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Wettbewerbsintensivierung als mögliche Entwicklungsstrategie im deutschen Einzelwagenverkehr

Erstellt am: 16.05.2012 | Stand des Wissens: 22.01.2018
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig

Als Reaktion auf die sinkende Nachfrage und das damit verbundene reduzierte Angebot im Einzelwagenverkehr (EWV) sind mehrere Entwicklungsstrategien zur Steigerung der Verkehrsleistung zu nennen [Scha11a, S. 10]. Eine davon ist die Wettbewerbsintensivierung. Wittenbrink et al. beschreiben zwei grundsätzliche Organisationsmodelle des EWV - den Systemführer und das Wettbewerbsmodell. [WiHa13b, S. 31 f.]

Das Modell "Systemführer" entspricht dem Status quo - lediglich 3 % der im Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) organisierten Bahnen fahren in Konkurrenz [Hein12, S. 6]. Bei dem Modell Systemführer liegen zumeist Vertrieb, Produktentwicklung, Auslastungsrisiko und Produktion in einer Hand. Diese Organisationsform gilt als nicht nachhaltig, da die EWV-Systeme nicht mehr kostendeckend betrieben werden können, was mit einer Angebotsverknappung und einem Verlust an Attraktivität verbunden ist. [WiHa13b, S. 31 f.]

Bei der Variante "Wettbewerb" hingegen würde durch den intermodalen Wettbewerbsdruck die Chancen steigen, weitere Produktivitäts- und Serviceverbesserungspotenziale auszuschöpfen und auch vermehrt Produkt-, Technik- und Verfahrensinnovationen zu nutzen. Dies würde mittel- und langfristig positive verkehrliche Wirkungen zeigen. [WiHa13b, S. 32]

Jedoch stellt dabei das geringe Renditepotenzial eine große Markteintrittsbarriere dar. Daher muss der Markt zunächst für andere Anbieter geöffnet werden. Wenn die öffentliche Hand die Bedienung der Regionen - ähnlich wie den Öffentlichen Personen- bzw. Schienenpersonennahverkehr - als Gemeinschaftsaufgabesieht, könnte der Staat zur Sicherstellung einer Mindestqualität im EWV zwischen den privaten Gleisanschlüssen
  • Bestandsgarantien für ausgewählte Güterverkehrsinfrastrukturen (Wirtschaftsförderung),
  • die Ausschreibung der Traktion zwischen den Zugbildungsanlagen (ZBA) und für Relationen Knotenpunktbahnhöfen - ZBA sowie
  • die Ausschreibung des Betriebes von ZBA vorsehen.

[SiSt12, S. 17]

Zumindest sollten die Traktionsleistungen zwischen den großen europäischen ZBA für den Wettbewerb geöffnet werden, wie es auch die EU-Kommission beabsichtigt. Die Subvention des Schienengüterverkehrs (SGV) würde aber eine Abkehr von den Prinzipien der Bahnreform (eigenwirtschaftlicher SGV) bedeuten und dem Staat auch erhebliche Kosten verursachen. Allerdings muss an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass die relativ günstigen Entgelte für die Netznutzung durch den Güterverkehr schon heute eine verdeckte Förderung darstellen. Die Politik sollte darauf achten, dass die privaten Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) eine faire Chance auf den Erwerb von Drehscheiben für den EWV erhalten, um beispielsweise in Kooperation mit anderen EVU Konzepte für den EWV entwickeln zu können. [Hein12; Vogt11]

