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Zielgruppenspezifisches Mobilitätsmanagement

Erstellt am: 09.09.2014 | Stand des Wissens: 11.07.2019
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Das Mobilitätsmanagement (MM) verfolgt das Ziel, Einstellungen und Verhaltensweisen von Verkehrsteilnehmern zugunsten eines nachhaltigen Verkehrs zu beeinflussen und damit zu ändern. Für die Akteure des MM bedeutet das geeignete Zielgruppen zu identifizieren, sodass MM-Maßnahmen und der damit verbundene Mitteleinsatz effizient umgesetzt beziehungsweise eingesetzt werden [BMVBS09w]. Als Akteur spielt der Verkehrsteilnehmer daher eine passive Rolle. Das zielgruppenspezifische MM ist eng verbunden mit den kommunalen MM [ZNRW16].
Als Zielgruppe kann die Gesamtheit aller Personen bezeichnet werden, die von einer MM-Maßnahme angesprochen werden sollen. Diese Personen befinden sich oft in einer vergleichbaren Lage, beispielsweise Schüler einer Jahrgangsstufe oder Beschäftigte eines Betriebes. Üblich im Zusammenhang mit dem MM ist eine Abgrenzung der Zielgruppe nach soziodemografischen Merkmalen, unter anderem Alter, Geschlecht, Familienstand, Haushaltsgröße und Erwerbsstatus [Lou13]. Räumliche und institutionelle Merkmale werden dabei ebenfalls berücksichtigt. Hinsichtlich der Ansätze zur Bildung von Zielgruppen im Mobilitätsbereich soll auf die Literatur verwiesen werden [HuHa12].
Im Zusammenhang mit Maßnahmen des MM sind folgende Zielgruppen denkbar:
  • Neubürger,
  • Touristen,
  • Mieter,
  • Beschäftigte eines Betriebes,
  • Schüler und Studierende,
  • Senioren,
  • Kinder und Jugendliche,
  • Migranten und
  • Familien.
Ein entscheidender Bestandteil des zielgruppenspezifischen Mobilitätsmanagements ist ein individualisiertes Marketing, welches zum Beispiel für die Zielgruppe der Neubürger beim Neubürgermarketing genutzt wird [Lou13].
Im Zusammenhang mit einem Umzug orientieren sich Menschen neu und sind eher offen für Veränderungen ihres Verkehrsverhaltens [Lang09; RWTH09]. Hier setzt das Neubürgermarketing an, ein zentrales Instrument des kommunalen MM. Mit gezielten Kampagnen soll eine Veränderung des Verkehrsverhaltens angeregt werden. Bestandteile dieser Kampagnen sind zumeist
Neubürgerkampagnen wurden beispielsweise in Frankfurt/Main, Aachen, Stuttgart, Halle/Saale und München durchgeführt und versuchen die verkehrlichen Auswirkungen mittels Evaluation zu ermitteln [RWTH09; Lou13].
"Ziel des schulischen Mobilitätsmanagements ist es, durch gezielte Lernangebote im Unterricht, Lernprozesse anzuregen, die zu einer umweltbewussten und sozial verträglichen Mobilität führen" [Lou13].
Das schulische MM kann in drei Handlungsfelder gegliedert werden [ivm13]:
  • Infrastruktur und Verkehrsregelung,
  • Verkehrserziehung und Mobilitätsbildung,
  • Organisation und Information.
Im schulischen MM werden unterschiedliche Akteure einbezogen. Die wichtigsten Gruppen von Akteuren sind:
  • Gemeinden und Kreise,
  • Schulen und Schulbehörden,
  • Polizei
  • Verbände und Institutionen.
Beispiele für konkrete Maßnahmen sind unter anderem [ivm13; REUT2014]:
  • Organisation und Optimierung von Schulwegen,
  • Organisation von Geh- und Radfahrgemeinschaften,
  • Schaffen von Fahrradabstellanlagen, Elternhaltestellen,
  • schulbezogene ÖPNV-Informationen,
  • Fahrradsicherheitskampagnen.
