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Aktuelle Entwicklungen mit Bedeutung für eine multimodale Verkehrsabwicklung

Erstellt am: 18.05.2015 | Stand des Wissens: 04.06.2018
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

"Die Entwicklung des Mobilitätsmarktes hat in den letzten Jahren erhebliche Veränderungen erfahren. Die Angebote der klassischen Verkehrsträger im öffentlichen Verkehr und im Individualverkehr vermischen sich, gehen fließend ineinander über und werden durch neue Mobilitätsformen ergänzt. Letztere sind vor allem ein Ausdruck dafür, dass die sogenannte "Sharing Economy" auch im Mobilitätssektor voll angekommen ist." [Stopka15, S. 3]

"Nutzen statt besitzen" - "Verdienen statt bezahlen" - "Bewegen statt stehen": Diese Statements spiegeln das Empfinden einer neuen Mobilitätskultur wider [vgl. Stopka15, S. 3]. Insbesondere durch mittlerweile etablierte informationstechnische Möglichkeiten (Internet, Smartphones) und einfachen Zugang zu öffentlichen Fahrzeugen, Mitnahme- und Sharing-Systemen werden multimodale Mobilitätsangebote vor allem bei jungen Erwachsenen immer beliebter [vgl. ifmo11a; Witt14; Can14]. Als wesentlicher Faktor bei intermodalen Reisen ergänzt Bikesharing zunehmend den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) in Städten und bietet die Möglichkeit, Lücken im Verkehrsnetz sowohl in suburbanen als auch ländlichen Gebieten zu schließen. Die verschiedenen Mobilitäts-Apps haben diesen Trend bereits erkannt und Bikesharing als Teil der intermodalen Reisekette integriert [vgl. BITKOM14, S. 1; Stopka15, S. 3].
Neben Fahrradverleihsystemen verzeichnen sowohl stationsgebundene als auch stationslose flexible Carsharing-Systeme jährliche Nutzer-Zuwächse im zweistelligen Prozentbereich. So hat sich die Zahl der Fahrzeuge stationsunabhängiger Angebote von 4.550 im Jahr 2013 auf 7.9000 im Jahr 2018 erhöht (durchschnittlich 15 Prozent pro Jahr). Die Zahl der stationsgebundenen Angebote stieg im gleichen Zeitraum von 6.700 auf 10.050 Fahrzeuge (10 Prozent pro Jahr). Die Anzahl der Carsharing-Nutzer ist im Jahr 2018 auf über 2 Millionen angewachsen. Davon sind zwei Drittel bei stationsunabhängigen (free-floating) Anbietern und ein Drittel bei stationsbasierten Anbietern registriert. Die verschiedenen Anbieter sind in insgesamt 677 Städten und Gemeinden in Deutschland repräsentiert und halten einen Elektro-Anteil in den Carsharing-Flotten von 10 Prozent rund 100-mal höher als im nationalen Pkw-Bestand (Stand 2018) [vgl. bcs18].
Sowohl die Bike- und Carsharing-Systeme als auch die Angebote des privaten Fahrzeugteilens (P2P-Nutzung) zählen zu den sogenannten kollaborativen Mobilitätsangeboten. Zur kollaborativen Mobilität werden modifizierte Mobilitätsformen gezählt, die im Bereich zwischen klassischem Individualverkehr (IV) und dem Öffentlichen Verkehr (ÖV) entstehen [vgl. Stopka15, S. 5 f.]. Hierbei sind folgende Entwicklungen herauszuheben [Stopka15, S. 5]:
  • Wandel des privaten Individualverkehrs hin zum Öffentlichen Verkehr: Es entstehen öffentliche, gemeinschaftlich organisierte oder geteilte Mobilitätsangebote mit privaten Vorzügen (Zugang zu individualisierter Mobilitätsdienstleistung ohne Zwang des Fahrzeugbesitzes). Die Angebote können dabei kommerziell (beispielsweise Flinkster, DriveNow, car2go, Multicity, Quicar, Spotcar, Teilauto) oder nicht-kommerziell (beispielsweise Autonetzer, Tamycar, Nachbarschaftsauto) sein. Hierzu gehören ebenfalls Angebote für Nicht-Selbstfahrer [vgl. Stopka15, S. 6] in Form kommerzialisierter (Ride-Selling wie beispielsweise Uber) und nicht-kommerzialisierter Angebote (Ride-Sharing in Mitfahrgemeinschaften wie beispielsweise BlaBlaCar oder bessermitfahren.de).
