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Unterschiedliche Spurweiten im europäischen Eisenbahnsystem

Erstellt am: 07.07.2010 | Stand des Wissens: 23.09.2020
Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten

Die Spurweite ist definiert als der Abstand zwischen den Schieneninnenkanten [Matt17, S. 20]. Als Schnittstelle zwischen Fahrzeug und Fahrweg ist die Spurweite somit der wesentlichste Standard im System Eisenbahn. Seit Erfindung der Eisenbahn hat sich die sogenannte Normalspur (1435 Millimeter) von England aus verbreitet und in den meisten Ländern Europas sowie der Welt durchgesetzt [Matt17, S. 20]. Mit der Verabschiedung der "Technischen Spezifikation für die Interoperabilität (TSI) des Teilsystems Infrastruktur" (2011/275/EU) wurde die Normalspur als "europäische Regelspurweite" festgelegt [2011/275/EU, 4.2.5.1].

Nach wie vor existieren aber Abweichungen von der Normalspur - sowohl nach unten (Schmalspur) als auch nach oben (Breitspur). Schmalspurige Eisenbahnen spielen in Europa eine lediglich untergeordnete und regional begrenzte Rolle, zum Beispiel bei Privat-, Museums- oder Werksbahnen. Verschiedene Breitspuren sind aber flächendeckend in einzelnen Ländern zu finden, zum Beispiel in Spanien, Portugal, Finnland und den Staaten der ehemaligen Sowjetunion (siehe Abbildung 1) [Sali00, S. 7; MuNi04b; Beck14, S. 30]). Die Abweichungen von der Normalspur hatten unterschiedliche Gründe. Zum einen wurde aus militärisch-strategischen Überlegungen bewusst eine andere Spurweite als in den Nachbarländern gewählt, um im Falle eines kriegerischen Konflikts feindliche Nachschubtransporte zu erschweren. Andererseits basierten die Spurweiten auf verschiedenen nationalen Maßsystemen, da sich das metrische System zum Zeitpunkt des Netzaufbaus noch nicht durchgesetzt hatte. So entspricht die spanische Spurweite sechs katalanischen Fuß [VeRu07]. Einen Überblick über die vorrangigen Spurweiten in Europa ist in Abbildung 1 dargestellt.

Spurweite.pngAbb. 1: Hauptspurweiten europäischer Staaten (in Anlehnung an [Sali00, S. 7; MuNi04b; Beck14, S. 30]) (Grafik zum Vergrößern bitte anklicken)
Lösungsansätze für den Übergang von Fahrzeugen bzw. lediglich der Güter zwischen Streckennetzen mit verschiedenen Spurweiten sind schon seit geraumer Zeit vorhanden. Prinzipiell stehen die Möglichkeiten
  • des Umladens,
  • des Austausches der Radsätze bzw. Drehgestelle,
  • des Einsatzes von Fahrzeugen mit Spurwechselradsätzen,
  • der Spurumstellung und
  • der Bau von Drei-Schienen-Systemen
zur Auswahl [Pros16].
Das Umladen ist mit einer durchschnittlichen Aufenthaltszeit von 2,5 Tagen sehr zeitaufwendig. Nur einfach umzuschlagende Waren wie Schüttgüter, flüssiges Ladegut oder Container sind schneller zu bearbeiten. Hinzu kommt das Risiko der Transportgutbeschädigung oder des Verlustes von Waren während des Umladevorgangs. Der Austausch von Radsätzen oder Drehgestellen ist demgegenüber mit einer Prozesszeit von einigen Stunden bereits schneller zu vollziehen. Bei Spurwechselradsatzsystemen werden die Achsen während des Überfahrens ortsfester Umspuranlagen automatisch auf eine neue Spurweite eingestellt. Die Umstellung erfolgt in Schrittgeschwindigkeit. Dem Vorteil dieser betrieblichen Maßnahme stehen allerdings hohe Investitionskosten gegenüber [Sali00, S. 10; Garc10].

Neben den genannten betrieblichen Maßnahmen besteht die Möglichkeit, Strecken umzuspuren. Eine solch umfangreiche Veränderung der Infrastruktur wurde zuletzt in Indien und Australien durchgeführt. In Spanien ist eine schrittweise Umstellung des Breitspurnetzes auf Normalspur geplant, welche bis 2020 komplett abgeschlossen sein soll [VeRu07]. Die neu gebauten Hochgeschwindigkeitsstrecken sind bereits in Normalspur ausgeführt [LeWo09, S. 85]. Seltener werden 3-Schienen-Systeme eingesetzt. Dabei sind in der Regel einzelne (eingleisige) Strecken aus Kosten- oder Platzgründen mit einer dritten Schiene für zwei unterschiedliche Spurweiten ausgelegt. So ist beispielsweise der fertiggestellte Abschnitt des Projekts "Rail Baltica" zwischen Mockava und Sestokai (nahe der polnischen Grenze Litauens) mit Normalspur- als auch mit Breitspurfahrzeugen befahrbar [Stas11; Stru12]. Schwellen, welche bei der Spurumstellung nicht mehr ausgewechselt werden müssen, wurden bereits entwickelt und ebenfalls in Spanien mithilfe umspurbarer Schienenbefestigungen erprobt [Sali00, S. 8; Stru12].

