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Eisenbahnbetriebliche Problemstellungen im Einzelwagenverkehr

Erstellt am: 27.04.2012 | Stand des Wissens: 22.01.2018
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig

Das derzeitige Angebot der Bahnen im Schienengüterverkehr hat die größten zeitlichen und finanziellen Probleme bei der Sammlung und Verteilung der Wagen auf der sog. "letzten Meile" (z. B. Gleisanschluss, kurz GA). Diese Vor- und Nachläufe, bei denen erst ein geringer Grad der Zugbildung erreicht wird, gleichzeitig aber bereits teure Ressourcen (Triebfahrzeuge, Personal, Trassen) eingesetzt werden müssen, verteuern die Transporte. Viele Kunden bemängeln, dass die Wagen im privaten GA sehr unflexibel sind und bereits für geringe Bewegungen externe Verschubeinrichtungen benötigen. Durch die zusätzlich aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus resultierende seltene Bedienung der GA und Güterverkehrsanlagen folgen lange Standzeiten. Diese verlängern wesentlich die Transportzeit.

Eine Beförderung vom Versender zum Empfänger innerhalb der Bundesrepublik Deutschland ist im heutigen Einzelwagenverkehr (EWV) nur bis 200 km Entfernung über Nacht möglich. Darüber hinaus gilt der 36h-Transport als üblich (heute Abend Abholung, übermorgen früh die Zustellung). Daraus resultieren seit Jahren ungünstige Güterwagenumlaufzeiten von durchschnittlich 6 Tagen und nur etwa 20.000 Lauf-km je Jahr und Güterwagen im EWV. [SiSt12, S. 16 ff.]

Des Weiteren ist der EWV Hauptträger der Bewegung von Leer- und Schadwagen, auch für den Ganzzugverkehr und den Kombinierten Verkehr (KV), die nicht immer kostendeckend abgegolten werden. Die Langlebigkeit der Güterwagen, die geringen Margen und damit starke Innovations- und Erneuerungshemmnisse erlauben nicht immer das optimale Material zu geringen Kosten beim Kunden bereitzustellen und verlangen die Vorhaltung großer Abstellgleiskapazitäten. [Chen99]

Europäische Entwicklung

Im Zuge der zunehmenden Europäisierung ist der Grenzübergang in Europa stark vereinfacht worden. Zugbildungsvorschriften und Betriebsregeln sind harmonisiert. Die Güterbereiche der ehemaligen Staatsbahnen in den Niederlanden und in Dänemark gehören jetzt zum Deutsche Bahn AG Konzern. International operierende Wettbewerber sind intensiv auch in Deutschland tätig.

Die wichtigste EWV-Verbindung ist die von Deutschland nach Italien über die Schweiz (Basel). Weitere wichtige Verbindungen sind die von Deutschland nach Österreich (Nürnberg - Linz) und nach Polen (via Seddin). Starke Nachfrage gibt es auch auf den Verbindungen Rangierbahnhof Maschen - Dänemark via Flensburg, Dresden - Tschechien, Duisburg- Emmerich, Mannheim - Lyon und Köln- Aachen-Belgien zu verzeichnen.

Einige Bahnen haben sich zur Gruppe XRail zusammengeschlossen (allerdings ohne die Société Nationale des Chemins de fer Francais, kurz SNCF). In Zusammenarbeit mit den Gateways des sog. "Produktionssystems 200X" (erweitertes System von Güterverkehrsknotenpunkten), die die internationalen Verkehre bündeln, werden Güterzüge möglichst tief in ein Nachbarland zu dem dortigen Gateway befördert und von nationalen EWV-System weiter zum Ziel befördert. [Ferk10]