Das Mobilitätsmanagement für Touristen unterscheidet einerseits die Reise an sich und andererseits das Mobilitätsverhalten im Zielgebiet. Für die Reise tritt der Reiseveranstalter als ein Akteur in Erscheinung. Im Zielgebiet übernehmen dann die touristischen Einrichtungen, Verkehrsunternehmen beziehungsweise -verbünde sowie die Kommunen selbst [Lou13]. Das Ziel des MM für Touristen besteht darin, verkehrliche und touristische Angebote zu koordinieren und effektiv zu vermarkten. Der Zugang zur Zielgruppe der Touristen ist einfach, da sie sich wie die Neubürger in einer nicht alltäglichen beziehungsweie ungewohnten Situation befinden, die habitualisiertes Verkehrsverhalten aufbrechen lässt und damit öffnet für neue Ansätze. Als Maßnahmen zugunsten der Nutzung des ÖPNVs kommen beispielsweise Kombitickets oder ÖPNV-Touristenkarten in Frage.
Als Maßnahmen kommen zum Beispiel:
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Literatur
[BMVBS09w] TÜV Rheinland Consulting GmbH Urbane Mobilität - Verkehrsforschung des Bundes für die kommunale Praxis, veröffentlicht in direkt, Ausgabe/Auflage Heft 65, Wirtschaftsverlag NW, Verlag für neue Wissenschaft GmbH, 2009, ISBN/ISSN 978-3-8509-880-1
[Lang09] Armin Langweg ÖPNV-Marketing für Zuzügler, veröffentlicht in Bericht 51 Stadt Region Land, 2009, ISBN/ISSN 47833883541563
[Lou13] Conny Louen Wirkungsabschätzung von Mobilitätsmanagement
Ansatzpunkte zur Modellierung & Ableitung von Potentialen und Wirkungen am Beispiel des betrieblichen Mobilitätsmanagements, 2013/11, ISBN/ISSN 978-3-88354-166-2
[REUT2014] Ulrike Reutter Mobilitätsmanagement: ein Beitrag zur Gestaltung einer nachhaltigen Mobilität, veröffentlicht in Handbuch der kommunalen Verkehrsplanung, Ausgabe/Auflage 69. Ergänzungs-Lieferung, Herbert Wichmann Verlag, 2014/05, ISBN/ISSN 978-3-87907-400-6
[RWTH09] Institut für Stadtbauwesen und Stadtverkehr, RWTH Aachen, Sebastian Bamberg Dialogmarketing für Neubürger, 2009
[ZNRW16] Zukunftsnetz Mobilität NRW (Hrsg.) Kosteneffizienz durch Mobilitätsmanagement - Handbuch für die kommunale Praxis, 2016/10/05
Weiterführende Literatur
[HuHa12] Marcel Hunecke, Sonja Haustein Methoden der empirischen Sozialforschung zur Identifikation von Zielgruppen für umweltfreundliche Mobilitätsangebote, veröffentlicht in Mobilitätsmanagement. Wissenschaftliche Grundlagen und Wirkungen in der Praxis, Ausgabe/Auflage 1. Auflage 2012, Klartext-Verlag, 2012, ISBN/ISSN 9783837504743
[ivm13] Volker Blees, Jens Vogel, Greta Wieskotten Schulisches Mobilitätsmanagement
Sichere und nachhaltige Mobilität für Kinder und Jugendliche, veröffentlicht in Schriftenreihe der ivm, Ausgabe/Auflage 1. Auflage, 2013, ISBN/ISSN 978-3-9816181-0
Glossar
Bike Sharing Der Begriff Bike Sharing stammt aus dem Englischen und kann in etwa mit der Bedeutung „Fahrradverleih“ übersetzt werden. Er beschreibt die organisierte, gemeinschaftliche Nutzung von Fahrrädern, die in der Regel von Unternehmen, Kommunen oder Kommunalverbänden bereitgestellt werden. Die Fahrräder stehen an öffentlich zugänglichen Stellplätzen zur Verfügung. Die Fahrräder können dabei an einer Station ausgeliehen und an einer anderen zurückgegeben werden. Dieses System ist besonders für die kurzfristige Nutzung der gegen ein Entgelt zur Verfügung gestellten Räder im urbanen Raum ausgelegt. Das Ziel ist, dass die Fahrräder möglichst vielen Nutzern pro Tag zur Verfügung stehen. Daher ist meist die erste halbe Stunde des Verleihs besonders günstig. Für eine längere Leihperiode bieten reguläre Fahrradvermieter jedoch meist die besseren Angebote.
