Forschungsinformationssystem des BMVI

zurück Zur Startseite FIS

Erforderliche Anpassungen der Infrastruktur

Erstellt am: 27.08.2014 | Stand des Wissens: 02.04.2019
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Maritime Logistik, Prof. Dr.-Ing. C. Jahn

Um den Betrieb "überlanger Güterzüge" zu ermöglichen, sind auf den dafür vorgesehenen Strecken[korridoren] viele kleinere und umfangreiche Anpassungen der baulichen und betrieblichen Infrastruktur erforderlich. Viele Streckenabschnitte und Betriebsgleise in den [Rangier]bahnhöfen in der Bundesrepublik Deutschland sind mit maximal 750 beziehungsweise 640 Meter (Ostdeutschland) Gleislänge ausgestattet [HTC13, S. 226]. Bei Abweichungen von anerkannten Regeln der Technik (hier: maximal zugelassene Zuglänge) wird dabei nach Paragraph 2 der EBO (EBO) der "Nachweis gleicher Sicherheit" (kurz NgS; im Vergleich zum Standard) gefordert [LaSc14, S. 15; EBO, § 2]. Bei der Ertüchtigung geeigneter Strecken geht es daher primär um die Wahrung der Betriebssicherheit für den Betrieb von Zügen mit einer Gesamtzuglänge von über 740 Meter (zum Beispiel 835, 1.000 oder sogar 1.500 Meter). Dabei sollen vor allem
  • Zugtrennungen und Entgleisungen (Längskräfte im Zugverband durch Bremsen und Anfahren),
  • Flankenfahrten (in Streckenabschnitte hineinragende Zugenden),
  • Kollisionen mit Kraftfahrzeugen (z. B. an Bahnübergängen) sowie
  • Bauwerksbeschädigungen bzw. Bauwerkschäden (Standsicherheit, Erschütterungsschutz) verhindert werden.
Maßnahmen zur Anpassung von Anlagen der Zugbildung und -bereitstellung (Zugbildungsbahnhöfe, Anschlussgleise und weitere) sind bei realistischer Betrachtung nur unter sehr hohem Investitionsaufwand zu realisieren. Sie werden in der Praxis wohl eher durch kostengünstigere betriebliche Maßnahmen (zum Beispiel Produktionsverfahren des Kombinierten Verkehrs: "Train-Coupling and -Sharing", "Train-Coupling") sinnvoll zu ersetzen sein [Stuh13a, S. 69]. Im Bereich der von langen Güterzügen zu befahrenden Strecken sind vielerlei Gleisschaltmittel an ihrem jeweiligen Standort anzupassen. Dazu zählen unter anderem:
Um den flächendeckenden Betrieb von Güterzügen nach dem EU-Standard von 740 Metern, beziehungsweise vereinzelt 835 Metern, in Deutschland zu ermöglichen, ist die Anpassung der Leit- und Sicherheitstechnik auf Strecken und an Bahnübergängen notwendig. Des Weiteren sind zur Erhöhung der nutzbaren Gleislänge Überhol- beziehungsweise Ausweich- und gegebenenfalls Anschlussgleise entsprechend zu verlängern und infolgedessen gegebenenfalls [Kreuzungs]weichen zu versetzen und vorhandene Oberleitungsanlagen anzupassen. Verglichen mit dem Bau neuer Strecken, handelt es sich hier um kostengünstige und schnell durchzuführende Maßnahmen [ApS16c].  In diesem Zusammenhang muss die auf entsprechenden Strecken normalerweise übliche Mindestblocklänge von 950 Metern entsprechend der geplanten, neuen maximalen Gesamtzuglänge angeglichen werden. Dieser Vorgang zieht nicht zuletzt eine Versetzung der Blocksignale nach sich. So müssen etwa bei vorhandenen Blocksignalen mit ausschließlicher Zugfolgeregelungsfunktion und Anwendung der 50-Meter-Regel die Mindestblocklänge für 835 Meter lange Güterzüge von 950 Meter auf 1.065 Meter verlängert und die entsprechenden Signale umgesetzt werden (Abbildung 1) [Fisc12a, S. 14 f.].
Abb. 1: Mindestblockabstände, Anpassung bei überlangen GüterzügenAbbildung 1: Mindestblockabstände, Anpassung bei überlangen Güterzügen [DBAG12v]
