Forschungsinformationssystem des BMVI

zurück Zur Startseite FIS

Probleme bei der Bestimmung des Schadensoptimums

Erstellt am: 13.08.2010 | Stand des Wissens: 19.08.2019
Ansprechpartner
Technische Universität Berlin, Fachgebiet Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik (WIP) - Prof. Dr. v. Hirschhausen, Prof. Dr. Beckers

Obgleich der zuvor vorgestellte Ansatz zur Bestimmung des "optimalen Schädigungsniveaus" in seiner Logik besticht, weist die Bestimmung eines optimalen Emissionsniveaus für einen Schadstoff in der Praxis schwerwiegende Probleme auf. Die größte Schwierigkeit besteht in der Ermittlung der realen Kurvenverläufe der Grenzschadens- und Grenzkostenfunktionen. Diese Funktionen sind in hohem Maße mit Unsicherheiten behaftet, die sowohl die mengenmäßige Erfassung von Schäden als Folge von Emissionen, als auch deren Bewertung betreffen. Oft ist selbst in naturwissenschaftlichen Fachkreisen das Wissen über die physischen Zusammenhänge zwischen potentiellen Schadensursachen und möglichen Schäden nicht ausreichend, um genaue Quantifizierungen von Schadwirkungen vorzunehmen [Quelle: BiFr95]. Dies erklärt sich aus dem hohen Komplexitätsgrad vieler Ursache-Wirkungsketten, die vielfache Interdependenzen und Rückkopplungen mit weiterer Schadstoffen und Externalitäten umfassen.

In der Wohlfahrtsökonomik werden individuelle Zahlungsbereitschaften der Wirtschaftssubjekte zum obersten Bewertungsmaßstab ökonomischer Nutzen und Kosten gemacht, dies entspricht dem Prinzip der Konsumentensouveränität [Quelle: EnHM98]. Existieren nun Informationsmängel der Betroffenen über Kausalzusammenhänge, können sie zur systematischen Unterschätzung von Schäden führen. Diese fehlerbehaftete Bewertung könnte im Extremfall zur Folge haben, dass bei Erreichen des aus individueller Sicht zunächst optimal erscheinenden Umweltverschmutzungsniveaus kein ökologisches Gleichgewicht mehr gewährleistet ist [Quelle: FrWe07]. Die beschriebenen verzerrten Wahrnehmungen von Individuen werden vor allem in Bereichen auftreten, die erhebliches Fachwissen erfordern, wie Gesundheitswirkungen von Luftschadstoffen oder die Treibhausgaswirkung von Kohlendioxid. Sie lassen sich nur zum Teil durch ein geeignetes Erhebungsdesign bei der Ermittlung spezifischer Zahlungsbereitschaften einschränken [Quelle: EnHM98]. Schwierigkeiten bei der Bestimmung der relevanten Funktionsverläufe bereitet auch der stark hypothetische Charakter von (Grenz-)Schadens- und Vermeidungskosten, die noch weit vom aktuellen Verschmutzungsniveau entfernt sind. Weiterhin problematisch ist zudem die Dezentralität der privaten Informationen über die Vermeidungskosten, welche z.B. keine umfassende Erhebung erlaubt.

Nichtsdestotrotz ist die Bewertung der externen Kosten notwendig. Erst die Quantifizierung und Monetarisierung negativer Externalitäten erlaubt es, Maßnahmen zur Schadensvermeidung ihren gesamtwirtschaftlichen Kosten gegenüberzustellen und so von einem rationalen Standpunkt eine Abwägung zwischen verschiedenen Handlungsalternativen vorzunehmen [Quelle: BiFr95]. Wichtig hierbei ist jedoch, die verbleibenden Unsicherheiten und ihre Bedeutung für die Ergebnisse der Bewertung den politischen Entscheidungsträgern und der interessierten Öffentlichkeit kundzutun [Quelle: EnHM98]. Hierfür bietet sich grundsätzlich die Angabe von Spannbreiten für die monetären Werte externer Verkehrskosten an, die aus Sensitivitätsanalysen folgen. Beispiele hierfür finden sich in den meisten neueren Studien [Quelle: UIC04a oder Link02].
Ansprechpartner
Technische Universität Berlin, Fachgebiet Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik (WIP) - Prof. Dr. v. Hirschhausen, Prof. Dr. Beckers
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Theoretische Grundlagen externer Effekte (Stand des Wissens: 19.08.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?328955
Literatur
[BiFr95] Bickel, P. , Friedrich, R. Was kostet uns die Mobilität: Externe Kosten des Verkehrs, Springer-Verlag / Heidelber, Berlin u.a., 1995
[EnHM98] Endres, A. , Holm-Müller K. Die Bewertung von Umweltschäden - Theorie und Praxis sozioökonomischer Verfahren, Kohlhammer / Stuttgart, 1998
[FrWe07] Fritsch, M., Wein, T., Ewers, H.-J. Marktversagen und Wirtschaftspolitik, Vahlen München, 2007
[Link02] Link, H. Pilot Account Results for Germany and Switzerland, Leeds, 2002
[UIC04a] Christian Schneider (INFRAS), Doll, Claus, Dr., Maibach, Markus, Rothengatter, Werner, Prof. Dr., Schmedding, David, Dr., Schreyer, Christoph External costs of transport - updated study 2004, 2004/10, ISBN/ISSN 2-7461-0891-7
Glossar
Externe Kosten Kosten, die nicht vom eigentlichen Verursacher, sondern von der Allgemeinheit getragen werden und deshalb nicht in den Marktpreisen enthalten sind, werden als externe Kosten bezeichnet.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?328949

Gedruckt am Montag, 13. Juli 2020 05:47:20