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Entwicklungsdynamik des multimodalen Verkehrsverhaltens

Erstellt am: 19.05.2015 | Stand des Wissens: 13.03.2021
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Entwickelt sich das Verkehrsverhalten in Deutschland aktuell von einer primär autoorientierten Mobilität hin zu einer multimodalen? Das trifft nicht für alle Personengruppen zu (vgl. KIT11). Jedoch lässt sich dieser Trend bei jüngeren Personengruppen beobachten. Der Pkw-Besitz geht unter jungen Erwachsenen zurück (vgl. KuhBueh12, S.444). Diejenigen jungen Erwachsenen, die über ein Auto verfügen, entscheiden sich immer öfter, auch andere Verkehrsmittel zu nutzen [vgl. KuhBueh12, S. 446 f.; ifmo11a, S. 24]. Die nachfolgende Abbildung 1 veranschaulicht diesen Trend.

Entwicklung des Modal Split der Altersgruppe 18 bis 29 Jahre nach Pkw-VerfügbarkeitAbb. 1: Entwicklung des Modal Split der Altersgruppe 18 bis 29 Jahre nach Pkw-Verfügbarkeit [vgl. KuhBueh12, S. 446; Datenbasis: KONTIV 1976, MOP 1995 bis 2009]
Die ÖV-Nutzung ist in der Altersgruppe der 21- bis 25-Jährigen zwischen 2000 und 2019 von 44 auf etwa 58 Prozent gestiegen [KIT11, S. 59, KIT20, S. 95]. Mögliche Erklärungen hierfür bieten soziodemografische Entwicklungen unter jungen Erwachsenen. Der Anteil junger Erwachsener zwischen 18 und 34 Jahren, die in Einpersonenhaushalten leben, hat zwischen 1998 und 2018 von 31 Prozent auf 44 Prozent zugenommen [ifmo11a, S. 19, Dest20m, S. 16, S. 27]. Im Jahr 2018 verdienten laut Stichprobe junge Einpersonenhaushalte zwischen 18 und 24 Jahre ein monatliches Haushaltsbruttoeinkommen von 1.679 Euro und zwischen 25 und 34 Jahren 3094 Euro [Dest20m, S. 153]. Die starke Korrelation zwischen Einkommen und Pkw-Besitz, gekoppelt mit einem generell niedrigeren Pkw-Besitz bei Einpersonenhaushalten, könnte die Ursache für den rückläufigen Pkw-Besitz sein [vgl. KuhBueh12, S. 448].

