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Die Neu- und Ausbaustrecke Karlsruhe - Basel als Beispiel aktueller Infrastrukturprojekte im deutschen Schienennetz

Erstellt am: 13.07.2011 | Stand des Wissens: 25.07.2019
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TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Das im Bundesverkehrswegeplan 2003 als "vordringlicher Bedarf" bewertete Projekt Neu- und Ausbaustrecke (NBS / ABS) Karlsruhe - Basel mit einer Gesamtlänge von 183 Kilometer wird auf Europas wichtigstem, von Rotterdam über Köln und Basel nach Genua führenden Güterverkehrskorridor und einer der meist befahrenen Magistralen der Bundesrepublik Deutschland realisiert [BMV03a, S. 24, 54 und 76]. Die Kapazitätsengpassbeseitigung auf der sogenannten "Rheintalbahn" als Teilabschnitt des Rhein-Alpen Korridors des Transeuropäischen Verkehrsnetzes (TEN-V) erhält somit von Seiten der Europäischen Union besondere Unterstützung. Nicht zuletzt angesichts des prognostizierten Mehrverkehrs auf der genannten Achse sollen mit Hilfe der Baumaßnahmen sowohl qualitäts- als auch leistungsfähigkeitssteigernde Effekte realisiert werden. Eine Verkürzung der Reise- und Transportzeiten findet in diesem Zusammenhang ebenso Berücksichtigung wie Kapazitätsengpassbeseitigungen durch eine Entmischung von langsamerem Nah- beziehungsweise Güterverkehr und schnellerem Fernverkehr. Gegenseitige Beeinträchtigungen aufgrund unterschiedlicher Fahrgeschwindigkeitsprofile lassen sich hierdurch in effektiver Weise reduzieren. [DBAG12z, S. 6 f.; DeBu10a, S. 94; Huda13, S. 12 ff.]
Der 1996 geschlossene bilaterale Staatsvertrag von Lugano verpflichtet Deutschland zu einem Neu- und Ausbau des relevantesten nördlichen Zulaufs für die Neue Eisenbahn-Alpentransversale (NEAT), welcher in Verbindung mit dem sich auf schweizer Seite bereits fertiggestellten Lötschberg- und dem ebenso fertig gestellten Gotthard-Basis-Tunnel zwischen der Schweiz und Italien zur Leistungsfähigkeitssteigerung des Schienengüterverkehrs (SGV) auf der zentraleuropäischen Nord-Süd-Achse einen erheblichen Beitrag leistet. [DBAG12z, S. 4; DeBu10a, S. 94, BAV15]
Linienführung und Bauwerke
Realisiert werden soll das Projekt durch den Bau zweier parallel zur bestehenden Rheintalbahn verlaufender Gleise von Karlsruhe bis Kenzingen, durch eine neu angelegte von Kenzingen nach Heitersheim / Buggingen verlaufende Umgehungsstrecke  für den SGV westlich Freiburgs sowie durch eine Untertunnelung des Katzenberges. Während der neu zu erstellende Abschnitt eine Länge von 50 km misst, betragen die auszubauenden Teilabschnitte entlang der Rheintalbahn 132 Kilometern. Mit seiner zweiröhrigen, nach der neuen Richtlinie des Eisenbahn-Bundesamtes "Anforderungen des Brand- und Katastrophenschutzes an den Bau und Betrieb von Eisenbahntunneln" ausgelegten Konzeption und 9.385 Metern Länge stellt der nördlich von Basel gelegene Katzenbergtunnel die aufwendigste Einzelmaßnahme des gesamten Projekts dar [NiDa07, S. 507; Haid13, S. 330 ff.; EBA08]. Das Bauwerk wurde unter Einsatz zahlreicher technischer Innovationen errichtet [Haid13a, S. 47 ff.; Rose13, S. 285 ff.]. Mit 4.270 Meter Länge ist der Tunnel bei Raststatt der zweitlängste des Projekts. Er stellt ein - auf Grund seiner Lage im hoch anstehenden Grundwasser - ebenfalls sehr anspruchsvolles Bauwerk dar. Der Mengener Tunnel (1.956 Meter), welcher als Teil der Freiburger Güterumfahrung fungiert, ist der drittlängste Tunnel [Huda13, S. 15 f.]. Abbildung 1 veranschaulicht die Linienführung des beschriebenen Verkehrsinfrastrukturprojektes, das zudem im Masterplan Schiene Seehafen-Hinterland-Verkehr als notwendiges Bauvorhaben enthalten ist [DBAG07n, S. 11].

