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Maximale Zuglängen im europäischen Schienenverkehr

Erstellt am: 07.07.2010 | Stand des Wissens: 30.10.2019
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten

Als wichtiges Kriterium für die Leistungsfähigkeit von Eisenbahnen gilt die auf dem jeweiligen Schienennetz maximal einsetzbare Zuglänge. Diese ist für den Personenverkehr durch die vorhandenen Bahnsteiglängen begrenzt, wodurch die Reisezuglänge in Europa um 400 Meter liegt. Die maximale Zuglänge ist dabei wiederum zu großen Teilen abhängig von der Beschaffenheit der Strecke. Die Eisenbahnverkehrsunternehmen und die Deutsche Bahn Netz AG, die als Eisenbahninfrastrukturunternehmen rund 87 Prozent des deutschen Schienennetzes betreibt, arbeiten seit 2006 daran, die Infrastruktur für den Einsatz längerer Güterzüge auszubauen. Zukünftig sollen Güterzüge rund 35 Waggons umfassen, das entspricht einer Länge von 740 Metern. Im Container-Transport bedeutet das, dass ein 740-Meter-Güterzug 52 LKW ersetzt [ApS16c]. Anfang 2018 hat das BMVI den Ausbau der Schieneninfrastruktur für 740 Meter Züge positiv bewertet [VeRua18]. Daraufhin wurde geplant, dass bereits 2019 erste bauliche Maßnahmen ergriffen werden, welche bis zur Mitte der 2020er-Jahre abgeschlossen sein sollen [VDV18, S.12f.]. Das BMVI kalkuliert, dass 405 Millionen Euro notwendig sind zur Herstellung eines 740 Meter Zugnetzes [VeRua18]. 
Im Güterverkehr stellen Überhol- und Rangiergleise den limitierenden Faktor dar [Sieg14, S. 11f.]. Die maximal zugelassene Güterzuglänge in Deutschland, beträgt 740 Meter - auf ausgewählten Strecken 835 Meter (siehe Tabelle 1) [2008/217/EU, 4.2.1 und 4.2.20.2]. In Australien, China oder in den USA werden Güterzüge mit einer Länge von mehr als 2 Kilometern betrieben, in Kanada verkehren sogar über 4 Kilometer lange Züge [SiSt08, S. 82; CPR19]. Die Erhöhung der maximalen Zuglänge im Schienengüterverkehr wird in der Zukunft weiter angestrebt, um somit die Effizienz zu steigern und im Wettbewerb mit dem straßengebundenen Güterverkehr zu bestehen [Ross14a, S. 39; Fied11, S. 25ff.].
Innerhalb Europas bestehen teilweise größere Abweichungen bei den Maximalzuglängen. Im transeuropäischen Schienengüterverkehr hat sich der 740-Meter-Güterzug mittlerweile jedoch durchgesetzt, sodass das Schienennetz dieser Entwicklung durch Erweiterungen standhalten muss [VDV18, S. 12ff] Generell ist die Verlängerung von Bahnsteigen sowie der Ausbau von Überholgleisen mit sehr aufwendigen und kostenintensiven Umbautätigkeiten verbunden, weshalb dies nur langfristig realisiert werden kann [BMWI07b]. Mit dem Beschluss [2011/275/EU] der EU-Kommission über die technische Spezifikation für die Interoperabilität des Teilsystems "Infrastruktur" des konventionellen transeuropäischen Eisenbahnsystems wurde die Einführung einer zulässigen Zuglänge von 750 Meter für Neubaustrecken innerhalb des Kernnetzes der europäischen Güterverkehrskorridore verabschiedet. Beim Ausbau einer bestehenden Trasse liegt der geforderte Wert bei 600 Meter [2011/275/EU, 4.2.2.]. Diese Vereinheitlichung soll verhindern, dass punktuelle Engstellen den Güterverkehr auf dem gesamten Korridor behindern.
Zuglangen_325137.pngAbb. 1: Differierende Zuglängen im europäischen Ländervergleich ([ScLa18, S. 25;UIC09c, S. 19]) (Grafik zum Vergrößern bitte anklicken)
Der Einsatz von längeren Güterzügen bringt mehrere Vorteile mit sich. Zum einen erhöht sich die Auslastung des Schienennetzes. Dadurch wird die bestehende Infrastruktur besser genutzt und die Verkehrsleistung des Schienengüterverkehrs gesteigert. Außerdem ist die Erhöhung der Zugauslastung kostengünstiger, als der Bau neuer Strecken. Hinzu kommen ein geringerer Energieverbrauch, sowie eine Produktivitätssteigerung durch zusätzliche Waggons. Grund für diese Entwicklung ist die steigende Nachfrage im Schienengüterverkehr. Dadurch werden zusätzlich andere Verkehrswege wie zum Beispiel Autobahnen entlastet [ApS16c].