Auch notwendige Anpassungsmaßnahmen in besonderen Infrastrukturbereichen bedürfen der Beachtung. Dazu zählen unter anderem betriebstechnisch sensible Stellen wie zum Beispiel höhengleiche Eisenbahnkreuzungen (Bahnübergänge) oder mögliche, auf alternativen Laufwegen (Umfahrungsstrecken) vorhandene Bogen- und Neigungsstreckenabschnitte. Bei Bahnübergängen beispielsweise kann das unerwünschte "rückwärtige Einschalten" durch einen zu langen Güterzug durch entsprechende Nachrüstung (zum Beispiel Verlegung Gegenschaltkontakt) verhindert werden [DBAG12v, S. 16]. Abhandlungen über Erfahrungen aus dem Ausland (zum Beispiel China) legen nahe, dass Fahrten mit leeren, überlangen Zügen im äußersten Fall auf Strecken mit einem minimalen Bogenradius von 400 Metern beziehungsweise einer maximalen Steigung von 4 Promille möglich sind [KrFu99, S. 372 ff.].
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Maritime Logistik, Prof. Dr.-Ing. C. Jahn
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Lange Güterzüge: Nutzenpotenziale und Umsetzungshemmnisse (Stand des Wissens: 12.03.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?436768
Literatur
[ApS16c] Allianz pro Schiene e.V. (Hrsg.) Überblick: Wie der Güterzug länger werden kann, 2016/08/30
[DBAG12v] DB Netz AG (Hrsg.) Betrieb mit 835 Meter langen Güterzügen zwischen Padborg (DK) und Maschen - Nachweis gleicher Sicherheit, Version 2.3, 2012/01/18
[Fisc12a] Fischer, Ralph Projekt "Überlange Güterzüge" bei der DB Netz AG aus Sicht des EBA, veröffentlicht in Eisenbahningenieur, Ausgabe/Auflage 07/2012, DVV Media Group GmbH / Hamburg, 2012/07, ISBN/ISSN 0013-2810
[HTC13] Rail Management Consultants GmbH, Hanseatic Transport Consultancy Kapazitiven Leistungsfähigkeit des Eisenbahnnetzes im Großraum Bremen
Teil 1: Analyse der Verkehre und Produktionsstrukturen, Bremen, 2013/10/18
[KrFu99] Krettek, Otmar, Fu, Li Untersuchungen zu Problemen überlanger Züge an Langzügen der Chinesischen Staatsbahnen, veröffentlicht in ZEV+DET Glasers Annalen, Ausgabe/Auflage 10/1999, Georg Siemens Verlagsbuchhandlung, Berlin, 1999/10, ISBN/ISSN 0017-0844
[LaSc14] Lang, Angela, Schultz-Wildelau, Michael, Wörmann, Christian 835 m-Züge zwischen Hamburg und Dänemark im Regelbetrieb, veröffentlicht in Eisenbahntechnische Rundschau, Ausgabe/Auflage 6/2014, DVV Media Group GmbH, Hamburg, 2014/06, ISBN/ISSN 0013-2845
[Stuh13a] Stuhr, J. Untersuchung von Einsatzszenarien einer automatischen Mittelpufferkupplung, Berlin, 2013/02/26
Rechtsvorschriften
[EBO] Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung (EBO)
Glossar
Zugbildungsbahnhof
Zugbildungsbahnhöfe (Zbf) gehören - im Gegensatz zu den Personen- und Güterbahnhöfen - zu den sog. Betriebsbahnhöfen. Es handelt sich dabei um systeminterne, nicht öffentlich zugängliche Bahnhöfe des Produktionssystems des Schienengüterverkehrs. Dazu zählen Rangierbahnhöfe (Rbf) und Knotenpunktbahnhöfe.
Heißläuferortungsanlage Eine Heißläuferortungsanlage (HOA) ist eine im Gleisbett eingebaute Einrichtung, die dazu dient, eine übermäßige Erwärmung von Radsatzlagern von Schienenfahrzeugen festzustellen. Eine unzulässig erhöhte Temperatur von Radsatzlagern kann einen Achsbruch hervorrufen oder zu einer gefährlichen Funkenbildung führen.
Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung Die Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung (EBO) ist eine Verordnung für den Bau und Betrieb regelspuriger Eisenbahnen in Deutschland. Sie gilt nicht für den Bau, den Betrieb oder die Benutzung der Bahnanlagen eines nichtöffentlichen Eisenbahninfrastrukturunternehmens.
Kombinierter Verkehr
Intermodaler Verkehr, bei dem der überwiegende Teil der in Europa zurückgelegten Strecke mit der Eisenbahn, dem Binnen- oder Seeschiff bewältigt und der Vor- und Nachlauf auf der Straße so kurz wie möglich gehalten wird.
Train-Coupling
Beim Train-Coupling handelt es sich um das gemeinsame Fahren vorhandener Wagenzüge in einem gemeinsamen Zugverband über große Strecken im Netz.
Laufweg Der Laufweg eines Zuges stellt den geografischen Fahrtverlauf auf einer konkreten Strecke bzw. Infrastruktur während einer Zugfahrt dar.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?436108

Gedruckt am Sonntag, 15. September 2019 18:03:21