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Investitionsaufwand

Erstellt am: 27.08.2014 | Stand des Wissens: 07.03.2019
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Maritime Logistik, Prof. Dr.-Ing. C. Jahn

Die Einführung und der Betrieb sogenannter "überlanger" Güterzüge erfordern hohe Anfangsinvestitionen zur Anpassung der [Gleis]infrastruktur und der dabei eingesetzten Schienenfahrzeuge. Trotz des möglichen Umweltschutz- und Wachstumspotenzials scheiterte bereits die Einführung überlanger Güterzüge in der Bundesrepublik Deutschland bis dato an der fehlenden technischen und betrieblichen Interoperabilität der Fahrzeuge, Leit- und Sicherungstechnik sowie der
  • für lange Güterzüge nicht ausreichenden Gleisinfrastruktur (zum Beispiel Überholgleislänge) und
  • der zum Teil anspruchsvollen Topografie (viele Neigungs- und Tunnelstrecken).
In der Studie "Langstreckenverkehre optimieren" wurde das hohe Potenzial von [über]langen Güterzügen zur Effizienzsteigerung des Verkehrsträgers Schiene festgestellt. Daraufhin nahm das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI, vormals BMVBS) deren Erprobung als besonders wichtige Maßnahme "2 H" (Durchführung eines Feldversuchs mit langen Güterzügen) in den Maßnahmenkatalog des nationalen "Aktionsplans Güterverkehr und Logistik" auf [ITP10, S. 58; BMVBS10p, S. 24]. Die Investitionskosten der in der Maßnahme 2 H aufgeführten Infrastrukturanpassungen fallen, hinsichtlich des Potenzials zur Güterverkehrsverlagerung auf die Schiene und bei gleichzeitiger Berücksichtigung des möglichen Klimaschutzbeitrags, mit rund einer Milliarde Euro verhältnismäßig moderat aus [ITP10, S. 97 f. und Tab. 8-1]. Im Vergleich dazu fallen beispielweise allein die regulären Ertüchtigungsmaßnahmen im Rahmen der Engpassbeseitigung (Aus-/Neubau, Elektrifizierung, Verbindungskurven und Weitere) eines von sechs vom Umweltbundesamt untersuchten Schienengüterverkehrskorridors mit durchschnittlich etwa 1,7 Milliarden Euro deutlich höher aus [Holz10, S. 120].
Demonstrationsstrecke Padborg - Maschen
Im Zuge der infrastrukturellen Anpassungen wurden die nutzbaren Gleislängen - insbesondere bei Ausweich- und Kreuzungsgleisen - in den Bahnhöfen Flensburg-Weiche, Neumünster, Elmshorn, Hamburg-Eidelstedt sowie Hamburg-Barmbek angepasst sowie der Austausch von Gleisfreimeldeanlagen, die Versetzung von Signalen und die Nachrüstung von 29 Bahnübergängen durchgeführt. Bei vielen Brücken musste überprüft werden, ob sie den höheren auftretenden Lasten standhalten können [HHM12a]. Auf der Strecke Padborg Maschen wurden dabei von der DB Netz AG Streckenertüchtigungsmaßnahmen im Umfang von etwa 10 Millionen Euro vorgenommen [DBAG12w, S. 2].
Beispiel Umbau Bahnhof Ruhland
Die derzeitige Gleisinfrastruktur auf freier Strecke und in [Rangier]bahnhöfen ist in der Regel für Züge bis zur maximal zulässigen Gesamtzuglänge von 740 Meter ausgelegt. In vielen Fällen jedoch sind Zugbildungs-, Zugzerlege-, Überholungs- und Kreuzungsgleise [wesentlich] kürzer [DBNAG12a, Modul 408.0711 Punkt 1; HTC13, S. 226]. Dies ist zum Beispiel im Bahnhof Ruhland in Südbrandenburg der Fall. Dort sind die entsprechen Gleisanlagen nicht einmal für den 640-Meter-Standard Ostdeutschlands ausgebaut. So war ein Ganzzugverkehr in Ruhland mit längeren Güterzügen zum KV-Terminal des Chemiewerks der BASF in Schwarzheide bisher nur mit großem Rangieraufwand möglich. Die Errichtung von zwei 640 Metern langen [Ganzzug]gleisen und die damit verbundene Ertüchtigung der Bahnhofs-, Leit- und Sicherungsinfrastruktur (Weichen, Gleise Oberbau, elektronisches Stellwerk) wird rund 88 Millionen Euro kosten [IHK13].
