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Fehleinschätzungen in der Bewertung von Megaprojekten

Erstellt am: 26.05.2011 | Stand des Wissens: 13.11.2018
Ansprechpartner
Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Institut für Volkswirtschaftslehre (ECON), Prof. Dr. Kay Mitusch

Erfahrungen im Zusammenhang mit Megaprojekten haben gezeigt, dass häufig Entscheidungen auf Grundlage von Kosten- und Nutzenschätzungen getroffen werden, die sich später als zu niedrig oder überhöht herausstellen. Häufig werden die Investitionskosten der Projekte um ein Vielfaches unterschätzt, und/oder die Nachfrage und damit der Nutzen des Vorhabens drastisch überschätzt. Diese Fehlannahmen bezüglich Kosten, Nutzen und Bauzeit sind manchmal projektgefährdend. Meist wird auf die Durchführung eines Megaprojekts aber trotz Abweichung der Kosten- und Nutzenprognose aus politischen Gründen nicht verzichtet [Kirc11]. Trotz häufig negativer Erfahrungen bei der Umsetzung von Megaprojekten steigt die Anzahl und Größe der weltweit geplanten Megaprojekte. Dieses Phänomen wird auch als Megaprojekt-Paradoxon bezeichnet [FlBrRo03, S. 1ff]. 
Kostenunterschätzungen sind gerade bei Großprojekten im Verkehr keine Besonderheit. So fielen beispielsweise die Investitionskosten für die ICE Strecke Köln Frankfurt mit ca. 6 Mrd. EUR bei der Fertigstellung im Jahr 2002 fast doppelt so hoch aus wie ursprünglich mit 2,92 Mrd.EUR im Bedarfsplan der Bundesschienenwege 1993 angesetzt [DeBu07, S.5]. Oft wird das günstigste Angebot im Rahmen der Ausschreibung ohne eine ausreichende Betrachtung anderer Bewertungsfaktoren zum wirtschaftlichsten erklärt. Spätere Störungen im Zeitablauf, Finanzierungsprobleme oder zusätzlich veranlasste Leistungen des Auftraggebers können die Kosten jedoch in die Höhe treiben und die erfolgreiche Projektrealisierung gefährden [Schm11, S. 191]. Oft sind die ersten Kostenschätzungen der Projektbefürworter auch zu optimistisch angenommen, um das Bauvorhaben in ein gutes Licht zu rücken und eine Projektgenehmigung seitens der Entscheidungsträger zu erreichen (Optimism bias).
Auch kommt es bei komplexen Infrastrukturvorhaben häufig zu Nutzenüberschätzungen, weil die erwartete Nachfrage zu optimistisch oder auf Grundlage unvollständiger Daten angenommen wird. Oft besteht gerade für politische Entscheidungsträger ein Anreiz, den Nutzen der Projekte möglichst hoch auszuweisen, um eine bestimmte infrastrukturelle Agenda umzusetzen [PrFlWe08, S. 124f]. Weiterhin können nicht ausreichend betrachtete Abhängigkeitseffekte zu anderen Infrastrukturprojekten zu einer Abweichung von erwarteter und tatsächlicher Nachfrage führen [Flyv05a, S. 28ff].
Darüber hinaus können Bauverzögerungen auftreten, da zum Beispiel die Beschaffung der Finanzmittel nicht rechtzeitig erfolgt oder technische Probleme bei der Projektumsetzung auftreten. Für jedes nicht eingeplante Baujahr erhöhen sich die Kosten dabei um durchschnittlich 4,6% [FlSk04]. Zusätzlich zu Kostenerhöhungen treten mit Bauverzögerungen Nutzenausfälle auf, da erst später als erwartet Umsätze erwirtschaftet werden können [Flyv05a, S. 6f]. 
Ansprechpartner
Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Institut für Volkswirtschaftslehre (ECON), Prof. Dr. Kay Mitusch
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Planung und Bewertung von Megaprojekten im Verkehrsbereich (Stand des Wissens: 20.12.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?352432
Literatur
[DeBu07] Deutscher Bundestag Antwort auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Horst Friedrich (Bayreuth), Jan Mücke, Patrick Döring, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP , 2007/06/06
[FlBrRo03] Flyvbjerg, B.;, Bruzelius, N.;, Rothengatter, W. Megaprojects and Risk, Cambridge University Press/ Cambridge, 2003
[FlSk04] Flyvbjerg, B., Skamris Holm, M. K., Buhl, S. L. What Causes Cost Overrun in Transport Infrastructure Projects?, veröffentlicht in Transport Reviews, Ausgabe/Auflage Vol. 24, No. 1, 2004
[Flyv05a] Flyvbjerg, Bent Policy Planning for Large Infrastructure Projects: Problems, Causes, Cures, veröffentlicht in World Bank Policy Research Working Paper 3781, 2005
[Kirc11] Kirchbach, Roland Die Wahn AG, veröffentlicht in Die Zeit, Ausgabe/Auflage Vol. 5, 2011/01/27
[PrFlWe08] Hugo Priemus, Bent Flyvbjerg, Bert van Wee Decision Making on Mega-Projects - Cost-Benefit Analysis, Planning and Innovation, 2008, ISBN/ISSN 978-1845427375
[Schm11] Schmid, Karlheinz Stadtverkehr - Urbane Mobilität im Wandel - Verkehrsinfrastruktur kommunizieren und finanzieren, 2011
Glossar
Intercity-Express Intercity-Express (ICE; alte Schreibweise: InterCityExpress) ist eine Zuggattung im deutschen Schienenpersonenfernverkehr und zugleich die Bezeichnung mehrerer Triebfahrzeug-Baureihen der Deutschen Bahn. ICE-Züge werden mit Triebkopf- bzw. Triebzügen bedient, wobei Höchstgeschwindigkeiten von bis zu 300 km/h erreicht werden. ICE-Verbindungen gehören somit zum Hochgeschwindigkeitsverkehr (HGV) und verkehren in Deutschland sowie grenzüberschreitend nach Österreich, in die Schweiz, nach Frankreich, Belgien, in die Niederlande sowie nach Dänemark.
Optimism bias
Als "optimism bias" wird die tendenzielle Neigung von Gutachtern und Projektträgern bezeichnet, wesentliche Größen ihrer Vorhaben zu optimistisch einzuschätzen und etwaige Risikofaktoren zu vernachlässigen.
Als Folge des "optimism bias" werden Projektkosten und -dauern häufig unterschätzt bzw. der zu erwartende Projektnutzen überschätzt. Verschiedene Verfahren, wie z.B. Sensitivitätsanalysen oder Risikoaufschläge, können dazu beitragen, eventuelle Fehleinschätzungen frühzeitig zu identifizieren.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?352247

Gedruckt am Mittwoch, 17. Juli 2019 04:39:55