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Prädestinierte Anwendungsstrecken in der Bundesrepublik Deutschland

Erstellt am: 29.08.2014 | Stand des Wissens: 11.12.2019
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Maritime Logistik, Prof. Dr.-Ing. C. Jahn

Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI, vormals BMVBS) hat die Projektreihe "Längere Güterzüge" als besonders wichtige Maßnahme zur Effizienzsteigerung im 2010 fortgeschriebenen "Aktionsplan Güterverkehr und Logistik" aufgenommen. Sie wird dort als Maßnahme 2c, "Längere Güterzüge ermöglichen", geführt und ihre Priorisierung wie folgt begründet [BMVBS17, S. 19]:
  • Notwendigkeit der Effizienzsteigerung im Schienengüterverkehr (SGV) aufgrund der prognostizierten Zuwächse im Güterverkehrsaufkommen der nächsten Jahre
  • Praktikable Kapazitätssteigerung ohne nennenswerten Streckenneubau

Abb. 1: Fern- und Güterverkehr, Potenzialprognose Betriebsleistung 2030Abb. 1: Fern- und Güterverkehr, Potenzialprognose Betriebsleistung 2030 [DBAG13b, S. 4] (Grafik zum Vergrößern bitte anklicken)

Die für überlange Güterzüge in Deutschland geeigneten Strecken[korridore] bestimmen sich, zusätzlich zu den vorgenannten Effizienz- und Rentabilitätsbedingungen, anhand weiterer, zu beachtender landesspezifischer Rahmenbedingungen:
  • technologische und infrastrukturelle Vorgaben (zum Beispiel Lichtraumprofile, Länge von Überhol-, Ausweich- oder Rangiergleisen, Knotenpunktabstände)
  • [natur]räumliche und topografische Gegebenheiten (Vermeidung von Steigungs- und Gefällestrecken, Brücken oder Tunnel)

Auch verkehrspolitische Entwicklungen, wie
  • das von der DB Netz AG in ihrer "Netzkonzeption 2030" angedachte sog. "750-Meter-Netz" bzw. Vorgaben der EU zu geplanten Güterverkehrskorridoren in Deutschland (Abbildung 2),
  • der durch das BMVI neu erstellte "Bundesverkehrswegeplan 2030" oder
  • das vom Umweltbundesamt aus umweltpolitischer Sicht empfohlene Ausbaukonzept "Schienennetz 2025/2030"
sind als beachtenswerte Prioritäten im Hinblick auf eine mögliche Trassenauswahl für überlange Güterzüge anzusehen [DBAG13b, S. 5; BMVI14c; Holz10, S. 41 f.].

Abb. 2: 740-Meter-Netz und GüterverkehrskorridoreAbb. 2: 740-Meter-Netz und Güterverkehrskorridore [DBAG13b, S. 5] (Grafik zum Vergrößern bitte anklicken)


Bekannte und weitere potentielle Anwendungsstrecken
Ausgehend von den im Rahmen der Projektreihe "Längere Güterzüge" bereits durchgeführten und noch geplanten Feldversuchen (Betriebserprobungen) mit überlangen Güterzügen (Gesamtzuglänge > 740 Meter) lassen sich diese besonders gut dafür geeigneten Anwendungsstrecken (Abbildung 3) ableiten [Schu09b; Fied11; HHM12a]:

  • Projekt "Überlanger Güterzug 835 Meter", abgeschlossen: Testfahrten und Regelbetrieb (seit 12/2012) zwischen Padborg (an der dänisch-deutschen Grenze) und Maschen Rangierbahnhof (südlich von Hamburg)
  • Projekt "GZ 1000", abgeschlossen: Testfahrten auf der "Betuweroute" von Maasvlakte (Hafen Rotterdam, Niederlande) nach Zevenaar (nahe der deutsch-niederländischen Grenze)
  • Projekt "GZ 1500", in Planung: Rhein- und Nord-Süd-Korridor (unter anderem Karlsruhe - Basel)
Aktuelle Projekte ueberlange Gueterzuege.PNGAbb. 3: Aktuelle Projekte zu überlangen Güterzügen (eigene Darstellung nach [Schu09b, Folie 26])
Da die Einführung langer Güterzüge auf Strecken im Flachland und auf langen Strecken ohne Zugauflösung relativ problemlos ist, ist der Großteil der SGV-Korridore in Deutschland für die Anwendung längerer Güterzüge prinzipiell geeignet. Die genannten Kriterien erfüllen auch viele der heutigen Engpasslinien wie Niederlande - Emmerich - Basel, Köln - Hannover - Berlin - Polen, Hamburg - Hannover - Bebra - Würzburg - München oder Berlin - Nürnberg - Passau [Luka13].
Derzeit beträgt die zulässige Gesamtzuglänge für Güterzüge in Deutschland 740 Meter [DBNAG12a, Modul 408.0711 Punkt 1]. Für zahlreiche Strecken im Rahmen der Projektanmeldungen für den neuen BVWP 2015 liegen Anträge zum Bau oder zur Verlängerung von Überholgleisen mit einer Länge von 740 Meter vor (zum Beispiel Knoten Leipzig). Zusätzlich wurde ein Projektantrag zur Prüfung überlanger Züge auf der Strecke Harburg - Celle - Lehrte gestellt [BMVI14c, S. 28, 31 und 35].
Auch im Zuge des "Sofortprogramms Seehafen-Hinterlandverkehr", das die Bahnanbindung von Seehäfen mit hohem Güterverkehrsaufkommen an das Hinterland verbessern sollte, wurden beispielsweise auf für lange Güterzüge (740 Meter Gesamtzuglänge) geeigneten Strecken Überhol- und Ausweichmöglichkeiten geschaffen. Dazu zählen unter anderem  in Bayern im Bereich des Nord-Süd-Korridors die Strecken Regensburg - Passau oder Nürnberg - Ansbach (Abbildung 3) [DBAG14i].
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Maritime Logistik, Prof. Dr.-Ing. C. Jahn
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Lange Güterzüge: Nutzenpotenziale und Umsetzungshemmnisse (Stand des Wissens: 17.12.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?436768
Literatur
[BMVBS17] Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (Hrsg.) Aktionsplan Güterverkehr und Logistik - Logistikinitiative für Deutschland, 2017/09
[BMVI14c] o. A. Übersicht über die laufenden Vorhaben und die für den Bundesverkehrswegeplan vorgeschlagenen Vorhaben
Bundesschienenwege, Berlin, 2014/05/05
[DBAG13b] o. A. Netzkonzeption 2030 - Zielnetz der DB Netz AG für die Schieneninfrastruktur im Jahr 2030, Frankfurt am Main, 2013/10
[DBAG14i] o. A. Sofortprogramm Seehafen-Hinterlandverkehr verbessert Bahn-Infrastruktur in Bayern, 2014/01/22
[DBNAG12a] DB Netz AG, Schneider, A., Homeyer, D., Enders, D. Richtlinie 408.01 - 09 "Züge fahren und Rangieren", 2012/12/01
[Fied11] Fiedler, Ralf Größere Schiffe, längere LKW - Sinn und Grenzen der Economies of Scale bei Transportfahrzeugen, 2011/09/19
[HHM12a] o. A. Erster Güterzug mit 835 Meter Länge, Hamburg, 2012/11/27
[Holz10] Holzhey, M. Schienennetz 2025/2030 - Ausbaukonzeption für einen leistungsfähigen Schienengüterverkehr in Deutschland, Dessau-Roßlau, 2010/08, ISBN/ISSN 1862-4804
[Luka13] Lukassen, G. Interview mit Prof. Dr.-Ing. habil. Jürgen Siegmann
Lange Güterzüge, veröffentlicht in logistics, Ausgabe/Auflage 03, Kelsterbach, 2013/06/17
[Schu09b] Schulte-Werning, B. Entwicklungsperspektiven für effektivere Zugauslastung, Duisburg, 2009/04/20
Glossar
Rangierbahnhof Der Rangierbahnhof (Rbf) ist ein wichtiges (Infrastruktur-)Element im Produktionssystem des Schienengüterverkehrs und gehört, wie auch der Knotenpunktbahnhof, als Betriebsbahnhof zur Gruppe der Zugbildungsbahnhöfe. Zentraler Bestandteil eines Rbf sind die sog. Zugbildungsanlagen (ZBA), die - vornehmlich im Einzelwagenverkehr - der Auflösung und Neuzusammenstellung von Güterzügen und Wagen(-Gruppen) dienen.
Schienengüterverkehr
Unter Schienengüterverkehr (SGV) wird der Transport von Gütern mit der Eisenbahn verstanden. Diese werden in Güterzügen unter Verwendung (spezieller) Güterwagen befördert. Diese Verkehre können entweder auf gesonderten Güterverkehrsstrecken oder im Mischverkehr, auf gemeinsam durch den Güter- und Personenverkehr genutzten Strecken, realisiert werden. Leistungen des Schienengüterverkehrs werden häufig als Teil einer Logistikkette in logistische Gesamtkonzepte eingebunden.
Hinterland Das Hinterland eines Seehafen ist das landeinwärts hinter dem Hafen liegende Territorium, welches durch die Herkunfts- und Bestimmungsorte der im Hafen abzufertigen Güter und Passagiere begrenzt wird. Seine Grenzen hängen von den Hinterlandverkehrsanbindungen ab und variieren nach Gutarten, den Umschlagkapazitäten, dem Schiffstyp und der Verkehrsinfrastruktur. Das Vorland eines Seehafens ist das seewärts vor dem Hafen liegende Territorium, welches durch die überseeischen Herkunfts- und Bestimmungsorte der Güter begrenzt wird.
BMVI Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (bis 10/2005 auch BMVBW und bis 12/2013 BMVBS)
Betriebsleistung
Die Betriebsleistung ist eine Kennzahl für den Umfang eines bestehenden Schienenverkehrsangebots bezogen auf eine bestimmte Bezugsperiode (z. B. ein Jahr). Sie definiert sich als Produkt einer Verkehrsmenge (Summe eingesetzter Züge, Wagen, Fahrzeuge oder Sitzplätze) und der von ihr zurückgelegten Wegstrecke in km je betrachteter Zeiteinheit.
Betriebsleistung = (Verkehrsmenge * Wegstrecke) / Bezugsperiode
Gebräuchliche Einheiten für die Betriebsleistung sind Zugkilometer [Zugkm], Fahrzeugkilometer [Fzgkm] oder Sitzplatzkilometer pro Jahr (z. B. [Zugkm/a]).

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?436472

Gedruckt am Samstag, 19. Juni 2021 20:05:03