Forschungsinformationssystem des BMVI

zurück Zur Startseite FIS

Supply Chain Risikomanagement

Erstellt am: 02.03.2015 | Stand des Wissens: 19.12.2019
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten

Die erhöhte Vernetzung von Unternehmen und die Bildung umfangreicher Supply Chains (Versorgungsketten) führen zu einer steigenden Abhängigkeit der Unternehmen untereinander. Treten in einer Supply Chain Störungen auf, so breiten sich die Effekte häufig über die gesamte Supply Chain aus, dass bedeutet sie betreffen Unternehmen, in denen die Störung selbst nicht auftrat. Eng verknüpfte Supply Chains sind folglich durch Risiken leicht verwundbar vor allem, wenn sie über sehr geringe Sicherheitsbestände verfügen [Kaju03, S. 109]. Um entsprechende Risiken für eine Supply Chain schnell und zielgerichtet zu erkennen und zu steuern, ist im letzten Jahrzehnt das Supply Chain Risikomanagement entstanden.

Risiko wir laut Schlegel und Trent 2015 [ScTr15] so beschrieben, dass eine Wahrscheinlichkeit besteht, so dass ein unbeabsichtigtes oder ungewolltes Ereignis zu einem unerwünschten Ausgang oder Ergebnis führt, wie zum Beispiel Verlust, Verletzungen, Schäden oder verpasste Möglichkeiten [ScTr15, S. 2]. Ein Supply Chain Risiko wiederum involviert mindestens zwei Unternehmen oder mehr und stellt eine potenzielle Störung oder Entwicklung, die durch unternehmensinterne oder externe Ursachen verursacht wird, dar [Went13, S. 27]. Diese Risiken können zu einer negativen Zielabweichung in der Supply Chain führen und damit negativen Einfluss auf die erfolgreiche Bedienung der Kundennachfrage [Went13, S. 27]. Störungen können auf Unternehmens- und Supply Chain Ebene auftreten und werden häufig wiederum als Faktoren verstanden, die die logistischen Ströme beeinträchtigen (zum Beispiel Ausfall einer Produktionsanlage). Risiken werden dabei hinsichtlich ihres Auftretens unterschieden. Es gibt interne Risiken, die von den beteiligten Akteuren der Supply Chain beeinflusst werden können und auch als leistungswirtschaftliche Risiken bezeichnet werden [Kaju03, S. 112]. Dazu gehören Störungen in den Material-, Waren- und Informationsflüssen, aber auch Lager-, Transport- und Produktionsrisiken sowie Risiken in der Informationstechnologie [Frei00; Paul00]. Finanzrisiken, wie beispielsweise Zahlungsunfähigkeit eines Lieferanten und Netzwerkrisiken (zum Beispiel Missbrauch vertraulicher Daten) zählen ebenfalls zu den internen Risiken. So standen zum Beispiel im August 2016 bei Volkswagen in Wolfsburg die Fließbänder still, da aufgrund von einem Streit mit zwei Zulieferern einige Bauteile nicht geliefert wurden. Von den internen Risiken werden externe Risiken unterschieden, die sich auf das Umfeld der Supply Chain beziehen. Sie können durch Streiks oder durch Wettbewerbsverhalten von Konkurrenten entstehen. Zu den externen Risikofällen zählen vor allem Naturkatastrophen [Kaju03, S. 112]. Der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull im Jahre 2010 legte fast den gesamten nord- und mitteleuropäischen Flugverkehr lahm [Blind10]. Die Hauptbetroffenen waren Fluggesellschaften und Reiseunternehmen, aber auch die produzierende Wirtschaft erlitt durch das Flugverbot einen erheblichen Schaden. Aber auch terroristische Anschläge zählen zu den externen Risiken.

