Forschungsinformationssystem des BMVI

zurück Zur Startseite FIS

Midstream-Emissionshandelssystem

Erstellt am: 14.11.2010 | Stand des Wissens: 25.04.2019
Ansprechpartner
Technische Universität Berlin, Fachgebiet Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik (WIP) - Prof. Dr. v. Hirschhausen, Prof. Dr. Beckers

Midstream-Handelssysteme sind dadurch charakterisiert, dass sie weder beim Endverbraucher, noch beim Erzeuger bzw. Importeur von fossilen Brennstoffen ansetzen, sondern Wertschöpfungsstufen zwischen diesen beiden Endpunkten der Zertifikatspflicht unterworfen werden. Grundlegende Idee beim Midstream-Handelsmodell ist, die Vorteile eines Downstream-Handels (bessere Kenntnis von Vermeidungsoptionen) mit Vorzügen eines Upstream-Systems (geringere Transaktionskosten wegen geringerer Teilnehmerzahl) zu koppeln. So kommen beispielsweise im Verkehrssektor für eine Zertifikatspflicht in Frage:
  • Busunternehmen oder Speditionen
  • Tankstellen
  • Fahrzeughersteller
Ein wesentlicher Nachteil eines Midstream-Ansatzes, der nur bei ausgewählten Verkehrsdienstleistern wie Bahnen, Speditionen oder Busunternehmen ansetzt, liegt auf der Hand: Große Teile der Mobilitätsnachfrage unterliegen nicht den positiven Anreizwirkungen des Handelssystems, wenn der private Kfz-Verkehr (MIV) von der Zertifikatepflicht ausgenommen ist. Auch die dann notwendige separate Regulierung dieses Bereiches stellt die potenziellen Effizienzvorteile eines Zertifikatehandels in Frage.

Eine Zertifikatepflicht für Tankstellen kann hingegen als Variante eines Upstream-Systems mit dessen spezifischen Vor- und Nachteilen gesehen werden. Einziger Unterschied ist die größere Zahl Zertifikatspflichtiger, welche die Transaktionskosten erhöhen dürfte.

Am häufigsten werden Midstream-Handelssysteme diskutiert, die am Fahrzeug als relevantem Glied der Wertschöpfungskette ansetzen. Viele Autoren gehen dabei nur auf geschlossene Zertifikatesysteme für den Fahrzeugbereich ein  [ScPe99, S. 97; PWC02, S. 35], denen Effizienznachteile gegenüber umfassenderen Systemen innewohnen.

Im Modell von Deuber [Deu02, S.60ff.], in dem Flottenemissionsstandards von Kfz-Herstellern Handelsgegenstand sind, wird dagegen auch die Anbindung an ein bestehendes Downstream-System gesucht. Diese soll über ein einseitiges Gateway sichergestellt werden, welches zwar Zertifikatskäufe von Kfz-Herstellern aus dem Downstream-Handel erlaubt, den Handel in umgekehrter Richtung aber verbietet  [Deu02, S. 60 ff.]. Auf diese Weise werden relative Emissionsminderungsziele im Straßenverkehrssektor mit absoluten Minderungszielen in der Industrie verbunden. Damit soll den Herstellern von Kfz ein Anreiz gegeben werden, energiesparende Fahrzeuge zu entwickeln und zu vermarkten. Der Flottenbezug eröffnete zudem einen recht großen Handlungsspielraum für die Produzenten, in welchem die Minderungen durchgeführt werden sollen. Alternativ können bei vorhandener Zahlungsbereitschaft der Kfz-Nachfrager CO2-Zertifikate nachgekauft werden.

Der Hauptvorteil eines idealtypischen Emissionshandels - die ökologische Treffsicherheit - ginge mit diesem Ansatz aber trotz der Koppelung zum Downstream-Handelssystem verloren. Hersteller haben keinen unmittelbaren Einfluss auf die Fahrleistungen ihrer Fahrzeuge; außerdem sind die tatsächlichen Verbrauchswerte von Kfz stark von individuellem Fahrverhalten abhängig und divergieren von Normverbräuchen (z.B. Schellaböck/Petersen [ScPe99, S. 97]).
Ansprechpartner
Technische Universität Berlin, Fachgebiet Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik (WIP) - Prof. Dr. v. Hirschhausen, Prof. Dr. Beckers
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Emissionshandel im Verkehr (Stand des Wissens: 24.09.2018)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?352548
Handel mit CO2-Emissionszertifikaten (Stand des Wissens: 10.05.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?333632
Literatur
[Deu02] Deuber, Odette Einbeziehung des motorisierten Individualverkehrs in ein deutsches CO2-Emissionshandelssystem, 2002
[PWC02] Hohenstein, Christine; , Pelchen, Dr. Arthur; , Wieler, Barbara Zertifikatehandel im Verkehrsbereich als Instrument zur CO2-Reduzierung, 2002/11
[ScPe99] Petersen, Rudolf, Prof. Dr., Schallaböck, Karl Otto, Dr. Countdown für den Klimaschutz. Wohin steuert der Verkehr?, Wuppertal, 1999/07
Glossar
Motorisierter Individualverkehr Als motorisierter Individualverkehr (MIV) wird die Nutzung von Pkw und Krafträdern im Personenverkehr bezeichnet. Der MIV, als eine Art des Individualverkehrs (IV), eignet sich besonders für größere Distanzen und alle Arten von Quelle-Ziel-Beziehungen, da dieser zeitlich als auch räumlich eine hohe Verfügbarkeit aufweist. Verkehrsmittel des MIV werden von einer einzelnen Person oder einem beschränkten Personenkreis eingesetzt. Der Nutzer ist bezüglich der Bestimmung von Fahrweg, Ziel und Zeit frei (örtliche, zeitliche Ungebundenheit des MIV).
EU-Emissionshandelssystem Das EU-Emissionshandelssystem (EU ETS) ist ein 2003 vom Europäischen Rat und dem Europäischen Parlament beschlossenes marktwirtschaftliches Instrument, die im Kyoto-Protokoll gesetzten Klimaschutzziele zu erreichen. Anlagenbetreiber (zur Zeit sind etwa 11.000 Fabriken und Kraftwerke erfasst) müssen bei Überschreiten der ihnen fest vorgegebenen Emissionsberechtigungen Strafen bezahlen (100 Euro pro Tonne CO2), sofern keine Zertifikate zur Tilgung vorgelegt werden können. Diese Zertifikate vergeben solche Betreiber, die die o.g. Grenzwerte unterschritten haben. Die Nachweispflicht liegt in jedem Fall bei dem Anlagenbetreiber.
Downstream
Downstream beschreibt die Transportrichtung von Produkten oder Daten vom Anbieter zum Verbraucher.
Im Zusammenhang mit Internet-Geschwindigkeiten bezeichnet das Wort 'downstream' die Geschwindigkeit der Datenübertragung vom Netzwerk (zum Beispiel Internet) zum Endgerät des Nutzers.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?333598

Gedruckt am Montag, 13. Juli 2020 07:11:56