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Fahrradverleihsystem in Barcelona

Erstellt am: 15.12.2010 | Stand des Wissens: 18.08.2020
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike

Barcelona hat etwa 1,64 Millionen Einwohner. Im Stadtverkehr spielte das Fahrrad mit einem Modal Split Anteil von ein bis zwei Prozent im Jahr 2008 eine untergeordnete Rolle [BMVBS09u].

Zur Steigerung der Fahrradnutzung wurde im März 2007 das System Bicing eingeführt. Betrieben wurde es von dem Unternehmen Clear Channel, das einen Vertrag für eine Laufzeit von zehn Jahren mit der Stadt Barcelona geschlossen hatte. Clear Channel war verantwortlich für Fahrradverleihsysteme an 13 verschiedenen Standorten [Monh09]. Seit dem Jahr 2019 wird Bicing von PBSC betrieben [PBSC19]. Finanziert wird das System zu einem Drittel durch Nutzereinnahmen und zu zwei Drittel aus Überschüssen des Parkraumbewirtschaftungsprogramms "Area Verde" [vonS09]. Auch im Rahmen der Parkraumbewirtschaftung eingenommene Mittel sind teilweise für das Fahrradverleihsystem vorgesehen. Die Infrastruktur für Bicing wurde jedoch von der Stadt aufgebaut und mit 15 Millionen Euro finanziert. Dies hatte den Vorteil, dass das System schneller als Vergleichbare realisiert werden konnten [Obis11, S. 50].
Für die Entnahme des Fahrrads muss der Nutzer die Kundenkarte an das Terminal halten, woraufhin die Nummer des Stellplatzes angezeigt wird, an der das Fahrrad entnommen werden kann. Dies wird auch mit einer grünen Lampe signalisiert. Bei der Rückgabe an einem freien Stellplatz zeigt eine rote Lampe an, dass die Rückgabe registriert wurde [Bicing10]. In Barcelona werden nur Jahresabonnements angeboten, für deren Registrierung auch eine spanische Wohnanschrift nötig ist. So wird zum Schutz der konventionellen Fahrradfirmen verhindert, dass Touristen das System nutzen können. Es stehen zwei Tarife zur Verfügung (Tabelle 1): Flatrate (durchgehende Nutzung) oder Pay Per Use Rate (gelegentliche Nutzung). Bei beiden Möglichkeiten können Elektrofahrräder genutzt werden [Bici20]. Bei Nichtrückgabe des Fahrrades innerhalb von 24 Stunden müssen 150 Euro bezahlt werden. Zudem gibt es unter anderem eine Strafgebühr für Zeitüberschreitung, wobei nach dreimaligem Auftreten der Strafe das Nutzerkonto automatisch aufgelöst wird.
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Tabelle 1: Tarifübersicht für Fahrradnutzung [Bici20]
Zwischen den Stationen besteht ein Abstand von durchschnittlich 350 Metern, womit etwa 70 Prozent des Stadtgebietes von Barcelona abgedeckt sind. Da Bicing zum Angebot des kommunalen Eigenbetriebs B:MS gehört, ist ein wichtiges Ziel die sinnvolle Ergänzung des Angebotes des öffentlichen Verkehrs. Aus diesem Grund befindet sich an nahezu jeder Metro-Station eine Bicing-Station. Laut einer Umfrage werden in 30 Prozent aller Fahrten die Fahrräder mit anderen Verkehrsmitteln kombiniert [vonS09]. In der Tabelle 2 können Daten zur Entwicklung von Bicing entnommen werden. Aktuell stehen 519 Stationen mit 7.000 Fahrrädern zur Verfügung [Bici20a]. Die Zunahme der Stationen soll die Unterschiede in der territorialen Abdeckung verringern, die Intermodalität begünstigen und die Zonen mit hoher Nachfrage bedienen [Bici20b]. Langfristig sind 9.520 Fahrräder und 850 Stationen geplant [Interde10].
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Tabelle 2: Entwicklung von Bicing [AdB19, Bici20a]
Das System ist ganzjährig in Betrieb, wobei stundenhaft Einschränkungen für einzelne Tage bestehen. An Samstagen, Sonntagen und Feiertagen können 24 Stunden lang Fahrräder ausgeliehen werden. Von Montag bis Donnerstag können zwischen zwei bis fünf Uhr, und an Freitagen zwischen drei bis fünf Uhr keine Fahrräder ausgeliehen werden [Bicing10].
Nach der Einführung von Bicing wurde die Ausdehnung des Radwegenetzes beschleunigt, da mit der Nutzung des Fahrradverleihsystems auch die Nachfrage entsprechender Infrastruktur stieg [Obis11, S. 41].