Abb. 1: Linienführung der NBS / ABS Karlsruhe - BaselAbbildung 1: Neu- und Ausbaustrecke Karlsruhe-Basel [DBAG07ao, S. 2] (Grafik zum Vergrößern bitte anklicken)

Durch Anhebung der streckenseitigen Höchstgeschwindigkeit von 160 km/h auf 250 km/h wird nach Baufertigstellung eine mehr als 30 prozentige Reisezeitverkürzung auf 69 Minuten ermöglicht. Fahrtempi von 250 km/h sind allerdings nur auf Neubaustrecken-Abschnitten realisierbar, die Ausbaustrecke erlaubt lediglich Höchstgeschwindigkeiten bis zu 200 km/h, während die 44 km lange Güterumfahrung bei Freiburg auf maximal 160 km/h ausgelegt ist. [DBAG12z, S. 2; Penn09]
Das auf ursprünglich rund 4,5 Milliarden Euro taxierte, in neun Strecken- und, aufgrund vorliegender Kreis- und Gemeindegrenzen, in 21 Planfeststellungsabschnitte untergliederte Verkehrsinfrastrukturprojekt wird gemeinsam durch den Deutsche Bahn AG Konzern mit 250 Millionen Euro Eigenmitteln, durch den Bund mit rund 4,2 Milliarden Euro sowie durch Dritte mithilfe von Baukostenzuschlägen zu rund 50 Millionen Euro getragen [NiDa07, S. 507]. Aktuell werden Gesamtkosten in Höhe von 11,6 Milliarden Euro veranschlagt [DBAG18f]. Diese Korrektur fand aufgrund geänderter Richtlinien und Anforderungen im Rahmen laufender Planfeststellungsverfahren, zusätzlicher Baumaßnahmen sowie aufgrund von Lohn- und inflationsbedingten Preissteigerungen statt [DBAG10n]. Darüber hinaus durch angesprochene Anpassungen entstehende Kosten werden seitens benannter Akteure getragen, wobei deren jeweilige Aufwandsbeteiligung in turnusmäßigen Projektbeiratssitzungen festzulegen sind [Müll11a, S. 5].
Strecken- und Planfeststellungsabschnitte sowie deren Realisierungsfortschritt
Die Anfänge der Baumaßnahmen basieren auf Überlegungen aus dem Jahr 1977. Angesichts der hohen Planungssensibilität einzelner Abschnitte zogen sich technische Konzeption, Erstellung der Raumordnungsunterlagen sowie entsprechende Verfahrensfortschritte teilweise über einen Zeitraum von 18 Jahren hin. In Abbildung 2 sind hierzu detaillierte Informationen über die Strecken- und Planfeststellungsabschnitte aufbereitet.

Abb. 2: NBS / ABS Karlsruhe - Basel, Strecken- und PlanfeststellungsabschnitteAbbildung 2: Neubau-/ Ausbaustrecke Karlsruhe - Basel, Strecken- und Planfeststellungsabschnitte (eigene Darstellung nach [DBAG11b; NiDa07])

Das angestrebte Ziel der Inbetriebnahme des größten Einzelbauprojektes, des Katzenbergtunnels, bis 2013 wurde mit der Freigabe durch das Eisenbahn-Bundesamt am 4. Dezember 2012 erreicht [Haid13, S. 330]. Den Umsetzungsfortschritt des Gesamtprojekts und der jeweiligen Planfeststellungsabschnitte dokumentiert die Abbildung 3. Als nächstes sollen laut aktuellem Terminplan [DBAG17g] um 2021 die Planfeststellungsverfahren für die Planfeststellungsabschnitte 7.x eingeleitet werden. Außerdem sollen um das Jahr 2022 die Bauarbeiten im Streckenabschnitt 8 beginnen. Ende 2024 soll Streckenabschnitt 1 fertiggestellt werden. Ein Jahr später Streckenabschnitt 9 [DBAG17g]. Eine Grafik zum aktuellen Planungs- und Realisierungsstand findet sich in [DBAG18g].

