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Ansprüche älterer Verkehrsteilnehmer an die Infrastruktur / Verkehrsraumgestaltung

Erstellt am: 05.10.2012 | Stand des Wissens: 01.03.2019
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Mit zunehmendem Alter weisen die Verkehrsteilnehmer in der Regel Veränderungen in ihren Anforderungen an die Gestaltung der Infrastruktur und des Verkehrsraumes auf, welche zumeist Folge von altersbedingten sensorischen, kognitiven und/oder motorischen Veränderungen bzw. Erkrankungen sind. Diese veränderten Bedürfnisse sind bei der Verkehrs- und Infrastrukturplanung zu beachten.
Prinzipiell ist die Erstellung von Mobilitätssicherungsplänen für ältere Menschen zu empfehlen. Dabei sollen Unfallanalysen durchgeführt werden, um Probleme der Personengruppe aufzeigen zu können [Ger11, S. 522 ff.]. Weiterhin sollen Mängelanalysen von Fachplanern erstellt als auch die betroffene Personengruppe beteiligt werden. Dies gilt als Grundlage für die Auswahl und Priorisierung von Maßnahmen zur Sicherung der Mobilität sowie zur Verbesserung der Verkehrssicherheit von älteren Menschen [Ger11, S. 522 ff.].
Um die Verkehrssicherheit von älteren Fahrzeugführern im Straßenverkehr, von älteren Radfahrern, Fußgängern und Nutzern des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) erhöhen zu können, müssen bedürfnisgerechte Maßnahmen ergriffen werden.
Die Gestaltung des Straßenverkehrs sollte vereinfacht und es sollen stadtverträgliche Geschwindigkeiten geschaffen werden. Geringere Geschwindigkeiten bedingen für ältere Verkehrsteilnehmer mehr Zeit, um die Situation zu erfassen, zu beurteilen und darauf reagieren zu können. Zudem werden Verkehrssituationen leichter bewältigt, je überschaubarer und simpler diese sind [Ger11, S. 524 ff.]. Weiterhin sind Maßnahmen bezüglich einer seniorengerechteren Ausstattung der Fahrzeuge zu ergreifen. Außerdem sollten Senioren im Rahmen der Verkehrssicherheitsarbeit über verkehrsrelevante altersbedingte Leistungseinbußen sowie über Auswirkungen von Medikamenten auf die Fahrtüchtigkeit aufgeklärt werden, damit diese ihr Fahrverhalten an ihre Fähigkeiten anpassen können [Li05, S. 11].
Zu spezifischen Maßnahmen für ältere Radfahrer zählen unter anderem verkehrsplanerische Maßnahmen, die Durchsetzung von Halte- und Parkverbot auf Radverkehrsanlagen, die Schaffung von stadtverträglichen Geschwindigkeiten des motorisierten Verkehrs, die Durchsetzung einer Schutzhelmpflicht, ein seniorengerechtes Risikomanagement als auch die Aufklärung anderer Verkehrsteilnehmer über Besonderheiten von älteren Radfahrern [Li05, S. 6 f.]. Neben diesen Maßnahmen bieten Pedelecs neue Entwicklungspotenziale.
Das Zufußgehen ist neben der Nutzung des privaten Pkw die zweithäufigste Fortbewegungsart von älteren Personen [infas10, S. 77]. Da fast jeder zweite getötete Fußgänger im Straßenverkehr 65 Jahre und älter ist, ist eine Verkehrsplanung, die älteren Menschen gerecht werden soll, von besonderer Bedeutung. Es sind Maßnahmen aus den Bereichen der Verkehrstechnik, der polizeilichen Verkehrsüberwachung sowie der verkehrspädagogischen Aufklärung und Bildung erforderlich, um die Verkehrssicherheit für Ältere zu erhöhen [Li05, S. 3 f.]. Ältere Menschen bilden eine inhomogene Gruppe, weshalb sie als Fußgänger auch in den verschiedensten Graden sowie Formen in ihrer Mobilität eingeschränkt sein können. Aufgrund dessen sollte bei der Planung, Herstellung und Ausgestaltung von öffentlichen Räumen generell auf die Barrierefreiheit geachtet [DIN 18024, Dittr02, Bast99d] sowie das Zwei-Sinne-Prinzip eingehalten werden [Ger11, S. 521 f.].
