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Kostenunterschätzungen bei Megaprojekten

Erstellt am: 27.05.2011 | Stand des Wissens: 11.12.2018
Ansprechpartner
Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Institut für Volkswirtschaftslehre (ECON), Prof. Dr. Kay Mitusch

Eine Untersuchung von 258 Kostenprognosen im Verkehrsbereich hat ergeben, dass neun von zehn Verkehrsprojekten Kostenunterschätzungen aufweisen. Dabei werden die Kosten bei Bahnprojekten häufiger unterschätzt als bei Straßenprojekten (vgl. Abb. 1) [FlBrRo03, S. 15f]. 
kosteneskalation.pngAbb. 1: Prozentuale Abweichung der tatsächlichen von den prognostizierten Baukosten [FlBrRo03, S. 17]
Insgesamt überschreiten die tatsächlichen Kosten bei Bahnprojekten die geschätzten um durchschnittlich 45%, bei Straßenprojekten um 20%. Die Kosten von Brücken und Tunneln werden um durchschnittlich 34% zu niedrig angesetzt. Innerhalb der letzten 70 Jahre konnte keine Verbesserung in der Kostenprognose verzeichnet werden [FlBrRo03, S. 15f]. 
Zur Erklärung der Kostenunterschätzung bei Großprojekten werden technische, psychologische und politisch-ökonomische Gründe genannt.

Technische Erklärung
Prognoseabweichungen werden seitens der Projektverantwortlichen am häufigsten mit technischen Problemen wie unvorhersehbaren Entwicklungen oder einer schlechten Datensituationen erklärt. Trifft diese Erklärung zu, hätte ein Lernprozess infolge von finanziellen Förderungen der Datengrundlage und Methodenforschung in den letzen Jahren eintreten müssen. Eine solche Verbesserung konnte jedoch nicht festgestellt werden (vgl. Abb. 2) [FlSkBu03].
entwicklung_kostenueberschtreitungen.pngAbb. 2: Zeitliche Entwicklung von Kostenabweichungen bei Megaprojekten [FlSkBu03, S. 18]
Psychologische Erklärung
Der psychologische Erklärungsansatz geht von einem unbewussten überzogenen Optimismus der Politiker, Ingenieure oder Architekten aus, die mit dem Projekt große Hoffnungen verbinden (Optimism bias). Dadurch werden die Kosten zu optimistisch dargestellt und folglich unterschätzt. Dieser Erklärungsansatz kann jedoch nicht der Grund für anhaltende Kostenunterschätzungen sein, da die Projektträger mit der Zeit und den Erfahrungen aus den Fehlern der Kostenunterschätzung gelernt und damit den unbewussten Optimismus ablegt haben müssten [FlSkBu03, S. 27f].

Politisch-ökonomische Erklärung
Der Hauptgrund von Kostenunterschätzungen liegt in einer strategischen Unterschätzung der Kosten aus politischen oder ökonomischen Gründen. Diese Fehldarstellung kann auftreten, wenn ein Projektträger den Auftrag bekommt, die Projektkosten zu prognostizieren, und zugleich später einen wirtschaftlichen Vorteil aus einer Projektrealisierung erhält. Dann besteht für ihn der Anreiz, die Kosten möglichst optimistisch darzustellen, da er zusammen mit anderen Projekten um die begrenzten öffentlichen finanziellen Mittel konkurriert. Dabei werden Risiken wie Verzögerungen oder Unfälle in der Wirtschaftlichkeitsrechnung nicht berücksichtigt. Dieses Phänomen wird von der Weltbank als das EGAP-Prinzip (Everything Goes According to Plan) bezeichnet. Strategische Fehldarstellungen einer Wirtschaftlichkeitsrechnung können auch von Politikern initiiert werden, um bedeutende Veränderungen für die Region zu schaffen und damit Wählerstimmen für die nächste Wahl zu erhalten [CaFl10, S. 12].
Ansprechpartner
Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Institut für Volkswirtschaftslehre (ECON), Prof. Dr. Kay Mitusch
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Planung und Bewertung von Megaprojekten im Verkehrsbereich (Stand des Wissens: 20.12.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?352432
Literatur
[CaFl10] Cantarelli, Chantal C., Flyvbjerg, Bent, Molin, Eric J.E., van Wee, Bert Cost-Overruns in Large-scale Transportation Infrastructure Projects: Explanations and their theoretical Embeddedness, veröffentlicht in EJTIR, Ausgabe/Auflage Vol 10(1), 2010
[FlBrRo03] Flyvbjerg, B.;, Bruzelius, N.;, Rothengatter, W. Megaprojects and Risk, Cambridge University Press/ Cambridge, 2003
[FlSkBu03] Bent Flyvbjerg, Mette Skamris Holm, Soeren Buhl Kostenunterschätzungen bei öffentlichen Bauprojekten: Fehler oder Lüge?, veröffentlicht in Planungsrundschau, 2003/11
Glossar
Optimism bias
Als "optimism bias" wird die tendenzielle Neigung von Gutachtern und Projektträgern bezeichnet, wesentliche Größen ihrer Vorhaben zu optimistisch einzuschätzen und etwaige Risikofaktoren zu vernachlässigen.
Als Folge des "optimism bias" werden Projektkosten und -dauern häufig unterschätzt bzw. der zu erwartende Projektnutzen überschätzt. Verschiedene Verfahren, wie z.B. Sensitivitätsanalysen oder Risikoaufschläge, können dazu beitragen, eventuelle Fehleinschätzungen frühzeitig zu identifizieren.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?352292

Gedruckt am Dienstag, 21. Mai 2019 11:50:40