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Historische Entwicklung des Einzelwagenverkehrs

Erstellt am: 30.04.2012 | Stand des Wissens: 26.01.2018
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig

Im Rahmen ihres Konzepts 200X hat die DB Schenker Rail Deutschland AG die Produktionsform-Bezeichnungen im Schienengüterverkehr (SGV) im Jahr 2000 auf insgesamt drei Kategorien gestrafft. Somit wird neben dem Kombinierten Verkehr (KV) lediglich zwischen Ganzzugverkehr (GZV) und (ladungsunabhängig) Einzelwagenverkehr (EWV) unterschieden [NiPa09]. Der Sammelbegriff Wagenladungsverkehr (WLV), bei dem Frachten eines Kunden im Gegensatz zum früher praktizierten Stückgutverkehr auf der Schiene einen oder mehrere Güterwagen vollständig in Anspruch nehmen, hat sich damit erübrigt.

Zu Beginn der Ausdifferenzierung zwischen GZV und EWV im Jahr 2000 hatte der EWV eine deutlich höhere Transportleistung als der GZV und war fast doppelt so stark wie der KV. Somit galt der EWV als die tragende Säule des SVG. 2004 wurde er vom GZV mit etwa 25 Milliarden Tonnenkilometern überholt, obwohl er sich zuvor auf einem vergleichsweise stabilen Niveau gehalten hatte. Im Jahr 2007 wurde er schließlich auch vom KV überholt und seine Leistungen sanken weiter ab (siehe Abbildung 1). Jedoch verzeichneten im Jahr 2009 im Zuge der Finanzkrise alle drei Systeme starke Einschnitte. Für das Jahr 2010 betrug die Leistung des SGV insgesamt rund 356 Millionen Tonnen und 107 Milliarden Tonnenkilometer. Das Vorkrisenniveau konnte 2011 wieder erreicht werden.



entwTeilsystemeSGV.jpgAbb. 1: Teilsysteme SGV, Transportleistung Bundesrepublik Deutschland [SiSt12, S. 11]

Im Jahr 2014 betrug die Transportleistung des Schienengüterverkehrs 113 Milliarden Tonnenkilometer, wobei 28 Milliarden Tonnenkilometer auf den EWV entfielen [SoLi15, S.12]. Die Maßzahl "Tonnenkilometer" bildet jedoch nur bedingt die Transportleistungen des EWV ab, da der "Mittransport" vieler Leer- und Schadwagen hier die angegebenen Zahlen verzerrt [ReRo11, S. 15]. Die restliche Leistung des SVG setzt sich aus 41 Milliarden Tonnenkilometer des GZV und 44 Milliarden Tonnenkilometer des KV zusammen [SoLi15, S.12]. Der EWV hatte im Jahr 2014 bezogen auf die Gesamtleistung des Schienengüterverkehrs also lediglich noch einen Marktanteil von knapp 25 Prozent.

Der GZV warf in früheren Jahren relativ große Monopolgewinne ab, die auch zur Stützung des EWV verwendet wurden. Seit der Bahnreform 1994 waren GZV und EWV jedoch ganz erheblich einem harten bahninternen Wettbewerb ausgesetzt, was zunächst die Attraktivität des Systems Bahn für viele Verlader erhöhte, dem EWV aber mehr und mehr zusetzte. Immer mehr Wagengruppen, die oftmals die Hauptauslastung auf EWV-Verbindungen gebildet hatten, wurden durch Veränderungen in der Logistik und an den Firmenstandorten (wie beispielsweise Steigerung der Transportvolumina oder Bündelung von Transportströmen) ganzzugfähig. Hinzu kam die Konkurrenz durch die Straße, die entgegen früheren Prognosen in ihren spezifischen Kosten je Tonnenkilometer nicht teurer wurde. Der Straßengüterverkehr reicht mittlerweile bestimmte Kosten (zum Beispiel Mautgebühren und Auflagen wie etwa die Euro-5-Abgasnorm für Lkw) an die Kunden weiter oder fängt bestimmte Belastungen in anderer Weise durch Rationalisierungsmaßnahmen auf [2006/38/EG, 715/2007/EG]. Insbesondere der seit Anfang 2017 auf deutschen Straßen zugelassene Lang-Lkw bedroht den EWV und bringt erhebliche Verlagerungspotenziale auf die Straße (von bis zu 35 Prozent) und somit einen drastischen Nachfragerückgang beim EWV mit sich [SoLi15, S.12-14].