Es ist von besonderer Bedeutung, älteren Verkehrsteilnehmern die Attraktivität des ÖPNV zu verdeutlichen. Bei Älteren besteht zum Teil aufgrund der z. B. schlechten Zugänglichkeit, Hindernisse beim Ein- und Aussteigen und langen Fußwegen zu den Haltestellen eine geringe Akzeptanz des ÖPNV als Alternative zum Pkw [Li05, S. 11]. Deshalb muss dieser die Bedürfnisse älterer, gesundheitlich z. T. stark eingeschränkter Personen berücksichtigen. Dies sind insbesondere Anforderungen an die Sicherheit, die Unabhängigkeit und die Erschließung des Wohnumfeldes sowie die Forderungen nach einer möglichst hohen Taktfrequenz, Haltestellen- und Liniendichte [MaSw08, Li05 S. 12]. Weiterhin ist eine bedürfnisgerechte Gestaltung der Haltestellen als auch der Fahrzeuge des ÖPNV von besonderer Bedeutung.
Auch sollte älteren Menschen durch Präsenz von öffentlichem Personal die benötigte Hilfestellung gegeben werden. Daneben ist das Angebot an Ruhezonen, öffentlichen Einrichtungen und Toilettenanlagen zu verstärken [Ger11, S. 522 ff.].
Im Rahmen des Forschungsprojektes COMPAGNO soll ein technisches Hilfsmittel - ein personalisierter Begleiter - entwickelt werden. Dieser soll ermöglichen, dass sich ältere Menschen selbstständig und sicher im Verkehrsraum bewegen können. Der personalisierte Begleiter lernt die individuellen Mobilitätsgewohnheiten und speichert sie. Er verknüpft die Informationen mit Daten über Wege, Strecken und Mobilitätsdienste (Fußwege, ÖPNV usw.). Weiterhin berücksichtigt er individuelle altersbedingte Einschränkungen [Gö13].
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Ansprüche älterer Verkehrsteilnehmer an die Infrastruktur / Verkehrsraumgestaltung (Stand des Wissens: 01.03.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?399156
Literatur
[Bast99d] Böhle, Wolfgang , et al., Alrutz, Dankmar, Dipl. Ing. Flächenansprüche von Fußgängern, veröffentlicht in Berichte der Bundesanstalt für Straßenwesen, Ausgabe/Auflage Heft V71, Wirtrschaftsverlag NW Bergisch Gladbach/ Bremerhaven, 1999/11/01, ISBN/ISSN 3-89701-428-9
[Dittr02] Dittrich-Wesbuer, Andrea , Bräuer, Dirk Die EFA - Anspruchsgerechte Wege für den Fußgänger-Längsverkehr, veröffentlicht in Straßenverkehrstechnik, Ausgabe/Auflage 11, 2002
[Ger11] Boenke, D., Gerlach, J. Beeinträchtigungen im Alter und Empfehlungen zur Gestaltung von Straßenräumen für uns älter werdende Menschen, veröffentlicht in Straßenverkehrstechnik, Ausgabe/Auflage 8.2011, Kirschbaum Verlag GmbH, 2011/08
[Gö13] Götz, Konrad COMPAGNO - Personalisierter Begleiter für Mobilität bis ins hohe Alter, 2013/01/20
[infas10] DLR - Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Institut für Verkehrsforschung, infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft Mobilität in Deutschland 2008 (MiD 2008) , 2010/02
[Li05] Limbourg, M. Ansätze zur Verbesserung der Mobilitätsbedingungen für ältere Menschen im Straßenverkehr, veröffentlicht in in motion 2: Humanwissenschaftliche Beiträge zur Verkehrssicherheit und Ökologie des Verkehrs, 65PLUS - MIT AUTO MOBIL?, AFN und INFAR, Köln und Salzburg, 2005, ISBN/ISSN 3-9502010-1-7
