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Gegenwärtige Zuglängenbeschränkungen und zugrundeliegende Restriktionen

Erstellt am: 25.08.2014 | Stand des Wissens: 11.12.2019
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Maritime Logistik, Prof. Dr.-Ing. C. Jahn

Die Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung (EBO) gibt im Sinne der Nutzbarkeit und Betriebssicherheit langlebiger Eisenbahninfrastruktur auch die Rahmenbedingungen für die Länge von Zügen in der Bundesrepublik Deutschland vor: "Ein Zug darf nicht länger sein, als es seine Bremsverhältnisse, Zug- und Stoßeinrichtungen und die Bahnanlagen zulassen" [EBO, § 34, Abs. 8]. Eine Spezifizierung der allgemeinen Vorgaben der EBO hinsichtlich der in Deutschland maximal zulässigen Länge eines Gesamtzugs (Triebfahrzeug und Waggons; Abbildung 1) erfolgt in der Richtlinie 408.01-09 "Züge fahren und Rangieren" der DB Netz AG. Demnach darf ein Gesamtzug höchstens 740 Meter lang sein und maximal 250 Achsen haben, mit einer speziellen Beförderungs- oder Fahrplananordnung auch 252 [DBNAG12a, Modul 408.0711, Punkt 1].

Die zulässige Gesamtzuglänge von 740 Metern ergibt sich aus der minimalen Blockabschnittslänge von 950 Metern (Abstand zweier Hauptsignale) abzüglich 200 Metern Durchrutschweg und 10 Metern Haltesichtweite (5 Meter Sichtweg vor dem Signal und 5 Meter Haltegenauigkeit) [Pach08, S. 121 ff.]. Schnelle Güterzüge, für welche die Bremsstellung R (rapid) vorgeschrieben ist, dürfen eine maximale Wagenzuglänge von 600 Meter haben [DBNAG12a, Modul 408.0711, Punkt 2].
GesamtWagenzuglaenge600x116.jpgAbbildung 1: Darstellung der Gesamt- und Wagenzuglänge (Quelle: TU Berlin, Fachgebiet Schienenfahrwege und Bahnbetrieb)

Bis 2011 wurde die "innere Zusammensetzung" eines Gesamtzugs durch die zulässige, sogenannte Wagenzuglänge (ohne Triebfahrzeuge; Abbildung 1) von 700 Meter bestimmt. Dabei wurde davon ausgegangen, dass die verbleibenden 40 Meter für zwei gekoppelte Triebfahrzeuge (Doppeltraktion) zur Verfügung stehen. Durch leistungsstärkere Diesel- und Elektrolokomotiven sowie die zunehmende Optimierung der Höhenprofile bei Neu- und Ausbaustrecken (zum Beispiel Vermeidung von Bergfahrten durch Tunnelbau) können Doppeltraktionen immer häufiger durch Einfachtraktionen ersetzt werden. Der Einsatz von einem statt zwei Triebfahrzeugen führt zu einem Längengewinn von etwa 20 Meter in der Wagenzuglänge. Dadurch kann zusätzlich ein weiterer vierachsiger Güterwagen mitgeführt werden (+3 Prozent Wagenzuglänge). [Meff11, S. 31]

Infrastrukturelle Restriktionen

Für den Aus- und Neubau von in Deutschland liegenden Schienenstreckenabschnitten des Transeuropäischen Netzwerks für Verkehr (TEN-V) sind seit 2011 die Leistungsmerkmale Lichtraumprofil, Achslast, Streckengeschwindigkeit und Zuglänge in den "Technischen Spezifikationen für die Interoperabilität (TSI) [...] des konventionellen transeuropäischen Eisenbahnsystems" definiert. Darin ist unter anderem auch die maximal zulässige Zuglänge im Frachtverkehr (F) für die TSI-Streckenklassen
  • neue (IV-F) beziehungsweise ausgebaute (V-F) TEN-Strecken des Kernnetzes und
  • neue (VI-F) beziehungsweise ausgebaute (VII-F) weitere TEN-Strecken
durch einen entsprechenden Leistungskennwert spezifiziert (Tabelle 1, Spalte 5). [2011/275/EU, Punkt 4.2.2]. 
Leistungskennwerte Streckenklassen.PNGTab. 1: TSI-Streckenklassen, Leistungskennwerte (eigene Darstellung nach [2011/275/EU, Punkt 4.2.2])
Neben den genannten, formalrechtlich expliziten Zuglängenbeschränkungen wirken weitere, maßgebliche Merkmale der bestehenden Gleisinfrastruktur als faktisch-normativ begrenzende Parameter. Dazu zählen an der unteren Bemessungsgrenze ausgelegte Längen für
  • Überholgleise auf "freier Strecke" oder in Knotenbahnhöfen,
  • Umschlaggleise in KV-Terminals und
  • Gleise in Zugbildungsanlagen.
[KoKP10, S. 70].

