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Die Heuristik des Innovationssystems

Erstellt am: 24.11.2010 | Stand des Wissens: 11.07.2020
Synthesebericht gehört zu:
Ansprechpartner
Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Institut für Volkswirtschaftslehre (ECON), Prof. Dr. Kay Mitusch

Dem Ansatz des Innovationssystems liegt der Systemgedanke zu Grunde. Ein verändertes Verständnis des Innovationsprozesses ist darin zu finden. Dieses Konzept ermögliche es, vom linearen Verständnis des Innovationsprozesses abzukommen (vgl. [SHAR06a], S.762). Die Motivation hinter dem Ansatz ist klar erkennbar. Durch den Systemgedanken wird der traditionelle Innovationsprozess aufgebrochen und die einzelne Organisation in Kontext zu ihrem Umfeld gestellt. "Innovationen und technischer Fortschritt werden nicht mehr als zwingende Folge von Forschungs- und Entwicklungsleistungen gesehen, sondern als Ergebnis eines komplexen Beziehungsgeflechtes zwischen Akteuren" ([WITH99], S.5). Neben den Akteuren wird demnach auch die Frage nach dem Beziehungsgeflecht, also den Kooperationen, zentral. Fagerberg (2005) (vgl. [FAGE05]) betont, dass innovative Aktivitäten und Prozesse nicht in Firmen verankert sind, die vollkommen isoliert sind. Die Betrachtung der Innovation setzt also auch die Analyse der Kooperation voraus und diese darf daher nicht isoliert betrachtet werden. Im Gegensatz zur Idee des klassischen linearen Innovationsprozesses innovieren Organisationen durch Kooperation, also durch gemeinschaftliche und verflochtene Aktivitäten in Netzwerken. So ergibt sich ein komplexes Bild der Innovation, aus dem das Konzept des Innovationssystems hervorgeht. Das Konzept des Innovationssystems entstand also aus dem Bestreben heraus, die komplexen Strukturen und Verknüpfungen des Innovationsprozesses zu theoretisieren und weiterzuentwickeln. (vgl. [CHRI07], S.1)
Grundsätzlich dient das Innovationssystem dazu, die Produktion und den Austausch neuen Wissens zwischen diesen Akteuren zu beschleunigen, um so die technologische Entwicklung voranzutreiben. Die wichtigsten Eckpfeiler eines Innovationssystems sind demnach die folgenden Kernelemente(vgl. [JOCH07]):
  • Akteure
Akteure können private Unternehmen, Universitäten, Forschungseinrichtungen oder auch private Personen sein (vgl. [MATR08], S.598 und [CARL02], S.234). In der englischen Literatur werden Akteure häufig mit "Organizations", "Actors", "Agents" oder "Firms" übersetzt. Durch Auswahl der Akteure in Abhängigkeit der Fragestellung ergeben sich automatisch die Grenzen des Systems.
  • Institutionen
Institutionen stellen Spielregeln ("rules of the game", [MATR08], S.598 und [EDQU05], S188) dar, die das Verhalten der Akteure beeinflussen. Sie bezeichnen gesellschaftliche, politische oder wirtschaftliche Artefakte, wie zum Beispiel Gesetze, Normen, Technologien oder auch Fördermöglichkeiten ([JOCH07]).
  • Verbindungen der Komponenten
Die Verbindungen zwischen Akteuren, zwischen Institutionen und zwischen Akteuren und Institutionen sind sehr vielfältig (vgl. [MATR08], S.598) und können z.B. "Zulieferbeziehungen, Kooperationen, Wettbewerb, Förderung, Wissenstransfer, ..." sein ([JOCH07]).
  • Attribute von Komponenten und Verbindungen
Attribute beschreiben die Eigenschaften der Komponenten und deren Verbindungen. Sie geben dadurch Auskunft über Kompetenzen und Funktionen und determinieren dadurch die Leistung des Innovationssystems (vgl. [CARL07]). Nach [JOCH07] können Attribute von Akteuren zum Beispiel die Unternehmensgröße, das Alter und die Rechtsform sein. Bei Institutionen wie Gesetzen oder Normen kann das Attribut die fördernde Wirkung beschreiben. Attribute von Verbindungen können zum Beispiel die Intensität der Kooperation sein.

