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Produktgruppen des konventionellen Schienenpersonenfernverkehrs

Erstellt am: 17.10.2012 | Stand des Wissens: 02.07.2018
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TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Nachdem die Bundesbahn und ihre Fernverkehrssparte aufgrund der Massenmotorisierung der Bevölkerung nicht mehr kostendeckend operierten, wurden 1979 das sogenannte System "IC 79" und die Zuggattung InterCity (IC) eingeführt, im Rahmen dessen noch heute gültige, grundlegende Angebotsmerkmale eingeführt wurden. Dazu zählen Faktoren wie ein durchgängiger Stundentakt mit vergleichsweise großen Haltestellenabständen zwischen den bedeutendsten Städten der Bundesrepublik Deutschland und die Einrichtung von Korrespondenzhalten, welche es den Fahrgästen in bestimmten Kontenbahnöfen erlauben, mit geringem Zeitaufwand zwischen unterschiedlichen, am gleichen Bahnsteig haltenden Zügen umzusteigen. [Jaen09, S. 263 ff.]
Der EuroCity (EC) stellt die korrespondierende Zuggattung im internationalen Schienenpersonenfernverkehr (SPFV) dar. Sie wurde 1987, zunächst nur auf Westeuropa beschränkt, eingeführt. Heute erschließt das EC-Netz auch große Teile Europas inklusive seines östlichen Teils, wobei durch Deutschland auf Grund seiner geographischen Lage mehrere EC-Linien geführt werden. Als EC- wie auch IC-Züge wird ein lokbespannter Fahrzeugpark eingesetzt. [Zöll11, S. 7 f.]
Gegenwärtig besteht das InterCity-/EuroCity-Netz der DB Fernverkehr AG aus 21 Linien (Abbildung 1). Mittels circa 1.327 Reisezugwagen wurden im Jahr 2017 53,2 Millionen Fahrgäste über eine mittlere Reiseweite von etwa 225 Kilometern befördert. Dementsprechend ergab sich für die IC-/EC-Flotte eine Gesamtverkehrsleistung von circa 12 Milliarden Personenkilometern (Pkm). [DBAG18c, S. 19]
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Abb. 1: Das EC/IC-Netz der Deutsche Bahn AG im Jahr 2018 [DBAG17c] (Grafik zum Vergrößern bitte anklicken)
Neben konventionellen schienengebundenen Tagesverkehrsangeboten beinhaltet das deutsche SPFV-Angebot (bis 2016), sowie das der meisten Eisenbahnen Europas, auch Nachtzugverbindungen als eine weitere Produktalternative zur Überbrückung längerer Beförderungsdistanzen. Bedingt durch die adäquate Reiseentfernung für Nachtzugangebote von circa 600 bis 1.500 Kilometer verkehren die meisten Nachtzüge auf internationalen Routen. Dank der relativ großen Flächenausdehnung Deutschlands eignen sich jedoch auch Binnenrelationen wie zum Beispiel Berlin - München oder Hamburg - Karlsruhe zur Überwindung in einem Nachtreisezug. In Abhängigkeit des jeweils eingesetzten Rollmaterials offerieren diese nächtlich geführten Fernreisezüge verschiedene Unterbringungskategorien, welche von gewöhnlichen Sitzwagenplätzen bis hin zu komfortablen Einzelschlafwagenabteilen reichen.