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Maritime Logistik, Prof. Dr.-Ing. C. Jahn
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Lange Güterzüge: Nutzenpotenziale und Umsetzungshemmnisse (Stand des Wissens: 12.03.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?436768
Literatur
[BMVBS10p] Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (Hrsg.) Aktionsplan Güterverkehr und Logistik - Logistikinitiative für Deutschland, 2010/11
[DBAG12w] o. A. 835 Meter lange Züge steigern die Effizienz im Dänemark-Verkehr, veröffentlicht in NetzNachrichten, Ausgabe/Auflage 4/12, DB Netz AG / Frankfurt am Main, 2012/12
[DBNAG12a] DB Netz AG, Schneider, A., Homeyer, D., Enders, D. Richtlinie 408.01 - 09 "Züge fahren und Rangieren", 2012/12/01
[HHM12a] o. A. Erster Güterzug mit 835 Meter Länge, Hamburg, 2012/11/27
[Holz10] Holzhey, M. Schienennetz 2025/2030 - Ausbaukonzeption für einen leistungsfähigen Schienengüterverkehr in Deutschland, Dessau-Roßlau, 2010/08, ISBN/ISSN 1862-4804
[HTC13] Rail Management Consultants GmbH, Hanseatic Transport Consultancy Kapazitiven Leistungsfähigkeit des Eisenbahnnetzes im Großraum Bremen
Teil 1: Analyse der Verkehre und Produktionsstrukturen, Bremen, 2013/10/18
[IHK13] Krause, Jens Startschuss für den Ausbau des Bahnhofs Ruhland, Cottbus, 2013/12/12
[ITP10] Schubert, Markus, Pohl, Michael, Bauer, Stephan, Fischer, Thomas Projekt "Langstreckenverkehre optimieren"
Schlussbericht, 2010/10
Glossar
BMVI Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (bis 10/2005 auch BMVBW und bis 12/2013 BMVBS)
Leit- und Sicherungstechnik
Unter dem Begriff der Leit- und Sicherungstechnik (LST) werden technische Maßnahmen zusammengefasst, die getroffen werden, um einen sicheren, meist signalgeführten Eisenbahnbetrieb durchzuführen. Sie regelt die gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen den Anlagen, den Signalen und den Fahrzeugen, die zur sicheren Durchführung von Zug- und anderen Fahrten notwendig sind. Wichtigster Bestandteil der LST ist die Stellwerkstechnik, mit Hilfe derer das Stellen von Weichen und Signalen sowie die Sicherung von Fahrstraßen erfolgt. Zur LST gehört auch die Zugbeeinflussung (z. B. PZB, LZB, ETCS).
Kombinierter Verkehr
Intermodaler Verkehr, bei dem der überwiegende Teil der in Europa zurückgelegten Strecke mit der Eisenbahn, dem Binnen- oder Seeschiff bewältigt und der Vor- und Nachlauf auf der Straße so kurz wie möglich gehalten wird.
Ganzzug Ein Ganzzug ist ein Güterzug, dessen Ladung ohne Zwischenbehandlung vom Versand- zum Empfangsbahnhof befördert wird. Dabei erfolgen beim sog. Ganzzugverkehr (GZV) sowohl die Übergabe durch den Versender als auch die empfängerseitige Übernahme des gesamten Zuges in geschlossener, unveränderter Wagenzusammenstellung.
Umschlagbahnhof Umschlagbahnhöfe (Ubf) dienen dem Übergang von Gütern auf oder von Schienenfahrzeugen bzw. dem Wechsel von diesen zu Transportmitteln anderer Verkehrsträger. Im letzteren Fall spricht man auch von Terminals des kombinierten Verkehrs (KV-Terminal). Diese stellen typischerweise Umschlagpunkte von Ladeeinheiten wie Container, Wechselbehälter, Wechselbrücken oder Sattelauflieger dar. Bei Ubf in Häfen und Flughäfen spricht man von "Seehafenterminals" oder "Flughafenterminals".

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?436162

Gedruckt am Freitag, 20. September 2019 08:22:06