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Definition und Abgrenzung von Angebotsformen des schnellen Schienengüterverkehrs

Erstellt am: 13.11.2012 | Stand des Wissens: 06.05.2019
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig

Definition
Da im Schienengüterverkehr (SGV) die maximale Geschwindigkeit derzeit aus bremstechnischen Gründen (höchstzulässiger Bremsweg circa 700 Meter) gemäß der Bruttolast eines Zuges sowie der güterwagenspezifischen Bremsausrüstung und -einstellung auf 80, 100 oder 120 Kilometer pro Stunde beschränkt ist, beginnt der schnelle Schienengüterverkehr (sSGV) bei maximal zulässigen Geschwindigkeiten von mehr als 120 Kilometer pro Stunde [SiSt12, S. 10 ff.].

Dazu müssen die bisherigen technischen Einschränkungen entweder durch die Verwendung von höherwertiger, im konventionellen SGV noch nicht eingesetzter Leit- und Sicherungstechnik (zum Beispiel der im Personenverkehr gängigen Linienförmigen Zugbeeinflussung, European Train Control System Level 2) beziehungsweise innovativer Bremstechnik (zum Beispiel Scheibenbremsen, elektrisch-pneumatische Bremsansteuerung) überwunden werden.

Abgrenzung
Mit Blick auf den SGV lassen sich generell folgende Produktions- und Angebotsformen unterscheiden [ArIs08; S. 764 f.]:
  • Ganzzugverkehr: Große Gütermengen eines Kunden werden als geschlossene Zugeinheit ohne Unterwegsbehandlung (Rangieraufenthalt) vom Versender zum Empfänger transportiert.
  • Einzelwagenverkehr (EWV): Meist vom Kunden in Gleisanschlüssen beladene einzelne Wagen oder Wagengruppen. Diese werden unter Durchführung mehrgliedriger Transport- und Umgruppierungsprozesse zu den entsprechenden Zielbahnhöfen befördert.
  • Kombinierter Verkehr (KV): Der KV bedient sich zwecks vereinfachten Umschlages zwischen Straße, Schiene und Schiff genormter Ladeeinheiten sowie darauf abgestimmter Umschlaganlagen.
Für den sSGV kommt insbesondere der KV aufgrund seiner Befähigung zur Flexibilisierung als Angebotsform in Betracht. Hier werden von den Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) zwischen den Umschlagbahnhöfen (Ubf) Güterzüge im System geplant. Man unterscheidet zwischen:
  • Direktzügen, die zwischen Be- und Entladung direkt, also ohne planmäßigen Zwischenhalt verkehren,
  • Linienzügen, welche unterwegs Ladeeinheiten aufnehmen und abgeben, ohne ihre Zugzusammensetzung zu ändern, sowie
  • (Mehr-) Gruppenzügen, in denen die Tragwagen mit den Ladeinheiten nach Unterzielen sortiert eingestellt werden. Diese Gruppen werden unterwegs abgesetzt, aufgenommen oder mit anderen Gruppenzügen ausgetauscht.
Direktzüge werden als Shuttlezug bezeichnet, wenn der Zug nur zwischen A und B pendelt und die Tragwagenkonfiguration nicht verändert wird. Diese Form hat sich vor allem im Seehafenhinterlandverkehr bewährt. Ein Shuttlezug birgt ein großes Auslastungsrisiko, verlangt aber wenig Rangier- und Zugbildungsaufwand. Daher eignet er sich vor allem für EVU, die nur auf wenigen, aber aufkommensstarken Relationen tätig sind. Für kleine EVU stellt er einen geeigneten Einstieg in den SGV-Markt dar, weil vorhandene relationsspezifische Bündelungspotenziale sowie verhältnismäßig geringe bahnbetriebliche und organisationsbezogene Anforderungen eine wirtschaftlich rentable Verkehrsdienstleistungserbringung auch ohne Vorhaltung weitreichender Transportnetzwerke oder einer größeren Anzahl an Serviceeinrichtungen (beispielsweise in Form von Ladestellen, Rangieranlagen) ermöglichen [ArIs08; S. 751].