Insgesamt zeigt die Entwicklung der Tonnage den drastischen Rückgang des EWV parallel zu einem starken Anstieg des KV im Schienengüterverkehr (siehe Abbildung 2). Besonders die geringe beziehungsweise nicht ausreichende Belastung der Züge, die Kündigung von Gleisanschlüssen und die Schließung von Güterverkehrsstellen bedrohen das System des EWV [Höft16]. Qualitätsverluste infolge einer weiteren Straffung des EWV-Systems haben eine zusätzliche Verminderung der Nachfrage zur Folge. Die daraus resultierenden Anstrengungen, die Produkte und Angebote des EWV zu verbessern, führten allenfalls bei den verbleibenden Nutzern von Privatgleisanschlüssen zu Mehrverkehr. Einmal aufgegebene Gleisanschlüsse werden dagegen selten reaktiviert. Der klassische EWV ist nach diesen aktuellen Entwicklungen vielerorts von der Einstellung bedroht [zlsie:475856, S.59].

Mengenentwicklung im SGV.jpgAbb. 2: Teilsysteme SGV, Transportvolumen Deutschland, Mio. t [ReRo11] (Grafik zum Vergrößern bitte anklicken)

Auch in der EU ist der EWV in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen. In den 13 EU-Ländern (darunter Deutschland, Frankreich, Österreich, Italien), die eine Studie der europäischen Kommission hinsichtlich ihres EWV untersucht, erreicht dieser im Jahr 2012 nur noch einen Anteil von 27 Prozent am gesamten Schienengüterverkehrsvolumen. In dem Zeitraum von 2004 bis 2011 sank der Anteil des EWV in dem analysierten europäischen Raum demnach von 50 Prozent auf 35 Prozent, wobei jedoch signifikante Unterschiede zwischen den Anteilen der einzelnen Länder bestehen. Deutschland gehört neben Österreich und der Tschechischen Republik hierbei zu den Ländern mit einem nach wie vor relativ stark ausgeprägtem EWV, während der EWV in Italien oder England einen Anteil von 5 Prozent nicht mehr überschreitet (Siehe Abbildung 3) [PwC15, S.9 f.].
Einzelwagenverkehr-historisch.JPG Abb. 3: Anteil des Einzelwagenverkehrs am Schienengüterverkehr (in Tonnenkilometern) in ausgewählten Ländern der EU im Jahr 2012 [PwC15, S.34]
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Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Zukünftige Entwicklung des Einzelwagenverkehrs in Deutschland und der Europäischen Union (Stand des Wissens: 22.01.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?390508
Literatur
[Höft16] Höft, Uwe Mehr Güter auf die Schiene!
Aber wie?, 2016/05
[NiPa09] Nikutta, Sigrid, Pahl, Mirko Das Produktionssystem im Schienengüterverkehr - Schlanke Produktionsstrukturen in vernetzten Systemen, veröffentlicht in Deine Bahn, Ausgabe/Auflage 02/09, Bahn Fachverlag / Berlin, 2009/02, ISBN/ISSN 0948-7263
[PwC15] PwC Advisory (IT) , Rome University La Sapienza Study on Single Wagonload Traffic in Europe
challenges, prospects and policy options, 2015/07
[ReRo11] Reinhold, Tom, Rometsch, Markus Eisenbahn in Deutschland 2025 - Perspektiven für den Güterverkehr, veröffentlicht in Güterbahnen, Ausgabe/Auflage 01/2011, Alba Fachverlag/ Düsseldorf , 2011/01, ISBN/ISSN 1610-5273
[SiSt12] Siegmann, Jürgen, Stuhr, Helge Hat der Einzelwagenverkehr (EV) in Europa noch eine Chance?, veröffentlicht in Eisenbahntechnische Rundschau (ETR), Ausgabe/Auflage 3/2012, DVV Media Group GmbH/ Hamburg , 2012/03, ISBN/ISSN 0013-2845
[SoLi15] Sonntag, Herbert , Liedtke, Gernot Studie zu Wirkungen ausgewählter Maßnahmen der Verkehrspolitik auf den Schienengüterverkehr in Deutschland - Modal Split der Transportleistungen und Beschäftigung, 2015/08
Rechtsvorschriften
[2006/38/EG] EU-Richtlinie 2006/38/EG
[715/2007/EG] Verordnung 715/2007/EG über die Typgenehmigung von Kraftfahrzeugen
Glossar
Schienengüterverkehr
