Forschungsinformationssystem des BMVI

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Datenplattformen für Intelligente Verkehrssysteme

Erstellt am: 16.01.2011 | Stand des Wissens: 27.03.2020
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
Bauhaus-Universität Weimar, Professur Verkehrssystemplanung, Prof. Dr.-Ing. Plank-Wiedenbeck

Für diverse Anwendungen intelligenter Verkehrssysteme (IVS) ist es notwendig, Daten aus unterschiedlichsten Quellen zusammenzuführen, um daraus veredelte Informationen für Betreibende, beispielsweise zur Steuerung des Verkehrs oder zur Information von Verkehrsteilnehmenden, ableiten zu können. Zumeist werden diese Daten von genau einem Betreibenden (Autobahndirektion, kommunale Straßenbaubehörde, Verkehrsunternehmen/-verbund/-gesellschaft im öffentlichen Verkehr oder andere) erhoben und in proprietären Formaten lediglich für eigene Zwecke vorgehalten. Ein betreiberübergreifender Austausch und eine dementsprechende Nutzung von Verkehrsdaten sind meist nicht vorgesehen und wird häufig aufgrund vorhandener organisatorischer oder technischer Rahmenbedingungen bisher nur unzureichend realisiert.
Aktuell werden immer wieder Ansätze zur Realisierung von umfassenden Datenplattformen entwickelt, um den Mehrwert des Datenaustauschs für den einzelnen Betreibenden und die Allgemeinheit abschöpfen zu können. Diese Pilotprojekte (Beschreibungen der Beispielprojekte am Ende dieses Syntheseberichts) haben das Ziel, den unterschiedlichen Betreibenden den einfachen Austausch von statischen und/oder dynamischen verkehrlich relevanten Daten zu ermöglichen, indem bestehende technische oder organisatorisch/politische Hürden abgebaut und interessierte Parteien zusammengebracht (Brokerfunktionalität) werden.
Für die Realisierung des Austauschs von Daten zwischen zwei oder mehreren Betreibenden müssen aus technischer Sicht verschiedene Ebenen betrachtet werden. Auf der untersten Ebene sollte der Betrieb standardisierter, untereinander kompatibler Komponenten angestrebt werden. Da die Implementierung der eingesetzten Systeme meist historisch gewachsen und eine umfassende Migration sehr kostenintensiv ist, besteht auf der nächst höheren Ebene die Möglichkeit, einheitliche, standardisierte Schnittstellen zwischen den Systemen/Komponenten einzusetzen. Diese ermöglichen eine Abstraktion vom eigentlichen System (Black-Box-Sicht), womit sich eine gewisse Herstellermischbarkeit erreichen lässt. Sollte eine einheitliche Schnittstellendefinition nicht möglich sein, so bleibt auf der letzten Ebene nur noch die Möglichkeit, Daten unter Berücksichtigung des Semantikerhalts in die Formate des Zielsystems zu konvertieren. Die Datenqualität ist über alle vorgenannten Ebenen als Querschnittsebene zu berücksichtigen.
Neben diesen syntaktischen Ebenen ist auf der semantischen Ebene zwischen verkehrsbasierter, strategiebasierter und kartenbasierter Information zu unterscheiden. Für jede dieser Informationsarten sind derzeit sowohl auf nationaler als auch europäischer Ebene verschiedene Projekte und Standardisierungsbemühungen im Gange, die im Folgenden exemplarisch aufgelistet sind.
Individualverkehr
Öffentlicher Verkehr
  • Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) 453/454 [VDVIST]
  • SIRI [SIRI]
Kartenbasierte Information
  • Local Dynamic Map (LDM) [LDM]
  • INTREST [INTREST, S. 25]
Die Verwendung und Einbindung dieser (standardisierten) Verfahren sowie deren Kombination und Zusammenwirken in Form komplexer Datenplattformen für das Verkehrswesen wurden beziehungsweise werden in folgenden exemplarisch gelisteten Projekten erprobt oder realisiert.
Im Folgenden werden Beispiele für Pilotprojekte aufgeführt.
Im vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) geförderten und im Jahr 2010 erfolgreich abgeschlossenen Projekt AKTIV (Adaptive und Kooperative Technologien für den Intelligenten Verkehr) wurde eine Informationsplattform als "zentrale Drehscheibe für strategie- und verkehrslagebasierte Informationen angepasst an die spezifischen Applikationsanforderungen" erstellt.
