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Nutzungsintensität des deutschen Eisenbahnstreckennetzes durch Schienenpersonenverkehrsangebote

Erstellt am: 29.07.2011 | Stand des Wissens: 25.10.2019
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TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Im Jahr 2015 lag die Infrastrukturnutzungsintensität des deutschen Schienenpersonenverkehrs (SPV) bei 2,35 Millionen Personenkilometer/Streckenkilometer, was im europäischen Vergleich einen überdurchschnittlichen Wert darstellt (Mittelwert Europa: 1,34 Millionen Personenkilometer/Streckenkilometer). Höchste Auslastungsgrade weist jedoch mit deutlichem Abstand das niederländische Streckennetz auf, welches 2015 eine Intensität von 5,7 Millionen Personenkilometer/Streckenkilometer verzeichnete (Abbildung 1).
357920_Infrastrukturnutzungsintensitaet.PNGAbbildung 1: Infrastrukturnutzungsintensität induziert durch den Schienenpersonenverkehr im Jahr 2015 nach Ländern (eigene Darstellung nach [EuCo17a, section 23 (Tabelle 2.3.7), section 25 (Tabelle 2.5.3)])

Wie aus Abbildung 2 hervorgeht, stieg die schienenpersonenverkehrsspezifische Streckenauslastung in der Bundesrepublik Deutschland in den letzten Jahren kontinuierlich an. Diese Entwicklung resultiert zum einen aus der Inbetriebnahme zusätzlicher, hoch frequentierter (Hochgeschwindigkeits-)strecken und zum anderen aus einem vorangetriebenen Streckenrückbau. So wurden von 2005 bis 2011 ungefähr 540 Streckennetzkilometer stillgelegt, während der Schienenpersonenverkehr im selben Zeitraum um circa 10,1 Millionen Personenkilometer zunahm. Von 2010 bis 2015 wuchs die Verkehrsleistung des Schienenpersonenverkehrs von 83,9 auf 91,3 Personenkilometer weiter an [EuCo17a, section 23 (Tabelle 2.3.7), section 25 (Tabelle 2.5.3)]. In den vergangenen Jahren gab es vermehrt Überlegungen zur Reaktivierung von Eisenbahnstrecken - auf einigen Strecken ist eine Reaktivierung bereits erfolgt.

357920_Netzauslastung.PNGAbbildung 2: Netzauslastung durch den Schienenpersonenverkehr in Deutschland (eigene Darstellung nach [EuCo17a, section 23 (Tabelle 2.3.7), section 25 (Tabelle 2.5.3)])
Die schienenpersonenverkehrsinduzierte Eisenbahnnetzauslastung erweist sich in Deutschland als ausgesprochen heterogen. So wurde beispielsweise im Jahr 2015 41,6 Prozent des Streckennetzes von unter 10.000 Zügen im Jahr befahren, was lediglich 3,1 Prozent der Zugfahrten ausmacht. 96,9 Prozent aller Personenzugfahrten finden also auf 58,4 Prozent der verfügbaren Strecke statt. Der beschriebene Sachverhalt wird in Abbildung 3 grafisch dargestellt [StaBu18a, Anhang (Tabelle 2)].
357920_Verteilung_Personenzuege.PNGAbbildung 3: Prozentuale Verteilung der Streckennetzbelastung durch Personenzüge in Deutschland 2015 (eigene Darstellung nach [StaBu18a, Anhang (Tabelle 2)]

Die höchstbelasteten Streckenabschnitte liegen größtenteils in Ballungsräumen wie zum Beispiel Berlin, Hamburg, Leipzig, München, Frankfurt am Main und dem Ruhrgebiet. Außerhalb betreffender Gebiete werden stark befahrene Strecken wie die Verbindungen Frankfurt-Fulda-Kassel, Hamburg-Hannover, Stuttgart-München und Karlsruhe-Basel im Mischverkehr betrieben, das heißt sowohl durch Personenbeförderungs- als auch durch Gütertransportangebote genutzt. Ausschließlich dem Schienenpersonenverkehr vorbehaltene Strecken - wie beispielsweise Köln-Frankfurt - weisen hingegen lediglich mittlere Belastungswerte auf. Eine Karte zur Streckennetzbelastung in Deutschland bedingt durch den Schienenpersonenverkehr findet sich im Infrastrukturzustands- und -entwicklungsbericht der DB Netz AG (Bezugszeitraum: KW 41/2016, Züge je Richtung) [DBAG17d, S. 143 ff.].
Prognostizierte Querschnittsbelastungen auf dem SPFV-Netz im Jahr 2025 zeigen, dass vorangehend für einzelne Strecken genannte geringe Auslastungswerte lediglich die jeweils vorherrschende Zugdichte betreffen, nicht jedoch individuelle Zugbelegungen widerspiegeln. In Abbildung 5 sind die bei Realisierung gegenwärtig im Bau befindlicher beziehungsweise bereits fertiggestellter Infrastrukturmaßnahmen zu erwartenden Abschnittsbelastungen für das Jahr 2030 aufgetragen.