Da die Länge der Überhol-, Umschlag- und Rangiergleise immer durch die jeweils geltenden Bau- und Betriebsvorschriften der entsprechenden Eisenbahninfrastrukturunternehmen bestimmt wurde und wird, gibt es bis heute keine vorgeschriebene einheitliche Mindestlänge für solche Infrastrukturanlagen. Im Extremfall eines zu kurzen Gleisabschnitts müssen Züge aufgetrennt werden, um dessen Benutzung zu ermöglichen.
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Maritime Logistik, Prof. Dr.-Ing. C. Jahn
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Lange Güterzüge: Nutzenpotenziale und Umsetzungshemmnisse (Stand des Wissens: 17.12.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?436768
Literatur
[DBNAG12a] DB Netz AG, Schneider, A., Homeyer, D., Enders, D. Richtlinie 408.01 - 09 "Züge fahren und Rangieren", 2012/12/01
[KoKP10] o.A. Trends und Innovationen im unbegleiteten Kombinierten Verkehr in der und durch die Schweiz, Frankfurt am Main / Freiburg im Breisgau, 2010/04
[Meff11] Meffert, R. Richtlinie 408 "Züge fahren und Rangieren"
Bekanntgabe 9, veröffentlicht in Deine Bahn, Ausgabe/Auflage 12, Bahn Fachverlag GmbH, Berlin, 2011, ISBN/ISSN 0948-7263
[Pach08] Pachl, Jörn Systemtechnik des Schienenverkehrs, Vieweg+Teubner, GWV Fachverlage GmbH / Wiesbaden, 2008, ISBN/ISSN 978-3-8351-0191-3
Rechtsvorschriften
[2011/275/EU] Technische Spezifikation für die Interoperabilität: Teilsystem "Infrastruktur" des konventionellen Eisenbahnsystems
[EBO] Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung (EBO)
Glossar
Eisenbahninfrastrukturunternehmen Eisenbahninfrastrukturunternehmen (EIU) ist ein Rechtsbegriff des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG). Gemäß § 2 Abs. 1 AEG sind Eisenbahninfrastrukturunternehmen öffentliche Einrichtungen oder privatrechtlich organisierte Unternehmen die eine Eisenbahninfrastruktur betreiben.
Ausbaustrecke Als Ausbaustrecken (ABS) werden im Bereich des spurgebundenen Verkehrs bestehende Netzabschnitte bezeichnet, die mittels umfangreicher Baumaßnahmen für höhere Kapazitäten und / oder Geschwindigkeiten ertüchtigt wurden. Häufig findet der Begriff im Zusammenhang mit für den Einsatz von Neigetechnikfahrzeugen angepassten Strecken Verwendung. Durch eine geeignete bauliche Auslegung des Fahrweges ermöglicht dieses System entsprechend ausgestatteten Triebwagen schnellere Gleisbogendurchfahrten, m. a. W. höhere Kurvengeschwindigkeiten.
Traktion Unter Traktion versteht man im Schienenverkehrsbereich die kraftgetriebene Fortbewegung von Triebfahrzeugen. Bei der Art des Antriebssystems unterscheidet man heutzutage i. d. R. Triebfahrzeuge mit dieselelektrischen oder -hydraulischen bzw. rein elektrischen Aggregaten zur Kraftübertragung (auch: Diesel- bzw. Elektrotraktion).  Die Traktionsart Dampf wird hierzulande nur noch im Bereich von Museumsbahnen eingesetzt. Mehrere gekoppelte Triebfahrzeuge bilden eine sog. Mehrfachtraktion. Üblicherweise werden diese nach der Anzahl der eingesetzten Triebfahrzeuge benannt (z. B. Doppel- oder Dreifachtraktion).
IV