Unter Schienengüterverkehr (SGV) wird der Transport von Gütern mit der Eisenbahn verstanden. Diese werden in Güterzügen unter Verwendung (spezieller) Güterwagen befördert. Diese Verkehre können entweder auf gesonderten Güterverkehrsstrecken oder im Mischverkehr, auf gemeinsam durch den Güter- und Personenverkehr genutzten Strecken, realisiert werden. Leistungen des Schienengüterverkehrs werden häufig als Teil einer Logistikkette in logistische Gesamtkonzepte eingebunden.
Lkw Lastkraftwagen (Lkw) sind Kraftfahrzeuge, die laut Richtlinie 1997/27/EG überwiegend oder sogar ausschließlich für die Beförderung von Gütern und Waren bestimmt sind. Oftmals handelt es sich dabei um Fahrzeuge mit einer zulässigen Gesamtmasse zwischen 3,5 und 12 Tonnen. In Einzelfällen kann die zulässige Gesamtmasse diese Werte jedoch auch unter- beziehungsweise überschreiten, sofern das Kriterium der Güterbeförderung gegeben ist. Lastkraftwagen können auch einen Anhänger ziehen.
Einzelwagenverkehr Der Einzelwagenverkehr (EWV; auch Wagenladungsverkehr, WLV) ist der Transport einzelner Güterwagen(-Gruppen) in speziell für deren jeweiligen Transportweg zusammengestellten Güterzügen. Die Güterwagen mit verschiedenen Versendern und Empfängern werden dabei in sog. Zugbildungsbahnhöfen (Zbf) zu einzelnen Güterzügen zusammengefasst.
tkm tkm = Tonnenkilometer Die Einheit Tonnenkilometer [tkm] beschreibt die im Rahmen einer Güterbeförderung erbrachte Verkehrsarbeit. Diese definiert sich als Produkt der Gütermenge (Summe der beförderten Güter in Tonnen) und der von dieser dabei zurückgelegten Wegstrecke in km. Verkehrsarbeit [tkm] = Gütermenge [t] * Wegstrecke [km]
Güterverkehrsstelle Bei einer Güterverkehrsstelle handelt es sich um eine von Dritten direkt zugängliche Bahnanlage (z. B. Güterbahnhof) oder Gleisanschlüsse , an der Güter direkt umgeschlagen werden können.
Stückgutverkehr Stückgutverkehr bezeichnet den Transport von Gütern zwischen Absender und Empfänger, wobei durch die Objekteigenschaften der Güter des Absenders (z. B. Gewicht, Volumen etc.) das Transportmittel bzw. Ladegefäß nicht vollständig ausgelastet werden kann. Bestreben ist deshalb die Bündelung mehrerer Absender in gleiche Empfangsrelationen, um auf diese Weise die Transportmittelkapazität auf den Hauptläufen möglichst vollständig auszuschöpfen. Voraussetzung ist hierfür der Umschlag der Stückgüter in Versand- und/oder Empfangsdepots nach Ab- und/oder Zugangsrelationen. Die Hauptmerkmale des klassischen allgemeinen Stückgutmarkts sind die verpackten, zusammenladefähigen, adressierten Industriestückgüter mit einem Gewicht zwischen 25 kg und 2500 kg, die räumlich verstreute Kundenzahl aus Industrie und Handel und die flächige Verkehrsstruktur. In diesem eher ausreifenden Markt, in dem der Kooperations- und Konzentrationsdruck anhält, werden die Ertragsmöglichkeiten aufgrund der Auslastungs- und Preissensibilität des Marktes als eher unterdurchschnittlich angesehen.
Verlader Der Verlader ist derjenige Teilnehmer in der Transportkette, der die Ladung/Transportgut erstmals aufgibt. Unter einem Verlader versteht man ein Unternehmen, das Logistikdienstleistungen (Transport, Verladen etc.) bei einem Logistikdienstleister in Auftrag gibt.
Kombinierter Verkehr
Intermodaler Verkehr, bei dem der überwiegende Teil der in Europa zurückgelegten Strecke mit der Eisenbahn, dem Binnen- oder Seeschiff bewältigt und der Vor- und Nachlauf auf der Straße so kurz wie möglich gehalten wird.
Ganzzug Ein Ganzzug ist ein Güterzug, dessen Ladung ohne Zwischenbehandlung vom Versand- zum Empfangsbahnhof befördert wird. Dabei erfolgen beim sog. Ganzzugverkehr (GZV) sowohl die Übergabe durch den Versender als auch die empfängerseitige Übernahme des gesamten Zuges in geschlossener, unveränderter Wagenzusammenstellung.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?389110

Gedruckt am Donnerstag, 17. Oktober 2019 17:58:50