Aufgrund der für den sSGV notwendigen speziellen Techniken erscheint die Angebots- und Produktionsform des Direktzuges, welche zeitintensive Zwischenbehandlungsprozesse vermeidet, für ihn als erfolgversprechendste Transportvariante. Infolge seiner technischen Besonderheiten sollte er möglichst selten auseinandergenommen werden, so dass es sich anbietet, ihn als Shuttlezug verkehren zu lassen. Er kann seine Vorteile am ehesten auf Relationen mit hohem Schnellfahrstreckenanteil und großen Entfernungen von mehr als 400 Kilometer ausspielen [Weig08, S.275].
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Realisierungspotenziale schneller Schienengüterverkehrsangebote (Stand des Wissens: 13.08.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?402425
Literatur
[ArIs08] Arnold, D., Isermann, H., Kuhn, A., Furmans, K., Tempelmeier, H. Handbuch Logistik, Ausgabe/Auflage 3., neu bearbeitete Auflage, Springer-Verlag / Berlin Heidelberg, 2008, ISBN/ISSN 3540729283
[SiSt12] Siegmann, Jürgen, Stuhr, Helge Hat der Einzelwagenverkehr (EV) in Europa noch eine Chance?, veröffentlicht in Eisenbahntechnische Rundschau (ETR), Ausgabe/Auflage 3/2012, DVV Media Group GmbH/ Hamburg , 2012/03, ISBN/ISSN 0013-2845
[Weig08] Weigand, Werner Produktionsplanung, veröffentlicht in Das System Bahn, Ausgabe/Auflage 1. Auflage, DVV Media Group GmbH, DVV Rail Media (Eurailpress) / Hamburg, 2008, ISBN/ISSN 978-3-7771-0374-7
Glossar
Schienengüterverkehr
Unter Schienengüterverkehr (SGV) wird der Transport von Gütern mit der Eisenbahn verstanden. Diese werden in Güterzügen unter Verwendung (spezieller) Güterwagen befördert. Diese Verkehre können entweder auf gesonderten Güterverkehrsstrecken oder im Mischverkehr, auf gemeinsam durch den Güter- und Personenverkehr genutzten Strecken, realisiert werden. Leistungen des Schienengüterverkehrs werden häufig als Teil einer Logistikkette in logistische Gesamtkonzepte eingebunden.
Scheibenbremse
Die Scheibenbremse ist die im Schienenpersonenverkehr dominierende Bremse. Hierbei wird der Bremsbelag auf eine eigens dafür vorgesehene Scheibe am Rad oder der Radsatzwelle gedrückt. Gegenüber der Klotzbremse ist sie deutlich schwerer und teurer, erzielt jedoch höhere Bremsleistungen und sorgt aufgrund ihres Aufbaus für eine thermische Entlastung des Rades.
Schneller Schienengüterverkehr
Als schnellen Schienengüterverkehr (sSGV) werden Verkehre bezeichnet, die für die Geschwindigkeiten über 120 km/h zugelassen sind. Die Güterzüge des sSGV sind mit Leit- und Bremstechnik ausgerüstet, die auch im Schienenpersonenfernverkehr zum Einsatz kommt. Diese Angebotsform ist insbesondere im Kombinierten Verkehr (vor allem Seehafenhinterlandverkehr) anzutreffen.
Einzelwagenverkehr Der Einzelwagenverkehr (EWV; auch Wagenladungsverkehr, WLV) ist der Transport einzelner Güterwagen(-Gruppen) in speziell für deren jeweiligen Transportweg zusammengestellten Güterzügen. Die Güterwagen mit verschiedenen Versendern und Empfängern werden dabei in sog. Zugbildungsbahnhöfen (Zbf) zu einzelnen Güterzügen zusammengefasst.
ETCS
Standard eines EU-weit harmonisierten Zugbeeinflussungssystems, welches im Falle einer entsprechenden Streckeninfrastrukturausstattung und Fahrzeugertüchtigung die unterbrechungsfreie Durchführung grenzüberschreitender Schienenverkehre ermöglicht, ohne zu diesem Zweck das triebfahrzeugseitige Mitführen unterschiedlicher, auf nationaler Ebene verwendeter Systemkomponenten vorauszusetzen.

