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Kritik und Verbesserungsmöglichkeiten bei der Planung und Bewertung von Megaprojekten

Erstellt am: 26.05.2011 | Stand des Wissens: 11.12.2018
Ansprechpartner
Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Institut für Volkswirtschaftslehre (ECON), Prof. Dr. Kay Mitusch

Der deutsche Planungs- und Bewertungsvorgang von Megaprojekten ähnelt in den Grundzügen den Verfahren anderer europäischer Länder. Doch sowohl in Deutschland als auch im europäischen Ausland treten bezüglich des Planungsablaufs und der Prognose von Kosten und Nutzen eines Projekts typische Beobachtungen auf.

Anstatt problem- und zielorientiert geeignete Alternativen abzuwägen, wird häufig projektorientiert vorgegangen. Zudem erfolgt der Prozess der Projektgenerierung sehr intransparent und wird durch wirtschaftliche und politische Interessen bestimmt. Verflechtungen der Stakeholder und die Überlappung verschiedener Interessen können die Ideenfindung zu Großprojekten beeinflussen. Zudem werden die Kosten und der Nutzen eines Megaprojekts immer wieder stark unter-bzw. überschätzt. Als Ursache dafür gelten vor allem strategische Falschschätzungen aus ökonomischen oder politischen Gründen [CaFl10, S.12]. Diesen institutionellen Problemen sollte mit mehr Transparenz [Flyv05a, S.24; Flyv09a, S.359f] und Verantwortung [Flyv05a, S.25] entgegengewirkt werden.

Mehr Transparenz

Bereits im Projektgenerierungsprozess sollten alle Stakeholder mit geeignetem Fachwissen zusammenkommen und unter Leitung eines professionellen Projektstabs das infrastrukturelle Problem analysieren und daraufhin geeignete Lösungsalternativen entwickeln. Dieser systematisch gemanagte Kreativprozess hat die Aufgabe, die Transparenz nach innen und außen zu fördern. Eine äußere Kontrolle kann auch über private Beteiligungen an der Investitionssumme erfolgen. Private Teilhaber werden ihre eigenen Prognosen erstellen oder zumindest mit der bestehenden Prognose kritisch umgehen. Eine mögliche Fehlprognose würde großen finanziellen Schaden für die beteiligten Unternehmen bedeuten und damit besteht ein Druck, die Prognosen realistisch darzustellen. Sollten die privaten Beteiligten nach Erstellung der eigenen Prognose nicht bereit sein, das Projektrisiko auf sich zu nehmen, müsste die Realisierung des Projekts überdacht werden. Für mehr Informationstransparenz im Verfahren kann auch die norwegische Regelung führen, indem eine unabhängige Behörde die Projektprognosen mit den Daten ähnlicher, bereits durchgeführter Projekten vergleicht. Des Weiteren sollte die Kosten- und Nutzensituation eines Projekts während der gesamten Planungsphase von unabhängigen Experten überprüft werden [MaKn05, S.5f]. Der Experte Flyvbjerg ist der Meinung, dass der politische Einfluss auf Kosten-und Nutzenprognosen gehemmt werden kann, indem durch Boni und gesetzlichen Strafen Anreize gesetzt werden, Prognosen realistisch darzustellen. Zudem wird durch Kooperationsverfahren mit der Bevölkerung, beispielsweise eine Mediation, mehr Transparenz in die Öffentlichkeit getragen. Schließlich hilft eine ex post Kostenkontrolle, um Vergleichsdaten für spätere Projekte zu generieren. [Flyv05a, S.24; Flyv09a, S.359f.]

