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Hybride Emissionsziele

Erstellt am: 14.11.2010 | Stand des Wissens: 29.04.2019
Ansprechpartner
Technische Universität Berlin, Fachgebiet Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik (WIP) - Prof. Dr. v. Hirschhausen, Prof. Dr. Beckers

Es gibt die Möglichkeit, die ökologisch treffsichereren absoluten CO2-Minderungsziele für bestimmte Sektoren (wie im EU-Handelssystem für Industrieanlagen) mit leichter durchsetzbaren relativen Reduktionszielen für andere Sektoren (z.B. im Verkehr) in einem Handelssystem zu vereinen. Ein solches System basiert auf zwei Märkten, die über ein Gateway gekoppelt werden. Es existiert dann ein Markt mit absoluten CO2-Reduktionsmengen und ein Markt mit produktspezifischen Vorgaben. Modellhaft wurde ein solches System mit dem "Climate Change Program" in Großbritannien eingeführt [WA02, S. 25ff.]. Hier nahmen bis 2009 Unternehmen mit Hilfe von Steueranreizen freiwillig am Emissionshandel teil. In einem zweiten Schritt konnten sie entscheiden, ob sie absoluten oder relativen Zielvorgaben unterliegen wollen. In der EU werden alle Emissionen, die nicht vom EU ETS abgedeckt werden, unter die sogenannte Effort-Sharing Decision (ESD) zusammengefasst. Mit den Rechtsvorschriften zur Lastenteilung wurden für die Mitgliedstaaten verbindliche Jahresziele für die Reduzierung der Treibhausgasemissionen in den Zeiträumen 2013-2020 und 2021-2030 festgelegt. So werden auf EU-Ebene auch die Emissionen außerhalb des Emissionshandels schrittweise reduziert, beispielsweise für die Sektoren Verkehr, Gebäude, Landwirtschaft und Abfall [EUKo18b].

Das Gateway verhindert, dass eine Netto-Erhöhung der Anzahl von Emissionsrechten im absoluten System durch den Verkauf von spezifischen Minderungen aus dem an relative Reduktionen gebundenen Sektors stattfindet. Damit kann ein Anstieg der erlaubten Emissionsmenge im absoluten Handelssystem (und damit verbundene sinkende Preise) verhindert werden, was das Erreichen der dortigen Vermeidungsziele garantiert. Für die im spezifischen Sektor handelnden Parteien erhöht sich die Auswahl der Handelspartner, Emissionsrechte können unbeschränkt aus dem absoluten Sektor gekauft werden. Nachteilig an dieser Konstruktion wirkt sich allerdings die Erhöhung des Komplexitätsgrades und damit der Transaktionskosten gegenüber einfacheren Handelssystemen aus. Außerdem können durch die Handelsbeschränkung vom spezifischen in den absoluten Sektor wohl nicht alle Effizienzgewinne realisiert werden und unterschiedliche Preisniveaus bleiben bestehen [StBL02, S. 200].
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Technische Universität Berlin, Fachgebiet Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik (WIP) - Prof. Dr. v. Hirschhausen, Prof. Dr. Beckers
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Handel mit CO2-Emissionszertifikaten (Stand des Wissens: 10.05.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?333632
Literatur
[EUKo18b] Europäische Kommission (Hrsg.) Lastenteilung: Emissionsziele der Mitgliedstaaten, 2018
[StBL02] Stronzik, Markus , Bühler, Georg , Lamprecht, Udo Ansatzpunkte für einen Emissionshandel im Verkehrssektor, veröffentlicht in Zeitschrift für Energiewirtschaft - ZfE, Ausgabe/Auflage Nr. 3, Friedr. Vieweg & Sohn Verlagsgesellschaft mbH / Wiesbaden, 2002/03
[WA02] Johann Wackerbauer Untersuchung der Optimierungsmöglichkeiten des Einsatzes marktwirtschaftlicher Instrumente im Klimaschutz, Poschingerstraße 5 D-81679 München, 2002/08
Glossar
EU-Emissionshandelssystem Das EU-Emissionshandelssystem (EU ETS) ist ein 2003 vom Europäischen Rat und dem Europäischen Parlament beschlossenes marktwirtschaftliches Instrument, die im Kyoto-Protokoll gesetzten Klimaschutzziele zu erreichen. Anlagenbetreiber (zur Zeit sind etwa 11.000 Fabriken und Kraftwerke erfasst) müssen bei Überschreiten der ihnen fest vorgegebenen Emissionsberechtigungen Strafen bezahlen (100 Euro pro Tonne CO2), sofern keine Zertifikate zur Tilgung vorgelegt werden können. Diese Zertifikate vergeben solche Betreiber, die die o.g. Grenzwerte unterschritten haben. Die Nachweispflicht liegt in jedem Fall bei dem Anlagenbetreiber.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?333610

Gedruckt am Montag, 13. Juli 2020 07:20:30