Ziele waren:
  • Erstellung einer Datenplattform als Basis für die Kooperation von Systemen und Akteuren
  • Aufbereitung von Daten und Informationen aus unterschiedlichen Quellen
  • Bereitstellung der Informationen für die Applikationen
  • Unterscheidung unterschiedlicher inhaltlicher Ebenen
  • Gewährleistung einer applikationsübergreifenden Georeferenz
  • Dezentrale Pflege von verkehrstechnischen Kartenattributen
  • Berücksichtigung rechtlicher & organisatorischer Aspekte [Aktiv11]
Der MDM: Mobilitäts Daten Marktplatz soll die Geschäftsprozesse seiner Nutzer unterstützen und den effizienten Datenaustausch erleichtern. Innovative Mobilitätsdienste durch private Anbieter werden ebenso gefördert, wie ein hochwertiges Mobilitätsmanagement der öffentlichen Straßenbetreibenden. Besonders wichtig ist die aktive Einbindung aller Beteiligten im Markt. Sie soll eine optimale Ausgestaltung der Plattform gewährleisten." Erste Überlegungen zu einer Plattform für dynamische Verkehrsdaten wurden 2007 angestellt. Im Jahr 2011 begann mit ersten Pilotdiensten der Testbetrieb des Marktplatzes und seit 2014 läuft der Regelbetrieb. [MDM11]
Das Projekt "Strategiewechsel durch Open Data orientierte Lösungen" (SCHOOL) stärkt dabei die Rolle Des MDM. Im Detail möchte SCHOOL, durch Nutzung vernetzter Technologien, den Verkehr in Ballungszentren leistungsfähiger und umweltfreundlicher gestalten. Das Projekt visiert dabei zum einen den verbesserten Datenzugang für Akteure und zum anderen die Entwicklung datenbasierter Anwendungen für Endkunden an. [BMVI17f]
mCLOUD lautet der Name der Datenplattform des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI). In dieser stellt das Ministerium Daten zu dem Bereich der Mobilität und verwandten Themen offen zur Verfügung und möchte somit innovative Ideen aus dem Bereich der Mobilität fördern. Beispielhaft sind die Themenbereiche Straßen-, Bahn- und Luftverkehr aber auch Klima und Wetter zu nennen. [BMVI20b]
Im Projekt DAYSTREAM wird eine datenbasierte Anwendung entwickelt , die zum einen neue mobilitätsbezogene Datenquellen für die Früherkennung von Ereignissen erschließt und zum anderen veredelte Daten erzeugt. Hierfür sollen Daten der Plattform mCloud und des MDM mit anderen offenen Daten gemeinsam analysiert werden [BMVI17ar].
Ziel des Projektes Vabene++: Verkehrsmanagement bei Großereignissen und Katastrophen des Instituts für Verkehrsforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) war es, die Funktionsfähigkeit des Verkehrssystems und des Verkehrsmanagements nach und während Großereignissen und Katastrophen zu sichern. Besonders Einsatzkräfte und die Polizei wurden durch die Ergebnisse des Projektes unterstützt. Das Projekt lief von 2014 bis 2018. Verschiedene Kampagnen mit ähnlichen Zielen liefen in Vorgängerprojekten seit 2002. [VABE10].
