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Technisch und organisatorisch bedingte Problemfelder im deutschen sowie europäischen Schienengüterverkehr

Erstellt am: 21.12.2010 | Stand des Wissens: 23.09.2020
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten

Aufgrund von technischen und organisatorischen Rahmenbedingungen im Schienengüterverkehr lassen sich mehrere grundlegende Problemfelder, insbesondere im internationalen Verkehr, feststellen. Da sich die nationalen Eisenbahnmärkte unabhängig voneinander entwickelten, verlagerte sich der Fokus in jüngerer Vergangenheit zunehmend auf eine grenzüberschreitende Vereinheitlichung nationaler Systemstandards [Bern01, S. 51]. Die steigende Relevanz europaweiter Frachttransporte sowie ein sich intensivierender intermodaler Wettbewerb speziell mit Straßengüterverkehrsdienstleistern erforderten nunmehr möglichst reibungsfreie Schnittstellenübergänge an den jeweiligen Landesgrenzen. Trotz vielfältiger, auf eine gesteigerte Interoperabilität im Eisenbahnverkehr abzielender EU-Initiativen, wie beispielsweise der Richtlinie [2008/57/EGb] "[...] über die Interoperabilität des Eisenbahnsystems in der Gemeinschaft", bestehen weiterhin technische Inkompatibilitäten. So stellen länderspezifisch abweichende Spurweiten, Stromsysteme sowie Leit- und Sicherungstechnikstandards an den Grenzen große Herausforderungen dar. Darüber hinaus bilden beispielsweise unterschiedliche Vorgaben zu Lichtraumprofilen, Radsatzlasten oder maximalen Zuglängen Restriktionen im Hinblick auf die zulässige Fahrzeugdimensionierung. Im Gegensatz dazu hat der Straßengüterverkehr bereits eine europaweite Harmonisierung erfahren hat [PaFe09, S. 42 ff.].