Ergänzend dazu hat sich zwischen den Jahren 1998 und 2019 der Anteil an Studierenden um fast 61 Prozent erhöht [Dest21e, Tabelle 21311-0001]. Dementsprechend ist der Anteil an jungen Erwachsenen zwischen 20 und 34 Jahren, die im städtischen Raum leben, gestiegen, da Universitäten oft in Städten angesiedelt sind [KuhBueh12, S. 448]. Ferner ist der Anteil an Studierenden, die Ausgaben für ein Auto tätigen, zwischen 1991 und 2016 von 54 Prozent auf 27 Prozent gesunken [ifmo11a, S. 19, BMBF17c, S. 153]. Außerdem hat die Einführung von Semestertickets dazu beigetragen, dass der Besitz von Zeitkarten für den Öffentlichen Verkehr (ÖV) gestiegen ist. Im Jahr 1996 lag der Anteil bei den 20 bis 29-Jährigen bei 25 Prozent. Im Jahr 2019 lag der Anteil bei den 18 bis 25-Jährigen bei bereits 51 Prozent [vgl. KuhBueh12, S. 449; KIT20, "MOP-Bericht 2019/2020", S. 34].
Der erhöhte Studierendenanteil führt dazu, dass das durchschnittliche Alter zum Zeitpunkt des Berufseintritts steigt. Dies verschiebt möglicherweise gleichzeitig den durchschnittlichen Zeitpunkt einer Familiengründung um einige Jahre nach hinten. Als Folge befinden sich immer mehr junge Menschen in einer Lebensphase, in der die Wahrscheinlichkeit, einen Pkw zu besitzen, relativ gering ist [KuhBueh12, S. 448; ifmo11a, S. 22].
Andere externe Einflussfaktoren, die zu einer erhöhten Multimodalität unter jungen Erwachsenen führen, sind zum Beispiel die Einführung von Parkraumbewirtschaftung und die Gestaltung von fußgängerfreundlichen Bereichen in Innenstädten, erhöhte Benzinpreise und Anschaffungskosten eines Autos sowie eine Verbesserung des Angebotes und der Verknüpfungsmöglichkeiten im ÖV [KuhBueh12, S. 449; ifmo11a, S. 58]. Auch Entwicklungen in der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) haben zu einem steigenden multimodalen Verkehrsverhalten beigetragen [vgl. KuhBueh12, S. 449, Witt14]. Nähere Informationen dazu bietet der FIS-Synthesebericht Treiber und Verknüpfungsmöglichkeiten für mehr Multimodalität.
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Vernetzte Mobilität im Personenverkehr (Stand des Wissens: 07.06.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?447113
Literatur
[AhKlWi14] Ahrens, G.-A., Klotzsch, J., Wittwer, R. Autos nutzen statt besitzen. Treiber des multimodalen Verkehrsverbundes, veröffentlicht in ZfAW - Zeitschrift für die gesamte Wertschöpfungskette Automobilwirtschaft, Ausgabe/Auflage 2/2014, 17. Jahrgang, FAW-Verlag, Bamberg, 2014, ISBN/ISSN 1434-1808
[BMBF17c] Bundesministerium für Bildung und Forschung (Hrsg.) Die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in Deutschland 2016, 2017
[Dest20m] Statistisches Bundesamt (Hrsg.) Wirtschaftrechnungen - Einkommens- und Verbrauchsstichprobe
Einnahmen und Ausgaben privater Haushalte, veröffentlicht in Fachserie 15, Ausgabe/Auflage Heft 4, 2020/04/23
[Dest21e] Statistisches Bundesamt (Hrsg.) Daten über Studierende, 2021/03/12
[ifmo11a] Kuhnimhof, T., Feige, I., Hansen, F., Last, J., Manz, W., Zumkeller, D., Chlond, B., Streit, T., Wirtz, M., Kalinowska, D., Follmer, R., Gruschwitz, D., Ottmann, P., Armoogum, J., Buehler, R., Dargay, J., Denstadli, J.M., Yamamoto, T. Mobilität junger Menschen im Wandel - multimodaler und weiblicher, München, 2011/10, ISBN/ISSN 978-3-86680-192-9
[KIT11] Institut für Verkehrswesen, Karlsruhe Institute for Technology (KIT), Zumkeller, Prof. Dr.-Ing. Dirk, Chlond, Dr.-Ing. Bastian, Kagerbauer, Dr.-Ing. Martin, Kuhnimhof, Dr.-Ing. Tobias, Wirtz, Dipl.-Ing. Matthias Deutsches Mobilitätspanel (MOP) - wissenschaftliche Begleitung und erste Auswertungen, 2011/01/18
[KIT20] Institut für Verkehrswesen, Karlsruhe Institute for Technology (KIT) (Hrsg.) Deutsches Mobilitätspanel (MOP) - Wissenschaftliche Begleitung und Auswertungen. Bericht 2019/2020: Alltagsmobilität und Fahrleistung, 2020/10/30
[Knie12] Knie, A. Was bewegt uns?, Leipzig, 2012/10/22
[Knie15] Knie, A. Mobilität der Zukunft - Entwicklungen und Trends, veröffentlicht in Mobilität und Kommunikation. Öffentlicher und Individualverkehr - wie finden sie zusammen?, Dresden, 2015/01/29
[KuhBueh12] Kuhnimhof, T., Buehler, R., Wirtz, M., Kalinowska, D. Travel trends among young adults in Germany: increasing multimodality and declining car use for men, veröffentlicht in Journal of Transport Geography, Ausgabe/Auflage 24, Elsevier, 2012, ISBN/ISSN 0966-6923
[Kuhnimhof12] Kuhnimhof, T., Armoogum, J., Buehler, R., Dargay, J., Denstadli, J.M., Yamamoto, T. Men Shape a Downward Trend in Car Use among Young Adults - Evidence from Six Industrialized Countries, veröffentlicht in Transport Reviews: A Transnational Transdisciplinary Journal, Ausgabe/Auflage 32:6, Routledge, 2012, ISBN/ISSN 0144-1647 (Print), 1464-5327 (Online)
[Witt14] Wittwer, R. Zwangsmobilität und Verkehrsmittelorientierung junger Erwachsener: Eine Typologisierung, veröffentlicht in Schriftenreihe des Instituts für Verkehrsplanung und Straßenverkehr, Ausgabe/Auflage Heft 16/2014, Dresden, 2014/12, ISBN/ISSN 1432-550
Weiterführende Literatur
[SoKri12] Sommer, C., Krichel, P. Wer nutzt welche Verkehrsmittel? Verkehrsmittelwahl unterschiedlicher Potenzialgruppen - Gewinnung von Zeitkartenkunden ist Schlüssel zum Erfolg, veröffentlicht in Der Nahverkehr. Öffentlicher Personenverkehr in Stadt und Region, Ausgabe/Auflage 3/2012, 30. Jahrgang, Alba Fachverlag, Düsseldorf, 2012/03, ISBN/ISSN 0722-8287
Glossar
IKT Informations- und Kommunikationstechnologien
ÖV
Der öffentliche Verkehr (ÖV) ist sowohl im Personen-, Güter- sowie Nachrichtenverkehr für jeden Nutzer in einer Volkswirtschaft öffentlich zugänglich. Dazu zählen sowohl die öffentliche Personenbeförderung, der öffentliche Gütertransport als auch die öffentlichen Telekommunikations- und Postdienste. Der ÖV wird dabei von Verkehrsunternehmen nach festgelegten Routen, Preisen und Zeiten durchgeführt. Der ÖV ist somit im Gegensatz zum Individualverkehr (IV) örtlich und zeitlich gebunden.
Vor dem Hintergrund der verkehrspolitisch geförderten Multimodalität wird der ÖV zunehmend breiter definiert, indem auch alternative Bedienformen, Taxen bis hin zu öffentlichen Fahrrädern und öffentlichen Autos als Teil eines neuen individualisierten ÖV gesehen werden.
MOP - Deutsches Mobilitätspanel
ist eine im Auftrag des BMVBS jährlich durchgeführte Befragung von Haushalten in Deutschalnd zum Mobilitätsverhalten im Alltag. Die Haushaltsmitglieder dokumentieren alle durchgeführten Wege im Verlauf einer Woche. Das MOP ist eine Längsschnittuntersuchung.
Modal Split
Modal Split wird in der Verkehrsstatistik die prozentuale Verteilung des Personen- und Güterverkehrs auf verschiedene Verkehrsmittel (Modi) genannt. Der Modal Split ist Folge des Mobilitätsverhaltens der Menschen und der wirtschaftlichen, insbesondere der verkehrlichen Entscheidungen von Unternehmen.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?447062

Gedruckt am Samstag, 20. August 2022 05:23:25