  • Individualisierung des Öffentlichen Verkehrs: Insbesondere in dünn besiedelten Gebieten wird der öffentliche Kollektivtransport verstärkt individualisiert und damit dem tatsächlichen Bedarf angepasst.
Die nachfolgende Abbildung 1 veranschaulicht den Wandel traditioneller Mobilitätsformen in Richtung kollaborativer Mobilität und die damit entstehenden veränderten Mobilitätsangebote.
Veränderungen traditioneller Mobilitätsformen in Richtung kollaborativer MobilitätAbbildung 1: Veränderungen traditioneller Mobilitätsformen in Richtung kollaborativer Mobilität [vgl. Stopka15, S. 6, Abb. 3)] (Grafik zum Vergrößern bitte anklicken)
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Vernetzte Mobilität im Personenverkehr (Stand des Wissens: 07.06.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?447113
Literatur
[bcs16] bcs - Bundesverband CarSharing e.V. (Hrsg.) CarSharing-Jahresbilanz 2015: Wachstum und Konsolidierung im deutschen CarSharing-Markt, 2016/02/29
[bcs18] bcs - Bundesverband CarSharing e.V. Zahl der CarSharing-Kunden überspringt die 2 Millionen Marke, 2018/02/18
[BITKOM14] Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. 10 Millionen Verbraucher nutzen Bikesharing, Berlin, 2014/08/05
[Can14] Canzler, W. Automobil und moderne Gesellschaft: Beiträge zur sozialwissenschaftlichen Mobilitätsforschung, Dresden, 2014
[ifmo11a] Kuhnimhof, T., Feige, I., Hansen, F., Last, J., Manz, W., Zumkeller, D., Chlond, B., Streit, T., Wirtz, M., Kalinowska, D., Follmer, R., Gruschwitz, D., Ottmann, P., Armoogum, J., Buehler, R., Dargay, J., Denstadli, J.M., Yamamoto, T. Mobilität junger Menschen im Wandel - multimodaler und weiblicher, München, 2011/10, ISBN/ISSN 978-3-86680-192-9
[Stopka15] TU Dresden, Professur für Kommunikationswirtschaft, Prof. Dr. Ulrike Stopka, Stopka, U. Sharing Economy und kollaborative Mobilität, veröffentlicht in Mobilität und Kommunikation. Öffentlicher und Individualverkehr - wie finden sie zusammen?, Dresden, 2015/01/29
[Witt14] Wittwer, R. Zwangsmobilität und Verkehrsmittelorientierung junger Erwachsener: Eine Typologisierung, veröffentlicht in Schriftenreihe des Instituts für Verkehrsplanung und Straßenverkehr, Ausgabe/Auflage Heft 16/2014, Dresden, 2014/12, ISBN/ISSN 1432-550
Glossar
Bike Sharing Der Begriff Bike Sharing stammt aus dem Englischen und kann in etwa mit der Bedeutung „Fahrradverleih“ übersetzt werden. Er beschreibt die organisierte, gemeinschaftliche Nutzung von Fahrrädern, die in der Regel von Unternehmen, Kommunen oder Kommunalverbänden bereitgestellt werden. Die Fahrräder stehen an öffentlich zugänglichen Stellplätzen zur Verfügung. Die Fahrräder können dabei an einer Station ausgeliehen und an einer anderen zurückgegeben werden. Dieses System ist besonders für die kurzfristige Nutzung der gegen ein Entgelt zur Verfügung gestellten Räder im urbanen Raum ausgelegt. Das Ziel ist, dass die Fahrräder möglichst vielen Nutzern pro Tag zur Verfügung stehen. Daher ist meist die erste halbe Stunde des Verleihs besonders günstig. Für eine längere Leihperiode bieten reguläre Fahrradvermieter jedoch meist die besseren Angebote.
ÖV
Der Öffentliche Verkehr (ÖV) ist sowohl im Personen-, Güter- sowie Nachrichtenverkehr für jeden Nutzer der Volkswirtschaft öffentlich zugänglich. Dazu zählen die öffentliche Personenbeförderung, der öffentliche Gütertransport als auch öffentliche Telekommunikations- und Postdienste. Der ÖV wird dabei von Verkehrsunternehmen, nach festgelegten Routen, Preisen und Zeiten durchgeführt. Der ÖV ist somit im Gegensatz zum Individualverkehr (IV) örtlich und zeitlich gebunden.
