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Beabsichtigte Ausweitung zulässiger Gesamtzuglängen sowie hierdurch erzielbare Nutzeneffekte

Erstellt am: 01.09.2014 | Stand des Wissens: 31.01.2019
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Maritime Logistik, Prof. Dr.-Ing. C. Jahn

Im Rahmen der Projektreihe "Längere Güterzüge" führt die DB Systemtechnik seit 2006 zusammen mit verschiedenen Partnern im Auftrag des Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) Feldversuche und Erprobungen [über]langer Güterzüge mit Gesamtzuglängen von 835 Meter (Regelbetrieb Padborg - Maschen seit 2012 und Padborg - Hohe Schaar (Hafen Hamburg) seit 2016), 1.000 Meter (GZ 1000) und 1.500 Meter (GZ 1500) durch. Dabei sollen die Möglichkeiten einer Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit des Schienengüterverkehrs durch eine wirksame Erhöhung seiner Produktivität und somit Rentabilität aufgezeigt und untersucht werden. Ziel ist es, durch eine effizientere Nutzung der vorhandenen Infrastruktur (Streckennetz, Knoten[punkt]bahnhöfe) und Schienenfahrzeuge (Triebfahrzeuge, Wagen) beim Betrieb langer Güterzüge
  • die Transportmenge auf wichtigen Güterverkehrskorridoren zu steigern,
  • gleichzeitig eine damit verbundene Reduktion des Energieverbrauchs (Treibstoff/Fahrstrom) umzusetzen, um so
  • eine Senkung der Produktionskosten zu erreichen.
[Schu09b, S. 12 ff. ; DBNe15a]
Bei der Ausweitung des Betriebs von Güterzügen mit einer höheren Gesamtzuglänge als den derzeit in der Bundesrepublik Deutschland zulässigen 740 Meter [DBNAG12a, Modul 408.0711 Punkt 1] können folgende Aspekte als Vorteile und damit positiv ins Feld geführt werden:
  • Für Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) ergibt sich die Möglichkeit, die Produktionskosten je Tonnenkilometer durch die Einsparung von Zugfahrten und somit Trassenentgelten zu reduzieren.
  • EVU können je nach eingesetztem Triebfahrzeug mit nur einem Triebfahrzeugführer größere Güterverkehrsmengen wirtschaftlicher, weil kostengünstiger transportieren.
  • Für Eisenbahninfrastrukturunternehmen (kurz EIU, zum Beispiel. DB Rent GmbH) entstehen durch die eingesparten kurzen Güterzüge der EVU freie Trassenkapazitäten, die diese wiederum gewinnbringend verkaufen können.
  • Für das Gesamtsystem Schienen[güter]verkehr ergibt sich durch die Effizienzsteigerung ein womöglich weitreichender Imagegewinn im ökologischen und rentablen [Massen]güterverkehr (zum Beispiel Container-, Hafenhinterland-, Transit- beziehungsweise Interkontinentalverkehr).
  • Die Streckenertüchtigung von Bestandsstrecken des Mischverkehrs (beispielsweise Bau von Überholgleisen, Anpassung von Anschlussgleisen, Leit-/Sicherungstechnik) ist im Vergleich zum Neu- beziehungsweise Ausbau von reinen Güterverkehrskorridoren weniger kostenintensiv.
Als Nachteile des Betriebs überlanger Güterzüge können folgende Punkte angeführt werden:
Die Disposition von überlangen Güterzügen erfordert im bestehenden Produktionssystem des Güterverkehrs (zum Beispiel Einzelwagenverkehr) einen erhöhten Aufwand bei der Zugbildung beziehungsweise im Betrieb (Überholvorgänge, Bahnhofsdurchfahrten und weitere).
Fahrzeuge für lange Güterzüge müssen aufgrund der sogenannten Längsdynamik (Längskräfte innerhalb von sehr langen Zugverbänden) mit teuren automatischen Kupplungen, elektronisch gesteuerten pneumatischen Bremssystemen und ggf. unbemannten funkgesteuerten Mittellokomotiven ausgestattet werden.
Eine Auswertung der sich mittlerweile im Regelbetrieb befindlichen 835 Meter langen Güterzüge (Padborg - Maschen) sowie der bereits durchgeführten Feldversuche mit Fahrten von 1.000 Meter langen Demonstrator-Güterzügen auf der Betuwe-Linie hat gezeigt, dass die angestrebte Transportmengensteigerung von 45 Prozent (GZ 1000) beziehungsweise 100 Prozent (GZ 1500) durchaus im Bereich des Machbaren liegt [BMWI07b, S. 4; DBAG09p, S. 7; FiSc12, S. 43; Stuh13a, S. 154]. Hinsichtlich der Betriebskostenreduktion wurde beispielsweise im Vorfeld des GZ-1000-Projekts ein Einsparpotenzial von etwa 1,8 Millionen Euro pro Jahr prognostiziert [ITP10, S. 74, Abb. 7-4]. Für die Verbrauchsminderungseffekte zeichnet sich [derzeit] jedoch noch kein klares Bild ab. So weist eine Untersuchung der TU Berlin nach, dass beim Betrieb spezieller "VEL-Wagen" in bis zu 600 Meter langen Güterzügen theoretisch Energieeinsparungen von bis zu 17 Prozent möglich sind [BMWI07b, S. 22].
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Maritime Logistik, Prof. Dr.-Ing. C. Jahn
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Lange Güterzüge: Nutzenpotenziale und Umsetzungshemmnisse (Stand des Wissens: 12.03.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?436768