Die Position des Nachtzugverkehrs wurde in den letzten Jahren geschwächt. Zum einen verkürzt der Hochgeschwindigkeitsschienenverkehr die Reisezeiten zum Teil erheblich, zum anderen hat sich eine veritable Konkurrenz in Form der Low-Cost-Fluggesellschaften etabliert. Seit der Liberalisierung des Fernbusmarkts in Deutschland (2013) stellen auch nächtliche Fernbuslinien ein Konkurrenzprodukt dar. Im intermodalen Wettbewerb wirken sich die im Vergleich zum Flugzeug höhere entfernungsbezogene [Grenz]kosten (zum Beispiel Eisenbahninfrastrukturnutzungsentgelte) ebenfalls negativ aus. Diese schmälern die Attraktivität von Nachtzugangeboten mit zunehmender Entfernung. [ScHö07c, S. 520 f.; SaOl14, S. 68 ff.; Wein14a, S. 249]
Der Deutsche Bahn AG Konzern (DB AG) als Eigentümerin der DB Autozug GmbH, welche bis 2013 den Nachtzugverkehr des Konzerns betrieb, weist für ihre Nachtzüge für das Jahr 2012 einen Wert von 4,7 Millionen Fahrgästen und knapp 1,7 Milliarden Personenkilometern aus, wobei genannte Daten auch übrige, nicht den Zuggattungen ICE, IC und EC angehörende Produkte des DB-Fernverkehrs umfassen [DBAG13a, S. 18]. Die DB Autozug GmbH ist jedoch Ende 2013 aufgelöst worden und ging in der DB Fernverkehr AG auf. Daraufhin wurde das Nachtzugliniennetz, welches unter dem Produktnamen City Night Line firmierte, noch bis Ende 2016 von der DB Fernverkehr AG betrieben. Das darauf folgende Angebot der DB für Reisen über Nacht wird in Abbildung 2 dargestellt. Es enthält nächtliche Verbindungen mit IC, IC Bus und ICE. Schlafwagen können die Fahrgäste aber nur noch über die Österreichische Bundesbahn (ÖBB) nutzen, welche mit ihrem ÖBB Nightjet-Angebot Verbindungen zwischen Deutschland (Berlin, Düsseldorf, Hamburg, München), Italien, Kroatien, Österreich, Schweiz, Slowenien und Ungarn anbietet.
DB_Nachtzugnetz_2018_Stand_April 2018.jpg
Abb. 2: Nachtnetz der DB AG im Jahr 2018 [DBAG18d] (Grafik zum Vergrößern bitte anklicken)
Neben den genannten Angeboten der DB AG sind gegenwärtig in Deutschland sämtliche Fernverkehrsprodukte privater Wettbewerber dem konventionellen SPFV zuzurechnen, da diese weder HGV-geeignetes Rollmaterial einsetzen noch über Schnellfahrstrecken bediente Relationen offerieren. Als private Wettbewerber auf dem nationalen Markt sind seit dem Ende des InterConnex im Dezember 2014 und der Übernahme des Hamburg-Köln-Express und Locomore durch die Flixtrain GmbH (Anfang 2018) zusammen mit dem Sylt-Shuttle und dem Harz-Berlin-Express nur noch drei weitere Anbieter vertreten. Dazu zählt ebenfalls die Georg Verkehrsorganisation GmbH, welche aber lediglich saisonal auf der grenzüberschreitenden Nachtzugrelation Berlin-Malmö verkehrt.
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Konventionelle Zugangebote im Schienenpersonenfernverkehr (Stand des Wissens: 12.07.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?403077
Literatur
[DBAG13a] o. A. Deutsche Bahn DB Mobility Logistics - Daten & Fakten 2012, Berlin, 2013
[DBAG17c] o. A. EC/IC-Netz 2018, Ausgabe/Auflage 2018, 2017/12/10
[DBAG18c] Deutsche Bahn AG Konzern (Hrsg.) Deutsche Bahn DB Mobility Logistics - Daten & Fakten 2017, Berlin, 2018
[DBAG18d] DB Fernverkehr AG Streckennetz Nacht-IC/-ICE/-IC Bus, Frankfurt am Main, 2018/04/01
[Jaen09] Jänsch, Eberhard, Dr.-Ing. Vor 30 Jahren: IC 79 - jede Stunde - jede Klasse, veröffentlicht in Eisenbahntechnische Rundschau, Ausgabe/Auflage 05/09, DVV Media Group GmbH / Hamburg, 2009/05, ISBN/ISSN 0013-2845
[SaOl14] Sauter-Servaes, Thomas, Olma, Steven Nachtzug 2.0 - Neue Chancen durch Hochgeschwindigkeitsangebote, veröffentlicht in Internationales Verkehrswesen, Ausgabe/Auflage 1/2014, DVV Media Group GmbH, Hamburg, 2014/01, ISBN/ISSN 0020-9511
[ScHö07c] Schlaak, Jan-Philipp, Hödl, Sonja Nicht alle fliegen: die Alternative Nachtzug - Nachfragedeterminanten im europäischen Markt für Nachtreiseverkehre, veröffentlicht in Internationales Verkehrswesen, Ausgabe/Auflage 11/07, DVV Media Group GmbH, 2007/11
[Wein14a] Weinrich, Regina DB-Fernverkehr spürt die Buskonkurrenz, veröffentlicht in Eisenbahn-Revue International, Ausgabe/Auflage 5/2014, Minirex AG, Luzern (Schweiz), 2014/05, ISBN/ISSN 1421-2811
[Zöll11] Zöll, Dieter Grenzüberschreitender Betrieb der Fernverkehrszüge, veröffentlicht in Deine Bahn, Ausgabe/Auflage 10/2011, Bahn Fachverlag GmbH, Berlin, 2011/10, ISBN/ISSN 0948-7263
Glossar
Personenkilometer
Die Einheit Personenkilometer [Pkm] beschreibt die im Rahmen einer Personenbeförderung erbrachte Verkehrsarbeit. Diese definiert sich als Produkt der Verkehrsmenge (Summe der beförderten Personen) und der von dieser dabei zurückgelegten Wegstrecke in km.
