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Lange Güterzüge: Nutzenpotenziale und Umsetzungshemmnisse

Erstellt am: 01.09.2014 | Stand des Wissens: 11.12.2019
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Maritime Logistik, Prof. Dr.-Ing. C. Jahn

Der Einsatz von sogenannten [über]langen oder längeren Güterzügen mit einer Gesamtzuglänge von über 740 Metern (Abbildung 1) stellt in der Bundesrepublik Deutschland noch eine Ausnahme dar. Jedoch sind verschiedene Akteure seit etwa 2006 damit beschäftigt, ihre infrastrukturellen, fahrzeugtechnischen, betrieblichen sowie rechtlichen Einsatzmöglichkeiten und Potenziale in zahlreichen Forschungsvorhaben (Projektreihe "Längere Güterzüge" mit 835 Meter, 1.000 Meter beziehungsweise 1.500 Meter langen Güterzügen, oder kurz GZ 1000 beziehungsweise GZ 1500) und den damit verbundenen Feldversuchen zu untersuchen. Zu den wichtigsten Akteuren gehören das Eisenbahninfrastrukturunternehmen (EIU) DB Netz AG, das Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) DB Schenker Rail Deutschland AG sowie staatliche Einrichtungen wie das Eisenbahn-Bundesamt (EBA), die Bundesnetzagentur für Elektrizität, Gas, Telekommunikation, Post und Eisenbahnen (BNetzAG) oder auch das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi).

Abb1.jpgAbb. 1: Betriebssimulation eines etwa 800 Meter langen Güterzugs auf dem Eisenbahn-Betriebs- und Experimentierfeld (EBuEf) der TU Berlin (Quelle: TU Berlin, Fachgebiet Schienenfahrwege und Bahnbetrieb, Heiko Herholz)
In Deutschland ist die derzeit zulässige Gesamtzuglänge (Triebfahrzeug[e] plus Wagenzuglänge) auf 740 Meter beschränkt (Abbildung 2). Die Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung (EBO) regelt in Paragraph 34 Absatz 8 zusammen mit der Richtlinie 408.01-09 (Züge fahren und Rangieren) der DB Netz AG die aktuell geltende Zuglängenbeschränkung, schreibt jedoch die innere Zusammensetzung eines Güterzuges nicht vor. Diese können daher mit einem oder mehreren (zum Beispiel verteilte beziehungsweise doppelte Traktion) Triebfahrzeugen gefahren werden. Neben diesen betrieblich bedingten, rechtlichen Restriktionen begrenzt die gegebene Gleis- und Betriebsinfrastruktur die tatsächlich mögliche Gesamtzuglänge beispielsweise durch die vorgegebenen Längen für Überhol-, Ausweich- oder auch Rangiergleise auf einen Wert, der deutlich unter dem liegt, der möglich ist (zum Beispiel Ostdeutschland: 640 Meter).

Abb2.jpgAbb. 2: Darstellung der Gesamt- und Wagenzuglänge (Quelle: TU Berlin, Fachgebiet Schienenfahrwege und Bahnbetrieb, eigene Darstellung)
Ziel der Verlängerung der praktisch fahrbaren Güterzüge ist es, die Wettbewerbsfähigkeit des Schienengüterverkehrs im intramodalen Wettbewerb etwa gegenüber der Binnenschifffahrt oder dem Straßengüterverkehr zu stärken. Durch die beabsichtigte Ausweitung der Gesamtzuglänge auf 1.000 beziehungsweise sogar 1.500 Meter für Güterzüge in Deutschland soll eine Steigerung der Transportmenge bei gleichzeitiger Senkung der Produktionskosten (unter anderem Einsparung von Triebfahrzeugen und Lokpersonal) und des Energieverbrauchs erreicht werden. Der effizientere Einsatz von Güterzügen und die damit verbundenen moderaten Investitionskosten für die Strecken- und Fahrzeugertüchtigung soll die Rentabilität des Schienengüterverkehrs - zumindest - auf den Hauptkorridoren erhöhen.
Der Einsatz [über]langer Güterzüge ist besonders im Bereich der Korridore des Seehafenhinterlandverkehrs (Anbindung Rotterdam, Hamburg oder Rostock) und auf den Transitrouten des Transeuropäischen Verkehrsnetzes, TEN-V, sinnvoll. Sie sind vor allem als Direktzug im Kombinierten Verkehr (zum Beispiel Containerverkehre) oder auch als Ganzzug in den Marktsegmenten des Massengut- (Kohle, Erze, Baustoffe, Automobiltransport und weitere) und Containerverkehrs produktiv und damit rentabel. Werden sie innerhalb dieser Relationen effizient eingesetzt, ist innerhalb des jährlichen Gesamtgüterverkehrsaufkommens eine Verlagerung von bis zu 2 Millionen Tonnen von der Straße und vom Binnenschiff auf die Schiene möglich. Weitere Vorteile, die durch den Einsatz langer Güterzüge entstehen, sind:
  • Erhöhung der Netzauslastung
  • Gesteigerte Produktivität bei sinkenden Betriebskosten
  • Sinkender Energieverbrauch
  • Bedienung der immer höher werdenden Nachfrage im Schienengüterverkehr
Insbesondere das Vorhaben, die bestehende Strecken- und Betriebsinfrastruktur (Gleisabschnitte, Zugbildungsanlagen, Bahnhöfe, Leit- und Sicherungstechnik) sowie das vorhandene Rollmaterial (Triebfahrzeuge und Güterwagen) für den Einsatz langer Güterzüge zu nutzen, mündet in konzeptbedingte Fragestellungen, die spezifische technologische wie auch betriebliche Maßnahmen erfordern (unvollständige Aufzählung):

