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Produktionssystem des Einzelwagenverkehrs

Erstellt am: 27.04.2012 | Stand des Wissens: 22.01.2018
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig

Eingruppenzüge enthalten nur Wagen, die erst im Endbahnhof des Zuges wieder behandelt werden, d.h. in andere Züge umgestellt oder Güteranlagen bzw. privaten Gleisanschlüssen (GA) des Endbahnhofs zugeführt werden. Eingruppenzüge sind Direkzüge und haben nur aus betrieblichen Gründen Unterwegsaufenthalte (wagentechnische Untersuchung, Personal- oder Lokwechsel, Überholung). Der Wagenzug des Eingruppenzuges ändert unterwegs seine Zusammensetzung nicht. Die Reihung der Wagen ist beliebig, lediglich die Bergverbotswagen und gewisse Gefahrgutwagen müssen direkt hinter dem Triebfahrzeug laufen, um im nächsten Rangierbahnhof (Rbf, auch Zubildungsbahnhof) als Spitzenübergang umrangiert zu werden.

Mehrgruppenzüge bestehen außer aus der Gruppe für den Endbahnhof aus weiteren Wagengruppen, die bei der Zugbildung im Ausgangsbahnhof beigestellt oder die in Unterwegsbahnhöfen für den Endbahnhof aufgenommen werden. Manche, der heute im 200X-System anzutreffenden Mehrgruppenzüge, haben unterwegs auch Verkehrsaufenthalte und ändern dabei ihre Zusammensetzung.

Als Produktionssystem des Deutsche Bahn AG Konzern zur Beförderung von Einzelwagen und Wagengruppen wurde 1975 das Knotenpunktsystem (KPS) eingeführt [SiSt12]. Hierbei werden die Bahnhöfe mit Einzelwagenverkehr drei verschiedenen Kategorien zugeordnet. Die GA der Kunden und die öffentlichen Ladestellen sind Satelliten-Bahnhöfen zugeordnet, die mittels Rangierfahrten bedient werden und meist kein eigenes Rangierpersonal und keine eigenen Rangiermittel besitzen. Mehrere Satelliten sind wiederum an einen Knotenpunktbahnhof (Kbf) angeschlossen. Der Kbf ist Leitstelle für die Steuerung und Kontrolle der Transportabläufe im Wagenladungsverkehr. Er ist Einsatzzentrale für die Rangierlok[s] und das Rangierpersonal und bildet somit einen Konzentrationspunkt für die Erledigung sonstiger betrieblicher, verkehrlicher und verwaltungstechnischer Funktionen. Zwischen Satelliten und Kbf verkehren Übergabezüge. Im Rahmen der Bedienungseinstellung von schwachen GA (Programm MORA C) durch die Railion Deutschland AG (heute DB Schenker Rail GmbH), hat sich auch die Zahl der Übergabezüge drastisch reduziert. Dies kam der Streckenleistungsfähigkeit zugute.

In den Zugbildungsanlagen (ZBA) großer Rbf werden Güterzüge gebildet oder aufgelöst und Wagen ausgetauscht (Wagenumstellung). Sie bilden die Schnittstelle zwischen dem Nahbereich, der sich aus Satelliten und Knotenpunktbahnhöfen zusammensetzt, und dem Fernbereich. Die Verbindung zwischen den Kbf und den ZBA übernehmen Nahgüterzüge (Ng). Im Idealfall ist nach der Idee des KPS ein Kbf eindeutig einer ZBA zugeordnet, sodass die Wagen des Kbf nicht auf mehrere Ng sortiert werden müssen. In der Realität sind jedoch Knotenpunktbahnhöfe mehrseitig angebunden, sodass bereits im Kbf nach verschiedenen Ausgangsrichtungen sortiert werden muss. Es handelt sich hierbei oftmals um ehemalige ZBA, die noch über entsprechende Sortieranlagen wie Ablaufberg und Gleisgruppen verfügen. Die großen ZBA selbst sind untereinander mit etwa 1.000 Güterzügen je Tag verbunden. [NiPa09]

Das KPS sollte die Gesamtbeförderungszeit verkürzen und zu Produktivitätssteigerung durch gleichmäßige Auslastung der Triebfahrzeuge sowie eine gleichmäßige Dienstplangestaltung führen [Schö93]. Die Rbf sollen entlastet werden, indem Nachsortierarbeiten für die Gruppenbildung entfallen. Große Knotenpunktbereiche führen allerdings zu Umwegen, also zu längeren Übergabefahrten und wenige ZBA zu längeren Sammler- und Verteilerfahrten mit höheren Wagenkilometern.