Beim Individualverkehr (IV) wird vom Verkehrsteilnehmer ein zur Verfügung stehendes Verkensmittel genutzt. Dies können beispielsweise sein: Pkw, Krafträder, Fahrrad, zu Fuß gehen. Es wird daher auch zwischen dem Motorisierten Individualverkehr (MIV) und dem Nichtmotorisierten Individualverkehr (NMV) unterschieden. Der IV deckt zudem alle Arten von Quelle-Ziel-Beziehungen ab und das Verkehrsmittel wird von einer bestimmten Person oder einem beschränkten Personenkreis eingesetzt. Dabei ist der IV örtlich sowie zeitlich ungebunden.
Radsatzlast Die Radsatzlast (auch Achslast) beschreibt den Anteil der Fahrzeuggesamtmasse in Tonnen, der vom Fahrzeug über eine Achse auf den Schienenfahrweg aufgebracht wird.
Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung Die Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung (EBO) ist eine Verordnung für den Bau und Betrieb regelspuriger Eisenbahnen in Deutschland. Sie gilt nicht für den Bau, den Betrieb oder die Benutzung der Bahnanlagen eines nichtöffentlichen Eisenbahninfrastrukturunternehmens.
Technical Specification for Interoperability Die Technical Specification for Interoperability (TSI) machen für Teilsysteme bzw. Teile von Teilsystemen der transeuropäischen (Hochgeschwindikgkeits-)Eisenbahnsysteme Vorgaben, um deren grundsätzliche (technische) Eignung sowie die Kompabilität untereinander zu gewährleisten. Dabei handelt es sich um eine unionsrechtliche, technische Vorschrift der Europäischen Kommission.
Trans-European Transport Network Das Trans-European Transport Network, TEN-T (dt. Transeuropäisches Verkehrsnetz, kurz TEN-V) ist ein Teilnetz der sog. Trans-European Networks, TEN (dt. Transeuropäische Netze, kurz TEN). Zu diesen zählen neben den Verkehrsnetzen bspw. auch Netzwerke der Telekommunikation oder der Energieversorgung.
Kombinierter Verkehr
Intermodaler Verkehr, bei dem der überwiegende Teil der in Europa zurückgelegten Strecke mit der Eisenbahn, dem Binnen- oder Seeschiff bewältigt und der Vor- und Nachlauf auf der Straße so kurz wie möglich gehalten wird.
Lichtraumprofil Lichtraumprofil bezeichnet eine definierte Umgrenzungslinie meist für die senkrechte Querebene eines Fahrweges. Damit werden der "lichte Raum", der auf dem Fahrweg von Gegenständen freizuhalten ist, und die äußeren Maße der vorgesehenen Fahrzeuge vorgeschrieben.
Triebfahrzeug
Ein Triebfahrzeug (Tfz) ist ein einzelnes Regeleisenbahnfahrzeug mit einem eigenen Fahrzeugantrieb (Lokomotiven, Triebwagen). Eine Sonderform bilden Triebköpfe, die in einem fest gekoppelten Triebzug zusammen mit antriebslosen Mittel- und Steuerwagen betrieben werden. Lokomotiven kommen normalerweise im Verbund mit gekoppelten Reisezug- oder Güterwagen zum Einsatz. Triebwagen sowie auch Triebzüge werden als gekoppelten Einheiten gleichen Typs in sogenannten Triebwagenzügen eingesetzt. Weitere Tfz sind Kleinlokomotive und selbstfahrende Nebenfahrzeuge.
Umschlagbahnhof Umschlagbahnhöfe (Ubf) dienen dem Übergang von Gütern auf oder von Schienenfahrzeugen bzw. dem Wechsel von diesen zu Transportmitteln anderer Verkehrsträger. Im letzteren Fall spricht man auch von Terminals des kombinierten Verkehrs (KV-Terminal). Diese stellen typischerweise Umschlagpunkte von Ladeeinheiten wie Container, Wechselbehälter, Wechselbrücken oder Sattelauflieger dar. Bei Ubf in Häfen und Flughäfen spricht man von "Seehafenterminals" oder "Flughafenterminals".

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?435927

Gedruckt am Sonntag, 31. Mai 2020 15:09:16