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Buslinienfernverkehr in Spanien

Erstellt am: 25.04.2013 | Stand des Wissens: 25.11.2019
Ansprechpartner
Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Institut für Volkswirtschaftslehre (ECON), Prof. Dr. Kay Mitusch
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Der spanische Markt für Buslinienfernverkehr erfolgt über die Vergabe von Exklusivkonzessionen. Hauptziel des Konzessionssystems ist es, landesweit einen Buslinienfernverkehr zu gewährleisten, auch wenn einige Routen nicht profitable betrieben werden können. Profitable und unprofitable Routen werden in einer Konzession vergeben und unprofitable Routen werden damit quersubventioniert [StDaGl09, APPENDIX A, S. 52].
Mit einer Reform im Personenverkehr wurde die bis 1990 geltende Direktvergabe von Konzessionen abgeschafft. Das Gesetz zur Regelung des Landverkehrs 16/1987 LOTT (Ley de Ordenación de Transportes Terrestres) aus dem Jahr 1987 und dessen Ausführungsregeln ROTT aus dem Jahr 1990 regeln die Versteigerung der Konzessionen für den spanischen Buslinienfernverkehr durch das spanische Verkehrsministerium Ministerio de Fomento [GaGo03, S. 2ff.]. Im Rahmen dieser Versteigerung werden maximale Fahrpreise, Frequenzen und Fahrpläne festgelegt [Igle12]. Zum Zeitpunkt der Einführung des Gesetzes zur Regelung des Landverkehrs im Jahr 1987 wurde eine Konzessionslaufzeit von acht bis 20 Jahren festgelegt, die im Jahr 2000 auf sechs bis 15 Jahre reduziert wurde [GaGo03, S. 2ff.]. Ein Großteil der Versteigerungen fand erst ab 2007 statt, da zum Zeitpunkt der Reform die bestehenden 113 Buslinienfernverkehrskonzessionen bis mindestens 2007 verlängert werden konnten, zum Teil aber auch bis 2013 oder 2018 verlängert wurden [VdVe09, S. 10], [StDaGl09, APPENDIX A, S. 52].

Im Rahmen der Konzessionsversteigerung wird ein Punktesystem angewendet. Die Konzessionsbewerber können maximal 100 Punkte erreichen. Es werden verschiedene Kategorien mit einer individuellen Maximalpunktzahl berücksichtigt (zum Beispiel Technische Merkmale, Kundendienst und Marketing, Preis). Dieser Punktekatalog legt seinen Schwerpunkt weniger auf einen günstigen Preis (maximal 15 Punkte), sondern auf die Sicherheit und den Komfort von Busverkehrsunternehmen (maximal 26 Punkte, vgl. Tabelle 1).
Punktesystem Vergabe von interregionalen BuslinienfernverkehrkonzessionenTabelle 1: Punktesystem zur Vergabe von spanischen interregionalen Buslinienfernverkehrskonzessionen (Grafik zum Vergrößern bitte anklicken), eigene Darstellung nach [CNC10]
Mithilfe der Versteigerung von Konzessionen ist es heutzutage auch neuen Busunternehmen möglich, Konzessionen zu erhalten. Laut Angabe der Europäischen Kommission [StDaGl09, APPENDIX A, S. 52] existieren jedoch Barrieren für neue Anbieter, in den spanischen Buslinienfernverkehrsmarkt einzusteigen. Die langen Konzessionsperioden und die Tendenz sowohl der regionalen Behörden als auch der nationalen Behörde, die Konzessionen nach ihrem Ablauf zu verlängern, erschwert es neuen Anbietern, in den Markt einzutreten. Darüber hinaus verfügen die langjährigen Busunternehmen über eine bessere Informationslage als neue Busunternehmen, die ihnen Vorteile bei den Versteigerungen verschafft [StDaGl09, APPENDIX A, S 52]. Beispielsweise wird der Madrider Busbahnhof Estación Sur de Autobuses von dem Unternehmen Estación Sur des Autobuses de Madrid SA (ESAMSA) per Konzession betrieben. Estación Sur des Autobuses de Madrid SA (ESAMSA) ist zu 56 Prozent ein Tochterunternehmen der Avanza Group, einem der größten Busunternehmen in Spanien [StDaGl09, APPENDIX B]. Eine Marktbarriere stellt außerdem die Diskriminierung neuer Bewerber dar, weil nach dem LOTT ihr Angebot auch dann abgelehnt werden kann, wenn sie ein bis zu fünf Prozent besseres Punkteergebnis vorweisen können als das Ergebnis des langjährigen Anbieters. Ferner ist der frühere Anbieter zum Teil von Vorgaben bezüglich des Fahrzeugalters ausgenommen [StDaGl09, APPENDIX A, S 52].

