Forschungsinformationssystem des BMVI

zurück Zur Startseite FIS

Angebotsspezifische Wettbewerbssituation im Hinblick auf potenzielle Transportangebote des schnellen Schienengüterverkehrs

Erstellt am: 13.11.2012 | Stand des Wissens: 28.03.2019
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig

Die Marktfähigkeit schneller Schienengüterverkehrsangebote kann lediglich unter Berücksichtigung bestehender intermodaler Wettbewerbsverhältnisse in angemessener Weise evaluiert werden. Nachfolgend sei deshalb auf die entsprechenden Leistungscharakteristika der Verkehrsträger Straße und Luft Bezug genommen.

Güterkraftverkehr
Im Lkw-Direktverkehr kann die Transportgeschwindigkeit vom Versender zum Empfänger bis 500 Kilometer Transportweite mit circa 60 Kilometer pro Stunde abgeschätzt werden. Der Preis beläuft sich auf etwa 1 Euro je Kilometer. Im Kombinierten Verkehr (KV) ergibt sich die Transportzeit aus Vor- und Nachlauf inklusive Umschlag der Behälter mit jeweils etwa einer Stunde, einer weiteren Stunde für die Zugbildung und -auflösung sowie der Fahrzeit mit etwa 70 Kilometer pro Stunde im normalen KV und bis zu 120 Kilometer pro Stunde Durchschnittsgeschwindigkeit bei einer Höchstgeschwindigkeit von 160 Kilometer pro Stunde, abhängig vom Anteil der Hochgeschwindigkeitsverkehrs (HGV)-Strecken am Laufweg [Ross12].

Für 600 Kilometer benötigt der Lkw also 10 Stunden, der herkömmliche KV-Transport 3 Stunden + 600/70 = 11,6 Stunden und der sSGV 3 + 600/120 = 8 Stunden im Haus-zu-Haus-Verkehr. Er kann damit einen deutlichen Vorsprung gegenüber straßenseitigen Transportangeboten realisieren. Infolge des deutlich höheren Energieverbrauches und hoher Trassenpreise auf den HGV-Strecken wird der Preis im sSGV je Tonnenkilometer (tkm) jedoch vermutlich deutlich mehr als 1 Euro je Sendungskilometer betragen. Dies ist unter anderem abhängig von der Anzahl beförderbarer Ladeeinheiten je Zug, welche wiederum durch die zulässige Zuglänge und -masse determiniert wird.

Für den sSGV sind vor allem die Bereiche von Bedeutung, welche heute in genormten Einheiten zwischen Aufkommensschwerpunkten transportiert werden. Die Behälter mit dem Transportgut werden auf der Straße zu einem möglichst nah (zumeist nicht weiter als 20 Kilometer entfernt) gelegenen Umschlagbahnhof befördert und auf einen KV-Zug umgeladen.

Trassenpreis, Traktion und Personalkosten sind weitgehend von der Zugauslastung unabhängig. Der sSGV wird daher vorwiegend als Zusatzzug auf stark nachgefragten Relationen verkehren, auf denen täglich mindestens 80 Sendungen (TEU) anfallen, die sich auf den sSGV-Zug und einem 'normalen' KV-Zug aufteilen. Damit kann die Belastung der Umschlaganlagen entzerrt werden.

Luftfracht
Als ebenfalls relevant erweist sich für den sSGV der Luftfrachtbereich. Hier werden in flughafennahen Anlagen Luftfrachtcontainer zielrein beladen und als Beiladung per Flugzeug zu den einzelnen Hubs befördert. Im Nahbereich bis 300 Kilometer werden diese Transporte auf der Straße abgewickelt. Vor diesem Hintergrund bestehen seit geraumer Zeit Überlegungen, entsprechende Sendungen durch den sSGV abzuwickeln (zum Beispiel CargoSprinter Osnabrück/Hamburg - Frankfurt und Eurocarex) [Kuhl11; Wüst08].

Aus Sicherheitsgründen müssen die Behälter zwischen Be- und Entladung kontinuierlich überwacht werden. In den Hubs kommen die weltweit operierenden, reinen Frachtflugzeuge zusammen und werden in möglichst kurzen Stopps be- beziehungsweise entladen. Auch hier ist eine stabile Menge an Behältern je Tag von Vorteil. Die Zuliefer- und Umschlagsysteme müssen ausgesprochen schnell und höchst zuverlässig operieren.

