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Sächliche Einordnung von Emissionshandelssystemen

Erstellt am: 14.11.2010 | Stand des Wissens: 17.04.2019
Ansprechpartner
Technische Universität Berlin, Fachgebiet Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik (WIP) - Prof. Dr. v. Hirschhausen, Prof. Dr. Beckers

Aus normativ-ökonomischer Sicht ist klar, dass ein möglichst umfassendes Handelssystem für Kohlendioxid angestrebt werden sollte: Je mehr Sektoren am Handel beteiligt sind, desto stärker dürften wegen unterschiedlicher Technologien die Vermeidungskostenverläufe voneinander abweichen. Für den Verkehrssektor wird in den meisten Analysen von sehr hohen (Grenz-)Vermeidungskosten für Kohlendioxidemissionen ausgegangen (z.B. [EUKOM00l, S.17; CAMA00; SRU2002, S. 244]). Diese Vermutung lässt sich mit der geringen Preiselastizität der Kraftstoffnachfrage bei einer, im Vergleich zu anderen kohlenstoffhaltigen Energieträgern, sehr hohen und steigenden Abgabenlast begründen (vgl. Synthesebericht Mineralölsteuern). Die hohen Grenzvermeidungskosten prädestinieren den Verkehrssektor zum Netto-Käufer von Zertifikaten auf einem Markt für CO2-Emissionsrechte. Die Position von Stronzik et. al. [StBL02 , S. 199], dass dies die "Schattenseite" einer Einbindung des Verkehrssektors in ein Emissionshandelssystem wäre, kann nicht nachvollzogen werden: Wie Hohenstein et al. [PWC02, S. 98] zeigen, beliefen sich bei angenommenen Emissionsrechtspreisen von 10 bzw. 30 EUR je Tonne CO2 die umgelegten zusätzlichen Kraftstoffkosten aus einer Teilnahme des Straßenverkehrs am Emissionshandel lediglich auf 2-8 Eurocent je Liter Kraftstoff, was im Vergleich zu früheren und künftigen Öko- und Mineralölsteuererhöhungen vergleichsweise gering erscheint.

Gerade mit Blick auf die preisinelastische Straßenverkehrsnachfrage wird die potenziell bessere Treffsicherheit eines, mit anderen Sektoren verkoppelten, Zertifikatehandels gegenüber anderen, auf den Verkehrssektor beschränkten (ordnungsrechtlichen und Steuer-) Lösungen deutlich. Trotz mehrfacher Mineralölsteuererhöhungen und der freiwilligen Selbstverpflichtungen von Fahrzeugherstellern zur Reduktion flottenspezifischer Energieverbräuche stiegen die absoluten Kohlendioxidemissionen des Straßenverkehrs durch erhöhte Fahrleistungen beständig an. Ein sektorübergreifendes Zertifikatehandelssystem würde zwar aller Voraussicht nach auch keine wesentlichen Verminderungen der Emissionen des Verkehrs selbst bewirken können. Der Emissionshandel wäre aber unmittelbar mit einer Reduzierung des Klimagasausstoßes in anderen Sektoren verbunden, was aus ökologischer Sicht als äquivalent anzusehen ist.

Definiert man den Geltungsbereich eines Emissionshandelssystems, müssen stets die jeweiligen Umsetzungs- und Kontrollkosten für seine dauerhafte Implementierung beachtet werden. Diese fallen insgesamt im Vergleich zu Steuerlösungen tendenziell höher aus [PWC02], hängen jedoch auch entscheidend von der, mit dem Emissionshandelssystem erfassten, Wertschöpfungsstufe ab (vgl. Synthesebericht: Bestimmung der zertifikatspflichtigen Wertschöpfungsstufe). Sind spezifische Märkte für den CO2-Handel einiger Sektoren aber erst einmal eingerichtet, können die ökonomisch relevanten Zusatzkosten für Integration weiterer Sektoren vergleichsweise gering sein.
Ansprechpartner
Technische Universität Berlin, Fachgebiet Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik (WIP) - Prof. Dr. v. Hirschhausen, Prof. Dr. Beckers
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Handel mit CO2-Emissionszertifikaten (Stand des Wissens: 10.05.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?333632
Literatur
[CAMA00] Capros, Pantelis, Prof. , Mantzos, Leonidas, Dr. The Economic Effects of EU-Wide Industry-Level Emission Trading to Reduce Greenhouse Gases - Results from the PRIMES Energy Model, Brüssel, 2000/05
[EUKOM00l] o.A. Grünbuch zum Handel mit Treibhausgasemissionen in der Europäischen Union, Brüssel, 2000/03
[PWC02] Hohenstein, Christine; , Pelchen, Dr. Arthur; , Wieler, Barbara Zertifikatehandel im Verkehrsbereich als Instrument zur CO2-Reduzierung, 2002/11
[SRU2002] Rat von Sachverständigen für Umweltfragen Umweltgutachten 2002, Berlin, 2002/04/15
[StBL02] Stronzik, Markus , Bühler, Georg , Lamprecht, Udo Ansatzpunkte für einen Emissionshandel im Verkehrssektor, veröffentlicht in Zeitschrift für Energiewirtschaft - ZfE, Ausgabe/Auflage Nr. 3, Friedr. Vieweg & Sohn Verlagsgesellschaft mbH / Wiesbaden, 2002/03
Glossar
EU-Emissionshandelssystem Das EU-Emissionshandelssystem (EU ETS) ist ein 2003 vom Europäischen Rat und dem Europäischen Parlament beschlossenes marktwirtschaftliches Instrument, die im Kyoto-Protokoll gesetzten Klimaschutzziele zu erreichen. Anlagenbetreiber (zur Zeit sind etwa 11.000 Fabriken und Kraftwerke erfasst) müssen bei Überschreiten der ihnen fest vorgegebenen Emissionsberechtigungen Strafen bezahlen (100 Euro pro Tonne CO2), sofern keine Zertifikate zur Tilgung vorgelegt werden können. Diese Zertifikate vergeben solche Betreiber, die die o.g. Grenzwerte unterschritten haben. Die Nachweispflicht liegt in jedem Fall bei dem Anlagenbetreiber.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?333556

Gedruckt am Montag, 13. Juli 2020 05:44:08