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Die organisatorische Komplexität des Leistungserstellungsprozesses im Schienengüterverkehr

Erstellt am: 10.11.2010 | Stand des Wissens: 20.05.2019
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten


Der Eisenbahnfrachtverkehr erzielt die Wertschöpfung aus der Beförderung eines bestimmten Gutes, innerhalb eines vereinbarten Zeitraums, von einem definierten Versand- zum Empfangsort. Ohne auf die logistischen Zusatzleistungen einzugehen, erweisen sich bereits reine Warentransportabwicklungen auf der Schiene, verbunden mit Planungs-, Dispositions- und Betriebsprozesse als ausgesprochen komplex. So hat das jeweilige Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) für die erfolgreiche und adäquate Leistungserstellung nicht nur intensive Kontakte zu Verladern und Operateuren zu pflegen, sondern ist darüber hinaus beispielsweise auch auf intakte Schnittstellen zu Eisenbahninfrastrukturunternehmen (EIU), Fahrzeugpools (Lok- und Wagenvermieter) und etwaigen kooperierenden EVU angewiesen [Lenn09, S. 41 f.; NiPa09, S. 7 ff.; Beck14, S. 42, 67 f., 77 ff. und 86 f.].

Grundsätzlich lassen sich bei der Durchführung von Schienengüterverkehr drei Kernprozesse unterscheiden (Abbildung 1), welche mit dem Wertschöpfungsvorgang in Verbindung stehen:
  • Der Produktionsprozess
  • Das Auftragsmanagement, welches als direkte Schnittstelle zum Kunden fungiert. Das Auftragsmanagement überwacht neben der Akquisition von Leistungsaufträgen, auch deren Durchführung, um Verladern gegebenenfalls aktuelle sendungsbezogene Informationen übermitteln zu können
  • Das Produktionsprozessmanagement, welches für die Planung, Steuerung und Auswertung der jeweiligen Beförderungsvorgänge verantwortlich ist.
Der Teilbereich des Betriebsmanagements nimmt eine herausgehobene Stellung ein, da hier wesentliche Kernelemente der Transportleistungsorganisation erbracht werden. Neben einer prinzipiellen Machbarkeitsprüfung, im Falle konkreter Auftragsanfragen, zählen in erster Linie Ressourcenplanung und -disposition zu den Hauptaufgaben des Betriebsmanagements [Bern01, S. 13 ff.].
Kernprozesse_333179.pngAbb. 1: Kernprozesse im Schienengüterverkehr (in Anlehnung an [Bern01, S. 14]) (Grafik zum Vergrößern bitte anklicken)
Um eine genaue Zuordnung von Triebfahrzeugen, Wagen und Personal zu Umläufen, Zugfahrten sowie Rangierbereichen durchführen zu können, wird die Bereitstellung der jeweiligen Betriebsmittel durch das Wagen- sowie Traktionsmanagement für konkrete Einsätze koordiniert. Sowohl der Betrieb von Güterwagen, als auch die Triebfahrzeugvorhaltung zeichnen sich durch einen vergleichsweise hohen Fixkostenanteil aus, sodass eigenes Rollmaterial erst durch eine intensive beziehungsweise optimale Nutzung eine wirtschaftliche Geschäftstätigkeit zulässt [Bern01, S. 16].
Neben den bereits genannten Aspekten ergibt sich im Schienenverkehr aufgrund des Spurführungsprinzips die Notwendigkeit, für Zugfahrten zeitlich und räumlich definierte Infrastrukturnutzungsrechte zu erwerben. Dafür müssen die EVU beim jeweils zuständigen EIU Trassenanmeldungen vornehmen. Diese prüfen zunächst die Verfügbarkeit entsprechender Streckenkapazitäten und stellen eine diskriminierungsfreie Vergabe der dazugehörigen Nutzungsrechte sicher. Im Falle der Fahrtdurchführung überwacht, steuert und sichert das EIU sämtliche Zugbewegungen auf freier Strecke. Dem Infrastrukturmanagement wird vor diesem Hintergrund die Aufgabe zugewiesen, EVU-seitig benötigte Trassen vorzuplanen, um diese in Absprache mit nationalen oder regionalen EIU zu bestellen und abzurechnen. Darüber hinaus kann sich aus kurzfristigen Transportauftragsmodifikationen auch die Notwendigkeit zu einer Stornierung bereits getätigter Zugfahrtanmeldungen ergeben [Koch07d, S. 18].