Umweltverbund
Unter dem Begriff Umweltverbund wird die Kooperation der umweltfreundlichen Verkehrsmittel verstanden. Hierzu zählen die öffentlichen Verkehrsmittel (Bahn, Bus und Taxis), nicht motorisierte Verkehrsträger (Fußgänger und private oder öffentliche Fahrräder), sowie Carsharing und Mitfahrzentralen. Ziel ist es, Verkehrsteilnehmern zu ermöglichen, ihre Wege innerhalb des Umweltverbunds, anstatt mit dem eigenen Pkw, zurückzulegen. Zunehmend wird der Begriff Mobilitätsverbund genutzt.
Carsharing
Der Begriff CarSharing stammt aus dem Englischen (car= Auto, to share= teilen) und kann sinngemäß mit der Bedeutung "Auto teilen" übersetzt werden. Er beschreibt die organisierte, gemeinschaftliche Nutzung von Kraftfahrzeugen, die meist von Unternehmen gegen Gebühr bereitgestellt werden.
Durch einen Rahmenvertrag oder eine Vereinsmitgliedschaft erhalten Kunden flexiblen Zugriff auf alle Kfz eines Anbieters. Die Fahrzeuge können über eine Webseite oder über eine Smartphone-App gebucht werden. Geöffnet werden sie in der Regel mit Hilfe von Chipkarten oder durch einen über die Smartphone-App vermittelten Zugangscode .
Bei dem System des stationsbasierten CarSharing stehen die Fahrzeuge auf reservierten Stellplätzen und werden nach der Nutzung auch wieder dorthin zurückgebracht. Ein anderes Modell ist das free-floating CarSharing. Hier stehen die Fahrzeuge in einem definierten Operationsgebiert verteilt. Sie können per Smartphone geortet werden und nach der Nutzung auf einem beliebigen Stellplatz innerhalb des Operationsgebiets zurückgegeben werden.
Öffentlicher Personennahverkehr
Der öffentliche Personennahverkehr ist juristisch im Personenbeförderungsgesetz (PBefG) definiert. Laut Paragraf 8, Absatz 1 und 2 umfasst der ÖPNV "die allgemein zugängliche Beförderung von Personen mit Straßenbahnen, Obussen und Kraftfahrzeugen im Linienverkehr, die überwiegend dazu bestimmt sind, die Verkehrsnachfrage im Stadt-, Vorort- oder Regionalverkehr zu befriedigen". Taxen oder Mietwagen können dieses Angebot ersetzten, ergänzen oder verdichten.
Der Begriff ÖPNV bezieht sich in der Regel auf Strecken mit einer gesamten Reiseweite von weniger als 50 Kilometern oder einer gesamten Reisezeit von weniger als einer Stunde. Das in einer Stadt oder Region erforderliche Nahverkehrsangebot und dessen Eignung hinsichtlich Nachhaltigkeit und Klimaschutz wird in einem Nahverkehrsplan definiert und festgehalten.
Elektromobilität
Die Elektrifizierung der Antriebe durch Batterie- und Brennstoffzellentechnologien. Im Kontext des "Nationalen Entwicklungsplans Elektromobilität" wird der Begriff auf den Straßenverkehr begrenzt. Hierbei handelt es sich insbesondere um Personenkraftwagen (Pkw) und leichte Nutzfahrzeuge, ebenso werden aber auch Zweiräder (Elektroroller, Elektrofahrräder) und Leichtfahrzeuge einbezogen.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?437202

Gedruckt am Dienstag, 29. November 2022 05:17:04