Publikationen

Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Aktuelle Bauprojekte im deutschen Schienennetz (Stand des Wissens: 07.11.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?359045
Literatur
[BAV15] Schweizerische Eidgenossenschaft (Hrsg.) Der Gotthard- Basistunnel, 2016/6
[BMV03a] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur Bundesverkehrswegeplan 2003 , Berlin, 2003
[DBAG07ao] o. A. Die Ausbau- und Neubaustrecke Karlsruhe-Basel - Verkehrsachse für Europa, Frankfurt am Main , 2007/10
[DBAG07n] o.A. Masterplan Schiene, Seehafen-Hinterlandverkehr, Berlin, 2007/08/27
[DBAG10n] o. A. Stand der Planungen und Bauarbeiten, veröffentlicht in Karlsruhe-Basel im Fokus, Ausgabe/Auflage 01/2010, 2010
[DBAG11b] o. A. Ausbau- und Neubaustrecke Karlsruhe-Basel, 2011
[DBAG12z] o. A. Die Ausbau- und Neubaustrecke Karlsruhe-Basel - Verkehrsachse für Europa, Frankfurt am Main, 2012/02
[DBAG17g] Deutsche Bahn AG Konzern (Hrsg.) Übersicht: Rahmenterminplan Gesamtprojekt [Karlsruhe-Basel], 2017
[DBAG18f] Deutsche Bahn AG Konzern (Hrsg.) Daten und Fakten zur Ausbau- und Neubaustrecke Karlsruhe- Basel, 2018/07/16
[DBAG18g] Deutsche Bahn AG Konzern (Hrsg.) Grafik: Aktueller Planungs- und Realisierungsstand [Karlsruhe-Basel], 2018/04
[DBNetz12] DB Netz AG (Hrsg.) Ausbau- und Neubaustrecke Karlsruhe-Basel, 2012
[DeBu10a] Bundesregierung Verkehrsinvestitionsbericht 2009 (Berichtsjahr 2008), 2010/01/14
[DVV11] o. A. Bahn scheitert mit Ausbauplänen für Rheintalbahn, veröffentlicht in Deutsche Logistik-Zeitung, 2011/01
[Haid13] Haid, Heinz-Heorg Die Inbetriebnahme des Katzenbergtunnels, veröffentlicht in ZEVrail, Ausgabe/Auflage 09/2013, Georg Siemens Verlag , Berlin, 2013/09, ISBN/ISSN 1618-8330
[Haid13a] Haid, Heinz-Georg Innovatives Bauwerk für den europäischen Schienenverkehr, veröffentlicht in Deine Bahn, Ausgabe/Auflage 05/2013, Bahn Fachverlag GmbH, Berlin, 2013/05, ISBN/ISSN 0948-7263
[Huda13] Hudaff, Matthias Ausbau der Rheintalbahn für Europas wichtigste Magistrale, veröffentlicht in Deine Bahn, Ausgabe/Auflage 04/2013, Bahn Fachverlag GmbH, Berlin, 2013/04, ISBN/ISSN 0948-7263
[Müll11a] Müller, Christoph Projektbeirat und Planer einigen sich auf wichtige Details beim Ausbau, veröffentlicht in Rail Business, Ausgabe/Auflage 10/2011, DVV Media Group GmbH / Hamburg , 2011/03/07, ISBN/ISSN 1867-2728
[NiDa07] Nied, Joachim, Dassler, Bernd, Dipl.-Ing., Zieger, Thomas, Dipl.-Ing. (TU) Neu- und Ausbau der Strecke Karlsruhe-Basel - Aktueller Planungsstand und Bauablauf, veröffentlicht in Eisenbahntechnische Rundschau, Ausgabe/Auflage 09/2007, DVV Media Group GmbH / Hamburg , 2007/09, ISBN/ISSN 0013-2845
[Penn09] Penn, Stefan, Dipl.-Ing. Der Katzenbergtunnel auf der Ausbau- und Neubaustrecke Karlsruhe-Basel, veröffentlicht in ZEVrail, Ausgabe/Auflage 133/2009, Georg Siemens Verlag / Berlin , 2009/03, ISBN/ISSN 1618-8330
[Rose13] Roser, Frank Tunnel Rastatt: Größtes Bauwerk im Streckenabschnitt 1 der Ausbau- und Neubaustrecke Karlsruhe-Basel, veröffentlicht in ZEVrail, Ausgabe/Auflage 08/2013, Georg Siemens Verlag , Berlin, 2013/08, ISBN/ISSN 1618-8330
[Schm12] Franz Schmider Katzenbergtunnel: Längster Zwei-Röhren-Tunnel Deutschlands eröffnet, 2012/12/04
[Wald10] Walden, Martin 400 Millionen Euro für weiteren Aus- und Neubau der Bahnstrecke Karlsruhe-Basel, 2010/09
[Wein13] Weinrich, Regina Die Deutsche Bahn muss im Rheintal neu planen, veröffentlicht in Eisenbahn-Revue International, Ausgabe/Auflage 05/2013, Minirex AG, Luzern (Schweiz), 2013/05, ISBN/ISSN 1421-2811
