Forschungsinformationssystem des BMVI

zurück Zur Startseite FIS

Situation der Busbahnhöfe in Deutschland

Erstellt am: 01.07.2013 | Stand des Wissens: 18.01.2022
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Die zentralen Busbahnhöfe (ZOB) sind in Deutschland auf den Nahverkehr ausgerichtet. Aufgrund des schnellen Wachstums der Buslinienfernverkehre sind viele ZOBs kapazitätsmäßig nicht in der Lage, An- und Abfahrten von Buslinien des Fernverkehrs abzuwickeln. Seit der Deregulierung Anfang des Jahres 2013 hat sich durch das Hinzukommen neuer Anbieter insbesondere die Haltestellensituation für den Buslinienfernverkehr verschärft. Daher ist es das Ziel, etliche ZOBs aus- oder neu zu bauen.
Der ADAC testete im Jahr 2020 einige Fernbus-Bahnhöfe in Deutschland auf die Kriterien Ausstattung (zum Beispiel Witterungsschutz, Toiletten) mit einer Wichtung von 30 Prozent, Zugänglichkeit, Sicherheit (zum Beispiel Videokontrolle und soziales Umfeld) und Information (zum Beispiel Durchsagen) mit jeweils einer Wichtung von 20 Prozent sowie Komfort (zum Beispiel Gastronomie) mit einer zehnprozentigen Wichtung [ADAC20c]. Die meisten Fernbusbahnhöfe in Deutschland erfüllen jedoch nicht alle Kriterien. Als größter Mangel an den Terminals stellten sich die fehlenden Durchsagen aktueller Fahrgastinformationen heraus. Diese fehlen nämlich bei allen elf getesteten Fernbusterminals. Weiterhin verfügen 82 Prozent der getesteten Fernbusterminals über keine elektronischen Anzeigen mit aktuellen Informationen zu der An- und Abreise im Wartebereich. Darüber hinaus fehlen bei 73 Prozent der Fernbusbahnhöfe die Auskunft über die aktuellen Informationen zur An- und Abreise auf der Website. Ein weiteres Defizit sind die ungenügende Anzahl an Sitzplätzen im Wartebereich (82 Prozent) und die mangelnde Barrierefreiheit (64 Prozent). Die meisten Terminals erfüllen auch nicht die Standards hinsichtlich des Komforts. Es fehlen beispielweise Schließfächer, Geldautomaten, freies WLAN, gastronomische Einrichtungen sowie abschließbare Fahrradabstellplätze. Auch die Sauberkeit in den Wartebereichen und in den Sanitäranlagen wird bemängelt [ADAC20c]. Bewertungskriterien für einen idealen Fernbus-Bahnhof können sich auch aus erweiterbaren Kategorien wie Kundenservice, Umwelt- und Sozialverträglichkeit, Funktionalität, Wirtschaftlichkeit, städtebauliche Attraktivität und Aufenthaltsqualität zusammensetzen [HSB16].
Das Terminal in Stuttgart ist als eine der modernsten Anlagen für Buslinienfernverkehr bekannt und wird mit sehr gut bewertet. Es beinhaltet mehrsprachige elektronische Anzeigesysteme, Durchsagen, zentrale Schalter, Parkplätze, behindertengerechte Sanitäranlagen, Einkaufsmöglichkeiten sowie eine vollständige Überdachung. Für Menschen mit Sehbehinderung wurde ein durchgehendes taktiles Leitsystem ausgebaut. Für die Sicherheit am Busbahnhof sorgen Videoüberwachungen und Personal vor Ort. Der einzige Nachteil bleibt die dezentrale Lage am Flughafen Stuttgart, trotz guter Erreichbarkeit mit dem öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Außerdem fehlen Schließfächer für das Gepäck [ADAC20c, ADAC20d]. Die Terminals in Hamburg, Hannover, Leipzig, München sowie am Köln/Bonn Flughafen haben im Test mit "gut" abgeschlossen.
Seit dem 24. März 2018 halten die Fernbusse in Leipzig am modernsten Fernbus-Terminal neben dem Hauptbahnhof. Neben neun überdachten Bussteigen beinhaltet das Busterminal gastronomische Einrichtungen, Services, Sanitäranlagen und Dienstleistungen wie eine Pkw-Vermietung. Über dem Terminal befinden sich zusätzlich 550 Parkplätze. Etwa 15 Millionen Euro investierte die Kooperation zwischen Stadt und privaten Investoren. Neben dem Fernbus-Terminal entstehen zukünftig noch zwei Hotels [Leip18]. Auch in Bremen soll bis Ende April 2022 ein neuer Fernbusbahnhof entstehen [HB22]. In Dresden soll der Baubeginn des Fernbusterminals ab dem zweiten Quartal 2022 erfolgen [MDRF21].