In Erweiterung ihres Geschäftsfelds könnten nichtstaatliche EVU ganze Regionen auch im EWV bedienen. Dafür wäre es jedoch notwendig, ihnen "Gebietsmonopole" mit attraktiven Kunden und definierter Einbindung in das große EWV-System zuzugestehen. Einige EVU praktizieren dies bereits in Ansätzen, meist in Ausweitung ihrer Aktivitäten über ihr eigenes Gleisnetz hinaus und in Abstimmung mit dem Deutsche Bahn AG Konzern.
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Zukünftige Entwicklung des Einzelwagenverkehrs in Deutschland und der Europäischen Union (Stand des Wissens: 22.01.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?390508
Literatur
[Hein12] Heinrici, Timon Wettbewerb um Einzelwagen bleibt ein Traum, veröffentlicht in Deutsche Verkehrszeitung - DVZ, Ausgabe/Auflage 24/2012, Deutscher Verkehrs-Verlag GmbH, Hamburg , 2012/2, ISBN/ISSN 0342-166X
[Scha11a] Schaumann, Henning Neuausrichtung des Einzelwagenverkehrs, veröffentlicht in Eisenbahntechnische Rundschau (ETR), Ausgabe/Auflage 04/2011, DVV Media Group GmbH , 2011, ISBN/ISSN 0013-2845
[SiSt12] Siegmann, Jürgen, Stuhr, Helge Hat der Einzelwagenverkehr (EV) in Europa noch eine Chance?, veröffentlicht in Eisenbahntechnische Rundschau (ETR), Ausgabe/Auflage 3/2012, DVV Media Group GmbH/ Hamburg , 2012/03, ISBN/ISSN 0013-2845
[Vogt11] Vogt, Alexander Chancen für NE-Bahnen im Einzelwagenverkehr, veröffentlicht in Bus und Bahn, Ausgabe/Auflage 12/2011, Alba Fachverlag/ Düsseldorf , 2011, ISBN/ISSN 0341-5228
[WiHa13b] Wittenbrink, P., Hagenlocher, S., Heizmann, B. Neue Ansätze im Einzelwagenverkehr - Organisationsoptionen für eine ökonomisch bedrängte Verkehrsart, veröffentlicht in Güterbahnen, Ausgabe/Auflage 1, Alba Fachverlag GmbH & Co. KG, Meerbusch, 2013/01
Glossar
Schienengüterverkehr
Unter Schienengüterverkehr (SGV) wird der Transport von Gütern mit der Eisenbahn verstanden. Diese werden in Güterzügen unter Verwendung (spezieller) Güterwagen befördert. Diese Verkehre können entweder auf gesonderten Güterverkehrsstrecken oder im Mischverkehr, auf gemeinsam durch den Güter- und Personenverkehr genutzten Strecken, realisiert werden. Leistungen des Schienengüterverkehrs werden häufig als Teil einer Logistikkette in logistische Gesamtkonzepte eingebunden.
Traktion Unter Traktion versteht man im Schienenverkehrsbereich die kraftgetriebene Fortbewegung von Triebfahrzeugen. Bei der Art des Antriebssystems unterscheidet man heutzutage i. d. R. Triebfahrzeuge mit dieselelektrischen oder -hydraulischen bzw. rein elektrischen Aggregaten zur Kraftübertragung (auch: Diesel- bzw. Elektrotraktion).  Die Traktionsart Dampf wird hierzulande nur noch im Bereich von Museumsbahnen eingesetzt. Mehrere gekoppelte Triebfahrzeuge bilden eine sog. Mehrfachtraktion. Üblicherweise werden diese nach der Anzahl der eingesetzten Triebfahrzeuge benannt (z. B. Doppel- oder Dreifachtraktion).
Einzelwagenverkehr Der Einzelwagenverkehr (EWV; auch Wagenladungsverkehr, WLV) ist der Transport einzelner Güterwagen(-Gruppen) in speziell für deren jeweiligen Transportweg zusammengestellten Güterzügen. Die Güterwagen mit verschiedenen Versendern und Empfängern werden dabei in sog. Zugbildungsbahnhöfen (Zbf) zu einzelnen Güterzügen zusammengefasst.
Zugbildungsbahnhof
Zugbildungsbahnhöfe (Zbf) gehören - im Gegensatz zu den Personen- und Güterbahnhöfen - zu den sog. Betriebsbahnhöfen. Es handelt sich dabei um systeminterne, nicht öffentlich zugängliche Bahnhöfe des Produktionssystems des Schienengüterverkehrs. Dazu zählen Rangierbahnhöfe (Rbf) und Knotenpunktbahnhöfe.
Schienenpersonennahverkehr Gemäß Regionalisierungsgesetz (RegG) § 2 handelt es sich bei einer auf der Schiene erbrachten Beförderungsdienstleistung um ein Angebot des Nahverkehrs, "wenn in der Mehrzahl der Beförderungsfälle [...] die gesamte Reiseweite 50 Kilometer oder die gesamte Reisezeit eine Stunde nicht übersteigt" [RegG, § 2]. Zur Erfüllung der Daseinsvorsorge wird der SPNV von den Ländern bestellt und unterstützt. Der SPNV kann Teil des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) sein.
EVU Eisenbahnverkehrsunternehmen
Verkehrsleistung Die Verkehrsleistung gibt Auskunft über die Inanspruchnahme von Ressourcen. Als Verkehrsleistung wird die auf eine Zeiteinheit t (zum Beispiel ein Jahr) bezogene Verkehrsarbeit definiert und als Quotient dargestellt. Die Verkehrsarbeit wird dabei als Produkt von Verkehrseinheiten (zum Beispiel Güter, Personen) und der durch diese zurückgelegten Strecke gebildet. In der Verkehrswissenschaft sind die Einheiten Personenkilometer pro Jahr [Pkm/a] bzw. Tonnenkilometer pro Jahr [tkm/a] gebräuchlich.
Eisenbahnverkehrsunternehmen Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) sind öffentliche Einrichtungen oder privatrechtlich organisierte Unternehmen, die Eisenbahnverkehrsleistungen erbringen. "Eisenbahnverkehrsunternehmen" stellt einen europarechtlichen Begriff dar, welcher durch nationales Recht in Form von § 2 (1) des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG) konkretisiert wird.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?390501

Gedruckt am Mittwoch, 23. Oktober 2019 02:44:09