Der Transportpreis besitzt im Luftfrachtverkehr eine untergeordnete Bedeutung. Die Konkurrenz auf den hier anstehenden Entfernungen besteht allenfalls im Seeschiffverkehr, wobei dieser angesichts erheblich längerer Transportzeiten zumeist abweichende Gütergruppen adressiert.

Versuche, die größten Luftfrachthubs untereinander auf der Schiene zu bedienen, sind bisher fast alle an dem notwendigen Schienenanschluss möglichst im engeren Frachtbereich eines Flughafens, an zu langen Transportzeiten gegenüber dem Zubringerflugzeug oder zu geringen und nicht stabilen Frachtmengen gescheitert. Eine weitere Problematik stellt die nicht ausreichende Zuverlässigkeit der Schiene dar, welche zumeist die Rückfallebene Road-Feeder-Service (Lkw) nicht überflüssig macht.

Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Realisierungspotenziale schneller Schienengüterverkehrsangebote (Stand des Wissens: 13.08.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?402425
Literatur
[Kuhl11] Kuhla, Eckhard ICE Cargozüge, veröffentlicht in GRV-Nachrichten, Ausgabe/Auflage 92, 2011/12
[Ross12] Rossberg, Ralf Roman Die vielfältigen Potenziale des Kombinierten Verkehrs erschließen, veröffentlicht in Güterbahnen, Ausgabe/Auflage 01/2012, Alba Fachverlag, Düsseldorf , 2012/01, ISBN/ISSN 1610- 5273
[Wüst08] Wüst, Christian Nachtsprung auf Schienen, veröffentlicht in Der Spiegel, Ausgabe/Auflage 7/2008, 2008/02/11
Glossar
Twenty-foot equivalent unit Zwanzig-Fuß-Äquivalente-Einheit (Twenty-foot Equivalent Unit). Eine statistische Hilfsgröße auf der Basis eines 20-Fuß-ISO-Containers (6,10 m Länge) zur Beschreibung von Verkehrsströmen oder -kapazitäten. Ein genormter 40'-ISO-Container der Reihe 1 entspricht 2 TEUs.
Schienengüterverkehr
Unter Schienengüterverkehr (SGV) wird der Transport von Gütern mit der Eisenbahn verstanden. Diese werden in Güterzügen unter Verwendung (spezieller) Güterwagen befördert. Diese Verkehre können entweder auf gesonderten Güterverkehrsstrecken oder im Mischverkehr, auf gemeinsam durch den Güter- und Personenverkehr genutzten Strecken, realisiert werden. Leistungen des Schienengüterverkehrs werden häufig als Teil einer Logistikkette in logistische Gesamtkonzepte eingebunden.
Traktion Unter Traktion versteht man im Schienenverkehrsbereich die kraftgetriebene Fortbewegung von Triebfahrzeugen. Bei der Art des Antriebssystems unterscheidet man heutzutage i. d. R. Triebfahrzeuge mit dieselelektrischen oder -hydraulischen bzw. rein elektrischen Aggregaten zur Kraftübertragung (auch: Diesel- bzw. Elektrotraktion).  Die Traktionsart Dampf wird hierzulande nur noch im Bereich von Museumsbahnen eingesetzt. Mehrere gekoppelte Triebfahrzeuge bilden eine sog. Mehrfachtraktion. Üblicherweise werden diese nach der Anzahl der eingesetzten Triebfahrzeuge benannt (z. B. Doppel- oder Dreifachtraktion).
Schneller Schienengüterverkehr
Als schnellen Schienengüterverkehr (sSGV) werden Verkehre bezeichnet, die für die Geschwindigkeiten über 120 km/h zugelassen sind. Die Güterzüge des sSGV sind mit Leit- und Bremstechnik ausgerüstet, die auch im Schienenpersonenfernverkehr zum Einsatz kommt. Diese Angebotsform ist insbesondere im Kombinierten Verkehr (vor allem Seehafenhinterlandverkehr) anzutreffen.