Die meisten ZOB befinden sich in deutschen Städten in der Nähe des Hauptbahnhofes. Berlin stellt dabei eine Ausnahme dar. Vor dem Hintergrund der Teilung Berlins und des neuen Hauptbahnhofs befindet sich der ZOB in der Nähe des Messegeländes.
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Buslinienfernverkehr (Stand des Wissens: 08.02.2022)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?409383
Literatur
[ADAC17f] Allgemeiner Deutscher Automobil-Club e. V. (ADAC) (Hrsg.) Fernbus-Bahnhöfe in Deutschland, 2017
[ADAC20c] Allgemeiner Deutscher Automobil-Club e. V. (ADAC) (Hrsg.) 11 Fernbus-Terminals im ADAC Test: Weiterhin Mängel, 2020/06/18
[ADAC20d] Allgemeiner Deutscher Automobil-Club e. V. (ADAC) (Hrsg.) Fernbusbahnhof: Stuttgart SAB, 2020
[Bang13] Bange, Cornelia Planung, Finanzierung und Betrieb von Fernbusterminals in Deutschland, veröffentlicht in Sonderausgabe InfrastrukturRecht, Ausgabe/Auflage November 2013, C.H.Beck, München, 2013/06/21, ISBN/ISSN 1612-7803
[HB22] Stadt Bremen (Hrsg.) Bremen wird neu: Fernbusterminal in Bremens Innenstadt, 2022/02/08
[HSB16] Hochschule Bremen (Hrsg.) Bestandsaufnahme des Fernbusbahnhofs Bremen und Untersuchung möglicher Alternativstandorte, 2016/06/21
[Leip18] Stadt Lepizig (Hrsg.) Leipzigs neues Fernbus-Terminal am Hauptbahnhof ist eröffnet, 2018/03/22
[Maer12b] Maertens, S. Buslinienfernverkehr in Deutschland - effiziente Ausgestaltung einer Liberalisierung, veröffentlicht in Wirtschaftsdienst, Ausgabe/Auflage Vol. 8, 2012
[MDRF21] Mitteldeutscher Rundfunk (MDR) (Hrsg.) Dresden bekommt einen Fernbusterminal, 2021/03/02
[WAZ14] Wilfried Goebels , Matthias Korfmann , Holger Dumke Haltestellenchaos - wie der Fernbus-Boom Städte überfordert, 2014/09/13
Glossar
Barrierefreiheit
Barrierefreiheit bedeutet, dass bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände, Systeme der Informationsverarbeitung, akustische und visuelle Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen sowie andere gestaltete Lebensbereiche für Menschen mit Behinderung in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind.
WLAN
Als Wireless Local Area Network (WLAN, deutsch: drahtloses lokales Netzwerk) wird ein lokales Funknetz und dessen verschiedene Techniken und Standards bezeichnet.
ADAC = Allgemeine Deutsche Automobil Club e. V.. Der ADAC nimmt für sich in Anspruch, die Interessen deutscher Auto-, Motorrad- und Bootfahrer zu vertreten. Er bietet - direkt oder über Tochterfirmen - Dienstleistungen an und produziert Stadtpläne sowie Straßenkarten. Außerdem betreibt er mehrere Fahrsicherheitszentren. Die ursprüngliche und bekannteste Dienstleistung des Clubs ist die Pannenhilfe.
Öffentlicher Personennahverkehr
Der öffentliche Personennahverkehr ist juristisch im Personenbeförderungsgesetz (PBefG) definiert. Laut Paragraf 8, Absatz 1 und 2 umfasst der ÖPNV "die allgemein zugängliche Beförderung von Personen mit Straßenbahnen, Obussen und Kraftfahrzeugen im Linienverkehr, die überwiegend dazu bestimmt sind, die Verkehrsnachfrage im Stadt-, Vorort- oder Regionalverkehr zu befriedigen". Taxen oder Mietwagen können dieses Angebot ersetzten, ergänzen oder verdichten.
Der Begriff ÖPNV bezieht sich in der Regel auf Strecken mit einer gesamten Reiseweite von weniger als 50 Kilometern oder einer gesamten Reisezeit von weniger als einer Stunde. Das in einer Stadt oder Region erforderliche Nahverkehrsangebot und dessen Eignung hinsichtlich Nachhaltigkeit und Klimaschutz wird in einem Nahverkehrsplan definiert und festgehalten.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?411708

Gedruckt am Sonntag, 25. September 2022 00:50:00