Mit Hilfe von Zugbeeinflussungssystemen lassen sich auf dem Streckennetz stattfindende Fahrten beispielsweise hinsichtlich einer Einhaltung erlaubter Höchstgeschwindigkeiten oder der Befolgung signalisierter Befehle überwachen, um gegebenenfalls automatische Schutzreaktionen auszulösen. So können etwa Triebfahrzeuge, welche ein Halt zeigendes Signal überfahren, selbsttätig zum Stillstand gebracht werden.

In Zukunft wird der automatische Zugbetrieb (Automatic Train Operation, ATO) auf Grundlage des ECTS gebaut.
Leit- und Sicherungstechnik
Unter dem Begriff der Leit- und Sicherungstechnik (LST) werden technische Maßnahmen zusammengefasst, die getroffen werden, um einen sicheren, meist signalgeführten Eisenbahnbetrieb durchzuführen. Sie regelt die gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen den Anlagen, den Signalen und den Fahrzeugen, die zur sicheren Durchführung von Zug- und anderen Fahrten notwendig sind. Wichtigster Bestandteil der LST ist die Stellwerkstechnik, mit Hilfe derer das Stellen von Weichen und Signalen sowie die Sicherung von Fahrstraßen erfolgt. Zur LST gehört auch die Zugbeeinflussung (z. B. PZB, LZB, ETCS).
Seehafenhinterlandverkehr Als Seehafenhinterlandverkehr werden im Allgemeinen der Zu- und Ablaufverkehr der Seehäfen mit den Verkehrsträgern Straße, Schiene und Binnen- bzw. Küstenschiff zu den Wirtschaftszentren im Binnenland bezeichnet.
Kombinierter Verkehr
Intermodaler Verkehr, bei dem der überwiegende Teil der in Europa zurückgelegten Strecke mit der Eisenbahn, dem Binnen- oder Seeschiff bewältigt und der Vor- und Nachlauf auf der Straße so kurz wie möglich gehalten wird.
Umschlagbahnhof Umschlagbahnhöfe (Ubf) dienen dem Übergang von Gütern auf oder von Schienenfahrzeugen bzw. dem Wechsel von diesen zu Transportmitteln anderer Verkehrsträger. Im letzteren Fall spricht man auch von Terminals des kombinierten Verkehrs (KV-Terminal). Diese stellen typischerweise Umschlagpunkte von Ladeeinheiten wie Container, Wechselbehälter, Wechselbrücken oder Sattelauflieger dar. Bei Ubf in Häfen und Flughäfen spricht man von "Seehafenterminals" oder "Flughafenterminals".
Linienförmige Zugbeeinflussung Unter linienförmiger Zugbeeinflussung versteht man ein System zur Sicherung des Fahrens im festen Raumabstand. Die Informationsübertragung zwischen Infrastruktur und Fahrzeug erfolgt kontinuierlich. LZB-Systeme arbeiten generell mit Führerraumsignalisierung. Somit kann während des Regelbetriebes auf ortsfeste Signale verzichtet werden, sie dienen lediglich als Rückfallebene im Störungsfall.
Versender Versender (auch Verlader genannt) sind Unternehmen, die Transportleistungen und verwandte logistische Dienstleistungen für ihre Sendungen nachfragen.
EVU Eisenbahnverkehrsunternehmen
Ganzzug Ein Ganzzug ist ein Güterzug, dessen Ladung ohne Zwischenbehandlung vom Versand- zum Empfangsbahnhof befördert wird. Dabei erfolgen beim sog. Ganzzugverkehr (GZV) sowohl die Übergabe durch den Versender als auch die empfängerseitige Übernahme des gesamten Zuges in geschlossener, unveränderter Wagenzusammenstellung.
Eisenbahnverkehrsunternehmen Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) sind öffentliche Einrichtungen oder privatrechtlich organisierte Unternehmen, die Eisenbahnverkehrsleistungen erbringen. "Eisenbahnverkehrsunternehmen" stellt einen europarechtlichen Begriff dar, welcher durch nationales Recht in Form von § 2 (1) des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG) konkretisiert wird.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?401586

Gedruckt am Dienstag, 12. November 2019 00:28:10