Im Jahr 2019 wurden 12,75 Millionen Fahrten pro Jahr beziehungsweise etwa 34.000 Fahrten pro Tag durchgeführt. Es gibt 123.266 Dauerkunden, deren durchschnittliche Fahrzeit 13,26 Minuten beträgt. Durchschnittlich wird jedes Fahrrad 6,47-mal pro Tag entliehen [Bici20a].
Das System wird ungefähr genauso häufig von Männern wie von Frauen genutzt. Etwa die Hälfte der Fahrradfahrer ist älter als 35 Jahre. Nur wenige Bikesharing-Nutzer haben allerdings aufgrund des Fahrrad-Verleihsystems ihre Autos verkauft. Die überwiegende Mehrheit der Nutzer des Leifahrradsystems sind Nutzer von öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie haben jetzt zusätzlich die Möglichkeit, Bikesharing mit Bus und Bahn zu kombinieren oder als Alternative zu Bus und Bahn zu nutzen [PBSC19]. Durch ein Fahrradverleihsystem sinkt also weniger die Anzahl der Autos noch die Zahl der Autofahrten, sondern es findet überwiegend eine Wechsel des Verkehrsmittels innerhalb des Umweltverbundes statt. Dies deutet auf eine inelastische Autonachfrage hin, sodass die Installation von Bikesharing-Systemen allein nicht ausreicht, den Autoverkehr spürbar zu reduzieren. Hier bieten sich ergänzende Maßnahmen wie eine Parkraumbewirtschaftung, eine City-Maut, etc. an. Der häufigste Grund für die Nutzung des Fahrradverleihsystems ist die (individuelle) Schnelligkeit des Verkehrsmittels. Danach folgen sportliche Betätigung, Bequemlichkeit und Umweltbewusstsein [vonS09].
Die Probleme ergeben sich vor allem aufgrund einseitiger Auslastungen, sodass einige Stationen überlastet und andere leer sind. Auch mit Fahrzeugen zur Fahrradverteilung konnte dieses Problem noch nicht völlig gelöst werden [vonS09].
Eine Lösung für Bereiche mit hoher Nachfrage und engen Straßen bieten in Barcelona "Drehkreuz-Stationen". Diese liegen in der Nähe von den Stationen mit beengten Verhältnissen, haben die doppelte Kapazität und können direkt durch ein Fahrzeug mit Anhänger (30 Räder) erreicht werden [Obis11].
Ansprechpartner
TU Dresden, Professur für Integrierte Verkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik, Prof. Dr.-Ing. Regine Gerike
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Öffentliche Fahrradverleihsysteme (Stand des Wissens: 14.02.2017)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?336909
Literatur
[AdB16] Safety and Mobility Department of Barcelona City Council (Hrsg.) Dades bàsiques de mobilitat (2008-2015), 2016
[AdB19] Ajuntament de Barcelona (Hrsg.) Estadística i Difusió de Dades, 2019
[Bici20] Bicing (Hrsg.) Tarifes, 2020
[Bici20a] Bicing (Hrsg.) Dades Bicing, 2020
[Bici20b] Bicing (Hrsg.) El Bicing creix en abonaments i es consolida com un dels modes de transport més sostenible i segur
, 2020/08
[Bicing10] BARCELONA DE SERVEIS MUNICIPALS Bicing - Fahrradverleihsystem in Barcelona, 2010
[BMVBS09u] Dipl.-Ing. Matthias Franz, Dipl.-Ing. Gernot Steinberg Nationaler Radverkehrskongress 2009 7.-8. Mai 2009 in Berlin, 2010/09
[Interde10] TU Dresden, Lehrstuhl Verkehrs- und Infrastrukturplanung, Prof. Dr.-Ing. G.-A. Ahrens, Ahrens, Gerd-Axel, Aurich, Tanja, Böhmer, Thomas, Klotzsch, Jeannette, Pitrone, Anne Interdependenzen zwischen Fahrrad- und ÖPNV-Nutzung. Analysen, Strategien und Maßnahmen einer integrierten Förderung in Städten, 2010