Ziel ist es, die Risiken ganzheitlich über die komplette Supply Chain zu betrachten, zu erfassen und zu steuern [ChPe04, S. 9]. Zielabweichungen im Supply Chain Risiko Management werden anhand der Faktoren des strategischen Vierecks (Kosten, Zeit, Qualität, Flexibilität) entgegengewirkt [Went13, S. 32f.]. Ein weiteres Ziel des Supply Chain Risikomanagements ist ein geeignetes Wissensmanagement, durch das die Erfahrung der einzelnen Unternehmen einer Supply Chain gebündelt wird. So entstehen Lerneffekte, um Risiken besser antizipieren und diese dann effektiv und effizient abwenden zu können. Auch die Identifikation von Wechselbeziehungen der einzelnen Risiken zueinander ist eine Aufgabe. Sogenannte additive Risiken verursachen bei Eintritt keinen Schaden, jedoch kann dieser gravierend werden, wenn ein weiteres Risiko eintritt. Wenn beispielsweise eine Qualitätsprüfmaschine ausfällt, ist dies zunächst unproblematisch für die Supply Chain. Tauchen zur selben Zeit jedoch Qualitätsfehler auf, die nicht geprüft werden können, sind die Folgen schwerwiegend. Des Weiteren gibt es auch kumulative Risiken, die sich nach dem "Dominoeffekt" durch die gesamte Supply Chain hindurchziehen. Singulare Risiken hingegen weisen nur lokale Effekte auf [Ker09c; Kaju03]. Schließlich zielt das Supply Chain Risikomanagement auch auf eine Steigerung der Flexibilität der Versorgungskette ab. Da sich ändernde Anforderungen der Anspruchsgruppen einer Supply Chain ebenfalls als Risiko klassifizieren lassen, kann durch ein geeignetes Risikomanagement schneller auf Änderungen reagiert werden.
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Grundlagen des Supply Chain Management (Stand des Wissens: 07.03.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?439336
Literatur
[Blind10] SPIEGEL ONLINE GmbH, Blinda, Antje Vulkanausbruch auf Island, Aschewolke legt Flughafen Frankfurt lahm, 2010/04/16
[ChPe04] Christopher, Martin , Peck, Helen Building the Resilient Supply Chain, veröffentlicht in The International Journal of Logistics Management, 2004, Online-Referenz doi:10.1108/09574090410700275
[Frei00] Freidank, C.-C. Die Risiken in Produktion, Logistik und Forschung und Entwicklung, veröffentlicht in Praxis des Risikomanagements, 2000
[Kaju03] Kajüter, P. Instrumente zum Risikomanagement in der Supply Chain, veröffentlicht in Supply Chain Controlling in Theorie und Praxis: Aktuelle Konzepte und Unternehmensbeispiele, Ausgabe/Auflage Auflage 1., Gabler, 2003, ISBN/ISSN 3409124233
[Ker09c] Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten, Wolfgang Kersten Schlussbericht zum Projekt "Supply Chain Risk Management Navigator", 2009
[Paul00] Paulus, S. Risiken beim Einsatz von Informationstechnologie, veröffentlicht in Praxis des Risikomanagements, Stuttgart, 2000
[ScTr15] Schlegel, Gregory L., Trent, Robert J. Supply Chain Risk Management An Emerging Discipline, 2015, Online-Referenz doi:10.1201/b17531
[Went13] Wente, Insa Maren Supply Chain Risikomanagement: Umsetzung, Ausrichtung, und Projektpriorisierung , Eul Verlag / Lohmar, 2013, ISBN/ISSN 978-3-8441-0271-0
Glossar
Stakeholder Stakeholders sind alle internen und externen Personengruppen, die von den unternehmerischen Tätigkeiten gegenwärtig oder in Zukunft direkt oder indirekt betroffen sind. Gemäß Stakeholder-Ansatz wird ihnen - zusätzlich zu den Eigentümern (Shareholders) - das Recht zugesprochen, ihre Interessen gegenüber der Unternehmung geltend zu machen. Eine erfolgreiche Unternehmungsführung muss die Interessen aller Anspruchsgruppen bei ihren Entscheidungen berücksichtigen.
Supply Chain Als Supply Chain (Liefer- oder Wertschöpfungskette) bezeichnet man ein organisationsübergreifendes Netzwerk, welches als Gesamtsystem Güter für einen bestimmten Markt hervorbringt. Die heutigen Supply Chains sind aufgrund der Vielzahl von beteiligten Zulieferern, Dienstleistern und Kunden - die wiederum an anderen Supply Chains beteiligt sein können - sehr komplexe, interdependente Gebilde. Treffender müsste daher eine Supply Chain, aufgrund der häufig vorkommenden netzwerkartigen Struktur der zusammenarbeitenden Unternehmen, als "Supply Network" bezeichnet werden.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?444259

Gedruckt am Donnerstag, 24. September 2020 06:06:21