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Ausgangssituation: Motive und Ursachen des multimodalen Verkehrsverhaltens

Erstellt am: 19.05.2015 | Stand des Wissens: 05.06.2018
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Das individuelle Verkehrsverhalten hat vielfältige Ursachen und Motive. In der Literatur werden unter anderem die folgenden wichtigen Einflussfaktoren der (multi- und intermodalen) Verkehrsmittelwahl vorgestellt:
  1. Mobilitätsangebot: Wenn (die Infrastruktur für) das bevorzugte Verkehrsmittel nicht verfügbar ist, muss auf alternative Verkehrsmittel ausgewichen werden (vgl. BMP03, S. 93). Je besser das ÖPNV-Angebot ist, desto mehr wird es genutzt (vgl. Beck06, S. 143; BMP03, S. 112)
  2. Raumstruktur: Der Anteil der Gruppe, welche die drei Verkehrsmittel MIV, ÖV und Rad kombiniert, steigt tendenziell mit zunehmender Ortsgröße (siehe Abbildung 1, vgl. Interde10).


    Tabelle_interdep.jpgAbbildung 1: Multi- und monomodale Nutzergruppen nach Ortsgrößenklassen [Interde10, S. 28]


  3. Pkw-Verfügbarkeit: Führerscheinbesitz, gepaart mit Pkw-Verfügbarkeit, geht häufig mit Auto-Monomodalität einher (vgl. LeitfInterde10; Ahrens10, Nobis06).
  4. Einkommen: In Bezug auf das Haushaltseinkommen ist der Anteil der Nutzer aller drei Verkehrsmittel unter den geringverdienenden Haushalten am höchsten. Bis zu einer mittleren Einkommensklasse nimmt dieser Anteil ab, bevor er dann mit steigendem Haushaltseinkommen wieder ansteigt (vgl. Interde10, S. 28).
  5. Alter, Demografie, Kohorteneffekt: Der Anteil multimodaler Personen sinkt tendenziell mit zunehmendem Alter. In einer alternden Bevölkerung läuft dieser Zusammenhang einer Entwicklung hin zu mehr Multimodalität entgegen. Die aktuelle Kohorte älterer Menschen besitzt im Vergleich zu früheren Kohorten viel häufiger einen Führerschein und führt ihr autoaffines Verkehrsverhalten im Alter fort (vgl. Interde10, KIT11; BMP03).
  6. Haushaltskontext und Komplexität täglicher Aktivitäten: Insbesondere bei Kindern im Haushalt verringert sich die Wahrscheinlichkeit der ÖPNV-Nutzung (vgl. Beck06, S. 143; BMP03, S. 112; Fran04).
  7. Wertesystem der Gesellschaft: Das Umweltbewusstsein der Bevölkerung nimmt weiterhin zu, während das Auto als Statussymbol an Bedeutung verliert. Es wird statt auf das eigene Auto auf alternative Angebote zurückgegriffen (vgl. Fran04; Ahrens10).
Es besteht weiterhin Forschungsbedarf zur genaueren Ergründung der Zusammenhänge zwischen den einzelnen Faktoren und dem multimodalen Verkehrsverhalten.
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Vernetzte Mobilität im Personenverkehr (Stand des Wissens: 07.06.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?447113
Literatur
[Ahrens10] Ahrens, G.-A., Ließke, F., Wittwer, R. Chancen des Umweltverbundes in nachfrageschwachen städtischen Räumen, veröffentlicht in Informationen zur Raumentwicklung, Ausgabe/Auflage Heft 7, 2010
[Beck06] Beckmann, Klaus, Chlond, Bastian, Kuhnimhof, Tobias, et al. Multimodale Verkehrsmittelnutzer im Alltagsverkehr - Zukunftsperspektive für den ÖV?, veröffentlicht in Internationales Verkehrswesen, Ausgabe/Auflage 4, 2006
[BMP03] Von der Ruhren, S., Rindsfüser, G., Beckmann, K.J., Kuhimhof, T., Chlond, B., Zumkeller, D. Bestimmung multimodaler Personengruppen, Aachen/Karlsruhe, 2003
[Fran04] Franke, S. Die "neuen Multimodalen" - Bedingungen eines multimodalen Verkehrsverhaltens, veröffentlicht in Internationales Verkehrswesen, Ausgabe/Auflage Heft-Nr. 3, 2004/03
[ifmo11a] Kuhnimhof, T., Feige, I., Hansen, F., Last, J., Manz, W., Zumkeller, D., Chlond, B., Streit, T., Wirtz, M., Kalinowska, D., Follmer, R., Gruschwitz, D., Ottmann, P., Armoogum, J., Buehler, R., Dargay, J., Denstadli, J.M., Yamamoto, T. Mobilität junger Menschen im Wandel - multimodaler und weiblicher, München, 2011/10, ISBN/ISSN 978-3-86680-192-9
[Interde10] TU Dresden, Lehrstuhl Verkehrs- und Infrastrukturplanung, Prof. Dr.-Ing. G.-A. Ahrens, Ahrens, Gerd-Axel, Aurich, Tanja, Böhmer, Thomas, Klotzsch, Jeannette, Pitrone, Anne Interdependenzen zwischen Fahrrad- und ÖPNV-Nutzung. Analysen, Strategien und Maßnahmen einer integrierten Förderung in Städten, 2010
