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Entstehung von Projektideen und Berücksichtigung von Megaprojektvarianten

Erstellt am: 20.05.2011 | Stand des Wissens: 11.12.2018
Ansprechpartner
Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Institut für Volkswirtschaftslehre (ECON), Prof. Dr. Kay Mitusch

Die Idee eines Megaprojekts entsteht aus lokalen Infrastrukturengpässen, Erreichbarkeitsdefiziten oder aus Vorhaben, neue Fernverkehrsrouten zu bauen. Meist gibt es Alternativen zum Bau von Megaprojekten. Eine Möglichkeit wäre beispielsweise eine bessere Ausnutzung der bestehenden Infrastruktur durch Mauterhebung zu Hauptverkehrszeiten im Fall eines Engpass. Es ist sinnvoll, erst dann über bauliche Maßnahmen nachzudenken, wenn solche Möglichkeiten zu keiner Besserung des Problems führen [Prie10, S.22].

Inwieweit zu einem Megaprojekt alternative Maßnahmen systematisch berücksichtigt werden, ist unklar. Es ist bekannt, dass der Prozess der Projektausgestaltung sehr intransparent erfolgt und durch wirtschaftliche und politische Interessen bestimmt wird. Verflechtungen der Stakeholder und die Überlappung verschiedener Interessen können die Ideenfindung zu Großprojekten beeinflussen. So wird beispielsweise spekuliert, dass die Vergabe von Nahverkehrszuschlägen der Länder an die Bahn eine Erklärung sein könnte, warum die Trassenführung der geplanten Schnellfahrstrecke Nürnberg-Leipzig so abgeändert wurde, dass die Landeshauptstadt Thüringens - Erfurt - damit bedient werden kann, obwohl dies die Baukosten erhöhte und die Fahrzeit um 45 min verlängert. Im Vordergrund der Projektplanung stehen also oftmals politische Kompromisse - wobei auch Machtunterschiede und persönliche Netzwerke eine Rolle spielen. Diese können dann im Zweifelsfall ein Projekt in eine bestimmte Richtung bewegen. Auch vergleichbar weniger sinnvolle Projekte werden für die Öffentlichkeit mit wirtschaftlichen Effekten und Arbeitsplätzen für die Region begründet. [vgl. Kirc11

Einigen sich die Stakeholder auf eine Projektvariante, schlagen beispielsweise die Länder, die DB AG oder wirtschaftliche und umweltpolitische Interessensverbände diese Variante zur Aufnahme im Bundesverkehrswegeplan vor [vgl. WB09, S.160].

Dadurch, dass für jedes Projekt nur eine Variante vorgeschlagen wird und Alternativen schon vorher aussortiert worden sind, können diese potenziell sachlich besseren Alternativen nicht mehr weiter im Rahmen des BVWP unter wirtschaftlichen und anderen Gesichtspunkten untersucht werden. Daher fehlt der direkte wirtschaftliche Vergleich verschiedener Bauarten, Routenführungen und Modalitäten eines Projekts. Oft weisen sogar kleinere als die vorgeschlagene Projektdimensionierung bessere Nutzen-Kosten-Verhältnisse auf [FES10, S.9, S.16].

Es steht außer Frage, dass für eine politische Durchsetzbarkeit eines Projekts die Vorteile für die Projektträger und die betroffene Bevölkerung ersichtlich sein müssen. Demzufolge kann sich auch eine Projektvariante durchsetzen, die im Vergleich zu anderen Varianten eventuell weniger wirtschaftlich ist, sich aber als diejenige Lösung mit dem größten Konsens unter den Stakeholdern herausgestellt hat. Ist eine überragende Mehrheit aller Stakeholder vom Projekt überzeugt, kann auch ein politischer Machtwechsel die Sinnhaftigkeit von geplanten Megaprojekten nicht in Frage stellen. Idealerweise erfolgt die Projektgenerierungsphase in einem transparenten, gut organisierten Prozess, in dem verschiedene Experten Projektalternativen und -varianten vorschlagen. Für ein solches Zusammentreffen sind geeignete Rahmenbedingungen erforderlich, die zuvor von der Politik geschaffen werden müssen. Als Positivbeispiel gilt das Mediationsverfahren für den Ausbau einer Landebahn auf dem Flughafen Frankfurt. Von 1998 bis 2000 wurde mit allen Stakeholdern über mögliche Lösungsansätze gesprochen, so dass schließlich ein gemeinsamer Kompromiss für die Ausgestaltung des Projekts gefunden werden konnte [HMWVL06, S.10f.].
Ansprechpartner
Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Institut für Volkswirtschaftslehre (ECON), Prof. Dr. Kay Mitusch
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Planung und Bewertung von Megaprojekten im Verkehrsbereich (Stand des Wissens: 20.12.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?352432
Literatur
[FES10] Bormann, Réne, Bracher, Tilman, Flege, Dirk, Groß, Michael, et al. Vom Bundesverkehrswegeplan zur Bundesverkehrsnetzplanung - Eckpunkte für eine zielorientierte, integrierte Infrastrukturplanung des Bundes -, veröffentlicht in WISO Diskurs, Ausgabe/Auflage Vorabversion, 2010/12
[HMWVL06] Hessische Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung (Hrsg.) Änderung des Landesentwicklungsplans Hessen 2000 nach §8 Abs. 7 HLPG - Erweiterung Flughafen Frankfurt Main, Wiesbaden, 2006
[Kirc11] Kirchbach, Roland Die Wahn AG, veröffentlicht in Die Zeit, Ausgabe/Auflage Vol. 5, 2011/01/27
[Prie10] Priemus, Hugo Decision-making on Mega-projects: Drifting on Political Discontinuity and Market Dynamics, veröffentlicht in EJTIR, Ausgabe/Auflage Vol 10(1), 2010
[WB09] Ahrens, Gerd-Axel, Baum, Herbert, Beckmann, Klaus J., Brilon, Werner, et al. Strategieplanung "Mobilität und Transport" - Folgerungen für die Bundesverkehrswegeplanung -, veröffentlicht in Zeitschrift für Verkehrswissenschaft, Ausgabe/Auflage 80, Nr. 3, 2009, 2009/07, ISBN/ISSN 0044-3670
Glossar
Schnellfahrstrecke Eine Schnellfahrstrecke (SFS) ist eine Eisenbahnstrecke, die mit einer Höchstgeschwindigkeit von 160 km/h oder mehr befahren werden kann. Der Begriff entstand im Rahmen der technische Entwicklung des Hochgeschwindikeitsverkehrs (HGV). Er ist nicht geschützt bzw. einheitlich definiert. Die obere Geschwindigkeitsgrenze von SFS schwankt daher zwischen 160 und 200 km/h. Zu beachten ist, dass ab einer einer Geschwindigkeit von 160 km/h statt der punktförmigen (PZB) eine linienförmige Zugbeeinflussung (LZB) zur Zugsicherung notwendig ist!
Stakeholder Stakeholders sind alle internen und externen Personengruppen, die von den unternehmerischen Tätigkeiten gegenwärtig oder in Zukunft direkt oder indirekt betroffen sind. Gemäß Stakeholder-Ansatz wird ihnen - zusätzlich zu den Eigentümern (Shareholders) - das Recht zugesprochen, ihre Interessen gegenüber der Unternehmung geltend zu machen. Eine erfolgreiche Unternehmungsführung muss die Interessen aller Anspruchsgruppen bei ihren Entscheidungen berücksichtigen.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?351660

Gedruckt am Montag, 24. Februar 2020 05:44:14