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Intramodaler Wettbewerb im deutschen Schienenpersonenfernverkehr

Erstellt am: 02.08.2012 | Stand des Wissens: 04.07.2018
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Während in der Bundesrepublik Deutschland der Marktanteil der Wettbewerber des Deutsche Bahn AG Konzern (DB AG) im Personennah- und im Güterverkehr in den letzten Jahren stetig wuchs, ist eine derartige Entwicklung beim Schienenpersonenfernverkehr (SPFV) bislang nicht eingetreten: Es besteht ein nahezu vollständiges Monopol der DB AG. Der Marktanteil des Marktführers betrug über viele Jahre über 99 Prozent. Erst 2013 konnte die Verkehrsleistung der Wettbewerber die Ein-Prozent-Marke überwinden. Trotz der - eher verhaltenen - Entwicklung der DB-Wettbewerber, zeigen die positiven Geschäftsergebnisse der DB Fernverkehr AG, dass ein Eintritt in den SPFV-Markt durchaus profitabel sein könnte. Entsprechende administrative und finanzielle Markteintrittsbarrieren (zum Beispiel Trassenpreise, Fahrzeugbestellungen) sind, trotz des Liberalisierungsdrucks der EU, jedoch weiterhin existent. [DB13a, S. 10 f. und 20; BNetzA13, S. 127; HaKo13, S. 105 und 111; NEEMo13, S. 66]

Derzeitige Wettbewerber der DB AG im deutschen SPFV-Markt:
  • Snälltåget betreibt seit 2000 die Nachtzüge zwischen Berlin und Malmö. Bei der seit 2011 zusammen mit Transdev Schweden angebotenen Verbindung handelt es sich um den [aktuell] einzigen direkten Reisezug zwischen Schweden und Deutschland. Versuche weiterer internationaler Verbindungen von Snälltåget scheiterten beispielsweise an der Ferrovie dello Stato Italiane S.p.A. (FS), die durch ihre marktbeherrschende Stellung ein vergleichbares Angebot in Italien verhinderte. Im Fall von Verbindungen nach Frankreich kam Snälltåget aufgrund fehlender Trassenkapazitäten nicht zum Zuge. [MON09, S. 44]
  • Die Transdev GmbH betrieb mit ihrer Marke InterConnex bis 2014 die Fernverkehrsrelation Leipzig - Berlin - Rostock - Warnemünde. Diese Strecke schloss bis 2002 auch den Abschnitt Gera - Leipzig ein. Die Verbindung Neuss - Köln - Rostock wurde 2003 nach wenigen Monaten aufgrund mangelnder Rentabilität wieder eingestellt. [MoNe15, S. 51 f.]
  • Seit Anfang 2018 sind der Hamburg-Köln-Express (HKX) und die erst seit Dezember 2016 zwischen Berlin und Stuttgart verkehrenden Züge von Locomore unter der Marke FlixTrain unterwegs und gestatten damit dem Fernbusanbieter FlixBus den Einstieg in den deutschen SPFV-Markt [LOCO18].
Seit die DB AG ihre Beteiligung an Thalys International aufgegeben hat, agiert Thalys, welches auf dem deutschen Abschnitt Hochgeschwindigkeitsverkehre zwischen Dortmund und Aachen anbietet, ebenfalls als Mitbewerber der DB AG im nationalen SPFV [HaKo13, S. 108]. Neben diesen rein eigenwirtschaftlichen Konkurrenzangeboten im Fernverkehr existiert mit dem Harz-Berlin-Express (HBX) aktuell auch ein Angebot mit Fernverkehrscharakter (hinsichtlich Linienlänge und Halteabständen), das in Konkurrenz zu den SPFV-Angeboten der DB AG steht, jedoch auf Teilabschnitten als bestellter Nahverkehr öffentliche Mittel erhält [MoNe15, S. 52].
Markteintritt SPFV-Wettbewerber.PNGAbb. 1: Markteintritt SPFV-Wettbewerber DB AG, Deutschland 2000 - 2016 [MoNe15, S. 51] (Grafik zum Vergrößern bitte anklicken)
 
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Intramodaler Wettbewerb im Schienenpersonenfernverkehr (Stand des Wissens: 12.07.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?403096
Literatur
[BNetzA13] Bundesnetzagentur für Elektrizität, Gas, Telekommunikation, Post und Eisenbahnen, Boll, R., u. a. Jahresbericht 2012 - Bundesnetzagentur, Bundesnetzagentur für Elektrizität, Gas, Telekommunikation, Post und Eisenbahnen; Presse und Öffentlichkeitsarbeit / Bonn, 2013/03/06
[DB13a] Miram, F., Boeckh, R. Wettbewerbsbericht 2013, Berlin, 2013/03
[HaKo13] Haucap, Justus, Kollmann, Dagmar, Nöcker, Thomas, Westerwelle, Angelika Bahn 2013: Reform zügig umsetzen! - Sondergutachten 64, Bonn, 2013/06
[LOCO18] o. A. Von Locomore zu FlixTrain, 2018/03/06
[MON09] Monopolkommission Sondergutachten 55: Bahn 2009: Wettbewerb erfordert Weichenstellung, Nomos Verlagsgesellschaft / Baden-Baden , 2009
[MoNe15] mofair e.V., Netzwerk Europäischer Eisenbahnen e.V. (Hrsg.) Wettbewerber-Report
Eisenbahn 2015/2016, 2015/10/20
[NEEMo13] Dr. Engelbert Recker, mofair e. V., Ludolf Kerkeling, NEE Wettbewerber-Report Eisenbahn 2013/2014, 2013/11
Glossar
Hochgeschwindigkeitsverkehr Als Hochgeschwindigkeitsverkehr (HGV) werden Zugfahrten von Trieb[wagen]zügen (sog. Hochgeschwindigkeitszüge) bzw. dafür geeigneten lokbespannten Zügen mit mehr als 200 km/h Spitzengeschwindigkeit auf extra dafür [um]gebauten HGV-Strecken bezeichnet.
Verkehrsleistung Die Verkehrsleistung gibt Auskunft über die Inanspruchnahme von Ressourcen. Als Verkehrsleistung wird die auf eine Zeiteinheit t (zum Beispiel ein Jahr) bezogene Verkehrsarbeit definiert und als Quotient dargestellt. Die Verkehrsarbeit wird dabei als Produkt von Verkehrseinheiten (zum Beispiel Güter, Personen) und der durch diese zurückgelegten Strecke gebildet. In der Verkehrswissenschaft sind die Einheiten Personenkilometer pro Jahr [Pkm/a] bzw. Tonnenkilometer pro Jahr [tkm/a] gebräuchlich.
Schienenpersonenfernverkehr
Der Schienenpersonenfernverkehr (SPFV) ist die Beförderung von Reisenden mit Eisenbahnzügen über längere Strecken mit mehr als einer Stunde Fahrzeit oder 50 km Entfernung. Im Gegenzug zum Schienenpersonennahverkehr (SPNV) bzw. dem Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) wird der SPFV eigenwirtschaftlich betrieben und muss sich betriebsökonomisch selbst tragen.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?395808

Gedruckt am Dienstag, 21. Mai 2019 10:44:43