357920_Streckenauslastung_BVWP.PNGAbbildung 5: Netzquerschnittsbelastungen des Schienenpersonenverkehrs im Jahr 2030 [BMVI16d, S. 20]

Die Schieneninfrastrukturnutzungsintensität ist unter anderem von der Nutzungsart jeweiliger Strecken abhängig. In Deutschland werden zahlreiche Teilnetze im Mischverkehr befahren. Das Hochgeschwindigkeitsnetz der Bundesrepublik umfasst einige Strecken, welche dezidiert für eine entsprechend gemeinsame Verwendung trassiert wurden, es existieren allerdings ebenso Fahrwegabschnitte, die aufgrund vorhandener Steigungen nur für spezifische Personenverkehrszüge zugelassen sind. Dabei "verringert eine Mischung aus schnellen und langsamen Zügen die Streckenleistungsfähigkeit sehr stark und erschwert die Betriebsführung" [Ande08, S. 424], weshalb prinzipiell eine lokale Separierung verschieden schneller Verkehre anzustreben ist. Insbesondere auf Relationen mit hoher Beförderungsnachfrage könnten, die Verfügbarkeit hinreichend großer Fahrzeugbestände vorausgesetzt, stärkere Trassenvergabepriorisierungen zugunsten von Schienenpersonenverkehrsangeboten einen höheren Infrastrukturnutzungsgrad bedingen. Im Gegenzug befürchten Eisenbahnverkehrsunternehmen, dass mit der EU-seitig beschlossenen Einführung eines grenzüberschreitenden Gütervorrangnetzes Verdrängungsprozesse verbunden sein werden, welche Personenzüge von der Befahrung einzelner Strecken ausschließen [Mini10a, S. 398].
Durch ungleichmäßige Auslastung des Netzes erweist sich ferner eine Beseitigung bestehender kapazitiver oder qualitativer Engpässe als notwendig. Leistungsfähige Teilabschnitte sind durch Neubaustrecken realisiert, jedoch ist deren Nutzen vergleichsweise gering, wenn nicht gleichzeitig eine Engpassauflösung vor allem in aufkommensstarken Knotenbereichen vorangetrieben wird [Belt05, S. 132]. Während Güterzüge überlastete Ballungsregionen in begrenztem Maße durch die Wahl alternativer Laufwege umgehen können, ist der Schienenpersonenverkehr aufgrund fahrplanseitig festgelegter Zwischenhalte zu einer Nutzung betreffender Netzknoten gezwungen. Dementsprechend rufen unzureichende Leistungsfähigkeitsgrade abseits der freien Strecke, insbesondere bei Fahrgastbeförderungsdienstleistungen, deutliche Angebotsqualitätsverluste hervor.
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Das Schienennetz der Bundesrepublik Deutschland (Stand des Wissens: 25.07.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?359042
Literatur
[Ande08] Andersen, Sven, Dipl.-Ing. Mischverkehr auf Hochgeschwindigkeitsstrecken?, veröffentlicht in Eisenbahn-Revue International, Ausgabe/Auflage 8-9/2008, Minirex AG / Luzern (Schweiz), 2008/08, ISBN/ISSN 1421-2811
[Belt05] Belter, Bringfried, Dipl.-Ing. Infrastruktur des Fern- und Ballungsnetzes in der Zukunft, veröffentlicht in Deine Bahn, Ausgabe/Auflage 03/2005, Eisenbahn-Fachverlag GmbH / Mainz , 2005/03, ISBN/ISSN 0948-7263
[BiMa10] Birn, Kristina, Dr., Mann, Hans-Ullrich, Pohl, Michael, Überprüfung des Bedarfsplans für die Bundesschienenwege - Abschlussbericht, Freiburg / München, 2010/11/29
[BMVI16d] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (Hrsg.) Bundesverkehrswegeplan 2030, Ausgabe/Auflage März 2016, Berlin, 2016/03
[DBAG17d] Deutsche Bahn AG Konzern (Hrsg.) Leistungs- und Finanzierungsvereinbarung - Infrastrukturzustands- und -entwicklungsbericht 2016, 2017/09
[EuCo17a] Europäische Kommission Generaldirektion Energie und Verkehr (Hrsg.) Statistical pocketbook 2017 - EU Transport in figures, Belgien, 2017
[Mini10a] o. A. Gefährdet das EU-Gütervorrangnetz den Regionalverkehr?, veröffentlicht in Eisenbahn-Revue International, Ausgabe/Auflage 8-9/2010, Minirex AG / Luzern (Schweiz) , 2010/8-9, ISBN/ISSN 1421-2811