[MaSw08] Mai, R., Swiaczny, F. Demographische Entwicklung - Potenziale für Bürgerschaftliches Engagement, veröffentlicht in Materialien zur Bevölkerungswissenschaft, Ausgabe/Auflage Heft 126 2008, Wiesbaden, 2008
Weiterführende Literatur
[DIN 18040-1] o.A. DIN 18040-1, Beuth Verlag, Berlin, 2010/10
[DIN 18040-3] o.A. DIN 18040-3, Beuth Verlag, Berlin, 2014/12
[FGSV11] Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen e.V. Empfehlungen zur Straßenraumgestaltung innerhalb bebauter Gebiete (ESG), FGSV Verlag / Köln, 2011, ISBN/ISSN 978-3-941790-76-6
[HBVA11] Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen e.V. Hinweise für barrierefreie Verkehrsanlagen (H BVA), 2011/06
[SchBeck13] Beckmann, K. J. (Hrsg.), Boltze, M., Engeln, A., Gies, J., Ivisic, O., Johannsen, H., Moritz, J., Müller, G., Poschadel, S., Scheiner, J., Schlag, B. (Hrsg.), Schulze, C., Siegmann, J., Spellerberg, A., Stölzle, W., Topp, H., Weller, G. Mobilität und demografische Entwicklung, veröffentlicht in Reihe "Mobilität und Alter" der Eugen-Otto-Butz Stiftung , Ausgabe/Auflage Band 07, TÜV Media, TÜV Rheinland, Köln, 2013, ISBN/ISSN 978-3-8249-1757-0
[RASt06] Baier, Reinhold, et al. Richtlinien für die Anlage von Stadtstraßen - RASt 06, Ausgabe/Auflage 2006, Köln, 2007, ISBN/ISSN 978-3-939715-21-4
[DIN 18024] DIN 18024 - Barrierefreies Bauen
Glossar
Barrierefreiheit
Barrierefrei sind bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände, Systeme der Informationsverarbeitung, akustische und visuelle Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen sowie andere gestaltete Lebensbereiche, wenn sie für behinderte Menschen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind. (Definition nach §4 Behindertengleichstellungsgesetz)
Pkw
Personenkraftwagen (Pkw): Pkw sind nach der Richtlinie 70/156/EWG Fahrzeuge mit mindestens vier Rädern und dienen der Beförderung von maximal 9 Personen (inklusive Fahrzeugführer). Pkw dürfen nur auf den dafür vorgesehenen Verkehrsflächen geführt werden.
ÖPNV Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV): Nach § 2 des Regionalisierungsgesetzes (RegG) wird ÖPNV definiert als die "allgemein zugängliche Beförderung von Personen mit Verkehrsmitteln im Linienverkehr, die überwiegend dazu bestimmt sind, die Verkehrsnachfrage im Stadt-, Vorort- oder Regionalverkehr zu befriedigen." Das ist im Zweifel der Fall, wenn eine Mehrzahl der Beförderungsfälle eines Verkehrsmittels die gesamte Reiseweite von 50 Kilometer oder die gesamte Reisezeit von einer Stunde nicht übersteigt. Vor dem Hintergrund der verkehrspolitisch geförderten "Multimodalität" wird der ÖPNV zunehmend breiter definiert, indem auch "alternative Bedienformen", Taxen bis hin zu öffentlichen Fahrrädern und öffentlichen Autos als Teil eines neuen individualisierten ÖPNV gesehen werden.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?399130

Gedruckt am Freitag, 19. Juli 2019 22:44:11