Die jeweils verwendeten Produktionsverfahren haben darüber hinaus in unterschiedlichem Maße komplexitätssteigernde Wirkung. So stellen zum Beispiel Einzelwagenverkehre erhöhte Anforderungen an die Transportorganisation und -durchführung dar. Grund hierfür ist der zusätzliche Rangieraufwand zur Zugbildung, -umstellung sowie -auflösung. Der Kombinierte Verkehr setzt eine genaue Koordination zwischen Schienengüter- und Güterkraftverkehrsbetreibern voraus, um die Schnittstellen im Bereich des Eisenbahnhaupt- und straßengebundenen Vor- beziehungsweise Nachlaufs hinsichtlich der kundenseitigen Angebotsattraktivität möglichst effizient gestalten zu können.
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Technische und organisatorische Rahmenbedingungen des Schienengüterverkehrs (Stand des Wissens: 12.06.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?337416
Literatur
[Beck14] Becker, Klaus G. (Hrsg.) Handbuch Schienengüterverkehr, Ausgabe/Auflage 1. Auflage, DVV Media Group GmbH / Eurailpress, Hamburg, 2014, ISBN/ISSN 978-3-7771-0458-4
[Bern01] Berndt, Thomas, Prof. Dr.-Ing. Eisenbahngüterverkehr, Ausgabe/Auflage 1, Verlag B.G. Teubner / Stuttgart, 2001, ISBN/ISSN 3-519-06387-5
[Koch07d] Kochsiek, Joachim, Dipl.-Ing. Dipl.-Wirt.-Ing., Schwarz, Florian, Dr. Ing. Software für Güterbahnen, veröffentlicht in Güterbahnen, Ausgabe/Auflage 02/2007, Alba Fachverlag / Düsseldorf, 2007/02, ISBN/ISSN 1610- 5273
[Lenn09] Lennarz, Georg Leistungsvielfalt auf der Schiene, veröffentlicht in Güterbahnen, Ausgabe/Auflage 02/2009, Alba Fachverlag / Düsseldorf, 2009, ISBN/ISSN 1610-5273
[NiPa09] Nikutta, Sigrid, Pahl, Mirko Das Produktionssystem im Schienengüterverkehr - Schlanke Produktionsstrukturen in vernetzten Systemen, veröffentlicht in Deine Bahn, Ausgabe/Auflage 02/09, Bahn Fachverlag / Berlin, 2009/02, ISBN/ISSN 0948-7263
Glossar
Eisenbahninfrastrukturunternehmen Eisenbahninfrastrukturunternehmen (EIU) ist ein Rechtsbegriff des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG). Gemäß § 2 Abs. 1 AEG sind Eisenbahninfrastrukturunternehmen öffentliche Einrichtungen oder privatrechtlich organisierte Unternehmen die eine Eisenbahninfrastruktur betreiben.
Vor- und Nachlauf Unter Vor- und Nachlauf sind im Kombinierten Verkehr Transporte der Ladeeinheit vom Versender zum Umschlagpunkt oder von dort zum Empfänger zu verstehen. Am Umschlagpunkt wechselt die Ladeeinheit das Verkehrsmittel. Der Transport zwischen zwei Umschlagpunkten wird als Hauptlauf bezeichnet.
Schienengüterverkehr
Unter Schienengüterverkehr (SGV) wird der Transport von Gütern mit der Eisenbahn verstanden. Diese werden in Güterzügen unter Verwendung (spezieller) Güterwagen befördert. Diese Verkehre können entweder auf gesonderten Güterverkehrsstrecken oder im Mischverkehr, auf gemeinsam durch den Güter- und Personenverkehr genutzten Strecken, realisiert werden. Leistungen des Schienengüterverkehrs werden häufig als Teil einer Logistikkette in logistische Gesamtkonzepte eingebunden.
Einzelwagenverkehr Der Einzelwagenverkehr (EWV; auch Wagenladungsverkehr, WLV) ist der Transport einzelner Güterwagen(-Gruppen) in speziell für deren jeweiligen Transportweg zusammengestellten Güterzügen. Die Güterwagen mit verschiedenen Versendern und Empfängern werden dabei in sog. Zugbildungsbahnhöfen (Zbf) zu einzelnen Güterzügen zusammengefasst.
Zugumlauf
Der Zugumlauf beschreibt das vollständige Abfahren eines festen Streckenzyklus (Kursverlauf, Haltepunkte etc.) im Rahmen des Fahrplanbetriebs. Die Dauer des Zugumlaufs ist nicht auf einen Kalendertag begrenzt, sondern kann auch längere Zeit in Anspruch nehmen.
EVU Eisenbahnverkehrsunternehmen
Triebfahrzeug
Ein Triebfahrzeug (Tfz) ist ein einzelnes Regeleisenbahnfahrzeug mit einem eigenen Fahrzeugantrieb (Lokomotiven, Triebwagen). Eine Sonderform bilden Triebköpfe, die in einem fest gekoppelten Triebzug zusammen mit antriebslosen Mittel- und Steuerwagen betrieben werden. Lokomotiven kommen normalerweise im Verbund mit gekoppelten Reisezug- oder Güterwagen zum Einsatz. Triebwagen sowie auch Triebzüge werden als gekoppelten Einheiten gleichen Typs in sogenannten Triebwagenzügen eingesetzt. Weitere Tfz sind Kleinlokomotive und selbstfahrende Nebenfahrzeuge.
Eisenbahnverkehrsunternehmen Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) sind öffentliche Einrichtungen oder privatrechtlich organisierte Unternehmen, die Eisenbahnverkehrsleistungen erbringen. "Eisenbahnverkehrsunternehmen" stellt einen europarechtlichen Begriff dar, welcher durch nationales Recht in Form von § 2 (1) des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG) konkretisiert wird.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?333179

Gedruckt am Samstag, 6. Juni 2020 09:36:19