Verkehrsarbeit [Pkm] = Verkehrsmenge [P] * Wegstrecke [km]
Schnellfahrstrecke Eine Schnellfahrstrecke (SFS) ist eine Eisenbahnstrecke, die mit einer Höchstgeschwindigkeit von 160 km/h oder mehr befahren werden kann. Der Begriff entstand im Rahmen der technische Entwicklung des Hochgeschwindikeitsverkehrs (HGV). Er ist nicht geschützt bzw. einheitlich definiert. Die obere Geschwindigkeitsgrenze von SFS schwankt daher zwischen 160 und 200 km/h. Zu beachten ist, dass ab einer einer Geschwindigkeit von 160 km/h statt der punktförmigen (PZB) eine linienförmige Zugbeeinflussung (LZB) zur Zugsicherung notwendig ist!
Hochgeschwindigkeitsverkehr Als Hochgeschwindigkeitsverkehr (HGV) werden Zugfahrten von Trieb[wagen]zügen (sog. Hochgeschwindigkeitszüge) bzw. dafür geeigneten lokbespannten Zügen mit mehr als 200 km/h Spitzengeschwindigkeit auf extra dafür [um]gebauten HGV-Strecken bezeichnet.
City Der in der Stadtforschung und im allgemeinen Sprachgebrauch für die Kennzeichnung des Stadtzentrums meist größerer Städte verwendete Begriff City ist nicht eindeutig, da er im Englischen eine völlig andere Bedeutung hat. Im englischen Sprachgebrauch kann der Begriff City für drei verschiedene Varianten stehen:
  1. allgemein für eine Großstadt,
  2. für eine historische Stadt mit Bischofssitz und Kathedrale,
  3. für eine Stadt mit königlicher Urkunde und zeremoniellen Privilegien.
Der deutsch Begriff der City leitet sich aus der frühen Konzentration von Bürofunktionen in der historischen City of London ab, da sich dort bereits im 18. Jahrhundert mit dem aufkommenden und rasch entfaltenden Banken- und Versicherungswesen der neue Typ des Bürohauses herausbildete, der den Prozess der Citybildung enorm beschleunigte. In erster Linie ist City ein Funktionsbegriff. Die City ist der zentralst gelegene Teilraum einer größeren Stadt mit einer räumlichen Konzentration hochrangiger zentraler Funktionen des tertiären und quartären Sektors.
Schienenpersonenfernverkehr
Der Schienenpersonenfernverkehr (SPFV) ist die Beförderung von Reisenden mit Eisenbahnzügen über längere Strecken mit mehr als einer Stunde Fahrzeit oder 50 km Entfernung. Im Gegenzug zum Schienenpersonennahverkehr (SPNV) bzw. dem Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) wird der SPFV eigenwirtschaftlich betrieben und muss sich betriebsökonomisch selbst tragen.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?400311

Gedruckt am Dienstag, 11. August 2020 20:56:35