[Monh09] Heiner Monheim, Christian Muschwitz, Wigand von Sassen, Markus Streng Intelligent mobil - aktuelle Trends bei Fahrradverleihsystemen, veröffentlicht in Verkehrszeichen, Ausgabe/Auflage Nr.2, 2009
[Obis11] Janett Büttner, Hendrik Mlasowsky, Tim Birkholz, et. al. Optimising Bike Sharing in European Cities. Ein Handbuch., 2011/06
[PBSC19] PBSC (Hrsg.) Barcelona [Bike Sharing], 2019
[vonS09] Wigand von Sassen Öffentliche Fahrradverleihsysteme im Vergleich - Analyse, Bewertung und Entwicklungsperspektiven, 2009/01
Glossar
Bike Sharing Der Begriff Bike Sharing stammt aus dem Englischen und kann in etwa mit der Bedeutung „Fahrradverleih“ übersetzt werden. Er beschreibt die organisierte, gemeinschaftliche Nutzung von Fahrrädern, die in der Regel von Unternehmen, Kommunen oder Kommunalverbänden bereitgestellt werden. Die Fahrräder stehen an öffentlich zugänglichen Stellplätzen zur Verfügung. Die Fahrräder können dabei an einer Station ausgeliehen und an einer anderen zurückgegeben werden. Dieses System ist besonders für die kurzfristige Nutzung der gegen ein Entgelt zur Verfügung gestellten Räder im urbanen Raum ausgelegt. Das Ziel ist, dass die Fahrräder möglichst vielen Nutzern pro Tag zur Verfügung stehen. Daher ist meist die erste halbe Stunde des Verleihs besonders günstig. Für eine längere Leihperiode bieten reguläre Fahrradvermieter jedoch meist die besseren Angebote.
Umweltverbund
Unter dem Begriff Umweltverbund wird die Kooperation der umweltfreundlichen Verkehrsmittel verstanden. Hierzu zählen der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV: Bahnen und Busse), Fahrrad und zu Fuß gehen. Carsharing eignet sich als ÖPNV-ergänzendes Verkehrsmittel und ist ein wichtiger Baustein des Umweltverbundes (4. Säule des Umwelt-/Mobilitätsverbundes).
In neueren Publikationen (ab etwa 2010) wird zunehmend vom Mobilitätsverbund gesprochen.
City Der in der Stadtforschung und im allgemeinen Sprachgebrauch für die Kennzeichnung des Stadtzentrums meist größerer Städte verwendete Begriff City ist nicht eindeutig, da er im Englischen eine völlig andere Bedeutung hat. Im englischen Sprachgebrauch kann der Begriff City für drei verschiedene Varianten stehen:
  1. allgemein für eine Großstadt,
  2. für eine historische Stadt mit Bischofssitz und Kathedrale,
  3. für eine Stadt mit königlicher Urkunde und zeremoniellen Privilegien.
Der deutsch Begriff der City leitet sich aus der frühen Konzentration von Bürofunktionen in der historischen City of London ab, da sich dort bereits im 18. Jahrhundert mit dem aufkommenden und rasch entfaltenden Banken- und Versicherungswesen der neue Typ des Bürohauses herausbildete, der den Prozess der Citybildung enorm beschleunigte. In erster Linie ist City ein Funktionsbegriff. Die City ist der zentralst gelegene Teilraum einer größeren Stadt mit einer räumlichen Konzentration hochrangiger zentraler Funktionen des tertiären und quartären Sektors.
Modal Split
Modal Split wird in der Verkehrsstatistik die prozentuale Verteilung des Personen- und Güterverkehrs auf verschiedene Verkehrsmittel (Modi) genannt. Der Modal Split ist Folge des Mobilitätsverhaltens der Menschen und der wirtschaftlichen, insbesondere der verkehrlichen Entscheidungen von Unternehmen.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?336899

Gedruckt am Donnerstag, 28. Januar 2021 06:19:24