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Ältere Fußgänger und deren Nutzungsansprüche

Erstellt am: 04.10.2012 | Stand des Wissens: 01.03.2019
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Das Zufußgehen ist neben der Nutzung des privaten Pkw die zweithäufigste Fortbewegungsart von älteren Personen [infas10, S. 77]. Da fast jeder zweite getötete Fußgänger im Straßenverkehr 65 Jahre und älter ist, ist eine Verkehrsplanung, die älteren (z. T. stark mobilitätseingeschränkten) Menschen gerecht werden soll, von besonderer Bedeutung. Da überwiegend Kraftfahrer (die jünger als 65 Jahre sind) die Hauptverursacher bei den Fußgängerunfällen sind, muss sich die Verkehrssicherheitsarbeit nicht nur an die Senioren, sondern auch an die Fahrzeugführer richten [Li05, S. 2].

Es sind Maßnahmen aus den Bereichen der Verkehrstechnik, der polizeilichen Verkehrsüberwachung sowie der verkehrspädagogischen Aufklärung und Bildung erforderlich, um die Verkehrssicherheit für Ältere zu erhöhen. Darunter zählen unter anderem [Li05, S. 3 f.]:
  • seniorengerechte Verkehrsraumgestaltung (z. B. Maßnahmen der Verkehrsberuhigung, der barrierefreien Verkehrsraumgestaltung sowie die Anlage von Querungshilfen an Fußgängerfurten),
  • Geschwindigkeitsüberwachung,
  • Überwachung des ruhenden Verkehrs (zugeparkte Geh- und Radwege),
  • Aufklärung der Kraftfahrzeugführer über das Verhalten von älteren Fußgängern im Straßenverkehr und
  • Aufklärung der Senioren über Risiken als Fußgänger im Straßenverkehr.

Zur Aufklärung von Senioren über Risiken älterer Fußgänger wird von der Deutschen Verkehrswacht [VW12] das Zielgruppenprogramm "Ältere Menschen als Fußgänger im Straßenverkehr" umgesetzt. In moderierten Informationsveranstaltungen werden dabei älteren Fußgängern wichtige Hinweise zur Unfallgefährdung gegeben. Weiterhin werden individuelle Probleme der Teilnehmer behandelt und Lösungen erarbeitet. Senioren sollen bezüglich besonderer Gefahren sensibilisiert werden und Hilfestellungen für tägliche Wege zum Erhalt der Mobilität bekommen [VW12].

Ältere Menschen bilden eine inhomogene Gruppe, weshalb sie als Fußgänger auch in den verschiedensten Graden sowie Formen in ihrer Mobilität eingeschränkt sein können. Aufgrund dessen sollte bei der Planung, Herstellung und Ausgestaltung von öffentlichen Räumen generell auf die Barrierefreiheit geachtet werden [DIN 18024, Dittr02, Bast99d]. Barrierefreiheit besteht aus den allgemeinen Anforderungen an die Gestaltung des Straßenraumes und aus den unterschiedlichen Ausgleichsnotwendigkeiten, die durch die verschiedenen Arten und Grade der Mobilitätseinschränkungen bestimmt werden. Beispielsweise sind für gehörlose und sehbehinderte Ältere andere Gestaltungskriterien relevant als für Rollstuhlbenutzer [RASt06]. Für ältere Menschen können sich im öffentlichen Raum folgende wesentliche Barrieren bei der:
  • Querung von Straßen, Parkplätzen und Gehwegen,
  • Überwindung von Höhenunterschieden,
  • Benutzung von Bussen und Straßenbahnen,
  • Benutzung von Lichtsignalanlagen und
  • Benutzung von Freizeitanlagen ergeben.

Folglich sollten Überquerungsstellen mit differenzieren Bordhöhen errichtet werden, welche im Überquerungsbereich eine Absenkung für gehbehinderte Menschen (welche dennoch für Sehbehinderte erkennbar ist) sowie einen Hochbord für sehbehinderte Menschen aufweisen. Darüber hinaus müssen bei den Räumzeiten an lichtsignalisierten Querungsstellen, zumindest auf den Hauptrouten älterer Menschen, stärker die verringerten Gehgeschwindigkeiten älterer Verkehrsteilnehmer berücksichtigt werden. Dies kann beispielsweise durch längere Grünzeiten oder Zwischenzeiten umgesetzt werden. Bei der Umsetzung solcher Maßnahmen sind neue Steuerungsverfahren in der Lichtsignaltechnik (adaptive Netzsteuerung) hilfreich, damit der Verkehr insgesamt flüssig bleibt [Ger11, S. 521 f.].