Ziel der Konzentration der Struktur des KPS ist eine Bündelung der Verkehrsströme zur Erhöhung der Auslastung der Ferngüterzüge sowie das Einsparen langer Bedienungsfahrten. Hierzu wurde eine Vielzahl von Tarifpunkten mit nur wenigen Wagenbewegungen pro Woche geschlossen. Im sog. "flexiblen Knotenpunktsystem" (FKPS) werden je nach Nachfrage auch Zugbildungen an großen ZBA vorbei durchgeführt. Hierdurch werden auf einzelnen Relationen sehr gute Transportqualitäten erreicht. In den konzentrierten Knoten wächst tendenziell die Zugbildungskraft, um besser ausgelastete Züge direkt zwischen Knotenbahnhöfen oder zumindest an Sammler-ZBA vorbei direkt zur Verteiler-ZBA oder von Sammler-ZBA zu entfernten Ziel-ZBA fahren zu können. Die Zugbildungsanlagen kommen somit mit weniger Wagen in Berührung und werden zudem vermehrt außerhalb der Spitzenstunden belastet. Die vermiedenen Wagenumstellungen in den ZBA verkürzen tendenziell die Transportzeit und verbessern die Qualität, u.a. da jede Umstellung von Wagen potentiell eine Möglichkeit für Unregelmäßigkeiten darstellt. Gemeinsam mit mehr Direktverbindungen zwischen Knotenbahnhöfen wirkt dies der Tendenz zu Umwegkilometern entgegen.

Seit 2006 füht DB Schenker Rail Deutschland AG das "Produktionssystem 200X" durch. Dabei handelt es sich um eine weitere Modifizierung des KPS, mit weiteren Direktverbindungen und der Konzentration auf nur noch neun große ZBA [FrPe06]. Bis 2017 wird die Zugbildungsanlage in Halle (Saale) ausgebaut, welche die Aufgaben von Halle und Leipzig-Engelsdorf zusammenfassen und somit zu den modernsten Anlagen des schienengebundenen Güterverkehrs zählen wird [Schu12b, DBAG16]. Der Verkehr mit ausländischen Rbf wird über Gateways, d.h. ausgewählten ZBA, gelenkt, sodass von dort häufige und gut ausgelastete Züge ins Nachbarland fahren können. Die Leitwege der Güterwagen werden entsprechend dem Wagenaufkommen täglich neu disponiert.

