räumen und das Stadtklima sowie die Aufenthaltsqualität in Städten durch einen geringeren Flächenverbrauch verbessert werden [ACAT15, S. 14]. Von Nachteil wäre, dass mithilfe der automatischen Systeme die Aufzeichnung von Bewegungsprofilen ermöglicht wird, was eine große Einschränkung der Privatsphäre darstellt [JoMi15, S. 108]. Ungeklärt ist zudem, welche Algorithmen das Verhalten eines autonomen Fahrzeugs in der theoretisch möglichen Extremsituation bestimmen sollen, in der entschieden werden muss, ob es in eine Menschengruppe fährt oder versucht auszuweichen und damit sich selbst und die Insassen gegen ein Hindernis steuert [ZeOn16]. Solche ethischen Dilemmasituationen müssen bei der Implementierung der Software bedacht werden, da letztendlich Menschen über die Entscheidungsgewalt des autonomen Fahrzeugs verfügen. 
Die voraussichtlichen ökologischen Auswirkungen der zunehmenden Automatisierung im Straßenverkehr sind eng mit den Folgen des Verkehrsablaufs verknüpft. Durch eine geringere Anzahl von Staus, eine optimierte Routenwahl und der daraus resultierenden Reduzierung der insgesamt gefahrenen Kilometer könnte der Ausstoß von Emissionen vermindert werden [ACAT15, S. 14 ff.; JoMi15, S. 106].
Mögliche wirtschaftliche Auswirkungen des automatisierten Fahrens sind vor allem in der Entstehung neuer Märkte und der Förderung von Innovation zu sehen. Güterverkehr und Lieferketten könnten effizienter werden und der wirtschaftliche Fokus würde sich immer mehr von der Automobilbranche hin zur Informationstechnologie verschieben [ACAT15, S. 15 und 23; JoMi15, S. 98 ff.]. Es würden sich möglicherweise seltener die einzelnen Fahrzeughalter gegen menschliches Versagen versichern, sondern vielmehr die Fahrzeughersteller gegen technisches Versagen. Durch die erwarteter höhere Verkehrssicherheit wird davon ausgegangen, dass auch die Versicherungsprämien möglicherweise sinken [McK15a, S. 2; JoMi15, S. 106]. Zu den negativen Folgen zählen der Stellenabbau im Arbeitsmarkt bei Bahn-, Bus-, Taxi- und Lastkraftwagenfahrern, Chauffeuren und auch Fahrlehrern [JoMi15, S. 108]. Nicht zuletzt würden in diesen Szenarien insbesondere die unabhängigen Autowerkstätten starke Einbußen hinnehmen müssen, da automatisierte Fahrzeuge wahrscheinlich hauptsächlich zu den Servicezentren der eigenen Marke fahren werden [McK15a, S. 1].
Ansprechpartner
Bauhaus-Universität Weimar, Professur Verkehrssystemplanung, Prof. Dr.-Ing. Plank-Wiedenbeck
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Zuverlässigkeit und Sicherheit des automatisierten Straßenverkehrs (Stand des Wissens: 20.06.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?471810
Literatur
[ACAT15] Acatech - Konvent für Technikwissenschaften der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften e.V. (Hrsg.) Neue autoMobilität
Automatisierter Straßenverkehr der Zukunft (acatech POSITION), Herbert Utz Verlag GmbH, München, 2015/09, ISBN/ISSN 978-3-8316-4492-6
[Här19d] Hendrik Härter Autonomes Fahren - Auswirkungen auf Verkehr und Gesellschaft, 2019/02/12
[JoMi15] Johanning, Volker, Mildner, Roman Car IT kompakt
Das Auto der Zukunft - Vernetzt und autonom fahren, Springer Vieweg, Wiesbaden, 2015, ISBN/ISSN 978-3-658-09967-1
[McK15a] McKinsey & Company (Hrsg.) McKinsey-Studie: Autonomes Fahren verändert Autoindustrie und Städte, 2015/03/03
[MGLW15] Maurer, Markus, Gerdes, J. Christian, Lenz, Barbara, Winner, Hermann (Hrsg.) Autonomes Fahren
Technische, rechtliche und gesellschaftliche Aspekte, Springer Vieweg, E-Book , 2015, ISBN/ISSN 978-3-662-45854-9
[SiSchoe15] Sivak, Michael, Schoettle, Brandon Road Safety with Self-Driving Vehicles: General Limitations and Road Sharing with Conventional Vehicles, 2015/01
[ZeOn16] ZEIT ONLINE (Hrsg.) Der Bordcomputer in der Zwickmühle, 2016/07/02
Weiterführende Literatur
[TATuP18d] Fleischer, Torsten, Schippe, Jens Automatisiertes Fahren - Fluch oder Segen für nachhaltige Mobilität?, veröffentlicht in TATuP Zeitschrift für Technikfolgenabschätzung in Theorie und Praxis, Ausgabe/Auflage Bd. 27 Nr. 2 (2018), 2018/07/02, Online-Referenz http://www.tatup.de/index.php/tatup/issue/view/6
[KE18d] Esser, Dr. Klaus, Kurte, Dr. Judith Autonomes Fahren - Aktueller Stand, Potentiale und Auswirkungsanalyse, 2018/04
Glossar
Verkehrsfluss
Unter Verkehrsfluss versteht man die Anzahl der Fahrzeuge, die eine vordefinierte Verkehrs(quer)fläche pro Zeiteinheit durchfährt.
Szenarien Ein Szenario ist ein Bild der Zukunft, das sich aus einer bestimmten Kombination von relevanten Einflussfaktoren und Rahmenbedingungen entwickelt. Das grundsätzliche Anliegen von Szenarien besteht darin, verschiedene Handlungsoptionen zu verdeutlichen und ihre Folgewirkungen transparent zu machen.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?471577

Gedruckt am Samstag, 19. September 2020 13:54:34