Hochgeschwindigkeitsverkehr Als Hochgeschwindigkeitsverkehr (HGV) werden Zugfahrten von Trieb[wagen]zügen (sog. Hochgeschwindigkeitszüge) bzw. dafür geeigneten lokbespannten Zügen mit mehr als 200 km/h Spitzengeschwindigkeit auf extra dafür [um]gebauten HGV-Strecken bezeichnet.
tkm tkm = Tonnenkilometer Die Einheit Tonnenkilometer [tkm] beschreibt die im Rahmen einer Güterbeförderung erbrachte Verkehrsarbeit. Diese definiert sich als Produkt der Gütermenge (Summe der beförderten Güter in Tonnen) und der von dieser dabei zurückgelegten Wegstrecke in km. Verkehrsarbeit [tkm] = Gütermenge [t] * Wegstrecke [km]
Feederverkehr Unter „Feederverkehr” versteht man den Zubringer- bzw. Verteilverkehr, z.B. den straßenseitigen Vor- und Nachlauf im Kombinierten Verkehr Straße-Schiene. Ausgeprägte Feederverkehre finden sich in der Seeschifffahrt, in der die Hub-Häfen der interkontinentalen Verkehre über Feederlinien mit kleineren Schiffen ein größeres Einzugsgebiet erschließen
Hub Der Begriff Hub kommt vom englischen Begriff "Hub and Spoke", was im Deutschen "Nabe und Speiche" entspricht. Der Hub dient als Sammel- und Knotenpunkt für Hauptverkehrswegen für den Umschlag und die Zusammenfassung von Warenströmen in alle Richtungen, d.h. zur Warenübergabe an regionale Verteiler. Im Postwesen handelt es sich bei Hubs häufig um Paketzentren. Die Transportmittel zur weiteren Beförderung der Sendungen variieren (Schiffe, Flugzeuge, Lkw).
Kombinierter Verkehr
Intermodaler Verkehr, bei dem der überwiegende Teil der in Europa zurückgelegten Strecke mit der Eisenbahn, dem Binnen- oder Seeschiff bewältigt und der Vor- und Nachlauf auf der Straße so kurz wie möglich gehalten wird.
Laufweg Der Laufweg eines Zuges stellt den geografischen Fahrtverlauf auf einer konkreten Strecke bzw. Infrastruktur während einer Zugfahrt dar.
Umschlagbahnhof Umschlagbahnhöfe (Ubf) dienen dem Übergang von Gütern auf oder von Schienenfahrzeugen bzw. dem Wechsel von diesen zu Transportmitteln anderer Verkehrsträger. Im letzteren Fall spricht man auch von Terminals des kombinierten Verkehrs (KV-Terminal). Diese stellen typischerweise Umschlagpunkte von Ladeeinheiten wie Container, Wechselbehälter, Wechselbrücken oder Sattelauflieger dar. Bei Ubf in Häfen und Flughäfen spricht man von "Seehafenterminals" oder "Flughafenterminals".
Vor- und Nachlauf Unter Vor- und Nachlauf sind im Kombinierten Verkehr Transporte der Ladeeinheit vom Versender zum Umschlagpunkt oder von dort zum Empfänger zu verstehen. Am Umschlagpunkt wechselt die Ladeeinheit das Verkehrsmittel. Der Transport zwischen zwei Umschlagpunkten wird als Hauptlauf bezeichnet.
Lkw Lastkraftwagen (Lkw) sind Kraftfahrzeuge, die laut Richtlinie 1997/27/EG überwiegend oder sogar ausschließlich für die Beförderung von Gütern und Waren bestimmt sind. Oftmals handelt es sich dabei um Fahrzeuge mit einer zulässigen Gesamtmasse zwischen 3,5 und 12 Tonnen. In Einzelfällen kann die zulässige Gesamtmasse diese Werte jedoch auch unter- beziehungsweise überschreiten, sofern das Kriterium der Güterbeförderung gegeben ist. Lastkraftwagen können auch einen Anhänger ziehen.
Versender Versender (auch Verlader genannt) sind Unternehmen, die Transportleistungen und verwandte logistische Dienstleistungen für ihre Sendungen nachfragen.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?401632

Gedruckt am Donnerstag, 23. September 2021 08:59:24