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Marktumfeldspezifische Entwicklungshemmnisse im Einzelwagenverkehr

Erstellt am: 27.04.2012 | Stand des Wissens: 22.01.2018
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig

Die Finanz- und Wirtschaftskrisen der Jahre 2008/09 haben in Europa besonders den Einzelwagenverkehr (EWV) schwer getroffen, woraufhin zahlreiche Bahnen in Europa den EWV Betrieb stark einschränkten oder sogar aufgaben. Während Frankreich die im Einzelwagensystem transportierten Waggons um die Hälfte reduzierte, stellte beispielsweise Italien den gesamten EWV ein. Einige Länder hatten bereits vor den Krisenjahren 2008/09 keinen nennenswerten EWV vorzuweisen (Norwegen, Großbritannien). In der Schweiz und in Österreich ist er hingegen relativ stark ausgeprägt [SiSt12; HaWi15, S.14 f.]. Auch wenn der Anteil des EWV an der gesamten Schienenverkehrsleistung in Deutschland und Tschechien am höchsten ist, ist er hier ebenso wie in allen anderen europäischen Ländern nach wie vor rückläufig (siehe Abbildung 1). So sank der Anteil an den Gesamttonnenkilometern in Deutschland von knapp 40 Prozent im Jahr 2004 auf nur noch 25 Prozent im Jahr 2014 [eukom14, S.18; SoLi15, S.12].
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Abb.1: Entwicklungen im europäischen Einzelwagenverkehr (Daten basieren auf dem Erhebungsjahr 2014) [HaWi15, S.15]

In weiteren Ländern ist mit der anstehenden Privatisierung der Güterbahnen auch die Zukunft des EWV unklar. Sechs große Akteure des EWV (Staatsbahnen und ehemalige Staatsbahnen) haben sich zu einer Gruppe unter dem Label "XRail" zusammengefunden, um die internationalen Verkehre in diesem Segment in Europa zu optimieren. Einige EWV-ähnliche Systeme, die auf privater Initiative beruhen, konnten sich nach anfänglichen Erfolgen in der Kooperation mit bisher nur regional tätigen Unternehmen jedoch nicht soweit stabilisieren, um die Krise zu überstehen [SiSt12; Hein12, S. 6].

Auf ihremprivaten Gelände müssen die Kundenerhebliche Investitionen in die eigenen Gleisanlagen tätigen. Zusätzlich müssen sie ür den Anschluss an das Gleisnetz sowohl einen Infrastrukturvertrag mit dem entsprechenden Eisenbahninfrastrukturunternehmen (in der Regel DB Netz AG) als auch einen Bedienungsvertrag mit einem Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) abschließen [SiSt12, S. 14]. Kunden mit eigenem Gleisanschluss können jederzeit Transporte im EWV bestellen, die für gewöhnlich von der DB Schenker Rail Deutschland AG durchgeführt werden, da fast alle Kunden des EWV einen Bedienungsvertrag mit dieser DB-Tochter abgeschlossen haben. Nur wenn der Vertragspartner ein anderes EVU ist, kann dieses (Leer-)Wagen bereitstellen, abholen und zum nächsten Knoten befördern.

Einige private EVU speisen eingesammelte Wagen auch in die großen Zugbildungsanlagen (ZBA) ein. Bei deren Betrieb sowie bei den Zügen zwischen den ZBA ist jedoch immer noch die DB Schenker Rail Deutschland AG weitgehend marktbeherrschend. Bedingt durch mehrjährige Anmietungen von Kapazitäten in ZBA, die eisenbahnrechtlich grundsätzlich erlaubt sind, kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Zugangsproblemen privater EVU. Zudem bestanden ferner Wettbewerbshindernisse für den EWV privater EVU hinsichtlich der Verfügbarkeit von Rangierloks. Da diese zumeist nicht den ZBA zugeordnet waren, sondern im Besitz der DB Schenker Rail Deutschland AG standen, konnten Wettbewerber sie grundsätzlich nicht oder nur eingeschränkt nutzen. Das im September 2016 in Kraft getretene Eisenbahnregulierungsgesetz [ERegGa] soll nun jedoch insbesondere den Wettbewerb des Eisenbahnsektors stärken und setzt zu diesen Zwecken auch auf einen möglichst diskriminierungsfreien Zugang zum Schienennetz sowie zu Rangierdienstleistungen. Der Gesetzesentwurf war zuvor 2013 am Bundesrat gescheitert [HaKo13, S. 72 ff.].

Nur wenn private EVU in Kooperation die gesamte Transportkette bis zum Ziel organisieren, kann der Transport ohne ein EVU des Deutsche Bahn AG Konzerns erfolgen. Allerdings müssen viele stabile Transportrelationen vorhanden sein, damit entsprechende Fernzüge hierbei eine gute Auslastung erzielen können. Einige im EWV aktive EVU beklagen, dass sie unter hohen Fixkosten für Anlagenvorhaltung, Personal, Traktion und Trassenpreise leiden. Selbst die Energiekosten sind nur bedingt von der Auslastung des Zuges abhängig. Diese Problematik wird zudem noch durch die Angebotsstruktur aufgrund überholter Tarifierungsmodelle - basierend auf Entfernung und Güterart - sowie unflexible Buchungssysteme beziehungsweise aufwendige Neukalkulationen von Angeboten verschärft. Deshalb sind bisher mehrfache Versuche der Privaten, eigene "Inseln" des EWV zu organisieren, spätestens in Krisenzeiten gescheitert. Einer Ausdehnung des EWV stehen also nicht nur fehlende gesetzliche Regelungen oder das monopolistische Verhalten der ehemaligen Staatsbahn im Wege, auch die Eigenstrukturen des EWV sind für diese missliche Lage verantwortlich [HeLa10, S. 13 f.].

Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Zukünftige Entwicklung des Einzelwagenverkehrs in Deutschland und der Europäischen Union (Stand des Wissens: 22.01.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?390508
Literatur
[eukom14] Europäische Kommission BERICHT DER KOMMISSION AN DEN RAT UND DAS EUROPÄISCHE
PARLAMENT
Vierter Bericht über die Überwachung der Entwicklung des Schienenverkehrsmarkts, Brüssel, 2014/06/13
[HaKo13] Haucap, Justus, Kollmann, Dagmar, Nöcker, Thomas, Westerwelle, Angelika Bahn 2013: Reform zügig umsetzen! - Sondergutachten 64, Bonn, 2013/06
[HaWi15] Hagenlocher, Stefan , Prof. Dr. Wittenbrink, Paul Analyse staatlich induzierter Kostensteigerungen im Schienengüterverkehr am Beispiel von ausgewählten Relationen, 2015/04
[Hein12] Heinrici, Timon Wettbewerb um Einzelwagen bleibt ein Traum, veröffentlicht in Deutsche Verkehrszeitung - DVZ, Ausgabe/Auflage 24/2012, Deutscher Verkehrs-Verlag GmbH, Hamburg , 2012/2, ISBN/ISSN 0342-166X
[HeLa10] Heydenreich, Thomas, Lahrmann, Mathias Krise des Einzelwagenverkehrs: Ende oder Wende?, veröffentlicht in Güterbahnen, Ausgabe/Auflage 02/2010, Alba Fachverlag, Düsseldorf , 2010/02, ISBN/ISSN 1610- 5273
[SiSt12] Siegmann, Jürgen, Stuhr, Helge Hat der Einzelwagenverkehr (EV) in Europa noch eine Chance?, veröffentlicht in Eisenbahntechnische Rundschau (ETR), Ausgabe/Auflage 3/2012, DVV Media Group GmbH/ Hamburg , 2012/03, ISBN/ISSN 0013-2845
[SoLi15] Sonntag, Herbert , Liedtke, Gernot Studie zu Wirkungen ausgewählter Maßnahmen der Verkehrspolitik auf den Schienengüterverkehr in Deutschland - Modal Split der Transportleistungen und Beschäftigung, 2015/08
Rechtsvorschriften
[ERegGa] Eisenbahnregulierungsgesetz
Glossar
Eisenbahninfrastrukturunternehmen Eisenbahninfrastrukturunternehmen (EIU) ist ein Rechtsbegriff des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG). Gemäß § 2 Abs. 1 AEG sind Eisenbahninfrastrukturunternehmen öffentliche Einrichtungen oder privatrechtlich organisierte Unternehmen die eine Eisenbahninfrastruktur betreiben.
Traktion Unter Traktion versteht man im Schienenverkehrsbereich die kraftgetriebene Fortbewegung von Triebfahrzeugen. Bei der Art des Antriebssystems unterscheidet man heutzutage i. d. R. Triebfahrzeuge mit dieselelektrischen oder -hydraulischen bzw. rein elektrischen Aggregaten zur Kraftübertragung (auch: Diesel- bzw. Elektrotraktion).  Die Traktionsart Dampf wird hierzulande nur noch im Bereich von Museumsbahnen eingesetzt. Mehrere gekoppelte Triebfahrzeuge bilden eine sog. Mehrfachtraktion. Üblicherweise werden diese nach der Anzahl der eingesetzten Triebfahrzeuge benannt (z. B. Doppel- oder Dreifachtraktion).
Einzelwagenverkehr Der Einzelwagenverkehr (EWV; auch Wagenladungsverkehr, WLV) ist der Transport einzelner Güterwagen(-Gruppen) in speziell für deren jeweiligen Transportweg zusammengestellten Güterzügen. Die Güterwagen mit verschiedenen Versendern und Empfängern werden dabei in sog. Zugbildungsbahnhöfen (Zbf) zu einzelnen Güterzügen zusammengefasst.
Transportrelationen
Eine Transportrelation beschreibt die Transportbeziehung zweier Orte zwischen denen ein regelmäßiger Beförderungsbedarf besteht.
EVU Eisenbahnverkehrsunternehmen
Verkehrsleistung Die Verkehrsleistung gibt Auskunft über die Inanspruchnahme von Ressourcen. Als Verkehrsleistung wird die auf eine Zeiteinheit t (zum Beispiel ein Jahr) bezogene Verkehrsarbeit definiert und als Quotient dargestellt. Die Verkehrsarbeit wird dabei als Produkt von Verkehrseinheiten (zum Beispiel Güter, Personen) und der durch diese zurückgelegten Strecke gebildet. In der Verkehrswissenschaft sind die Einheiten Personenkilometer pro Jahr [Pkm/a] bzw. Tonnenkilometer pro Jahr [tkm/a] gebräuchlich.
Transportkette
Nach DIN 30781 eine Folge von technisch und organisatorisch miteinander verknüpften Vorgängen, bei denen Personen oder Güter von einer Quelle zu einem Ziel bewegt werden, im weiteren Sinne alle Transferprozesse zwischen Quelle und Senke.
Eisenbahnverkehrsunternehmen Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) sind öffentliche Einrichtungen oder privatrechtlich organisierte Unternehmen, die Eisenbahnverkehrsleistungen erbringen. "Eisenbahnverkehrsunternehmen" stellt einen europarechtlichen Begriff dar, welcher durch nationales Recht in Form von § 2 (1) des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG) konkretisiert wird.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?388962

Gedruckt am Samstag, 19. Oktober 2019 01:22:45