[StaBu18a] Verkehr, Eisenbahnverkehr, Betriebsdaten des Schienenverkehrs, Fachserie 8 Reihe 2.1 - 2016, 2018/06/07
Weiterführende Literatur
[StBu14] o. A. Betriebsdaten des Schienenverkehrs -
Fachserie 8 Reihe 2.1 - 2012
, Wiesbaden, 2014/01/08
[EUKom10e] o. A. EU energy and transport in figures - Statistical pocketbook 2010, Belgien, 2010, ISBN/ISSN 978-92-79-13815-7
[EUKOM13c] o. A. EU Transport in Figures - Statistical Pocketbook 2013, Publications Office of the European Union / Luxembourg, 2013, ISBN/ISSN 978-92-79-28860-9
[DBAG14d] o. A. Infrastrukturzustands- und -entwicklungsbericht 2013, Berlin, 2014/04
[EBA13] o. A. Liste der stillgelegten (DB-) Strecken (seit 01.01.1994), 2013/07/08
[BiMa10] Birn, Kristina, Dr., Mann, Hans-Ullrich, Pohl, Michael, Überprüfung des Bedarfsplans für die Bundesschienenwege - Abschlussbericht, Freiburg / München, 2010/11/29
Glossar
Personenkilometer
Die Einheit Personenkilometer [Pkm] beschreibt die im Rahmen einer Personenbeförderung erbrachte Verkehrsarbeit. Diese definiert sich als Produkt der Verkehrsmenge (Summe der beförderten Personen) und der von dieser dabei zurückgelegten Wegstrecke in km.
Verkehrsarbeit [Pkm] = Verkehrsmenge [P] * Wegstrecke [km]
Neubaustrecke Als Neubaustrecken bezeichnet man gänzlich neu errichtete Verkehrswege, die einem bestehenden Netz hinzugefügt werden. Im Eisenbahnwesen findet der Begriff zumeist auf für den Hochgeschwindigkeitsverkehr gebaute Strecken Anwendung, wobei diese entweder exklusiv durch Personenbeförderungsangebote oder gemeinsam mit dem Güterverkehr genutzt werden. Das konstruktive Anforderungsniveau von Neubaustrecken reicht dabei gemeinhin über die für Ausbaustrecken (ABS) geltende Anforderungen hinaus.
kW = Kilo Watt. Die SI-Einheit der Leistung. Als Einheitenzeichen wird der Großbuchstabe W verwendet. Die Einheit ist benannt nach James Watt.
Mischbetrieb
Als Mischbetrieb (auch: Mischverkehr, gemischter Verkehr) wird der Betrieb mit unterschiedlichen Fahrzeugen auf demselben Fahrweg bzw. im selben Verkehrsraum bezeichnet. Beispielhaft kann hier die gemeinsamen Nutzung von Eisenbahnstrecken durch Reise- und Güterzüge oder auch des Straßenraums durch Straßenbahnen und Kfz genannt werden.
Verkehrsleistung Die Verkehrsleistung gibt Auskunft über die Inanspruchnahme von Ressourcen. Als Verkehrsleistung wird die auf eine Zeiteinheit t (zum Beispiel ein Jahr) bezogene Verkehrsarbeit definiert und als Quotient dargestellt. Die Verkehrsarbeit wird dabei als Produkt von Verkehrseinheiten (zum Beispiel Güter, Personen) und der durch diese zurückgelegten Strecke gebildet. In der Verkehrswissenschaft sind die Einheiten Personenkilometer pro Jahr [Pkm/a] bzw. Tonnenkilometer pro Jahr [tkm/a] gebräuchlich.
Laufweg Der Laufweg eines Zuges stellt den geografischen Fahrtverlauf auf einer konkreten Strecke bzw. Infrastruktur während einer Zugfahrt dar.
Schienenpersonenfernverkehr
Der Schienenpersonenfernverkehr (SPFV) ist die Beförderung von Reisenden mit Eisenbahnzügen über längere Strecken mit mehr als einer Stunde Fahrzeit oder 50 km Entfernung. Im Gegenzug zum Schienenpersonennahverkehr (SPNV) bzw. dem Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) wird der SPFV eigenwirtschaftlich betrieben und muss sich betriebsökonomisch selbst tragen.
Eisenbahnverkehrsunternehmen Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) sind öffentliche Einrichtungen oder privatrechtlich organisierte Unternehmen, die Eisenbahnverkehrsleistungen erbringen. "Eisenbahnverkehrsunternehmen" stellt einen europarechtlichen Begriff dar, welcher durch nationales Recht in Form von § 2 (1) des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG) konkretisiert wird.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?357920

Gedruckt am Samstag, 8. August 2020 11:16:46