In Deutschland führte der Deutsche Bahn AG Konzern von 2007 bis 2009 das Projekt GZ 1000 durch. Im Rahmen des Projekts wurden Güterzüge mit einer Gesamtlänge von 1000 Meter auf der sogenannten Betuweroute zwischen Rotterdam und Oberhausen eingesetzt [DBAG09h, S. 17]. Seit 2012 verkehren zwischen dem dänischen Padborg, dem niedersächsischen Maschen und dem Hamburger Hafen (Hohe Schaar) Güterzüge mit einer Gesamtzuglänge von 835 Metern [DBNe15; DBAG09i; DBAG10d, S. 18f.]. Der Regelbetrieb bestätigte den positiven Einfluss auf die Steigerung der Transportkapazität und der effizienteren Ressourcengestaltung [LaSc14, S. 14ff.].
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Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Spezielle Rahmenbedingungen des grenzüberschreitenden Schienenverkehrs (Stand des Wissens: 18.07.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?337429
Literatur
[ApS16c] Allianz pro Schiene e.V. (Hrsg.) Überblick: Wie der Güterzug länger werden kann, 2016/08/30
[BMWI07b] o.A. GZ 1000 - Betrieb mit längeren Güterzügen, Berlin, 2007
[CPR19] o. A. Canadian Pacific Innovations, Calgary (Kanada), 2019
[DBAG09h] o. A. Lange Güterzüge - Projekt GZ 1000, veröffentlicht in Deine Bahn, Ausgabe/Auflage 02/09, Bahn Fachverlag / Mainz, 2009/02, ISBN/ISSN 0948-7263
[DBAG09i] o.A. Schienennetz-Benutzungsbedingungen der DB Netz AG (SNB) 2009, Berlin, 2009/12/13
[DBAG10d] o.A. Schienennetz-Benutzungsbedingungen der DB Netz AG (SNB 2011) , Berlin, 2010/04/13
[DBNe15] DB Netze (Hrsg.) Längere Güterzüge: Ab 2016 verkehren 835 m lange Güterzüge auch aus dem Hamburger Hafen, 2015/12/08
[Fied11] Fiedler, Ralf Größere Schiffe, längere LKW - Sinn und Grenzen der Economies of Scale bei Transportfahrzeugen, 2011/09/19
[LaSc14] Lang, Angela, Schultz-Wildelau, Michael, Wörmann, Christian 835 m-Züge zwischen Hamburg und Dänemark im Regelbetrieb, veröffentlicht in Eisenbahntechnische Rundschau, Ausgabe/Auflage 6/2014, DVV Media Group GmbH, Hamburg, 2014/06, ISBN/ISSN 0013-2845
[Ross14a] Rossberg, Ralf Roman Je länger desto erfolgreicher: Kontinentale Güterzugverbindungen, veröffentlicht in Güterbahnen, Ausgabe/Auflage 2/2014, Alba Fachverlag, Düsseldorf, 2014/04, ISBN/ISSN 1610- 5273
[ScLa18] Schultz-Wildelau, Michael, Lang, Angela, Wörmann, Christin, Koller, Rudolf, Troger-Gruber, Regina, Wright, Philippe, Heinz, Heike, Smiltinsh, Arvo, Ekmark, Anders, Grandin, Jimmy, Jørgensen, Hans Ege, Béres, Barna, Fejös, György, Zubilewicz, Iwona, Besser, Hans, Martinez Arcevedo, José, Kuliesius, Rimantas Longer trains Facts & Experiences in Europe , 2018/06/01
[Sieg14] Siegmann, Jürgen Neuer Schienengüterverkehr in Europa: effektiver, wirtschaftlicher,
leiser und energieärmer, veröffentlicht in Eisenbahntechnische Rundschau, Ausgabe/Auflage 5/2014, DVV Media Group GmbH, Hamburg, 2014/05, ISBN/ISSN 0013-2845
[SiSt08] Siegmann, Jürgen, Stuhr, Helge New rail freight traffic for 2015, veröffentlicht in European Railway Review, Ausgabe/Auflage 3/2008, Russell Publishing Ltd., Brasted, 2008
[UIC09c] o. A. DIOMIS - Evolution of intermodal rail/road traffic in Central and Eastern European Countries by 2020
Bulgaria, Paris (Frankreich), 2009/12, ISBN/ISSN 978-2-7461-1737-2
[VDV18] o.V. Masterplan Schienengüterverkehr:
An Tempo gewinnen, veröffentlicht in VDV Das Magazin, Ausgabe/Auflage Nr. 04, Verband Deutscher Verkehrsunternehmen e.V. (VDV), Köln, 2018/09
[VeRua18] Verkehrsrundschau (Hrsg.) BMVI bereitet den Weg für längere Güterzüge, 2018/01/03
Weiterführende Literatur
[WaGü99] Wagner, Stefano; , Güller, Peter; , Pillet, Gonzague Europäischer Güterverkehr - Einbindung der Schweiz, Bern, 1999
[2008/217/EU] Technische Spezifikation für die Interoperabilität: Teilsystem "Infrastruktur" des transeuropäischen Hochgeschwindigkeitsbahnsystems
[2011/275/EU] Technische Spezifikation für die Interoperabilität: Teilsystem "Infrastruktur" des konventionellen Eisenbahnsystems
Glossar
Eisenbahninfrastrukturunternehmen Eisenbahninfrastrukturunternehmen (EIU) ist ein Rechtsbegriff des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG). Gemäß § 2 Abs. 1 AEG sind Eisenbahninfrastrukturunternehmen öffentliche Einrichtungen oder privatrechtlich organisierte Unternehmen die eine Eisenbahninfrastruktur betreiben.