Ferner werden länderübergreifende Schienengütertransporte durch Betriebshemmnisse erschwert. Differenzen bei der Bemessung von Infrastrukturnutzungsentgelten, uneinheitliche Fahrzeugzulassungsverfahren sowie unflexible Prozesse bei der Planung und Erstellung von Angeboten. Der jeweilige nationale Marktzugang im Eisenbahnsektor gestaltet sich sehr unterschiedlich zwischen den verschiedenen Teilmärkten. Ausgehend von dem 1998 durch die Europäische Kommission vorgelegten sogenannten "Ersten Eisenbahnpaket" ist die Marktliberalisierung insbesondere mit Blick auf den europäischen Schienengüterverkehr vergleichsweise weit vorangeschritten [IBM11, S. 69 ff.]. Das "Dritte Eisenbahnpaket" sah die Öffnung der nationalen Märkte für grenzüberschreitenden Personenverkehr vor [2007/58/EG]. Dennoch blockieren auch heute noch unterschiedlich hohe Markteintrittsbarrieren einen intensiven länderübergreifenden Wettbewerb. So kritisieren vor allem private Eisenbahnverkehrsunternehmen intransparente Nutzungsbedingungen für das Schienennetz als weiterhin bestehende Ungleichbehandlung [Heim10, S. 8 f.]. Die Bestimmungen des "Vierten Eisenbahnpakets" dienen der Liberalisierung des Schienenpersonenverkehrs in den EU-Mitgliedsstaaten. Ab dem Jahr 2020 sollen alle Eisenbahnunternehmen in der EU das Recht erhalten, ihre Dienstleistungen EU-weit anbieten zu dürfen [EuPa16].
Als Resultat sieht sich der Schienengüterverkehr mit Qualitätsdefiziten bei der Leistungserbringung konfrontiert, welche die Attraktivität von Eisenbahntransporten aus Sicht der verladenden Industrie schmälern. Insbesondere hohe Pünktlichkeit erfordernde Güterbeförderungsprozesse werden innerhalb Europas mehrheitlich über die Straße abgewickelt.
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Technische und organisatorische Rahmenbedingungen des Schienengüterverkehrs (Stand des Wissens: 24.09.2020)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?337416
Literatur
[Bern01] Berndt, Thomas, Prof. Dr.-Ing. Eisenbahngüterverkehr, Ausgabe/Auflage 1, Verlag B.G. Teubner / Stuttgart, 2001, ISBN/ISSN 3-519-06387-5
[EuPa16] Europäische Parlament (Hrsg.) Viertes Eisenbahnpaket: Alles, was Sie darüber wissen müssen, 2016/04/27
[Heim10] Heiming, Monika Diskriminierungsfreier Zugang zu Infrastrukturen dringend erforderlich, veröffentlicht in Rail Business Spezial, Ausgabe/Auflage 01/2010, DVV Media Group GmbH / Hamburg , 2010/01, ISBN/ISSN 1867-2728
[IBM11] IBM Business Consulting Services, Kirchner, Christian, Prof. Dr. iur. Dr. rer. pol. Liberalisierungsindex Bahn 2011 - Marktöffnung: Eisenbahnmärkte der Mitgliedstaaten der Europäischen Union, der Schweiz und Norwegens im Vergleich, 2011/04/20
[PaFe09] Panier, Fank, Dipl.-Ing., Feuchter, Frank, Dipl.-Ing. Generationenaufgabe europaweite Standardisierung, veröffentlicht in Deine Bahn, Ausgabe/Auflage 12/09, Eisenbahn-Fachverlag GmbH / Mainz, 2009/12, ISBN/ISSN 0948-7263
Rechtsvorschriften
[2007/58/EG] Richtlinie 2007/58/EG der EU zur Änderung der Richtlinie 91/440/EWG (Entwicklung Eisenbahnunternehmen) sowie der Richtlinie 2001/14/EG (Fahrwegkapazität, Entgelterhebung Eisenbahninfrastrukturnutzung)
[2008/57/EGb] Richtlinie 2008/57/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 17. Juni 2008 über die Interoperabilität des Eisenbahnsystems in der Gemeinschaft
Glossar
Schienengüterverkehr
Unter Schienengüterverkehr (SGV) wird der Transport von Gütern mit der Eisenbahn verstanden. Diese werden in Güterzügen unter Verwendung (spezieller) Güterwagen befördert. Diese Verkehre können entweder auf gesonderten Güterverkehrsstrecken oder im Mischverkehr, auf gemeinsam durch den Güter- und Personenverkehr genutzten Strecken, realisiert werden. Leistungen des Schienengüterverkehrs werden häufig als Teil einer Logistikkette in logistische Gesamtkonzepte eingebunden.
Eisenbahnpaket Bei den Eisenbahnpaketen (eng. railway packages) handelt es sich um eine Zusammenfassung von Richtlinien und Verordnungen der Europäischen Union, die sich u. a. mit dem Zugang zum Schienengüterverkehrsnetz, der Liberalisierung des Güterverkehrs sowie mit Fahrgastrechten befassen. Bisher wurden vier Eisenbahnpakete erlassen, von denen das erste im Jahr 2001 verabschiedet wurde und das vierte im Januar 2013.
Radsatzlast Die Radsatzlast (auch Achslast) beschreibt den Anteil der Fahrzeuggesamtmasse in Tonnen, der vom Fahrzeug über eine Achse auf den Schienenfahrweg aufgebracht wird.
Eisenbahnverkehrsunternehmen Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) sind öffentliche Einrichtungen oder privatrechtlich organisierte Unternehmen, die Eisenbahnverkehrsleistungen erbringen. "Eisenbahnverkehrsunternehmen" stellt einen europarechtlichen Begriff dar, welcher durch nationales Recht in Form von § 2 (1) des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG) konkretisiert wird.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?337374

Gedruckt am Donnerstag, 1. Oktober 2020 07:24:05