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Wasserwege als Hauptlauf im Kombinierten Verkehr

Erstellt am: 14.05.2014 | Stand des Wissens: 27.03.2019
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig

Neben der Schiene bietet der Wasserweg eine ideale Alternative im Kombinierten Verkehr. Hierbei bildet das Schiff den Hauptlauf während der Vor- und Nachlauf durch den Lkw organisiert ist. Auch hier wird zwischen unselbständigen und selbständigen Ladeeinheiten unterschieden. Bei dem Transport von unselbständigen Ladeeinheiten werden lediglich die intermodalen Einheiten wie Container, Wechselbehälter oder kranbare Sattelanhänger transportiert. Der Lkw transportiert die Ladeeinheit zum See- oder Binnenschiff und holt sie am Endladeort wieder ab. Ver- und Endladeorte sind Umschlaganlagen, die eine Schnittstellenfunktion im Kombinierten Verkehr besitzen. Bei selbständigen Ladeeinheiten wird oft vom sogenannten Roll-on/Roll-off-Verkehr gesprochen. Hier wird das komplette Landfahrzeug auf dem Wassertransportmittel befördert (schwimmende Landstraße). Das Kraftfahrzeug fährt aus eigener Kraft über spezielle Laderampen auf das Schiff und verlässt dieses auch auf selbigem Wege (siehe Abbildung 1).

kombinierterverkehr-binnenschiff.JPGAbb.1: Kombinierter Verkehr mit dem Wasserweg als Hauptlauf [Walt17]
Prognosen zu Folge wird der Gütertransport in den kommenden Jahren weiter ansteigen, wobei dem Verkehrsträger Straße die größten Anteile an dem absoluten Wachstum des Güterverkehrs bis zum Prognosejahr 2030 zugesprochen werden. Insbesondere durch Niedrigwasser sowie dem Nachfragerückgang am Massengutmarkt kam es in den Jahren 2015 und 2016 zu leichten Transportrückgängen der Binnenschifffahrt und auch für die folgenden Jahre wird eine maximal konstant bleibende Transportnachfrage erwartet. Der kombinierte Verkehr stellt hingegen nach wie vor ein Wachstumssegment dar, in dem die Binnenschifffahrt ihre Marktposition ausbauen und Transportzuwächse verbuchen kann [TCI17]. So wird für den Verkehrsträger Binnenschiff ein überproportional hoher Anstieg des Aufkommens bis zum Jahr 2030 prognostiziert, welcher größtenteils aus dem kombinierten Verkehr resultieren soll. Mit dieser Verlagerung in Richtung des kombinierten Verkehrs geht zudem ein Wachstum des Containerverkehrs in der Binnenschifffahrt einher [ITP14a, S.290].

Der Ausbau des kombinierten Verkehrs wird hierbei insbesondere unter ökologischen und sozialen aber auch unter wirtschaftlichen Aspekten als erstrebenswert angesehen, wobei
dem Verkehrsträger Binnenschiff, als ein ausgesprochen energiesparendes Verkehrsmittel, eine tragende Rolle zukommt. Um Verlader und Spediteure für das alternative Verkehrsmittel zu sensibilisieren und noch bestehende Hemmnisse abzubauen, gründete das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur zusammen mit sechs Bundesländern, sowie Verbänden und Unternehmen der maritimen Wirtschaft das "ShortSeaShipping Inland Waterway Promotion Center Deutschland" (SPC Deutschland). Hier werden interessierte Unternehmen kostenlos und neutral bezüglich Verlagerungsmöglichkeiten von Gütertransporten beraten.
Auch die Kommission der Europäischen Union empfiehlt bereits seit einigen Jahren die Einrichtung von sogenannten "Motorways of the Sea" ("Meeresautobahnen"). Ziel ist es hier, transnationale Seeverkehrsverbindungen zu schaffen, die als Teil intermodaler Transportketten eine hohe Frequenz haben und große Transportaufkommen abwickeln [BMVI14d]. So soll eine konkurrenzfähige Alternative zum Straßengüterverkehr geschaffen werden.

Des Weiteren spielt die Hafenhinterlandanbindung im Kombinierten Verkehr eine tragende Rolle. Insbesondere der Seehafenhinterlandverkehr zu den Westhäfen steht in direkter Verbindung zu dem Wachstum der Binnenschifffahrt. Um einen entsprechenden Vor- und Nachlauf ermöglichen zu können, drohenden Kapazitätsengpässen vorzubeugen und die Wettbewerbsfähigkeit der Häfen zu verbessern, ist demnach eine entsprechende Infrastruktur im Seehafenhinterlandverkehr notwendig [ITP14a, S.302].

Im Verkehrswegeplan 2030 werden der Wasserstraße 24,6 Milliarden Euro Investitionen bis zum Jahre 2030 zugesprochen, wobei der größte Anteil in den Erhalt/Ersatz fließen soll. Die weiteren Förderungen beziehen sich größtenteils auf die Beseitigung von Engpässen und stehen kaum in einem intermodalen Zusammenhang, sodass die Verlagerung von der Straße auf das Wasser eine sehr untergeordnete Rolle bei der Investition in diesen Verkehrsträger spielt. Auch die finanzielle Förderung des kombinierten Verkehrs mit Wasserwegen als Hauptlauf steht hierbei nicht im Vordergrund. Jedoch wurden die im Verkehrswegeplan verankerten Vorhaben zum Ausbau des Elbe-Lübeck-Kanals sowie des Küstenkanals explizit aufgrund ihrer Verbesserung der Qualität der Seehafenhinterlandanbindung aufgenommen [BMVI16d].

Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Kombinierter Verkehr (Stand des Wissens: 23.10.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?430490
Literatur
[BMVI14d] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (Hrsg.) "Meeresautobahnen": Hochgeschwindigkeitsseewege, 2014
[BMVI16d] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (Hrsg.) Bundesverkehrswegeplan 2030, Ausgabe/Auflage März 2016, Berlin, 2016/03
[ITP14a] BVU Beratergruppe Verkehr+Umwelt GmbH, Intraplan Consult GmbH, IVV-Ingenieurgruppe für Verkehrswesen und Verfahrensentwicklung, PLANCO Consulting GmbH, Schubert, Markus, Kluth, Tobias, Nebauer, Gregor, Ratzenberger, Ralf, Kotzagiorgis, Stefanos, Butz, Bernd, Schneider, Walter, Leible, Markus Verkehrsverflechtungsprognose 2030 - Schlussbericht, 2014/06/11
[TCI17] Transport Consulting International Röhling (Hrsg.) Gleitende Mittelfristprognose für den Güter- und Personenverkehr
Kurzfristprognose Sommer 2017, 2017/07
[Walt17] LKW WALTER Internationale Transportorganisation AG (Hrsg.) So funktioniert der Kombinierte Verkehr, 2017
Glossar
Vor- und Nachlauf Unter Vor- und Nachlauf sind im Kombinierten Verkehr Transporte der Ladeeinheit vom Versender zum Umschlagpunkt oder von dort zum Empfänger zu verstehen. Am Umschlagpunkt wechselt die Ladeeinheit das Verkehrsmittel. Der Transport zwischen zwei Umschlagpunkten wird als Hauptlauf bezeichnet.
Lkw Lastkraftwagen (Lkw) sind Kraftfahrzeuge, die laut Richtlinie 1997/27/EG überwiegend oder sogar ausschließlich für die Beförderung von Gütern und Waren bestimmt sind. Oftmals handelt es sich dabei um Fahrzeuge mit einer zulässigen Gesamtmasse zwischen 3,5 und 12 Tonnen. In Einzelfällen kann die zulässige Gesamtmasse diese Werte jedoch auch unter- beziehungsweise überschreiten, sofern das Kriterium der Güterbeförderung gegeben ist. Lastkraftwagen können auch einen Anhänger ziehen.
Verlader Der Verlader ist derjenige Teilnehmer in der Transportkette, der die Ladung/Transportgut erstmals aufgibt. Unter einem Verlader versteht man ein Unternehmen, das Logistikdienstleistungen (Transport, Verladen etc.) bei einem Logistikdienstleister in Auftrag gibt.
Hauptlauf Unter dem Hauptlauf ist im Kombinierten Verkehr der gebündelte Transport von Ladeeinheiten zwischen zwei Umschlagpunkten zu verstehen. Am Umschlagpunkt wechselt die Ladeeinheit das Transportmittel. Transporte vom Versender zum Umschlagpunkt oder von dort zum Empfänger werden als Vor- bzw. Nachlauf bezeichnet.
Sattelanhänger Ein motorloses Fahrzeug für den Güterverkehr, das dazu bestimmt ist, so an eine Zugmaschine angekuppelt zu werden, dass ein wesentlicher Teil seines Gewichts und seiner Ladung von diesem Kraftfahrzeug getragen wird. Eine Anpassung der Sattelanhäger für die Verwendung im Kombinierten Verkehr kann erforderlich sein. Der Begriff Sattelauflieger wird im FIS synonym verwendet.
Seehafenhinterlandverkehr Als Seehafenhinterlandverkehr werden im Allgemeinen der Zu- und Ablaufverkehr der Seehäfen mit den Verkehrsträgern Straße, Schiene und Binnen- bzw. Küstenschiff zu den Wirtschaftszentren im Binnenland bezeichnet.
Kombinierter Verkehr
Intermodaler Verkehr, bei dem der überwiegende Teil der in Europa zurückgelegten Strecke mit der Eisenbahn, dem Binnen- oder Seeschiff bewältigt und der Vor- und Nachlauf auf der Straße so kurz wie möglich gehalten wird.
Rollende Landstraße
Die Rollende Landstraße (RoLa) ist ein Produkt im Bereich des Schienengüterverkehrs. Sie stellt eine spezifische Form des begleiteten Kombinierten Verkehrs dar. Dabei werden Lastkraftwagen bzw. Sattelzüge mit Hilfe der Roll-On/Roll-Off-Technik auf einen Güterzug aus durchgehenden Niederflurwagen verladen und über eine bestimmte Strecke transportiert. Die Fahrer begleiten ihre Fahrzeuge i. d. R. in einem mitgeführten Reisezugwagen. In Europa wird die RoLa z. B. für alpenquerende Verkehre angeboten. Sie kann eine betriebswirtschaftliche und/oder ökologische Alternative zum Straßengütertransport sein.
Spediteur Spediteure fungieren als Intermediäre zwischen Versender und Transporteur bzw. Frachtführer. Sie „besorgen” den Transport. Hierunter fallen insbesondere die Festlegung auf Verkehrsmittel und die Beauftragung ausführender Unternehmen.
Wechselbehälter Ein für den Gütertransport bestimmter Behälter, der im Hinblick auf die Abmessungen von Straßenfahrzeugen optimiert wurde und mit Greifkanten für den Umschlag zwischen den Verkehrsmitteln - in der Regel Straße-Schiene - ausgestattet ist. Gebräuchlich sind Behälter mit Längen von 7 m (Klasse C) und 13 m (Klasse A).

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?430421

Gedruckt am Samstag, 8. August 2020 11:41:40