Heute agieren zahlreiche Busunternehmen auf dem spanischen Buslinienfernverkehrsmarkt. Das Unternehmen Alsa (im Eigentum des britischen Busunternehmens National Express) ist heute das größte Unternehmen im spanischen Markt für Buslinienfernverkehr mit einem Marktanteil von circa zehn Prozent [Igle12]. Das Ministerio de Formento hat im Jahr 2011 insgesamt 99 Konzessionen auf einer Gesamtlänge von 80.878 Kilometer und mit einer durchschnittlichen Länge von 816,9 Kilometer vergeben [MiFo12]. Insgesamt wurde mit den Buslinienfernverkehren im Jahr 2011 eine Verkehrsleistung von 6,15 Milliarden Personenkilometer erreicht (vgl. [Renfe11], S. 56: Schnellbahn: 10,4 Milliarden Personenkilometer) und ein Umsatz von 350 Millionen Euro erwirtschaftet [MiFo12, S. 37]. Das im Jahr 2002 gegründete Unternehmen Avanza war der erste Fernbusbetreiber für Kurz- und Mittelstrecken in Spanien. Auch FlixBus bietet viele Strecken aus europäischen Ländern nach Spanien an, teilweise sogar direkt.
Ansprechpartner
Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Institut für Volkswirtschaftslehre (ECON), Prof. Dr. Kay Mitusch
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Buslinienfernverkehr (Stand des Wissens: 27.02.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?409383
Literatur
[CNC10] Informe de seguimiento del proceso de renovacion de las concesiones estatales de transporte interurbano de viajeros en autobus, 2010
[GaGo03] Garcia-Pastor, A., Gonzales, J.-D., Christobal-Pinto, C., Lopez-Lambas, M. The spanish situation of road public transport competition, 2003/10
[Igle12] Iglesias, F. Regulatory framework for interurban coach transport activities in Spain, 2012/02
[MiFo12] Ministerio de Fomento Observatorio del transporte de viajeros por carretera - Concesiones del estado, 2012
[Renfe11] Renfe Operadora Annual Report 2010, 2011
[StDaGl09] Steer Davies Gleave Study of passenger transport by coach, 2009/06
[VdVe09] Van de Velde, D. Long-Distance Bus Services in Europe: Concessions or Free Market? , 2009/12
Glossar
Personenkilometer
Die Einheit Personenkilometer [Pkm] beschreibt die im Rahmen einer Personenbeförderung erbrachte Verkehrsarbeit. Diese definiert sich als Produkt der Verkehrsmenge (Summe der beförderten Personen) und der von dieser dabei zurückgelegten Wegstrecke in km.
Verkehrsarbeit [Pkm] = Verkehrsmenge [P] * Wegstrecke [km]
Verkehrsleistung Die Verkehrsleistung gibt Auskunft über die Inanspruchnahme von Ressourcen. Als Verkehrsleistung wird die auf eine Zeiteinheit t (zum Beispiel ein Jahr) bezogene Verkehrsarbeit definiert und als Quotient dargestellt. Die Verkehrsarbeit wird dabei als Produkt von Verkehrseinheiten (zum Beispiel Güter, Personen) und der durch diese zurückgelegten Strecke gebildet. In der Verkehrswissenschaft sind die Einheiten Personenkilometer pro Jahr [Pkm/a] bzw. Tonnenkilometer pro Jahr [tkm/a] gebräuchlich.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?409420

Gedruckt am Donnerstag, 1. Oktober 2020 06:53:41