Vor dem Hintergrund der verkehrspolitisch geförderten "Multimodalität" wird der ÖV zunehmend breiter definiert, indem auch "Alternative Bedienformen", Taxen bis hin zu öffentlichen Fahrrädern und öffentlichen Autos als Teil eines neuen individualisierten ÖV gesehen werden.
IV Beim Individualverkehr (IV) wird vom Verkehrsteilnehmer ein zur Verfügung stehendes Verkensmittel genutzt. Dies können beispielsweise sein: Pkw, Krafträder, Fahrrad, zu Fuß gehen. Es wird daher auch zwischen dem Motorisierten Individualverkehr (MIV) und dem Nichtmotorisierten Individualverkehr (NMV) unterschieden. Der IV deckt zudem alle Arten von Quelle-Ziel-Beziehungen ab und das Verkehrsmittel wird von einer bestimmten Person oder einem beschränkten Personenkreis eingesetzt. Dabei ist der IV örtlich sowie zeitlich ungebunden.
Pkw
Personenkraftwagen (Pkw): Pkw sind nach der Richtlinie 70/156/EWG Fahrzeuge mit mindestens vier Rädern und dienen der Beförderung von maximal 9 Personen (inklusive Fahrzeugführer). Pkw dürfen nur auf den dafür vorgesehenen Verkehrsflächen geführt werden.
Carsharing
Der Begriff CarSharing stammt aus dem Englischen (car= Auto, to share= teilen) und kann sinngemäß mit der Bedeutung "Auto teilen" übersetzt werden. Er beschreibt die organisierte, gemeinschaftliche Nutzung von Kraftfahrzeugen, die meist von Unternehmen gegen Gebühr bereitgestellt werden.
Durch einen Rahmenvertrag oder eine Vereinsmitgliedschaft erhalten Kunden flexiblen Zugriff auf alle Kfz eines Anbieters. Die Fahrzeuge können über eine Webseite oder über eine Smartphone-App gebucht werden. Geöffnet werden sie in der Regel mit Hilfe von Chipkarten oder durch ein Zugangscode vermittelt über die Smartphone-App.
Bei dem System des stationsbasierten CarSharing stehen die Fahrzeuge auf reservierten Stellplätzen und werden nach der Nutzung auch wieder dorthin zurückgebracht. Ein anderes Modell ist das free-floating CarSharing. Hier stehen die Fahrzeuge in einem definierten Operationsgebiert verteilt. Sie können per Smartphone geortet werden und nach der Nutzung auf einem beliebigen Stellplatz innerhalb des Operationsgebiets zurückgegeben werden.
ÖPNV Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV): Nach § 2 des Regionalisierungsgesetzes (RegG) wird ÖPNV definiert als die "allgemein zugängliche Beförderung von Personen mit Verkehrsmitteln im Linienverkehr, die überwiegend dazu bestimmt sind, die Verkehrsnachfrage im Stadt-, Vorort- oder Regionalverkehr zu befriedigen." Das ist im Zweifel der Fall, wenn eine Mehrzahl der Beförderungsfälle eines Verkehrsmittels die gesamte Reiseweite von 50 Kilometer oder die gesamte Reisezeit von einer Stunde nicht übersteigt. Vor dem Hintergrund der verkehrspolitisch geförderten "Multimodalität" wird der ÖPNV zunehmend breiter definiert, indem auch "alternative Bedienformen", Taxen bis hin zu öffentlichen Fahrrädern und öffentlichen Autos als Teil eines neuen individualisierten ÖPNV gesehen werden.
Peer-to-Peer Peer-to-Peer (P2P) Verbindung (engl. peer für 'Gleichgestellter', 'Ebenbürtiger') und Rechner-Rechner-Verbindung sind synonyme Bezeichnungen für eine Kommunikation unter Gleichen, hier bezogen auf ein Rechnernetz. In einem reinen Peer-to-Peer-Netz sind alle Computer gleichberechtigt und können sowohl Dienste in Anspruch nehmen, als diese auch zur Verfügung stellen.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?446753

Gedruckt am Dienstag, 21. Mai 2019 10:56:01