Derzeit werden von der DB Schenker Rail Deutschland AG an etwa 4.200 Gleisanschlüssen und Terminals Güterwagen be- und entladen [DBSR13, S.17]. Über einen Anschluss können mehrere Firmen bedient werden. Zahlreiche Kommunen verfügen über sog. Stammgleise, also Erschließungsgleise für Industriegebiete in städtischem Besitz.
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik, Prof. Dr.-Ing. H. Flämig
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Zukünftige Entwicklung des Einzelwagenverkehrs in Deutschland und der Europäischen Union (Stand des Wissens: 22.01.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?390508
Literatur
[DBAG16] Deutsche Bahn AG Knoten Halle (Saale), 2016
[DBSR13, S.17] DB Schenker Rail AG Railways- Das Kundenmagazin von DB Schenker Rail Nr. 02/ 2013, 2013/02
[FrPe06] Fricke, E., Penner, H., Der Takt der Zukunft. Das neue Produktionssystem 200X im Einzelwagenverkehr von Railion, veröffentlicht in ETR - Eisenbahntechnische Rundschau, Ausgabe/Auflage Dezember 2006, Nr. 12, Deutscher Verkehrs-Verlag GmbH, 2006/12, ISBN/ISSN 0013-2845
[NiPa09] Nikutta, Sigrid, Pahl, Mirko Das Produktionssystem im Schienengüterverkehr - Schlanke Produktionsstrukturen in vernetzten Systemen, veröffentlicht in Deine Bahn, Ausgabe/Auflage 02/09, Bahn Fachverlag / Berlin, 2009/02, ISBN/ISSN 0948-7263
[Schö93] Schönefeld, Hans Produktionsmethode Knotenpunktsystem: Von der Idee zur Realisierung, veröffentlicht in Eisenbahntechnische Rundschau (ETR) , Ausgabe/Auflage 5/1983, DVV Media Group GmbH, Hamburg , 1983
[Schu12b] Schumacher, Oliver Deutsche Bahn startet mit Modernisierung der Zugbildungsanlage Halle (Saale), 2012/09/26
[SiSt12] Siegmann, Jürgen, Stuhr, Helge Hat der Einzelwagenverkehr (EV) in Europa noch eine Chance?, veröffentlicht in Eisenbahntechnische Rundschau (ETR), Ausgabe/Auflage 3/2012, DVV Media Group GmbH/ Hamburg , 2012/03, ISBN/ISSN 0013-2845
Glossar
Rangierbahnhof Der Rangierbahnhof (Rbf) ist ein wichtiges (Infrastruktur-)Element im Produktionssystem des Schienengüterverkehrs und gehört, wie auch der Knotenpunktbahnhof, als Betriebsbahnhof zur Gruppe der Zugbildungsbahnhöfe. Zentraler Bestandteil eines Rbf sind die sog. Zugbildungsanlagen (ZBA), die - vornehmlich im Einzelwagenverkehr - der Auflösung und Neuzusammenstellung von Güterzügen und Wagen(-Gruppen) dienen.
Einzelwagenverkehr Der Einzelwagenverkehr (EWV; auch Wagenladungsverkehr, WLV) ist der Transport einzelner Güterwagen(-Gruppen) in speziell für deren jeweiligen Transportweg zusammengestellten Güterzügen. Die Güterwagen mit verschiedenen Versendern und Empfängern werden dabei in sog. Zugbildungsbahnhöfen (Zbf) zu einzelnen Güterzügen zusammengefasst.
Mehrgruppenzug
Mehrgruppenzüge bestehen aus zwei oder mehr Wagongruppen, die nach den Unterzielen sortiert werden und verbinden mindestens drei Terminals miteinander. Sie setzen in Unterwegshalten Wagengruppen ab bzw. nehmen Gruppen auf. Mehrgruppenzüge kommen auf Relationen mit geringeren Transportaufkommen zum Einsatz.
Ablaufanlage Ablaufanlagen gehören zur Ausstattung von Rangierbahnhöfen. Sie ermöglichen es, antriebslose Güterwagen des Einzelwagenverkehrs - unter Ausnutzung der Schwerkraft - neu zu gruppieren.
Zugbildungsbahnhof
Zugbildungsbahnhöfe (Zbf) gehören - im Gegensatz zu den Personen- und Güterbahnhöfen - zu den sog. Betriebsbahnhöfen. Es handelt sich dabei um systeminterne, nicht öffentlich zugängliche Bahnhöfe des Produktionssystems des Schienengüterverkehrs. Dazu zählen Rangierbahnhöfe (Rbf) und Knotenpunktbahnhöfe.
Eingruppenzug
Der Eingruppenzug besteht aus einer einzigen Wagongruppe und verbindet zwei Terminals auf direktem Weg. Dementsprechend sind es Direktzüge, die nur aus betrieblichen Gründen Unterwegshalte aufweisen.
Marktorientiertes Angebot - Cargo
MORA-C ist ein bereits abgeschlossenes Strategieprogramm der DB Cargo AG aus dem Jahr 2000. Ziel des Programmes war es, den Einzelwagenverkehr wirtschaftlicher zu gestalten. Innerhalb von zwei Jahren wurden mehr als 2100 Güterverkehrsstellen auf ihre Rentabilität überprüft. 637 Gleisanschlüsse wurden daraufhin aufgegeben. Siehe auch Projekt-Information "Marktorientiertes Angebot Cargo".
Triebfahrzeug
Ein Triebfahrzeug (Tfz) ist ein einzelnes Regeleisenbahnfahrzeug mit einem eigenen Fahrzeugantrieb (Lokomotiven, Triebwagen). Eine Sonderform bilden Triebköpfe, die in einem fest gekoppelten Triebzug zusammen mit antriebslosen Mittel- und Steuerwagen betrieben werden. Lokomotiven kommen normalerweise im Verbund mit gekoppelten Reisezug- oder Güterwagen zum Einsatz. Triebwagen sowie auch Triebzüge werden als gekoppelten Einheiten gleichen Typs in sogenannten Triebwagenzügen eingesetzt. Weitere Tfz sind Kleinlokomotive und selbstfahrende Nebenfahrzeuge.
Produktionssystem 200X
Das von der Railion Deutschland AG zum Fahrplanwechsel 2007 eigeführte Produktionssystem 200X soll die Produktionsabläufe innerhalb des Einzelwagenverkehrs zugunsten höherer Zuverlässigkeit und geringerer Kosten optimieren. Das geschieht durch Bündelung von Transporten auf zentralen Korridoren und in modernen Zugbildungsanlagen.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?388918

Gedruckt am Samstag, 19. Oktober 2019 01:47:43