Schienengüterverkehr
Unter Schienengüterverkehr (SGV) wird der Transport von Gütern mit der Eisenbahn verstanden. Diese werden in Güterzügen unter Verwendung (spezieller) Güterwagen befördert. Diese Verkehre können entweder auf gesonderten Güterverkehrsstrecken oder im Mischverkehr, auf gemeinsam durch den Güter- und Personenverkehr genutzten Strecken, realisiert werden. Leistungen des Schienengüterverkehrs werden häufig als Teil einer Logistikkette in logistische Gesamtkonzepte eingebunden.
Neubaustrecke Als Neubaustrecken bezeichnet man gänzlich neu errichtete Verkehrswege, die einem bestehenden Netz hinzugefügt werden. Im Eisenbahnwesen findet der Begriff zumeist auf für den Hochgeschwindigkeitsverkehr gebaute Strecken Anwendung, wobei diese entweder exklusiv durch Personenbeförderungsangebote oder gemeinsam mit dem Güterverkehr genutzt werden. Das konstruktive Anforderungsniveau von Neubaustrecken reicht dabei gemeinhin über die für Ausbaustrecken (ABS) geltende Anforderungen hinaus.
Lkw Lastkraftwagen (Lkw) sind Kraftfahrzeuge, die laut Richtlinie 1997/27/EG überwiegend oder sogar ausschließlich für die Beförderung von Gütern und Waren bestimmt sind. Oftmals handelt es sich dabei um Fahrzeuge mit einer zulässigen Gesamtmasse zwischen 3,5 und 12 Tonnen. In Einzelfällen kann die zulässige Gesamtmasse diese Werte jedoch auch unter- beziehungsweise überschreiten, sofern das Kriterium der Güterbeförderung gegeben ist. Lastkraftwagen können auch einen Anhänger ziehen.
Technical Specification for Interoperability Die Technical Specification for Interoperability (TSI) machen für Teilsysteme bzw. Teile von Teilsystemen der transeuropäischen (Hochgeschwindikgkeits-)Eisenbahnsysteme Vorgaben, um deren grundsätzliche (technische) Eignung sowie die Kompabilität untereinander zu gewährleisten. Dabei handelt es sich um eine unionsrechtliche, technische Vorschrift der Europäischen Kommission.
BMVI Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (bis 10/2005 auch BMVBW und bis 12/2013 BMVBS)
Verkehrsleistung Die Verkehrsleistung gibt Auskunft über die Inanspruchnahme von Ressourcen. Als Verkehrsleistung wird die auf eine Zeiteinheit t (zum Beispiel ein Jahr) bezogene Verkehrsarbeit definiert und als Quotient dargestellt. Die Verkehrsarbeit wird dabei als Produkt von Verkehrseinheiten (zum Beispiel Güter, Personen) und der durch diese zurückgelegten Strecke gebildet. In der Verkehrswissenschaft sind die Einheiten Personenkilometer pro Jahr [Pkm/a] bzw. Tonnenkilometer pro Jahr [tkm/a] gebräuchlich.
Eisenbahnverkehrsunternehmen Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) sind öffentliche Einrichtungen oder privatrechtlich organisierte Unternehmen, die Eisenbahnverkehrsleistungen erbringen. "Eisenbahnverkehrsunternehmen" stellt einen europarechtlichen Begriff dar, welcher durch nationales Recht in Form von § 2 (1) des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG) konkretisiert wird.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?325137

Gedruckt am Donnerstag, 13. August 2020 02:15:58