Allerdings hat der EWV in Ländern wie Italien und Belgien, auch in Frankreich aktuell Probleme infolge rückläufiger Aufkommen und damit verbundener wirtschaftlicher Schwierigkeiten. Die Staatsbahnen in Italien und Frankreich haben ihr Angebot bereits deutlich eingeschränkt. [Hein11b, S. 33] Die starken im EWV tätigen staatlichen Eisenbahnverkehrsunternehmen Osteuropas sind noch im Umbruch. Mitunter gibt es Überlegungen zum Verkauf von Teilen an private EVU [Vogt11].
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Zukünftige Entwicklung des Einzelwagenverkehrs in Deutschland und der Europäischen Union (Stand des Wissens: 22.01.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?390508
Literatur
[Chen99] Chen, Liping Entwicklung eines Leerwagendispositionssystems mit dezentraler marktorientierter Strategie, 1999
[Ferk10] Ferk, G. J. XRail - The European Wagonload Alliance, veröffentlicht in RailBusiness, Ausgabe/Auflage 8/2010, DVV Media Group GmbH/ Hamburg , 2010/02/22, ISBN/ISSN 1867-2728
[Hein11b] Heinrici, Timon Kombi kontra konventionell, veröffentlicht in Deutsche Verkehrszeitung - DVZ, Ausgabe/Auflage 56/2013, Deutscher Verkehrs-Verlag GmbH, Hamburg, 2011/05/10, ISBN/ISSN 0342-166X
[SiSt12] Siegmann, Jürgen, Stuhr, Helge Hat der Einzelwagenverkehr (EV) in Europa noch eine Chance?, veröffentlicht in Eisenbahntechnische Rundschau (ETR), Ausgabe/Auflage 3/2012, DVV Media Group GmbH/ Hamburg , 2012/03, ISBN/ISSN 0013-2845
[Vogt11] Vogt, Alexander Chancen für NE-Bahnen im Einzelwagenverkehr, veröffentlicht in Bus und Bahn, Ausgabe/Auflage 12/2011, Alba Fachverlag/ Düsseldorf , 2011, ISBN/ISSN 0341-5228
Glossar
Rangierbahnhof Der Rangierbahnhof (Rbf) ist ein wichtiges (Infrastruktur-)Element im Produktionssystem des Schienengüterverkehrs und gehört, wie auch der Knotenpunktbahnhof, als Betriebsbahnhof zur Gruppe der Zugbildungsbahnhöfe. Zentraler Bestandteil eines Rbf sind die sog. Zugbildungsanlagen (ZBA), die - vornehmlich im Einzelwagenverkehr - der Auflösung und Neuzusammenstellung von Güterzügen und Wagen(-Gruppen) dienen.
Schienengüterverkehr
Unter Schienengüterverkehr (SGV) wird der Transport von Gütern mit der Eisenbahn verstanden. Diese werden in Güterzügen unter Verwendung (spezieller) Güterwagen befördert. Diese Verkehre können entweder auf gesonderten Güterverkehrsstrecken oder im Mischverkehr, auf gemeinsam durch den Güter- und Personenverkehr genutzten Strecken, realisiert werden. Leistungen des Schienengüterverkehrs werden häufig als Teil einer Logistikkette in logistische Gesamtkonzepte eingebunden.
Einzelwagenverkehr Der Einzelwagenverkehr (EWV; auch Wagenladungsverkehr, WLV) ist der Transport einzelner Güterwagen(-Gruppen) in speziell für deren jeweiligen Transportweg zusammengestellten Güterzügen. Die Güterwagen mit verschiedenen Versendern und Empfängern werden dabei in sog. Zugbildungsbahnhöfen (Zbf) zu einzelnen Güterzügen zusammengefasst.
Versender Versender (auch Verlader genannt) sind Unternehmen, die Transportleistungen und verwandte logistische Dienstleistungen für ihre Sendungen nachfragen.
Letzte Meile
Im Bereich der Telekommunikation bezeichnet die "letzte Meile", auch Teilnehmeranschlussleitung genannt, die Netzstrecke zwischen dem lokalen Verteilerkasten des entsprechenden Kommunikations-Unternehmens und dem Hausanschluss des Endkunden.
In der Logistik steht der Begriff für die Belieferung des Endkunden im Liefer- und Abholverkehr, also dem letzten notwendigen Transportvorgang.
Kombinierter Verkehr
Intermodaler Verkehr, bei dem der überwiegende Teil der in Europa zurückgelegten Strecke mit der Eisenbahn, dem Binnen- oder Seeschiff bewältigt und der Vor- und Nachlauf auf der Straße so kurz wie möglich gehalten wird.
EVU Eisenbahnverkehrsunternehmen
Triebfahrzeug
Ein Triebfahrzeug (Tfz) ist ein einzelnes Regeleisenbahnfahrzeug mit einem eigenen Fahrzeugantrieb (Lokomotiven, Triebwagen). Eine Sonderform bilden Triebköpfe, die in einem fest gekoppelten Triebzug zusammen mit antriebslosen Mittel- und Steuerwagen betrieben werden. Lokomotiven kommen normalerweise im Verbund mit gekoppelten Reisezug- oder Güterwagen zum Einsatz. Triebwagen sowie auch Triebzüge werden als gekoppelten Einheiten gleichen Typs in sogenannten Triebwagenzügen eingesetzt. Weitere Tfz sind Kleinlokomotive und selbstfahrende Nebenfahrzeuge.
Ganzzug Ein Ganzzug ist ein Güterzug, dessen Ladung ohne Zwischenbehandlung vom Versand- zum Empfangsbahnhof befördert wird. Dabei erfolgen beim sog. Ganzzugverkehr (GZV) sowohl die Übergabe durch den Versender als auch die empfängerseitige Übernahme des gesamten Zuges in geschlossener, unveränderter Wagenzusammenstellung.
Eisenbahnverkehrsunternehmen Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) sind öffentliche Einrichtungen oder privatrechtlich organisierte Unternehmen, die Eisenbahnverkehrsleistungen erbringen. "Eisenbahnverkehrsunternehmen" stellt einen europarechtlichen Begriff dar, welcher durch nationales Recht in Form von § 2 (1) des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG) konkretisiert wird.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?388967

Gedruckt am Freitag, 18. Oktober 2019 11:36:51