Bei der Verkehrsraumgestaltung sollte zudem das Zwei-Sinne-Prinzip, besonders für ältere Menschen mit eingeschränkter Sehfähigkeit, eingehalten werden. Angesprochen werden dabei mindestens zwei der drei Sinne Hören, Sehen und Fühlen. An Lichtsignalanlagen sind daher zusätzlich akustische Signale wichtig. Dies sowie taktile Signale und Strukturen (z. B. Pflasterwechsel, Bodenindikatoren) vereinfachen die Orientierung und erhöhen die Sicherheit. Besonders an Überquerungsstellen sind taktile Bodeninformationen sinnvoll. Diese sollten insgesamt sparsam eingesetzt werden, um die Komplexität nicht zu erhöhen. Hindernisse und Höhenunterschiede müssen weiterhin kontrastreich markiert sein [Ger11, S. 521 f.].

Für mobilitätseingeschränkte ältere Personen stellt die barrierefreie Gestaltung des Straßenraumes eine Erhöhung des Komforts und der Sicherheit dar. Es können sich Zielkonflikte zwischen mobilitätsgerechter und historischer Gestaltung von Straßenräumen ergeben, da Elemente der barrierenfreien Gestaltung im Widerspruch zu dem historischen Stadtbild stehen können. Hier sind die unterschiedlichen Belange sorgfältig gegeneinander abzuwägen [BMVBW00c].
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Ansprüche älterer Verkehrsteilnehmer an die Infrastruktur / Verkehrsraumgestaltung (Stand des Wissens: 01.03.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?399156
Literatur
[Bast99d] Böhle, Wolfgang , et al., Alrutz, Dankmar, Dipl. Ing. Flächenansprüche von Fußgängern, veröffentlicht in Berichte der Bundesanstalt für Straßenwesen, Ausgabe/Auflage Heft V71, Wirtrschaftsverlag NW Bergisch Gladbach/ Bremerhaven, 1999/11/01, ISBN/ISSN 3-89701-428-9
[BMVBW00c] Pfeil, Matthias,, Ackermann, K., Bürgerfreundliche und behindertengerechte Gestaltung des Niederflur-ÖPNV in historischen Bereichen, veröffentlicht in direkt, Ausgabe/Auflage Heft 55, 2000
[Dittr02] Dittrich-Wesbuer, Andrea , Bräuer, Dirk Die EFA - Anspruchsgerechte Wege für den Fußgänger-Längsverkehr, veröffentlicht in Straßenverkehrstechnik, Ausgabe/Auflage 11, 2002
[Ger11] Boenke, D., Gerlach, J. Beeinträchtigungen im Alter und Empfehlungen zur Gestaltung von Straßenräumen für uns älter werdende Menschen, veröffentlicht in Straßenverkehrstechnik, Ausgabe/Auflage 8.2011, Kirschbaum Verlag GmbH, 2011/08
[infas10] DLR - Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Institut für Verkehrsforschung, infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft Mobilität in Deutschland 2008 (MiD 2008) , 2010/02
[Li05] Limbourg, M. Ansätze zur Verbesserung der Mobilitätsbedingungen für ältere Menschen im Straßenverkehr, veröffentlicht in in motion 2: Humanwissenschaftliche Beiträge zur Verkehrssicherheit und Ökologie des Verkehrs, 65PLUS - MIT AUTO MOBIL?, AFN und INFAR, Köln und Salzburg, 2005, ISBN/ISSN 3-9502010-1-7
[RASt06] Baier, Reinhold, et al. Richtlinien für die Anlage von Stadtstraßen - RASt 06, Ausgabe/Auflage 2006, Köln, 2007, ISBN/ISSN 978-3-939715-21-4
[VW12] Verkehrswacht Märkisch-Oderland e.V. Ältere Menschen als Fußgänger im Straßenverkehr, 2012
Weiterführende Literatur
[DIN 18040-1] o.A. DIN 18040-1, Beuth Verlag, Berlin, 2010/10
[DIN 18040-3] o.A. DIN 18040-3, Beuth Verlag, Berlin, 2014/12
[HBVA11] Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen e.V. Hinweise für barrierefreie Verkehrsanlagen (H BVA), 2011/06
[DIN 18024] DIN 18024 - Barrierefreies Bauen
Glossar
Barrierefreiheit
Barrierefrei sind bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände, Systeme der Informationsverarbeitung, akustische und visuelle Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen sowie andere gestaltete Lebensbereiche, wenn sie für behinderte Menschen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind. (Definition nach §4 Behindertengleichstellungsgesetz)
Pkw
Personenkraftwagen (Pkw): Pkw sind nach der Richtlinie 70/156/EWG Fahrzeuge mit mindestens vier Rädern und dienen der Beförderung von maximal 9 Personen (inklusive Fahrzeugführer). Pkw dürfen nur auf den dafür vorgesehenen Verkehrsflächen geführt werden.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?399059

Gedruckt am Donnerstag, 18. Juli 2019 05:13:43