Rechtsvorschriften
[EBA08] Anforderungen des Brand- und Katastrophenschutzes an den Bau und den Betrieb von Eisenbahntunneln
Glossar
Ausbaustrecke Als Ausbaustrecken (ABS) werden im Bereich des spurgebundenen Verkehrs bestehende Netzabschnitte bezeichnet, die mittels umfangreicher Baumaßnahmen für höhere Kapazitäten und / oder Geschwindigkeiten ertüchtigt wurden. Häufig findet der Begriff im Zusammenhang mit für den Einsatz von Neigetechnikfahrzeugen angepassten Strecken Verwendung. Durch eine geeignete bauliche Auslegung des Fahrweges ermöglicht dieses System entsprechend ausgestatteten Triebwagen schnellere Gleisbogendurchfahrten, m. a. W. höhere Kurvengeschwindigkeiten.
Schienengüterverkehr
Unter Schienengüterverkehr (SGV) wird der Transport von Gütern mit der Eisenbahn verstanden. Diese werden in Güterzügen unter Verwendung (spezieller) Güterwagen befördert. Diese Verkehre können entweder auf gesonderten Güterverkehrsstrecken oder im Mischverkehr, auf gemeinsam durch den Güter- und Personenverkehr genutzten Strecken, realisiert werden. Leistungen des Schienengüterverkehrs werden häufig als Teil einer Logistikkette in logistische Gesamtkonzepte eingebunden.
Neubaustrecke Als Neubaustrecken bezeichnet man gänzlich neu errichtete Verkehrswege, die einem bestehenden Netz hinzugefügt werden. Im Eisenbahnwesen findet der Begriff zumeist auf für den Hochgeschwindigkeitsverkehr gebaute Strecken Anwendung, wobei diese entweder exklusiv durch Personenbeförderungsangebote oder gemeinsam mit dem Güterverkehr genutzt werden. Das konstruktive Anforderungsniveau von Neubaustrecken reicht dabei gemeinhin über die für Ausbaustrecken (ABS) geltende Anforderungen hinaus.
Hinterland Das Hinterland eines Seehafen ist das landeinwärts hinter dem Hafen liegende Territorium, welches durch die Herkunfts- und Bestimmungsorte der im Hafen abzufertigen Güter und Passagiere begrenzt wird. Seine Grenzen hängen von den Hinterlandverkehrsanbindungen ab und variieren nach Gutarten, den Umschlagkapazitäten, dem Schiffstyp und der Verkehrsinfrastruktur. Das Vorland eines Seehafens ist das seewärts vor dem Hafen liegende Territorium, welches durch die überseeischen Herkunfts- und Bestimmungsorte der Güter begrenzt wird.
NEAT Neue Eisenbahn-Alpentransversale: Projekt zum Ausbau der Schieneninfrastruktur in der Schweiz, in dessen Rahmen u. a. der Lötschberg- und der Gotthard-Basistunnel verwirklicht werden; Ziel ist die Verlagerung des transalpinen Schwerverkehrs von der Straße auf die Schiene.
Trans-European Transport Network Das Trans-European Transport Network, TEN-T (dt. Transeuropäisches Verkehrsnetz, kurz TEN-V) ist ein Teilnetz der sog. Trans-European Networks, TEN (dt. Transeuropäische Netze, kurz TEN). Zu diesen zählen neben den Verkehrsnetzen bspw. auch Netzwerke der Telekommunikation oder der Energieversorgung.
Eisenbahn-Bundesamt Das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) ist Aufsichts- und Genehmigungsbehörde für die Eisenbahnen des Bundes und Eisenbahnunternehmen mit Sitz im Ausland für das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland. Es nimmt darüber hinaus die Landeseisenbahnaufsicht über die nichtbundeseigenen Eisenbahnen auf Weisung und Rechnung von 13 Bundesländern für diese wahr.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?357042

Gedruckt am Mittwoch, 5. August 2020 15:35:49