Folgende Abbildung greift diese Kernelemente eines Innovationssystems auf und setzt diese in Beziehung zueinander: 

Abbildung 1: Abgrenzung eines Innovationssystems (BRAD07, S.44)


Je nach Forschungsinteresse müssen Innovationssysteme auf verschiedene Fragestellungen angewendet und angepasst werden. Dazu können räumliche, technologische und sektorale Perspektiven kombiniert werden:
  • Nationale Innovationssysteme (NIS)
Nationale Innovationsysteme (oder englisch National System of Innovation - NSI) sind grundsätzlich durch nationale Grenzen skizziert und vernachlässigen technologische und sektorale Aspekte (vgl. [BRAD07]). Die Analyse eines ganzen Landes steht deshalb dabei im Vordergrund.
  • Regionale Innovationssysteme (RIS)
Regionale Innovationssysteme (oder englisch Regional System of Innovation - RSI) sind vergleichbar mit Nationalen Innovationssystemen, allerdings geographisch auf eine Region und nicht auf ein ganzes Land beschränkt. Innerhalb dieser Regionen vernachlässigen sie Technologien oder Sektoren. In letzter Zeit wird ebenfalls der Begriff des Lokalen Innovationssystems (LIS) immer populärer, der eine noch kleinere Einheit, wie zum Beispiel eine "Metropole und ihre unmittelbare Peripherien" ([BLAE06], S.163) analysiert.
  • Sektorale Innovationssysteme (SIS)
Sektorale Innovationssysteme (oder englisch Sectoral System of Innovation - SSI) analysieren länder- und technologieübergreifend Wirtschaftssektoren. "Die Stärke des Ansatzes liegt darin, dass er unterhalb der Betonung nationaler Prägung von Innovationsprozessen den Blick auf deren sektorale Grundlagen und Besonderheiten richtet" ([DOLA07], S.9).
  • Technologische Innovationssysteme (TIS)
Technologische Innovationssysteme (oder englisch Technological Systems of Innovation - TSI) untersuchen eine spezifische Technologie und sind normalerweise nicht durch geographische und sektorale Grenzen eingeschränkt. Gerade Carlsson trägt mit seiner Arbeit einen wesentlichen Beitrag zu dieser Forschungsrichtung bei.
Ansprechpartner
Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Institut für Volkswirtschaftslehre (ECON), Prof. Dr. Kay Mitusch
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Innovation und Verkehr (Stand des Wissens: 08.07.2020)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?334383
Literatur
[BLAE06] Blättel-Mink, Birgit Kompendium der Innovationsforschung, VS Verlag für Sozialwissenschaften , 2006
[BRAD07] Bradke, Harald et al. Developing an assesment framework to improve the efficiency of R&D and the market diffusion of energy technologies, 2007
[CARL02] Carlsson, Bo, Jacobsson, Staffan, Holmen, Magnus, Rickne, Annika Innovation systems: analytical and methodological issues, veröffentlicht in Research Policy , Ausgabe/Auflage 31 (2002), 2002
[CARL07] Carlsson, Bo Innovation systems: a survey of the literature from a schumperterian perspective, veröffentlicht in Elgar Companion to Neo-Schumperterian Economics, 2007
[CHRI07] Christ, Julian Varieties of Systems of Innovation: A Survey of their Evolution in Growth Theory and Economic Geography, veröffentlicht in Schriftenreihe des Promotionsschwerpunkts Globalisierung und Beschäftigung, 2007
[DOLA07] Dolata, Ulrich Technik und sektoraler Wandel - Technologische Eingriffstiefe, sektorale Adaptionsfähigkeit und soziotechnische Transformationsmuster, veröffentlicht in MPIfG Discussion Paper 07/3, 2007
[EDQU05] Edquist, Charles Systems of Innovation: Perspectives and Challenges , veröffentlicht in The Oxford Handbook of Innovation, 2005
[FAGE05] Fagerberg, Jan Innovation: A Guide to Literature, veröffentlicht in The Oxford Handbook of Innovation, 2005
[JOCH07] Jochem, Eberhard Wie lässt sich der Innovationsprozess zur Steigerung der Energieeffizienz beschleunigen? , 2007
[MATR08] Markard, Jochen, Truffer, Bernhard Technological innovation systems and the multi-level perspective: Towards an integrated framework , veröffentlicht in Research Policy , Ausgabe/Auflage 37 (2008), 2008
[SHAR06a] Sharif, Naubahar Emergence and development of the National Innovation Systems concept, veröffentlicht in Research Policy , Ausgabe/Auflage 35 (2006), 2006
[WITH99] Wilhelm, Beate, Thierstein, Alain Technische Ausbildungsstätten, Entwickler und ihr Beitrag zum Innovationssystem, veröffentlicht in Raumforschung und Raumordnung, Ausgabe/Auflage 1999, 57. Jg., Heft 2/3, 1999
Glossar
Technical Specification for Interoperability Die Technical Specification for Interoperability (TSI) machen für Teilsysteme bzw. Teile von Teilsystemen der transeuropäischen (Hochgeschwindikgkeits-)Eisenbahnsysteme Vorgaben, um deren grundsätzliche (technische) Eignung sowie die Kompabilität untereinander zu gewährleisten. Dabei handelt es sich um eine unionsrechtliche, technische Vorschrift der Europäischen Kommission.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?334191

Gedruckt am Montag, 4. Juli 2022 14:22:48