  • Einsatz von [halb]automatischen Mittelpufferkupplungen (MPK) sowie verteilte Traktions- und Bremssteuerung (VTBS) zur Verringerung der sogenannten Zuglängsdynamik
  • Ertüchtigung und Ausbau der Schieneninfrastruktur, um geeignete Betriebs- und Zugbildungsmöglichkeiten zu schaffen

Lange und überlange Güterzüge werden derzeit vor allem im Ausland (zum Beispiel Australien, Nordamerika) wirtschaftlich eingesetzt. Dort sind Zuglängen zwischen 2 und 4 Kilometern keine Seltenheit. In Frankreich wird aktuell im Rahmen des EU-Forschungsprojektes MARATHON (MAke RAil The Hope for protecting Nature) der Einsatz von 1.500 Meter langen Güterzügen auf den AFPL-Strecken (autoroute ferroviaire Perpignan-Luxembourg) getestet - mit großem Erfolg [IRJ15a].
In Deutschland verkehren lediglich auf den Strecken Maschen - Padborg sowie Hohe Schaar (Hafen Hamburg) - Padborg [DBNe15a]. Züge mit bis zu 1000 Metern Länge wurden auf der Strecke Oberhausen - Amsterdam erfolgreich getestet. Weitere Tests mit bis zu 1500 Meter langen Zügen sind geplant [FAZ13].
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Maritime Logistik, Prof. Dr.-Ing. C. Jahn
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Lange Güterzüge: Nutzenpotenziale und Umsetzungshemmnisse (Stand des Wissens: 17.12.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?436768
Literatur
[ApS16c] Allianz pro Schiene e.V. (Hrsg.) Überblick: Wie der Güterzug länger werden kann, 2016/08/30
[DBNe15a] Seit 2016 verkehren 835 m lange Güterzüge auch aus dem Hamburger Hafen, 2016
[FAZ13] 1500 Meter lange Güterzüge , 2013/01/02
[IRJ15a] Keith Barrow Marathon sets the pace for longer freight trains, 2015/04/29
Glossar
Eisenbahninfrastrukturunternehmen Eisenbahninfrastrukturunternehmen (EIU) ist ein Rechtsbegriff des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG). Gemäß § 2 Abs. 1 AEG sind Eisenbahninfrastrukturunternehmen öffentliche Einrichtungen oder privatrechtlich organisierte Unternehmen die eine Eisenbahninfrastruktur betreiben.
Schienengüterverkehr
Unter Schienengüterverkehr (SGV) wird der Transport von Gütern mit der Eisenbahn verstanden. Diese werden in Güterzügen unter Verwendung (spezieller) Güterwagen befördert. Diese Verkehre können entweder auf gesonderten Güterverkehrsstrecken oder im Mischverkehr, auf gemeinsam durch den Güter- und Personenverkehr genutzten Strecken, realisiert werden. Leistungen des Schienengüterverkehrs werden häufig als Teil einer Logistikkette in logistische Gesamtkonzepte eingebunden.
Traktion Unter Traktion versteht man im Schienenverkehrsbereich die kraftgetriebene Fortbewegung von Triebfahrzeugen. Bei der Art des Antriebssystems unterscheidet man heutzutage i. d. R. Triebfahrzeuge mit dieselelektrischen oder -hydraulischen bzw. rein elektrischen Aggregaten zur Kraftübertragung (auch: Diesel- bzw. Elektrotraktion).  Die Traktionsart Dampf wird hierzulande nur noch im Bereich von Museumsbahnen eingesetzt. Mehrere gekoppelte Triebfahrzeuge bilden eine sog. Mehrfachtraktion. Üblicherweise werden diese nach der Anzahl der eingesetzten Triebfahrzeuge benannt (z. B. Doppel- oder Dreifachtraktion).
Trans-European Transport Network Das Trans-European Transport Network, TEN-T (dt. Transeuropäisches Verkehrsnetz, kurz TEN-V) ist ein Teilnetz der sog. Trans-European Networks, TEN (dt. Transeuropäische Netze, kurz TEN). Zu diesen zählen neben den Verkehrsnetzen bspw. auch Netzwerke der Telekommunikation oder der Energieversorgung.
Leit- und Sicherungstechnik
