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Energieverbrauchsreduktion

Erstellt am: 01.09.2014 | Stand des Wissens: 31.01.2019
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Maritime Logistik, Prof. Dr.-Ing. C. Jahn

Unter bestimmten Voraussetzungen kann durch den Einsatz von [über]langen Güterzügen - neben der Senkung der emittierten Luftschadstoffe - auch die für die Traktion jeweils notwendige Strom- oder Dieselkraftstoffmenge reduziert werden. Das kann bei einem fahrenden, überlangen Güterzug im Bereich seiner Aerodynamik, Traktion und Bremsen in Form
  • einer Verringerung des - im Vergleich zu herkömmlichen Güterzügen - Rollwiderstands (günstigeres Verhältnis von Lok- zu Wagenanzahl),
  • einer entfallenden frontalen Luftwiderstandsfläche (Einsatz eines anstatt zweier Güterzüge),
  • einer Reduktion der Oberflächenzerklüftung (Einsatz gleicher Wagen[oberflächen] in Ganzzügen; Abbildung 1) beziehungsweise
  • eines Einsatzes von elektropneumatischen Bremssystemen geschehen [Stuh13a, S. 171].

Abb. 1: Homogener Erzzug im Mittelrheintal mit E-Lok BR 185-DoppeltraktionAbbildung 1: Homogener Erzzug im Mittelrheintal mit E-Lok BR 185-Doppeltraktion (Quelle: Deutsche Bahn AG Konzern, Wolfgang Klee)

Neben den bereits erwähnten fahrzeugtechnischen Ansatzpunkten können ebenso betriebliche Aspekte zu einer Verringerung des Treibstoffeinsatzes beitragen. So verringert beispielsweise der Betrieb von überlangen Ganz[güter]zügen im Bereich des Kombinierten Verkehrs (KV) - im Vergleich zum sogenannten Einzelwagenverkehr - den Rangieraufwand (Einsparung von Brems-/Anfahrvorgängen) beziehungsweise die Anzahl der Unterwegshalte. Im Bereich der Zugbildung und -bereitstellung in Rangierbahnhöfen kann unter anderem auch der Einsatz von automatischen Kupplungen (AK) den Rangierprozess durch Beschleunigung der Kupplungsvorgänge [energie]effizienter gestalten [Stuh13a, S. 171 f.].

Die Bewertung entsprechender Verbrauchsminderungseffekte zeigt hingegen kein einheitliches Bild. Während die Union Internationale des Chemins de fer (UIC) überlangen Güterzügen kein Einsparpotenzial bescheinigt, war der amerikanische Fahrzeughersteller GE Transportation bereits früh - unter Annahme bestimmter Randbedingungen - von der Wirksamkeit der Treibstoffreduktion langer Güterzüge mit verteilter Traktion überzeugt. GE Transportation zufolge läge die unmittelbar damit verbundene Emissionsverringerung bei etwa 5 Prozent [UIC02i; Hall07, S. 12]. Carrillo Zanuy konnte bei Untersuchungen im Rahmen des an der TU Berlin durchgeführten EU-Forschungsprojekts "VEL-Wagon" (Versatile, Efficient and Longer Wagon for European Transportation) nachweisen, dass der Energieverbrauch bei zwei, mit identischem Transportauftrag versehenen, bis zu 600 Meter langen Güterzügen bei demjenigen um bis zu 17 Prozent niedriger sein kann, der unter anderem eine geringere Oberflächenzerklüftung aufweist [CaSt12, S. 22].
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Technische Universität Hamburg, Institut für Maritime Logistik, Prof. Dr.-Ing. C. Jahn
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Lange Güterzüge: Nutzenpotenziale und Umsetzungshemmnisse (Stand des Wissens: 12.03.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?436768
Literatur
[CaSt12] Carrillo-Zanuy, Armando, Stolz, Simon Effizienzsteigerung im KV: Das Projekt VEL-Wagon, veröffentlicht in Eisenbahntechnische Rundschau, Ausgabe/Auflage 03/2012, DVV Media Group GmbH, Hamburg, 2012/03, ISBN/ISSN 0013-2845
[Hall07] Edward Hall Emissions and Energy Efficiency in Rail Transport: A GE Perspective, 2007/09/21
[Stuh13a] Stuhr, J. Untersuchung von Einsatzszenarien einer automatischen Mittelpufferkupplung, Berlin, 2013/02/26
[UIC02i] o. A. Radio-controlled double traction in freight trains, 2002
Glossar
Rangierbahnhof Der Rangierbahnhof (Rbf) ist ein wichtiges (Infrastruktur-)Element im Produktionssystem des Schienengüterverkehrs und gehört, wie auch der Knotenpunktbahnhof, als Betriebsbahnhof zur Gruppe der Zugbildungsbahnhöfe. Zentraler Bestandteil eines Rbf sind die sog. Zugbildungsanlagen (ZBA), die - vornehmlich im Einzelwagenverkehr - der Auflösung und Neuzusammenstellung von Güterzügen und Wagen(-Gruppen) dienen.
Traktion Unter Traktion versteht man im Schienenverkehrsbereich die kraftgetriebene Fortbewegung von Triebfahrzeugen. Bei der Art des Antriebssystems unterscheidet man heutzutage i. d. R. Triebfahrzeuge mit dieselelektrischen oder -hydraulischen bzw. rein elektrischen Aggregaten zur Kraftübertragung (auch: Diesel- bzw. Elektrotraktion).  Die Traktionsart Dampf wird hierzulande nur noch im Bereich von Museumsbahnen eingesetzt. Mehrere gekoppelte Triebfahrzeuge bilden eine sog. Mehrfachtraktion. Üblicherweise werden diese nach der Anzahl der eingesetzten Triebfahrzeuge benannt (z. B. Doppel- oder Dreifachtraktion).
Einzelwagenverkehr Der Einzelwagenverkehr (EWV; auch Wagenladungsverkehr, WLV) ist der Transport einzelner Güterwagen(-Gruppen) in speziell für deren jeweiligen Transportweg zusammengestellten Güterzügen. Die Güterwagen mit verschiedenen Versendern und Empfängern werden dabei in sog. Zugbildungsbahnhöfen (Zbf) zu einzelnen Güterzügen zusammengefasst.
Automatische Kupplung Die automatische Kupplung (AK) ist eine selbsttätige Vorrichtung zum Verbinden von Schienenfahrzeugen. Man unterscheidet dabei halbautomatische Kupplungen, mit denen nur selbsttätiges Kuppeln (verbinden zweier Wagen) möglich ist, von den vollautomatischen Kupplungen. Letztere können selbsttätig sowohl kuppeln als auch entkuppeln. Bei AK ist zusätzlich auch das [ent]kuppeln der Brems- und Steuerleitung möglich.
Kombinierter Verkehr
Intermodaler Verkehr, bei dem der überwiegende Teil der in Europa zurückgelegten Strecke mit der Eisenbahn, dem Binnen- oder Seeschiff bewältigt und der Vor- und Nachlauf auf der Straße so kurz wie möglich gehalten wird.
Ganzzug Ein Ganzzug ist ein Güterzug, dessen Ladung ohne Zwischenbehandlung vom Versand- zum Empfangsbahnhof befördert wird. Dabei erfolgen beim sog. Ganzzugverkehr (GZV) sowohl die Übergabe durch den Versender als auch die empfängerseitige Übernahme des gesamten Zuges in geschlossener, unveränderter Wagenzusammenstellung.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?436610

Gedruckt am Freitag, 20. September 2019 07:53:35