[KIT11] Institut für Verkehrswesen, Karlsruhe Institute for Technology (KIT), Zumkeller, Prof. Dr.-Ing. Dirk, Chlond, Dr.-Ing. Bastian, Kagerbauer, Dr.-Ing. Martin, Kuhnimhof, Dr.-Ing. Tobias, Wirtz, Dipl.-Ing. Matthias Deutsches Mobilitätspanel (MOP) - wissenschaftliche Begleitung und erste Auswertungen, 2011/01/18
[KuhBueh12] Kuhnimhof, T., Buehler, R., Wirtz, M., Kalinowska, D. Travel trends among young adults in Germany: increasing multimodality and declining car use for men, veröffentlicht in Journal of Transport Geography, Ausgabe/Auflage 24, Elsevier, 2012, ISBN/ISSN 0966-6923
[LeitfInterde10] TU Dresden, Lehrstuhl Verkehrs- und Infrastrukturplanung, Prof. Dr.-Ing. G.-A. Ahrens, Ahrens, G.-A., Aurich, T., Böhmer, T., Klotzsch, J. Leitfaden Interdependenzen zwischen Fahrrad- und ÖPNV-Nutzung , 2010/01
[Nobis06] Nobis, C. Multimodalität: Entstehung und Förderungsmöglichkeiten nachhaltigen Mobilitätsverhaltens, Leipzig, 2006/07/11
Weiterführende Literatur
[AhKlWi14] Ahrens, G.-A., Klotzsch, J., Wittwer, R. Autos nutzen statt besitzen. Treiber des multimodalen Verkehrsverbundes, veröffentlicht in ZfAW - Zeitschrift für die gesamte Wertschöpfungskette Automobilwirtschaft, Ausgabe/Auflage 2/2014, 17. Jahrgang, FAW-Verlag, Bamberg, 2014, ISBN/ISSN 1434-1808
[SoKri12] Sommer, C., Krichel, P. Wer nutzt welche Verkehrsmittel? Verkehrsmittelwahl unterschiedlicher Potenzialgruppen - Gewinnung von Zeitkartenkunden ist Schlüssel zum Erfolg, veröffentlicht in Der Nahverkehr. Öffentlicher Personenverkehr in Stadt und Region, Ausgabe/Auflage 3/2012, 30. Jahrgang, Alba Fachverlag, Düsseldorf, 2012/03, ISBN/ISSN 0722-8287
Glossar
ÖV
Der Öffentliche Verkehr (ÖV) ist sowohl im Personen-, Güter- sowie Nachrichtenverkehr für jeden Nutzer der Volkswirtschaft öffentlich zugänglich. Dazu zählen die öffentliche Personenbeförderung, der öffentliche Gütertransport als auch öffentliche Telekommunikations- und Postdienste. Der ÖV wird dabei von Verkehrsunternehmen, nach festgelegten Routen, Preisen und Zeiten durchgeführt. Der ÖV ist somit im Gegensatz zum Individualverkehr (IV) örtlich und zeitlich gebunden.
Vor dem Hintergrund der verkehrspolitisch geförderten "Multimodalität" wird der ÖV zunehmend breiter definiert, indem auch "Alternative Bedienformen", Taxen bis hin zu öffentlichen Fahrrädern und öffentlichen Autos als Teil eines neuen individualisierten ÖV gesehen werden.
Pkw
Personenkraftwagen (Pkw): Pkw sind nach der Richtlinie 70/156/EWG Fahrzeuge mit mindestens vier Rädern und dienen der Beförderung von maximal 9 Personen (inklusive Fahrzeugführer). Pkw dürfen nur auf den dafür vorgesehenen Verkehrsflächen geführt werden.
Motorisierter Individualverkehr Als motorisierter Individualverkehr (MIV) wird die Nutzung von Pkw und Krafträdern im Personenverkehr bezeichnet. Der MIV, als eine Art des Individualverkehrs (IV), eignet sich besonders für größere Distanzen und alle Arten von Quelle-Ziel-Beziehungen, da dieser zeitlich als auch räumlich eine hohe Verfügbarkeit aufweist. Verkehrsmittel des MIV werden von einer einzelnen Person oder einem beschränkten Personenkreis eingesetzt. Der Nutzer ist bezüglich der Bestimmung von Fahrweg, Ziel und Zeit frei (örtliche, zeitliche Ungebundenheit des MIV).
ÖPNV Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV): Nach § 2 des Regionalisierungsgesetzes (RegG) wird ÖPNV definiert als die "allgemein zugängliche Beförderung von Personen mit Verkehrsmitteln im Linienverkehr, die überwiegend dazu bestimmt sind, die Verkehrsnachfrage im Stadt-, Vorort- oder Regionalverkehr zu befriedigen." Das ist im Zweifel der Fall, wenn eine Mehrzahl der Beförderungsfälle eines Verkehrsmittels die gesamte Reiseweite von 50 Kilometer oder die gesamte Reisezeit von einer Stunde nicht übersteigt. Vor dem Hintergrund der verkehrspolitisch geförderten "Multimodalität" wird der ÖPNV zunehmend breiter definiert, indem auch "alternative Bedienformen", Taxen bis hin zu öffentlichen Fahrrädern und öffentlichen Autos als Teil eines neuen individualisierten ÖPNV gesehen werden.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?447059

Gedruckt am Samstag, 24. August 2019 03:13:56