Andere Verfahren, wie der Transport von normalspurigen Schienenfahrzeugen auf schmalspurigen Rollwagen oder -böcken, spielen nur eine sehr untergeordnete Rolle in regional begrenzten Bereichen einzelner Staaten. Mit Blick auf grenzüberschreitende Verkehre sind solche Sonderlösungen hingegen nicht von Bedeutung [DVF97, S. 34ff.].

Ansprechpartner
Technische Universität Hamburg, Institut für Logistik und Unternehmensführung, Prof. Dr. Dr. h.c. W. Kersten
Zugehörige Wissenslandkarte(n)
Spezielle Rahmenbedingungen des grenzüberschreitenden Schienenverkehrs (Stand des Wissens: 18.07.2019)
https://www.forschungsinformationssystem.de/?337429
Literatur
[Beck14] Becker, Klaus G. (Hrsg.) Handbuch Schienengüterverkehr, Ausgabe/Auflage 1. Auflage, DVV Media Group GmbH / Eurailpress, Hamburg, 2014, ISBN/ISSN 978-3-7771-0458-4
[DVF97] Dipl.-Ing. Uwe Weiser , Dipl.-Ing. Philipp Zipf, Heimerl, Gerhard, em. Univ.-Prof. Dr.-Ing. Dr.-Ing. E.h. Die Eisenbahn im grenzüberschreitenden Verkehr, Bonn, 1997/03
[Garc10] García Enseleit, C. Automatische Umspurungsanlagen in Spanien, veröffentlicht in Eisenbahntechnische Rundschau, Ausgabe/Auflage 03/2010, DVV Media Group GmbH / Hamburg , 2010/03, ISBN/ISSN 0013-2845
[LeWo09] Leenen, Maria, Wolf, Andreas Hochgeschwindigkeitszüge trotzen der Weltwirtschaftskrise, veröffentlicht in Internationales Verkehrswesen, Ausgabe/Auflage 03/2009, DVV Media Group GmbH / Hamburg , 2009/03, ISBN/ISSN 0020-9511
[Matt17] Matthews, Volker Bahnbau und Bahninfrastruktur: Ein Leitfaden zu bahnbezogenen Infrastrukturthemen, 2017
[MuNi04b] Manfred Müller, , Jochen Nieländer, , Ulrich Rothespieler Der europäische Schienengüterverkehr, veröffentlicht in Deine Bahn, Eisenbahn-Fachverlag GmbH, Mainz, 2004/06
[Pros16] Prose AG (Hrsg.) Spurwechseldrehgestell - EV09, 2016
[Sali00] Saliger, Wilhelm, Dipl.-Ing. Spurwechselradsätze, veröffentlicht in rail international - Schienen der Welt, Ausgabe/Auflage 03, Brüssel, 2000
[Stas11] Stasiunas, Saulius Perspektiven des Projektes "Rail Baltica" , veröffentlicht in Zeitschrift der OSShD, Ausgabe/Auflage 2, 2011
[Stru12] Strumillo, Philipp Schienenbefestigungen für zwei Spurweiten, veröffentlicht in Eisenbahntechnische Rundschau, Ausgabe/Auflage 06/2012, DVV Media Group GmbH / Hamburg, 2012, ISBN/ISSN 0013-2845
[VeRu07] Spanien plant Stärkung der europäischen Güterschiene, 2007/04/30
Rechtsvorschriften
[2011/275/EU] Technische Spezifikation für die Interoperabilität: Teilsystem "Infrastruktur" des konventionellen Eisenbahnsystems
Glossar
Technical Specification for Interoperability Die Technical Specification for Interoperability (TSI) machen für Teilsysteme bzw. Teile von Teilsystemen der transeuropäischen (Hochgeschwindikgkeits-)Eisenbahnsysteme Vorgaben, um deren grundsätzliche (technische) Eignung sowie die Kompabilität untereinander zu gewährleisten. Dabei handelt es sich um eine unionsrechtliche, technische Vorschrift der Europäischen Kommission.

Auszug aus dem Forschungs-Informations-System (FIS) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

https://www.forschungsinformationssystem.de/?325077

Gedruckt am Montag, 17. Mai 2021 22:12:58