Unter dem Begriff der Leit- und Sicherungstechnik (LST) werden technische Maßnahmen zusammengefasst, die getroffen werden, um einen sicheren, meist signalgeführten Eisenbahnbetrieb durchzuführen. Sie regelt die gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen den Anlagen, den Signalen und den Fahrzeugen, die zur sicheren Durchführung von Zug- und anderen Fahrten notwendig sind. Wichtigster Bestandteil der LST ist die Stellwerkstechnik, mit Hilfe derer das Stellen von Weichen und Signalen sowie die Sicherung von Fahrstraßen erfolgt. Zur LST gehört auch die Zugbeeinflussung (z. B. PZB, LZB, ETCS).
Seehafenhinterlandverkehr Als Seehafenhinterlandverkehr werden im Allgemeinen der Zu- und Ablaufverkehr der Seehäfen mit den Verkehrsträgern Straße, Schiene und Binnen- bzw. Küstenschiff zu den Wirtschaftszentren im Binnenland bezeichnet.
Kombinierter Verkehr
Intermodaler Verkehr, bei dem der überwiegende Teil der in Europa zurückgelegten Strecke mit der Eisenbahn, dem Binnen- oder Seeschiff bewältigt und der Vor- und Nachlauf auf der Straße so kurz wie möglich gehalten wird.
Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung Die Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung (EBO) ist eine Verordnung für den Bau und Betrieb regelspuriger Eisenbahnen in Deutschland. Sie gilt nicht für den Bau, den Betrieb oder die Benutzung der Bahnanlagen eines nichtöffentlichen Eisenbahninfrastrukturunternehmens.
Eisenbahn-Bundesamt Das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) ist Aufsichts- und Genehmigungsbehörde für die Eisenbahnen des Bundes und Eisenbahnunternehmen mit Sitz im Ausland für das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland. Es nimmt darüber hinaus die Landeseisenbahnaufsicht über die nichtbundeseigenen Eisenbahnen auf Weisung und Rechnung von 13 Bundesländern für diese wahr.
Betriebskosten Betriebskosten sind laufende Aufwendungen, die im Zusammenhang mit der Erbringung von Verkehrsleistungen entstehen. Hierzu zählen bspw. Aufwendungen für Energie, Personal, Trassen- oder Mautgebühren.
EVU Eisenbahnverkehrsunternehmen
Triebfahrzeug
Ein Triebfahrzeug (Tfz) ist ein einzelnes Regeleisenbahnfahrzeug mit einem eigenen Fahrzeugantrieb (Lokomotiven, Triebwagen). Eine Sonderform bilden Triebköpfe, die in einem fest gekoppelten Triebzug zusammen mit antriebslosen Mittel- und Steuerwagen betrieben werden. Lokomotiven kommen normalerweise im Verbund mit gekoppelten Reisezug- oder Güterwagen zum Einsatz. Triebwagen sowie auch Triebzüge werden als gekoppelten Einheiten gleichen Typs in sogenannten Triebwagenzügen eingesetzt. Weitere Tfz sind Kleinlokomotive und selbstfahrende Nebenfahrzeuge.
Ganzzug Ein Ganzzug ist ein Güterzug, dessen Ladung ohne Zwischenbehandlung vom Versand- zum Empfangsbahnhof befördert wird. Dabei erfolgen beim sog. Ganzzugverkehr (GZV) sowohl die Übergabe durch den Versender als auch die empfängerseitige Übernahme des gesamten Zuges in geschlossener, unveränderter Wagenzusammenstellung.
BMWi Das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie erarbeitet Rahmenbedingungen zur Stärkung der Robustheit und Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland.
Eisenbahnverkehrsunternehmen Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) sind öffentliche Einrichtungen oder privatrechtlich organisierte Unternehmen, die Eisenbahnverkehrsleistungen erbringen. "Eisenbahnverkehrsunternehmen" stellt einen europarechtlichen Begriff dar, welcher durch nationales Recht in Form von § 2 (1) des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG) konkretisiert wird.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?436690

Gedruckt am Donnerstag, 13. August 2020 02:23:30