Mehr Eigenverantwortung

Um mehr Anreize für eine realistische Darstellung der Projektprognose zu setzen, sollten die Projektträger und deren Vertragspartner mehr Verantwortung im Fall von Fehleinschätzungen übertragen bekommen. Das könnte z.B. in Form einer Beteiligung privater Investoren an der Investitionssumme geschehen (PPP). Im Extremfall wären die privaten Investoren zu 100% finanziell an dem Megaprojekt beteiligt. Ferner sollten keine unbeschränkten staatlichen Garantien für eventuelle Risiken vergeben werden. Kostenunterschätzungen könnten zudem abgefedert werden, indem für jedes Projekt ein festgelegter Risikoaufschlag in die Projektkostenprognose berücksichtigt werden muss. [Flyv05a, S.25]
Konzepte für Verbesserungsmöglichkeiten
Der wissenschaftliche Beirat beim Bundesministers für Verkehr und digitale Infrastruktur veröffentlichte im Mai 2014 die Stellungnahme "Auswahl und Abwicklung von Großprojekten" [BMVI14w], in der die typischen Ursachen von Problemen in Groß- bzw. Megaprojekten identifiziert, analysiert und entsprechende Empfehlungen für politische Entscheidungsträger abgeleitet werden (siehe hierzu entsprechenden Zweig in der Wissenslandkarte). 
Im März 2018 veröffentlichte das BMVI darüber hinaus auf Grundlage diverser Regelwerke, Interviews und Workshops den "Leitfaden Großprojekte" [BMVI18h]. Dieser soll die Träger öffentlicher Bauvorhaben mit Handlungsempfehlungen und Hilfestellungen bei der kosten-, zeit- und qualitätsgerechten Umsetzung komplexer Großprojekte unterstützen (siehe hierzu entsprechenden Zweig in der Wissenslandkarte). 
Ansprechpartner
Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Institut für Volkswirtschaftslehre (ECON), Prof. Dr. Kay Mitusch
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Planung und Bewertung von Megaprojekten im Verkehrsbereich (Stand des Wissens: 20.12.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?352432
Literatur
[BMVI14w] Wissenschaftlicher Beirat beim Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung Auswahl und Abwicklung von Großprojekten - Stellungnahme, 2014/5
[BMVI18h] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur Leitfaden Großprojekte, 2018/03/21
[CaFl10] Cantarelli, Chantal C., Flyvbjerg, Bent, Molin, Eric J.E., van Wee, Bert Cost-Overruns in Large-scale Transportation Infrastructure Projects: Explanations and their theoretical Embeddedness, veröffentlicht in EJTIR, Ausgabe/Auflage Vol 10(1), 2010
[Flyv05a] Flyvbjerg, Bent Policy Planning for Large Infrastructure Projects: Problems, Causes, Cures, veröffentlicht in World Bank Policy Research Working Paper 3781, 2005
[Flyv09a] Flyvbjerg, Bent Survival of the unfittest: why the worst infrastructure gets built - and what we can do about it, veröffentlicht in Oxford Review of Economic Policy, Ausgabe/Auflage Vol. 25 (3), 2009
[MaKn05] Ole Morten Magnussen, Knut Samset Successful Megaprojects: Ensuring Quality at Entry, 2005
Glossar
Stakeholder Stakeholders sind alle internen und externen Personengruppen, die von den unternehmerischen Tätigkeiten gegenwärtig oder in Zukunft direkt oder indirekt betroffen sind. Gemäß Stakeholder-Ansatz wird ihnen - zusätzlich zu den Eigentümern (Shareholders) - das Recht zugesprochen, ihre Interessen gegenüber der Unternehmung geltend zu machen. Eine erfolgreiche Unternehmungsführung muss die Interessen aller Anspruchsgruppen bei ihren Entscheidungen berücksichtigen.
BMVI Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (bis 10/2005 auch BMVBW und bis 12/2013 BMVBS)
PPP Public Private Partnership beschreibt Partnerschaften zwischen öffentlichen und privaten Unternehmen. Normalerweise findet diese über eine Kapitalverflechtung bei den auszuführenden Projekten statt. Eine Gewinnerzielung ist durchaus erwünscht, um Anreize für das private Unternehmen zu schaffen.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?352090

Gedruckt am Mittwoch, 22. Mai 2019 08:52:50