Ansprechpartner
Bauhaus-Universität Weimar, Professur Verkehrssystemplanung, Prof. Dr.-Ing. Plank-Wiedenbeck
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Verkehrstelematik (Stand des Wissens: 21.08.2021)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?340318
Literatur
[Aktiv11] Aktiv-Projektpartner Aktiv - Adaptive und Kooperative Technologien für den intelligenten Verkehr (Aktiv - gemeinsam die Zukunft erfahren), 2011
[BMVI17ar] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (Hrsg.) Datenanalytik und KI für sichere und zuverlässige Mobilität - DAYSTREAM, 2017/09/09
[BMVI17f] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (Hrsg.) Strategiewechsel durch Open Data orientierte Lösungen - SCHOOL, 2017/12/01
[BMVI20b] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (Hrsg.) Über mCLOUD, 2020
[DATEX2] ES5 Strategic Group, ES5 Technical Group DATEX II - The standard for ITS on European Roads, 2017
[INTREST] Oberste Baubehörde im Bayerischen Staatsministerium des Innern , Pollesch, Peter INTREST - Geografisches Referenzierungssystem als Grundlage für Verkehrsinformationsdienste in Bayern, 2011
[LDM] Papp, Z., Brown, C., Bartels, C. World modeling for cooperative intelligent vehicles, 2008/06, ISBN/ISSN 978-1-4244-2568-6
[MDM11] Bundesanstalt für Straßenwesen MDM:Mobilitäts Daten Marktplatz. , 2011
[OCIT] OCIT Developer Group OCIT - Offene Schnittstellen für die Straßenverkehrstechnik, 2011
[SIRI] Verband Deutscher Verkehrsunternehmen Service Interface for Real Time Information CEN/TS 15531, 2011
[VABE10] Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e. V. , Dipl.-Ing. Marc Hohloch Vabene: Verkehrsmanagement bei Großereignissen und Katastrophen, 2010
[VDVIST] Verband Deutscher Verkehrsunternehmen VDV-Schnittstelleninitiative: Ist-Daten-Schnittstellen, 2011
Weiterführende Literatur
[arri08a] Kooperationspartner arrive (Hrsg.) arrive - Für eine bessere Mobilität, Lebensqualität und Wirtschaftskraft, 2008
[BMVI19y] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (Hrsg.) Infrastruktur-Datenbank für regionale Eisenbahnstrecken - INDRESM, 2019/05/01
[BMVI17as] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (Hrsg.) Lkw-Parken als europäischer Datendienst und Buchungsservice - Belegung, Datenfusion und Prognose - mFUND-ITP, 2017/09/09
[BMVI17at] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (Hrsg.) Mit frei verfügbaren Aufzugsdaten barrierefreies Routing für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen ermöglichen - Elevate, 2017/07/19
[BMVI17aq] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (Hrsg.) Open-Data-Plattform für autonomen Shuttleverkehr - OpenOlli, 2017/10/23
Glossar
ITS Intelligent Transportation Systems (ITS) ist der Oberbegriff für Transportsysteme, die Informations- und Kommunikationstechnologie zur Unterstützung des Betriebes einsetzen. ITS-Funktionen unterstützen den Fahrer eines Transportmittels, sie sind damit deutlich von automatischen Transportsystemen zu differenzieren, die auf einen fahrerlosen Betrieb abstellen. Die wichtigsten neuen und zum Teil noch in Entwicklung befindlichen Anwendungsfelder zielen auf (1) Verkehrs- und Transportmanagement (Verkehrsinformationen, Verkehrslenkung, Verkehrs- und Parkleitsysteme, automatische Unfallmeldungen, Meldesysteme zum Gefahrgutmonitoring); (2) Elektronische Systeme zur Gebührenerhebung; (3) Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel (dynamische Fahrgastinformationen, Reservierung, spezifische Informationssysteme für Fahrradfahrer und Fußgänger, Steuerung individueller öffentlicher Verkehrsmittel); (4) Systeme zur Unterstützung der Fahrzeugsicherheit (Kollisionsdetektoren, Sektorisierung von Verkehrswegen).
BMVI Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (bis 10/2005 auch BMVBW und bis 12/2013 BMVBS)
BMWi Das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie erarbeitet Rahmenbedingungen zur Stärkung der Robustheit und Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland.
Open Data
Unter Open Data werden zu Deutsch offene Daten, die  durch jedermann und für jegliche Zwecke genutzt, weiterverarbeitet und weiterverbreitet werden können. Im Verkehrsbereich wird das Open Data Konzept angewandt, um hochwertige aktuelle Informationen möglichst allen Verkehrsteilnehmern jederzeit zur Verfügung stellen. Beispielsweise werden Marktteilnehmern Baustelleninformationen über den Mobilitäts Daten Marktplatz zur Verfügung gestellt.
MDM Der MDM: Mobilitäts Daten Marktplatz ist ein zentrales Online-Portal, das Verkehrsdaten bereitgestellt, um damit durch den vereinfachten Datenaustausch mit Dritten sowie durch den Zugang für private Dienstleistungsanbieter neue Möglichkeiten im Bereich des Verkehrsmanagements und Serviceangebote zu ermöglichen. Die Bundesanstalt für Straßenwesen ist im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums für den Betrieb dieser Austauschplattform zuständig.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?339638

Gedruckt am Montag, 20. September 2021 16:06:35