Literatur
[BMWI07b] o.A. GZ 1000 - Betrieb mit längeren Güterzügen, Berlin, 2007
[DBAG09p] o. A. "GZ1000" soll Platz für mehr Güter schaffen, veröffentlicht in NetzNachrichten, Ausgabe/Auflage 1/2009, Frankfurt am Main, 2009/03
[DBNAG12a] DB Netz AG, Schneider, A., Homeyer, D., Enders, D. Richtlinie 408.01 - 09 "Züge fahren und Rangieren", 2012/12/01
[DBNe15a] Seit 2016 verkehren 835 m lange Güterzüge auch aus dem Hamburger Hafen, 2016
[FiSc12] Fiedler, Joachim, Scherz, Wolfgang Bahnwesen - Planung, Bau und Betrieb von Eisenbahnen, S-, U-, Stadt- und Straßenbahnen, Werner Verlag, Köln, 2012
[ITP10] Schubert, Markus, Pohl, Michael, Bauer, Stephan, Fischer, Thomas Projekt "Langstreckenverkehre optimieren"
Schlussbericht, 2010/10
[Schu09b] Schulte-Werning, B. Entwicklungsperspektiven für effektivere Zugauslastung, Duisburg, 2009/04/20
[Stuh13a] Stuhr, J. Untersuchung von Einsatzszenarien einer automatischen Mittelpufferkupplung, Berlin, 2013/02/26
Glossar
Eisenbahninfrastrukturunternehmen Eisenbahninfrastrukturunternehmen (EIU) ist ein Rechtsbegriff des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG). Gemäß § 2 Abs. 1 AEG sind Eisenbahninfrastrukturunternehmen öffentliche Einrichtungen oder privatrechtlich organisierte Unternehmen die eine Eisenbahninfrastruktur betreiben.
Schienengüterverkehr
Unter Schienengüterverkehr (SGV) wird der Transport von Gütern mit der Eisenbahn verstanden. Diese werden in Güterzügen unter Verwendung (spezieller) Güterwagen befördert. Diese Verkehre können entweder auf gesonderten Güterverkehrsstrecken oder im Mischverkehr, auf gemeinsam durch den Güter- und Personenverkehr genutzten Strecken, realisiert werden. Leistungen des Schienengüterverkehrs werden häufig als Teil einer Logistikkette in logistische Gesamtkonzepte eingebunden.
Einzelwagenverkehr Der Einzelwagenverkehr (EWV; auch Wagenladungsverkehr, WLV) ist der Transport einzelner Güterwagen(-Gruppen) in speziell für deren jeweiligen Transportweg zusammengestellten Güterzügen. Die Güterwagen mit verschiedenen Versendern und Empfängern werden dabei in sog. Zugbildungsbahnhöfen (Zbf) zu einzelnen Güterzügen zusammengefasst.
tkm tkm = Tonnenkilometer Die Einheit Tonnenkilometer [tkm] beschreibt die im Rahmen einer Güterbeförderung erbrachte Verkehrsarbeit. Diese definiert sich als Produkt der Gütermenge (Summe der beförderten Güter in Tonnen) und der von dieser dabei zurückgelegten Wegstrecke in km. Verkehrsarbeit [tkm] = Gütermenge [t] * Wegstrecke [km]
Automatische Kupplung Die automatische Kupplung (AK) ist eine selbsttätige Vorrichtung zum Verbinden von Schienenfahrzeugen. Man unterscheidet dabei halbautomatische Kupplungen, mit denen nur selbsttätiges Kuppeln (verbinden zweier Wagen) möglich ist, von den vollautomatischen Kupplungen. Letztere können selbsttätig sowohl kuppeln als auch entkuppeln. Bei AK ist zusätzlich auch das [ent]kuppeln der Brems- und Steuerleitung möglich.
Mischbetrieb
Als Mischbetrieb (auch: Mischverkehr, gemischter Verkehr) wird der Betrieb mit unterschiedlichen Fahrzeugen auf demselben Fahrweg bzw. im selben Verkehrsraum bezeichnet. Beispielhaft kann hier die gemeinsamen Nutzung von Eisenbahnstrecken durch Reise- und Güterzüge oder auch des Straßenraums durch Straßenbahnen und Kfz genannt werden.
EVU Eisenbahnverkehrsunternehmen
Triebfahrzeug
Ein Triebfahrzeug (Tfz) ist ein einzelnes Regeleisenbahnfahrzeug mit einem eigenen Fahrzeugantrieb (Lokomotiven, Triebwagen). Eine Sonderform bilden Triebköpfe, die in einem fest gekoppelten Triebzug zusammen mit antriebslosen Mittel- und Steuerwagen betrieben werden. Lokomotiven kommen normalerweise im Verbund mit gekoppelten Reisezug- oder Güterwagen zum Einsatz. Triebwagen sowie auch Triebzüge werden als gekoppelten Einheiten gleichen Typs in sogenannten Triebwagenzügen eingesetzt. Weitere Tfz sind Kleinlokomotive und selbstfahrende Nebenfahrzeuge.
BMWi Das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie erarbeitet Rahmenbedingungen zur Stärkung der Robustheit und Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland.
Eisenbahnverkehrsunternehmen Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) sind öffentliche Einrichtungen oder privatrechtlich organisierte Unternehmen, die Eisenbahnverkehrsleistungen erbringen. "Eisenbahnverkehrsunternehmen" stellt einen europarechtlichen Begriff dar, welcher durch nationales Recht in Form von § 2 (1) des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG) konkretisiert wird.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?436548

Gedruckt am Sonntag, 22. September 2019 05:51:00