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Verkehrssicherheit in Shared Space-Bereichen

Erstellt am: 16.01.2012 | Stand des Wissens: 07.11.2017
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Umsetzungsbeispiele aus Deutschland, den Niederlanden und der Schweiz zeigen, dass eine Harmonisierung des Verkehrsablaufes zwar unter bestimmten Umständen möglich ist, dennoch war das Hauptziel aller bisherigen Beispielprojekte die städtebauliche Aufwertung. Die Verbesserung der Verkehrssicherheit war bislang kein vordergründiger Mängelschwerpunkt zur Umgestaltung etwaiger Straßenräume mit hohem Aufenthalts- und Querungsbedarf [Or11]. Dabei zeigen die Beispiele aus [Or11], dass es schwierig ist, allgemeingültige Aussagen bezüglich einer Verbesserung oder einer Verschlechterung der Verkehrssicherheit innerhalb von Straßenräumen mit Shared Space-Charakter zu formulieren. Dies ist insbesondere darin begründet, dass jedes Umsetzungsbeispiel spezifische Gestaltungscharakteristika aufweist und eine Vergleichbarkeit daher nur bedingt möglich ist.
Shared Space-Projekte unter höheren Verkehrsbelastungen (> 400 Kraftfahrzeuge je Stunde) sollten als Modellvorhaben mit Pilotcharakter und mit wissenschaftlicher Begleitung erfolgen [Or11]. Zudem ist darauf zu achten, dass mögliche Abschnitte zunächst auf maximal 400 Meter (verkehrberuhigte Bereiche) beziehungsweise 800 Meter (verkehrsberuhigte Geschäftsbereiche) begrenzt werden [Or11; ADAC17a].
Aus Gründen der Verkehrssicherheit ist vor allem den räumlichen Gestaltungsansprüchen schwächerer Verkehrsteilnehmer nachzukommen. Zwar sind in Shared Space-Bereichen das angestrebt niedrige Geschwindigkeitsniveau sowie die hohe Aufenthaltsqualität und die bessere Überschaubarkeit (in Folge der Verlagerung des ruhenden Verkehrs) von Vorteil für alle Fußgänger. Allerdings können sich für spezifische Personengruppendie Umfeldbedingungen in Shared Space-Bereichen als Risiko auswirken. Hierzu zählen [TOPP11; Or11; GFUV09]:
  • fehlende Leit- und Führungselemente,
  • situative Komplexität und
  • Notwendigkeit zur aktiven Kommunikation.
Aufgrund dieser Bedingungen sind insbesondere die folgenden Personengruppen gefährdet:
  • Kinder (kognitive Leistungsfähigkeit und verkehrliche Basiskompetenzen befinden sich noch in der Entwicklung [GDV09a; BeBü10])
  • ältere Menschen (Gefühl der Unsicherheit vor allem in komplexen Verkehrssituationen; Einschränkungen der auditiven, visuellen und auch kognitiven Wahrnehmungsmöglichkeit [BeBü10; TOPP11])
  • behinderte Menschen (Einschränkungen in der Wahrnehmung und/oder der Fortbewegung)
Die Verkehrssicherheit und Leistungsfähigkeit der Straßenverkehrsanlage ist in jedem Fall zu gewähren. So sollten weder vor noch nach der Umgestaltung etwaige Defizite vorliegen. Von einer Umgestaltung von Unfallschwerpunkten ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt abzuraten. So sollte die Verkehrssicherheit im Vorfeld nachgewiesen werden und deren Betrachtung in die wissenschaftliche Begleituntersuchung integriert werden [Or11].
Entsprechend fordert der Deutsche Verkehrssicherheitsrat eine [DVR08]:
  • Einbindung der örtlichen Unfallkommission,
  • genaue Analyse der Unfallvorgänge und
  • detaillierte Analyse der Wirksamkeit durchgeführter Maßnahmen.
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Straßenräume mit hohem Aufenthalts- und Querungsbedarf (Stand des Wissens: 07.11.2017)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?375535
Literatur
[ADAC17a] Allgemeiner Deutscher Automobil-Club e.V. ADAC - Zur Sache. Shared Space. Mehr Sicherheit durch Mischung der Verkehrsarten auf einer gemeinsamen Verkehrsfläche und Abbau von Schildern?, 2017/06
[BeBü10] Becker, Hans-Joachim, Bühn, Maximilian, Döge, Norman Shared Space: Revolution auf Kosten der Schwachen?, veröffentlicht in Shared Space. Beispiele und Argumente für lebendige öffentliche Räume, Bielefeld, 2010, ISBN/ISSN 978-3-9803641-7-1
[BeHä10] Verein zur Förderung kommunalpolitischer Arbeit - Alternative Kommunlapolitik (AKP) e.V., Bechtler, C., Hänel, A., Laube, M., Pohl, W., Schmidt, F. Shared Space - Beispiele und Argumente für lebendige öffentliche Räume, 2010, ISBN/ISSN 978-3-9803641-7-1
[DVR08] Deutscher Verkehrssicherheitsrat e.V. Shared Space. Beschluss des DVR-Gesamtverbands vom 21.10.2008 auf Basis der Empfehlungen des Ausschusses für Verkehrstechnik, Bonn, 2008
[GDV09a] Zimmer, Renate Beiträge der Verkehrserziehung und Mobilitätsbildung zur frühkindlichen Bildung, Bonn, 2009
[GFUV09] Schmidt-Block, W., Behling, K., Böhringer D., Klingler, M. Anforderungsprofil zu blinden- und sehbehindertengerechten Ausgestaltung von Mischverkehrsflächen nach dem Konzept "Shared Space", Berlin, 2009
[Or11] Ortlepp, Jörg, Erfahrungen mit "Shared Space" und "Gemeinschaftsstraßen" in Deutschland, Berlin, 2011/10/06
[TOPP11] Topp, H. H. Shared Space - Die Verkehrsberuhigung geht weiter!, veröffentlicht in Straßenverkehrstechnik, 2011/05

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?375505

Gedruckt am Sonntag, 25. September 2022 01:09:20